Schweiz

Landesausstellung 1964

50 Jahre Expo Lausanne – so stellten sich unsere Eltern die Zukunft vor

Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Die Expo 64 in Lausanne zeigte die Schweiz auf dem Höhepunkt des Nachkriegsaufschwungs. Vieles schien möglich – doch zu viel Kritik war nicht erwünscht.

27.04.14, 20:43

Am 30. April vor 50 Jahren öffnete die Expo 64 ihre Tore. Die Landesausstellung in Lausanne setzte neue Massstäbe. In einer Zeit des Aufschwungs wurden die Besucher mit der Moderne konfrontiert, aber auch mit gesellschaftlichen Fragen.

Die Expo 1964 war mit fast zwölf Millionen Besuchern in sechs Monaten ein noch nie dagewesener Erfolg. Jeder damalige Einwohner der Schweiz war im Schnitt mehr als zweimal in Lausanne. Zum Vergleich: Die Expo.02 in Neuenburg, Biel, Murten und Yverdon zählte zehn Millionen Besucher, die Landi in Zürich im Jahr 1939 10,5 Millionen, sagte Olivier Lugon, Professor der Abteilung Filmgeschichte an der Universität Lausanne, der im Juni ein Kolloquium zum Thema mitorganisiert.

Dennoch, die Anfänge waren schwierig. Das Publikum war verwirrt. «Es war die Entscheidung von Alberto Camenzind, Chefarchitekt der Expo, der Schweiz nicht nur einen Spiegel vorzuhalten, sondern die Veranstaltung auch dazu zu nutzen, das Land und die Mentalität zu verändern, auch auf die Gefahr hin, es zu destabilisieren», sagte Lugon.

«Man sah eine moderne Schweiz, die man nicht kannte. Man entdeckte eine neue Welt. Das Publikum wurde mit neuen Medienformen konfrontiert: Einem 360-Grad-Kino oder dem gewaltigen Computer Gulliver, der die Besucher befragte, um dann eine Analyse über die Schweizer Bevölkerung auszuspucken.»

Besucher flanieren neben der «Heureka» von Jean Tinguely. Links die Schienen des «P'tit Train», eines der wenigen Expo-Relikte, die noch existieren. Bild: Keystone

Eine wichtige Rolle spielte die Technologie. Eine der Hauptattraktionen war das «Mésoscaphe», das erste touristisch genutzte U-Boot des Tiefsee-Pioniers Jacques Piccard. Nach einem langwierigen Streit zwischen Piccard und der Ausstellungsleitung nahm es den Betrieb allerdings erst im Juli auf.

«Man sah eine moderne Schweiz, die man nicht kannte. Man entdeckte eine neue Welt.»

Olivier Lugon

Auch das Automobil wurde an der Expo gefeiert, mit der Einweihung des ersten Streckenabschnitts der Autobahn Genf-Lausanne. Attraktionen waren auch die Hochbahn «Monorail» und das «Télécanapé», zwei völlig neuartige Beförderungsmittel.

Auch zeitgenössische Kunst wurde gezeigt: Die Symphonie «Les Echanges – Komposition für 156 Büromaschinen» von Rolf Liebermann und «Heureka», die Maschine von Jean Tinguely, hinterfragten die Beziehung zwischen Mensch und Maschine.

Die Symphonie «Les Echanges» für 156 Büromaschinen von Rolf Liebermann. Video: YouTube/Wasserbutz

Der Pavillon der Armee markierte gleichzeitig einen unerschütterlichen Willen zur Verteidigung, auch im Atomkrieg. Auf die «Höhenstrasse» der Landi in Zürich folgten der «Weg der Schweiz» und eine Pyramide mit den Fahnen der rund 3000 Schweizer Gemeinden. Für Folklore sorgte ein Umzug der Kantone.

Der Expo-Film «Wehrhafte Schweiz» wird restauriert. Video: YouTube/SchauburgCinerama

Auffallend ist, dass mit der Expo 64 eine sehr breite und dynamische Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kunst beginnt, vor dem Bruch von 1968, sagte Francois Vallotton, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Lausanne und Mitorganisator des Kolloquiums.

Die Expo richtete den Blick nicht nur auf die Vergangenheit, sondern mit dem Fragebogen von Gulliver auf die Gegenwart und mit Kurzfilmen von Henry Brandt auch auf die Zukunft. Brandt thematisierte Fremdenfeindlichkeit, Umweltprobleme und die Entfremdung des modernen Lebens. Die Ausstellung benannte die Herausforderungen der Zukunft mit Fragen über soziale und politische Strukturen und die Konsumgesellschaft.

Die Pyramide mit den Flaggen aller Schweizer Gemeinden. Bild: Keystone

Mit diesem Blick in die Zukunft wurden die Probleme der Schweiz aufgezeigt, nicht ihre Errungenschaften. «Der Finger wurde auf einen wunden Punkt gelegt», sagte Vallotton.

«Man spürt ein bisschen Nostalgie gegenüber dieser Epoche des Wohlstandes, der Vollbeschäftigung und der relativen Zuversicht in die Zukunft.»

Olivier Lugon

Einige Themen waren brisant: Die Positionierung der Schweiz im europäischen Binnenmarkt, die Rolle der Armee unter dem Eindruck des Mirage-Skandals, die Debatten über automatische Schusswaffen, die am Rande des offiziellen Parcours auf kritische Weise präsentiert wurden, sagte der Professor.

Fragebogen entschärft

Zu viel für die offizielle Schweiz – der Beauftragte des Bundes griff in die Ausstellung ein. Der Fragebogen von Gulliver wurde entschärft, die Ergebnisse zensuriert. Die Filme von Henry Brandt entstanden, wegen der Aufsicht, unter schwierigen Bedingungen.

Amateuraufnahmen von der Expo. Video: YouTube/zeitzeugnisse

Eines der wenigen physischen Überbleibsel der Expo ist das Lausanner Théatre de Vidy, entworfen von Max Bill. Der Rest der vorfabrizierten Konstruktionen wurde in der ganzen Schweiz verstreut und wieder gebraucht. Sie stehen für Anfänge einer nachhaltigen Entwicklung.

Heute verbinden viele die Expo 64 mit einer gewissen Wehmut. «Man spürt ein bisschen Nostalgie gegenüber dieser Epoche des Wohlstandes, der Vollbeschäftigung und der relativen Zuversicht in die Zukunft», sagte Lugon. (pbl/sda)

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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  • Horseman 27.04.2014 21:37
    Highlight Expo 1964
    Zweimal hatte ich die Gelegenheit, sie zu besuchen. Als zehnjähriger Junge vom Lande, einmal mit meinen Eltern und ein zweites Mal mit dem Lehrer in unserer Schulklasse, eine Schulreise.
    Ein grosses Abenteuer war's beide Mal damals, die Reise in die grosse weite Welt nach Lausanne, einmal mit dem Auto, einmal mit dem Zug.
    Die Bilder hier auf Watson wecken viele Erinnerungen ... :-)
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  • Gelöschter Benutzer 27.04.2014 21:31
    Highlight Sehr interessanter und spannender Artikel. Beeindruckend, was alles von dieser Expo hängengeblieben ist.
    Aber sind 50 Jahre nicht eher zwei Generationen? Wären es dann nicht unsere Grosseltern, die sich damals ihre Zukunft so vorstellten?
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    • Gelöschter Benutzer 27.04.2014 23:13
      Highlight Richtig. 50 Jahre sind zwei Generationen. Kommt halt drauf an wie alt man ist. Meine Eltern waren damals 22 und 25 Jahre alt. Könnten also dort gewesen sein.
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    • Mia_san_mia 28.04.2014 00:15
      Highlight Also bei mir sicher auch die Grosseltern... Meine Eltern waren damals erst ca. 4 Jahre alt :-)
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    • Horseman 28.04.2014 01:14
      Highlight Hey Chregi,
      ich war damals 10 Jahre alt, meine Eltern um die 30; meine Gross-Eltern um die 60 ...
      Aber diese Zahlen vermögen nicht einzufangen, was Sache ist ... :-)
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    • Horseman 29.04.2014 22:22
      Highlight Hab mir die Zeit genommen und die Bilder zur Expo 1964 anzuschauen. Langsam sind die Erinnerungen an jene Zeit vor 50 Jahren zurückgekommen.

      Der Maschinen-Ingenieur muss schon damals in mir geschlummert haben, weil die Monorail-Bahn und der Mesoscaphe stärker als alles andere haften geblieben sind.
      Sie stehen für mich heute rückblickend für eine unglaublich unkritische Technologie-Freudigkeit und einen Fortschritts-Glauben.

      Heute können wir in vielen Dingen sehen, wohin uns das geführt hat.

      Gestern bin ich in der Sauna zufällig mit einem ca 70-jährigen Rentner ins Gespräch gekommen, der tatsächlich ernsthaft den Ausstieg aus der Kern-Energie als falsch bezeichnet und massgebende Politiker in der Schweiz und Deutschland angeschrieben hat. Mir sind Haare zu Berge gestanden.

      Dieser Rentner war 1964 ca 20 Jahre alt und trägt diesen unkritischen Fortschrittsglauben offensichtlich auch nach 50 Jahren noch in sich. Da bleibt mir bei allem Verständnis für die Faszination über die moderne Technologie die Sprache weg.
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