Schweiz

Franziska Roth. Bild: AZ

SVP-Kandidatin Franziska Roth: Was ihre Ritalin-Aussage mit ihrem Sohn zu tun hat

SVP-Regierungsratskandidatin Franziska Roth erklärt den Hintergrund ihrer umstrittenen Aussage über Ritalin, warum ihr Sohn ins Internat gewechselt hat und wie sie ihre schlechten Umfragewerte interpretiert.

15.10.16, 07:34 15.10.16, 14:16
«Es gibt Kinder, die unterfordert sind und den Betrieb stören – denen würde man am liebsten löffelweise Ritalin geben, damit sie daran ersticken, wenn sie den Mund aufmachen.»

Der wohl meistdiskutierte Satz im Aargauer Wahlkampf gibt auch eine Woche vor dem Urnengang noch zu reden. Und er treibt vor allem die Urheberin des Zitates selber um: Franziska Roth, Regierungsratskandidatin für die SVP. Sie fühlt sich missverstanden, obwohl sie sich bereits nachträglich dazu erklärt hatte. Ihre ironisch gemeinte Aussage im «Talk Täglich» sei komplett falsch angekommen. Sie sei entschieden gegen die Abgabe von Ritalin und finde dies bedenklich, betonte Roth am 28. September in der «Aargauer Zeitung». Wie die Brugger Richterin zu ihrer saloppen und polemischen Aussage «löffelweise Ritalin geben» kam, erschloss sich bis heute aber trotzdem einem grossen Teil der Öffentlichkeit nicht. Auf Nachfrage erzählt Franziska Roth, welchen persönlichen Hintergrund ihre Ritalin-Aussage hat.

Sie haben sich nach Ihrer Ritalin-Aussage erklären müssen. Jetzt ist es Ihnen ein Anliegen, nochmals dazu Stellung zu nehmen. Was ist immer noch unklar?

Franziska Roth: Meine Aussage wurde komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe sie im Rahmen des ‹Talk Täglich› in Baden gemacht. Und sie war vor allem ironisch gemeint. Meine Ironie wurde offenbar teilweise missverstanden. Dies führte zu zahlreichen Mails von Bürgerinnen und Bürgern, die mich kontaktierten.

Umstrittene Aussage: Das sagt SVP-Regierunsgsratskandidatin Franziska Roth zur integrativen Schulung und zur Ritalin-Abgabe an auffällige Schüler.

Anlässlich der Sendung «TalkTäglich» am 21. September 2016 in Baden. Video: © Tele M1

Bereuen Sie die ironisch gemeinte Aussage im Nachhinein?

Nein, aber ich habe daraus gelernt, dass bei Aussagen in der Öffentlichkeit Ironie und Witz keinen Platz haben. Vielmehr können solche Aussagen leider komplett falsch ankommen. Werden sie dann mithilfe der Medien noch aus dem Zusammenhang gerissen und verdreht ausgeschlachtet, ist das eine weniger glückliche Sache.

Sie haben auch zum Thema Klassengrössen eine Aussage gemacht, die für Aufsehen sorgte, und sich dann nochmals erklären müssen. Drücken Sie sich zu wenig klar aus?

Nein, im Gegenteil. Mein Ziel war es immer, auch im Wahlkampf authentisch zu bleiben. Die Wählerinnen und Wähler wissen dafür, was sie mit mir bekommen. Ich bin echt und verstelle mich nicht. Und ich mache wenigstens Aussagen – was man nicht von allen Kandidatinnen und Kandidaten behaupten kann. Meine Aussage zur Klassengrösse stütze ich unter anderem auf die Erfahrung, die ich mit meinem Sohn diesbezüglich gemacht habe. Wer nun behauptet, ich wüsste nicht, wovon ich rede, betreibt billigen Wahlkampf.

Was für Erfahrungen haben Sie denn mit Ihrem Sohn gemacht?

Mein Sohn gehört zu den leistungsstarken Schülern und war in der Primarschule entsprechend unterfordert. Das Problem ist nicht die Anzahl der Schüler in einer Klasse, sondern dass wegen der integrativen Schulung defizitorientiert gearbeitet wird und zudem in den Klassen grosse Unruhe herrscht, weil nebst der Lehrperson noch andere «Fachleute» im Klassenzimmer sind und ein Kommen und Gehen ist. Eine der Folgen ist dann eben, dass beispielsweise auch leistungsstarke Schüler, die den Unterricht stören, abgeklärt und damit zu Problemfällen gestempelt werden, die sie eigentlich gar nicht sind. Darum bin ich auch dezidiert gegen die integrative Schulung. Und ohne diese kann man auch die Klassengrössen anheben!

«Natürlich möchte ich gewählt werden. Prognosen wage ich keine zu machen.»

Wie ging es mit Ihrem Sohn weiter?

Er wechselte an ein Internat, wo er zunächst die 5. und 6. Primarklasse absolvierte. Dort wurde mein Sohn gefordert und gefördert, fand er klare Strukturen und Anerkennung für seinen Wissensdurst und seine Leistungsbereitschaft. Heute ist er im Gymnasium.

Ist Ihre persönliche Geschichte auch der Hintergrund Ihres emotionalen und ironischen Spruchs mit dem Ritalin?

Ja, so wie mir geht es nämlich vielen Eltern. Ich habe zahlreiche Rückmeldungen von Müttern und Vätern, die Ähnliches erleben. Für mich persönlich habe ich die Schulfrage zwar gelöst. Aber als Politikerin ist es mir ein Anliegen, dass die Volksschule für alle Schüler funktioniert.

In einer Woche wird gewählt. Sie haben gemäss Umfrage auffällig wenig Unterstützung bei FDP- und noch weniger bei CVP-Wählern. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das ist klare Wahl-Taktik und hat nichts mit mir persönlich zu tun. Die anderen Parteien witterten plötzlich ihre Chance und kochten ihr eigenes Süppchen. Damit schaffen sie die Gefahr, dass die Linken den frei werdenden Sitz von Susanne Hochuli erobern können.

In der Umfrage lagen Sie nur auf dem siebten Rang. Was ist Ihr Wahlziel?

Natürlich möchte ich gewählt werden. Prognosen wage ich keine zu machen.

Haben Sie sich ein Mindestziel gesetzt als Voraussetzung, bei einem zweiten Wahlgang nochmals anzutreten? 

Nein, ich gehe Schritt für Schritt dieser Wahl entgegen und entscheide dann, wenn die Resultate vorliegen.

 

 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • War mal stolz 16.10.2016 13:36
    Highlight Find das Sie mit der Aussage recht hat. Kaum störrt ein Kind mal den Unterricht oder Verhält sich mal anders schon kommt die Diagnose ADHS. Das Ärzte mit Ritalin nicht geizen kann ich nur Bestätigen bekam in jungen Jahren eine Dosis die selbst ein Elephant ruhig gestellt hätte (30mg LA und 2×10mg pro Tag).
    0 2 Melden
  • Kramer 15.10.2016 13:06
    Highlight 1. Ihre Aussage ist verletzend gegenüber Eltern die AD(H)S Medikamentös behandeln.
    2. Nicht jeder kann sich eine Privatschule leisten.
    3. Die integrativen Klassen haben wir insbesondere der SVP zu verdanken, die bei der Bildung spart.
    4. Die Schule ist nicht Schuld an den Problemen der Eltern und Kinder, sie erfüllen den Auftrag der ihnen von der Poilitik gegeben wird mit den Mitteln die zur Verfügung stehen.
    21 9 Melden
    • Lehme 15.10.2016 19:43
      Highlight Danke, du hast in jedem Punkt recht.
      8 6 Melden
  • pamayer 15.10.2016 12:00
    Highlight Die frage ist: wie viel integration erträgt eine Schulklasse.

    Im kanton bern schaffte man auf grund des integrationsgedankens vor einigen Jahren die kkeinkklassen ab. Integration total.
    Stilkschweigen wurden naadisnaa wieder kleinklassen gebildet. Es gehr offensichtlich nicht ohne.

    Beim sparen bei der volksschule profitieren die Privatschulen.
    17 2 Melden
  • stadtzuercher 15.10.2016 11:48
    Highlight interessant ist die tatsache, dass ritalin mehrheitlich an knaben verfüttert wird. es sind in der tat die zu aktiven kinder, die mit ritalin ruhiggestellt werden. dass es dazu eine svp politikerin braucht, die diesen misstand ankreidet, ist ein armutszeugnis für die linke politik.
    21 14 Melden
    • nilson80 15.10.2016 12:42
      Highlight Das mit den Knaben liegt daran, dass bei Mädchen ADS öfters in der verträumten Variante (ohne Hyperaktivität) vorkommt wodurch sie weniger auffällig sind. Die Grundstörung ist dieselbe, nur dass das Zappeln überwiegend im Kopf stattfindet. Ritalin stellt übrigens nur Kinder ruhig die tatsächlich AD(H)S haben. Eigentlich ist es ein Aufputsch- und kein Beruhigungsmittel. Deswegen wird es auch gern als Partydroge eingesetzt. Da AD(H)S eine chronische Unterstimulierung bestimmter Regionen im Gehirn als Ursache hat, kommt es zu dem paradoxen Effekt.
      18 2 Melden
    • Lehme 15.10.2016 19:45
      Highlight Gut erklärt Nilson, danke!
      5 2 Melden
  • Kriss 15.10.2016 10:30
    Highlight Und wieder die ewige Ritalin-Frage. Die Tatsache, dass Ritalin veraltet ist und kaum noch verwendet wird (Concerta und Strattera, um nur 2 Alternativen zu nennen) wird unter den Tisch gekehrt und ADHS zu einer Erfindung der Neuzeit gemacht.
    Gab es früher auch schon, es hiess nur POS (Psycho-Organisches Syndrom). Und es kann in Hirnscans eindeutig festgestellt werden.

    Nur scheinen all die Eltern d http://R
    15 11 Melden
    • Taebneged 15.10.2016 16:27
      Highlight Noch früher hies es einfach Zappelphilipp! Die Klassen waren auch gross und man ging am Samstagvormittag noch zur Schule. Vielleicht lässt man Kinder einfach etwas mehr Zeit Kind zu sein. Der ewige Leistungdruck produziert keine bessern Menschen.
      10 2 Melden
    • Kriss 15.10.2016 21:23
      Highlight Die Kinder können schon darunter leiden, sie merken ja, dass sie sich kaum konzentrieren können, und das ist die Krux am ADHS. Es handelt sich nicht nur um einen hohen Bewegungsdrang, sondern um eine Krankheit

      Das mit dem Leistungsdruck stimmt sicher auch. Aber 'früher' blieb ein solches Kind ein Leben lang unter seinen Möglichkeiten, was doch schade ist.

      Freuen wir uns doch lieber, dass es heute eine gute Behandlung aus einer Kombination von Medikament und Handlungsstrategien, die das Kind lernt. So kann es im sozialen wie in der Schule viel profitieren.
      4 0 Melden
    • Kriss 15.10.2016 21:28
      Highlight Die soziale Komponente spielt da auch noch mit. Naja, bevor ich zu stark abschweife: Ich habe 6 (erwachsene) Freunde, welche unter ADHS leiden. Und jeder von denen ist froh, dass er/sie eine Behandlung bekommen haben und nehmen je nach Tagesform noch immer ihr Medikament.
      4 0 Melden
  • rodolofo 15.10.2016 10:08
    Highlight Ich kannte an meinem Wohnort Eltern, die sehr ähnlich argumentierten, wie dieser SVP-Politikerin.
    Sie waren davon überzeugt, dass in der Staatlichen Volksschule die Schwachen gehätschelt werden, während die Hochbegabten in ihrem Entwicklungsweg an die ihnen zustehende, elitäre Spitze der Gesellschaft-Pyramide ausgebremst werden.
    Also nahmen sie ihren Sprössling aus einem 3-Klassen-Experiment heraus und sorgten dafür dass er ein Jahr früher ins Gymi kam.
    Resultat: Das Kind dieser über-ehrgeizigen Eltern musste eine Klasse wiederholen, weil er sozial-emotional nicht mehr mitkam...
    37 8 Melden
  • kurt3 15.10.2016 10:04
    Highlight Die Frau verwechselt platten Mario Barth " Humor "mit Witz und Ironie . Ach ja , sie wurde auch noch verdreht zitiert .
    14 9 Melden
  • leu84 15.10.2016 09:53
    Highlight Immer wenn Leute solche Politiker falsch verstanden haben, war es ironisch gemeint...
    18 12 Melden
    • Gelöschter Benutzer 15.10.2016 10:51
      Highlight Dieser Satz kann nur ironisch oder als Satire verstanden werden. Dieser Satz ist so offensichtlich ironisch dass es schon fast weh tut!
      21 3 Melden
    • Madison Pierce 15.10.2016 11:26
      Highlight Die Interpretation der Ritalin-Aussage war kein Ruhmesblatt für viele Medien. Es ist völlig klar, dass sie gemeint hat, heute würden die Kinder zu schnell mit Ritalin ruhig gestellt und nicht, dass sie den Einsatz von mehr Ritalin befürworten würde.

      Man kann über Ritalin und den integrativen Unterricht verschiedener Meinung sein, aber die Aussagen von Politikern sollten nicht verdreht werden.
      23 2 Melden
  • Dewar 15.10.2016 09:49
    Highlight Sie möchte, dass die Volksschule für alle funktioniert, ist dann aber gegen integrativen Unterricht und für grössere Klassen. Ziemlich heuchlerisch sowas. Genau diese Politik führt zu einem Zweiklassensystem in der Bildung. Aber sie stört's ja nicht, Madame kann ihr Kind schliesslech in ein Internat stecken.
    59 10 Melden
  • allesklar 15.10.2016 09:38
    Highlight in der politik ist es selten ratsam die eigene familie als grundlage und motivation für die politik heranzuziehen.
    35 8 Melden
  • _kokolorix 15.10.2016 09:35
    Highlight 'Für mich persönlich habe ich die Schulfrage zwar gelöst'
    So machens die Vermögenden.
    Das Problem ist weder die Integration, noch die Klassengrösse.
    Das Problem ist, dass jedes Kind ein individuelles Lernverhalten hat und unsere Schule das einfach nicht akzeptieren will. Das bessere Abschneiden von einigen Ländern bei den Pisa Studien, ist vor allem auf individuelle Lehrpläne zurückzuführen. Das kostet selbstverständlich mehr, weil es mehr Lehrpersonen braucht. Genau das verhindern aber die Sparpolitiker der SVP, FDP und CVP, welche das Geld lieber für Steuererleichterungen einsetzten
    60 9 Melden
    • rodolofo 15.10.2016 10:57
      Highlight Ich beobachte in der Volksschule einige Fortschritte, die allerdings auch auf erbitterten Widerstand des konservativen Schulrats stossen.
      Wenn sich aber innovative Schulexperimente mit Sparmöglichkeiten kreuzen, werden plötzlich Dinge möglich, die vorher undenkbar schienen!
      Als ich meinen Sohn in der Schule besuchte, fühlte ich mich jedenfalls wie in einem Schul-Science Fiction!
      Der Lehrer hatte sein Pult HINTEN und fungierte als beratender Coach, während die Kinder selbständig an ihren Projekten arbeiteten.
      Zwischendurch formierte sich ein Lernkreis mit dem Lehrer und einigen SchülerInnen...
      8 2 Melden
    • _kokolorix 15.10.2016 12:13
      Highlight Das ist genau das entscheidende Problem. Alle Veränderungen sind Kosteneinsparungen, die uns dann verzweifelt als Verbesserungen zum Wohle des Kindes verkauft werden.
      Ja, es stimmt, gute Lehrpersonen können manchmal einen Schritt in die richtige Richtung machen. Aber wehe es kostet was...
      11 0 Melden
  • amore 15.10.2016 08:54
    Highlight Ich möchte keine Politikerin, die ihre Schulpolitik auf der Erfahrung mit ihrem Sohn aufbaut. Das sind Einzelinteressen. Eine Regierungsvertreterin muss das ganze Spektrum im Volk abdecken können.
    61 15 Melden
    • Carambole 15.10.2016 13:21
      Highlight Danke! Genau meine Meinung. Als Mutter ist man nicht automatisch Expertin für Bildungsfragen.
      5 5 Melden

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