Schweiz
Gruene Nationalrat Geri Mueller (AG) vom Initiativkomitee "Pro Jugendschutz" orientiert ueber die Hanfinitiative, am Montag 22. September 2008 in Bern. (KEYSTONE/ Peter Schneider)

Unter Druck: Nationalrat und Badener Stadtammann Geri Müller. Bild: KEYSTONE

#gerigate

Alle warten auf Müllers Beichte – oder auf seinen Befreiungsschlag

Geri Müller soll Nackt-Selfies aus dem Badener Stadthaus geschickt haben. Nachdem die Empfängerin an die Öffentlichkeit zu gehen drohte, wollte er angeblich ihr Handy beschlagnahmen lassen. Die Parteien wollen Müller jedoch nicht vorverurteilen.

18.08.14, 05:05 18.08.14, 14:38

Thomas Röthlin / Aargauer Zeitung

Ein Artikel der

In Baden und weit darüber hinaus rieb man sich am Sonntagmorgen die Augen. Ein Lokalpolitiker sagt, er habe sich ob der Zeitungslektüre am Kaffee verschluckt. Stadtammann Geri Müller soll einer jungen Frau aus seinem Büro Nackt-Selfies geschickt haben – und als er es bereute, sie massiv unter Druck gesetzt haben, Sex-Bilder und -Chat zu löschen. Diese Bombe liess die «Schweiz am Sonntag» platzen. Ein Mitglied der Grünen Aargau war offenbar dermassen fassungslos, dass es Müller über den offiziellen Twitter-Account der Partei politisch gleich abschrieb: «Üble Sache, Geri. Deine Integrität ruhe in Frieden.» Grünen-Präsident Jonas Fricker reagierte genervt und liess über denselben Kanal verlauten: «Das ist nicht die offizielle Meinung der @gruene_aargau. Sondern eine Einzeläusserung in der Hitze des Gefechts (sic!).» 

Die Partei traf sich am Nachmittag mit dem Team Baden, das mit Geri Müller erstmals einen Stadtammann stellt, zur Krisensitzung. Inzwischen war die Story in den sozialen Medien unter #gerigate bereits zum nationalen Aufreger geworden. Neben viel Empörung musste der Politiker auch einige Häme einstecken. 

Schaden ist angerichtet 

Dabei ist die Sache alles andere als lustig. Über seinen Anwalt liess Müller gestern verlauten, er habe die Polizei eingeschaltet, nachdem die Frau «Suiziddrohungen» geäussert hätte. Also nicht, um der heiklen Handybilder habhaft zu werden, wie die «Schweiz am Sonntag» aufgrund eines Polizeieinsatzes letzten Mittwochabend in Baden herleitete, bei dem die Frau festgenommen wurde und anschliessend einen Zusammenbruch erlitt. Überhaupt sei er hier das Opfer, so Müller: «Die Frau, mit der ich Kontakt hatte, hat mich seither massiv unter Druck gesetzt und damit gedroht, Privates an die Medien und Drittpersonen weiterzugeben und mir damit Schaden zuzufügen.» 

Das ist ihr mit Sicherheit gelungen. Trotzdem findet man die Rücktrittsforderungen nur in den Online-Kommentaren von einzelnen Personen. Das Team Baden lässt seinen Stadtammann erwartungsgemäss am allerwenigsten einfach so fallen. Zu mehr als folgender Kritik an Geri Müller liess es sich am Sonntag nicht hinreissen: «Wir distanzieren uns von einem Verhalten, welches dem Ansehen und der Integrität einer Stadt oder einer Behörde schaden könnte.» Nur wenn privates Handeln wie hier eine öffentliche Dimension habe, sei damit eine besondere Verantwortung verbunden. Müllers Verhalten allerdings jetzt schon zu werten, «wäre vorschnell und nicht seriös». Zuerst müsse der Faktengehalt der Vorwürfe geprüft werden. Der Präsident der Grünen Aargau ist zwar auch dieser Meinung. Wenn allerdings die Version der Frau zutreffen sollte, dann hofft Jonas Fricker, «dass Geri Müller die Konsequenzen zieht». 

FDP mit Sondersitzung 

Entsprechend zurückhaltend äusserten sich auch die anderen Stadtparteien auf Anfrage der AZ. Selbst die SVP ist der Meinung, Müller solle zuerst die Gelegenheit erhalten, sich zu erklären – auch wenn sich die Rücktrittsfrage aufdränge, sagt Präsident Serge Demuth. Ähnlich tönt es bei der FDP, die 2012 den Stadtammann-Wahlkampf gegen Müller mit Kandidat Roger Huber hauchdünn verlor. Präsident Matthias Bernhard: «Trotz Unschuldsvermutung ist es fraglich, ob Geri Müller noch tragbar ist.» Um Antworten zu finden, trifft sich der FDP-Vorstand heute Abend zu einer ausserordentlichen Sitzung. 

Die CVP Baden, die damals ebenfalls einen Ammannkandidaten stellte, wartet gemäss Präsident Simon Binder eine «klare und detaillierte Stellungnahme zu den einzelnen Vorwürfen» Müllers ab. Bei der SP habe man diese «zur Kenntnis genommen», sagt Andrea Arezina vom Parteivorstand. Es stehe Aussage gegen Aussage, was zuerst untersucht werden müsse. 

Auch für den Berner Politikberater Mark Balsiger ist ein Rücktritt Müllers nach dem heutigen Stand nicht angezeigt. Sein Kommentar: «Was Müller tat, haben Hunderte von Wirtschaftsführern, Spitzensportlern und anderen Prominenten auch schon getan. Auch sie stehen in der Öffentlichkeit, auch bei ihnen gelten moralisch höhere Ansprüche, bloss wurden sie nicht in flagranti erwischt.» Allerdings rät Balsiger Müller, «die gesamte Version seiner Geschichte zu erzählen. Entzieht er sich dem, wird der Druck immer grösser.» Noch besser wäre gewesen, «schneller, persönlicher und offensiver» zu reagieren – Geri Müller war am Freitag mit der Story konfrontiert worden. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • Michèle Seiler 18.08.2014 09:11
    Highlight Spannend, dass Rücktrittsforderungen auftreten, nachdem ein Politiker etwas getan hat, was x Menschen vor ihm getan haben (als würde es sich grundsätzlich widersprechen, für etwas einzutreten und hin und wieder Fehler zu machen - schlimmer ist es, wenn man sie nicht erkennt und daraus lernt, und wenn sich die Fehler mit dem schneiden, wofür man sich einsetzt) und bei dem bei strafrechtlich relevanten Fragen noch Unklarheit über den tatsächlichen Ablauf herrscht.

    Man könnte fast meinen, dass hier eine persönliche Abneigung gegen ein politisches Lager herrscht - und das, während sich (fast) alle Vertreter der Parteien zurückhalten.
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    • Baba 18.08.2014 11:55
      Highlight Frau Seiler, ich stehe politisch definitiv links, habe Geri Müller als NR mitgewählt. Aber ich habe gewisse Ansprüche an Personen und deren Verhalten. ME ist ein Stapi /NR, von dem ich weiss, dass er Nacktselfies aus seinem Amtsbüro versandt hat einfach nicht mehr ernst zu nehmen; er schadet mit solchen Aktionen seinem Amt, bzw. seinen Ämtern! Dabei spielt die Partei KEINE Rolle. Es gibt Dinge, die darf eine Person des öffentlichen Lebens aus Rücksicht auf ein Amt einfach nicht (mehr) tun.

      Natürlich passt das nicht zur heutigen Einstellung "Ich will alles, Fünfer, Weggli und das Rückgeld".
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    • Michèle Seiler 18.08.2014 13:50
      Highlight Darf ich Sie fragen, was Sie an Nacktselfies so schlimm finden? Das ist jetzt nicht angriffslustig gemeint - schließlich hat jeder seine eigenen Maßstäbe ...

      Aber für mich wäre Kindsmissbrauch, Mord oder Vergewaltigung (von Erwachsenen) oder beispielsweise auch die Huldigung des Nationalsozialismus im Privatleben, während man Mitglied einer linken Partei ist, moralisch wesentlich verwerflicher bzw. unglaubwürdiger, als wenn jemand Nacktselfies vom Arbeitsplatz aus macht (habe ich im Übrigen auch schon von Nicht-Politikern gehört, ist halt besonders blöd, sowas zu machen, wenn es, käme es 'raus, evt. dem Ruf des Betriebs schaden würde).

      Ich persönlich stehe Nacktselfies (natürlich in gegenseitigem Einvernehmen zwischen Erwachsenen verschickt) auch ambivalent gegenüber ... Aber es muss nicht jeder so sein wie ich, und so lange es sich nicht grundlegend mit meinen Wertvorstellungen schneidet, sehe ich das gelassen.

      Und ich setze an Personen der Öffentlichkeit nicht grundlegend höhere Maßstäbe an als an mich selbst. Klar, ich erwarte bestimmte Dinge von ihnen in ihrer Funktion ... Aber ich bin politisch auch interessiert und aktiv, und ich bin nicht perfekt. Muss ich m. E. auch nicht sein - auch wenn ich meinetwillen immer wieder an mir arbeite. Wer in die Politik will, muss sich, finde ich, vor allem entsprechend dem, wofür er sich einsetzt, verhalten (und ob das bei G.M. entschieden nicht der Fall ist, weiß ich nicht) - und wenn er sich in der Öffentlichkeit benehmen kann, ist das natürlich nicht schlecht.

      Privat jedoch ... Vielleicht sollte man sein Privatleben so gut vor öffentlichen Blicken abschotten wie möglich, aber das kann halt nicht jeder gleich (gut).

      So sehe ich es zumindest ...
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    • Michèle Seiler 18.08.2014 14:16
      Highlight Für mich sind Politiker Menschen, die sich für das einsetzen, was ihnen für die Welt (oder auch für Tiere, Pflanzen oder das eigene Volk bzw. die Gesamtbevölkerung) am Besten erscheint (und für Sie?).

      Und darunter gibt's halt auch solche, die an ihre Partner/Affären erotische Bilder verschicken. Ehrlich gesagt beunruhigen mich die Menschen, die ganz offen und im Rahmen ihrer politischen Überzeugung Volksverhetzung betreiben und/oder ihre Machtgier über das Wohl derer, die ihnen vertrauen, stellen, deutlich mehr.
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    • Baba 20.08.2014 09:44
      Highlight Frau Seiler, ich finde einfach, dass gewisse Dinge (Nacktselfies aus dem Stadthaus versenden gehört da dazu) sich nicht mit einem Amt vereinbaren lassen. Das Risiko, dass das ganze auffliegt ist schlichtweg zu gross und es schadet meiner Meinung nach dem Ansehen des Amtes. GM ist nicht mehr einfach Privatperson.

      Die von Ihnen aufgezählten Vergewaltigung, Kindsmissbrauch etc. sind strafrechtlich relevante Vergehen und gehören damit in eine ganz andere Kategorie - es wäre unverhältnismässig und höchst unfair gegenüber GM, solche Verbrechen mit den von ihm begangenen Dummheiten zu vergleichen.
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    • Michèle Seiler 20.08.2014 13:53
      Highlight Dass Sie es so sehen, habe ich verstanden. Was ich nicht verstehe, ist, weshalb Sie es so sehen. Auch nach Ihrer Antwort nicht.
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  • Ceci 18.08.2014 08:21
    Highlight Wer ist hier bitte das Opfer?
    Wie naiv ist der Mann eigentlich?
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  • sewi 18.08.2014 05:52
    Highlight Der Müller ist politisch tot. Es fehlt nur noch sein Geständnis....
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  • gfc 18.08.2014 05:49
    Highlight Die Sekretärin wird freigestellt. Beim Stadtammann sieht man's nicht so eng. Manche sind halt eben doch gleicher ..
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    • Baba 18.08.2014 08:39
      Highlight Grundsätzlich haben Sie ja recht, aber man muss dem Badener Stadtammann doch 'zugute' halten, dass er seine Nackt-Selfies nicht einer stattlichen Anzahl Twitter Followers zugestellt, sondern 'nur' einer Empfängerin geschickt hat... Trotzdem, ein absolutes NoGo, in den Amtsräumen solche Schweinigeleien zu machen und wenn es sich als wahr herausstellt, dass die Polizei die elektronischen Geräte der Frau auf Wunsch/Druck/Befehl von Geri Müller beschlagnahmt hat, ist er definitiv und endgültig nicht mehr tragbar!

      Herr Müller, zeigen Sie wenigstens jetzt noch etwas Stil und treten Sie zurück!
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