Schweiz

Die Briten wollen wohl doch keinen harten Brexit. Bild: Markus Schreiber/AP/KEYSTONE

«Sie sagten sich: Wähle strategisch – oder weniger subtil: Fuck Brexit»

Was wollen die Wähler eigentlich? Nicht nur in Grossbritannien senden sie an der Urne widersprüchliche Signale aus. Politik- und Gesellschaftsforscherin Cloé Jans über die Rolle des Zeitgeists, politische Weckrufe und die Bedeutung von Filter Bubbles im Wahlkampf.

09.06.17, 15:30 10.06.17, 08:17

Frau Jans, wissen die Wähler denn eigentlich gar nicht mehr, was sie wollen? Zuerst stimmen die Briten für den Brexit – und nicht einmal ein Jahr später lassen sie die Frau, die einen harten Ausstieg aus der EU verspricht, im Regen stehen.
Cloé Jans:
Der Brexit-Entscheid war natürlich ein Kind seiner Zeit: Die EU steckte letztes Jahr tief in der Krise, überall war zu lesen, wie schlecht es den Mitgliedstaaten geht. Die Rechtspopulisten schafften es, die Globalisierungsverlierer stark anzusprechen. Aber ein Protest-Votum abzugeben und nachher hinter dem Entscheid stehen sind zwei Paar Schuhe.

Haben die Wähler also Angst vor dem eigenen Mut?
Ich würde eher sagen, das Ja zum Brexit war ein Wake-up-Call: Ganz ähnlich, wie wir das in der Schweiz nach der Masseneinwanderungs-Initiative gesehen haben. Zufällig war ich gerade dieses Wochenende an einem Festival in London. Ich war überrascht, wie viele Leute dort mit politischen Botschaften herumgelaufen sind. Etwa mit Stickern mit der Aufforderung «Vote Tactically» (dt.: «Wähle strategisch») oder – weniger subtil – «Fuck Brexit». Das Wahlresultat zeigt ja jetzt auch, dass die Konservativen vor allem in den urbanen Gegenden wie London oder Bristol abgestraft wurden.

Cloé Jans ist Projektleiterin beim Meinungsforschungsinstitut gfs.bern. Sie forscht schwerpunktmässig zu Wahlen, Abstimmungen und Gesellschaftsfragen. bild: zvg

«Populismus funktioniert primär in der Opposition. Sein Lebenselixier ist es, sich der Eliten zu verweigern.»

Dann ist es gar nicht Theresa May, die verantwortlich ist für diese Schlappe, sondern einfach der Zeitgeist, der ihr übel mitgespielt hat?
Es ist sicher so, dass die politische Grosswetterlage eine wichtige Rolle spielt. Zentral ist aber auch: Populismus funktioniert primär in der Opposition. Sein Lebenselixier ist es, sich der Eliten zu verweigern. Wenn man dann plötzlich Verantwortung übernehmen und Entscheide umsetzen muss, wird es schwierig. Natürlich spielte aber auch die Kampagne der Tories eine Rolle, in der nicht alles reibungslos lief.

Die Signale sind ja nicht nur in Grossbritannien widersprüchlich: In ganz Europa schien der Vormarsch der Rechtspopulisten vor kurzem noch fast unaufhaltsam, dann wurde in Frankreich mit Macron der Pro-Europäer schlechthin Präsident. Wie passt das zusammen?
Die Debatte über US-Präsident Donald Trump braucht so viel Raum, dass dies wohl einen moderierenden Effekt hat. Er macht ja nicht gerade gute Werbung für seine rechtspopulistischen Kollegen in Europa. Dazu kommt, dass die Kandidaten-Auswahl in Frankreich aus Sicht vieler Wähler nicht gerade prickelnd war. Der Pro-Europäer Macron war so vermutlich für viele einfach das kleinste Übel. Die Franzosen sind deshalb nicht plötzlich flammende EU-Befürworter.

Ist die Demokratie in Zeiten von Internet-Hypes, Shitstorms und Filter Bubbles anfälliger auf Überraschungs-Entscheide als früher?
Die Tatsache, dass wir unsere politischen Informationen heute oft von Algorithmen gefüttert bekommen, führt sicher zu einem gewissen unberechenbaren Element. Der politische Prozess findet weniger strukturiert statt, es sind nicht mehr wenige Massenmedien, die den Diskurs bestimmen. Die Meinungsbildung wird dadurch volatiler. Weil die Diskussionen häufig populistisch aufgeladen werden, kochen die Emotionen zudem bis zum Schluss hoch und bewegen vor allem regierungskritische Kreise an die Urne. So ergeben sich oppositionelle Schlusseffekte, was sowohl beim Brexit als auch bei den Wahlen gestern gewirkt haben dürfte.

Ist es ein Problem für die Demokratie, wenn es dadurch zu scheinbar widersprüchlichen Entscheiden kommt an der Urne?
Das würde ich nicht sagen. Die Resultate entstehen ja trotz allem nicht zufällig: Sind die Summe bewusster Entscheide der einzelnen Bürger. Dass sich je nach Abstimmungsfrage oder Ausgangslage bei den Wahlen neue Mehrheiten bilden können, ist an sich erfreulich. Es erlaubt den Stimmenden auch, vergangene Entscheide zu korrigieren, wenn sie das Gefühl haben, dass man den Bogen überspannt hat.

Umfrage

Wie fällst du deine Stimm-/ Wahlentscheide?

  • Abstimmen

376 Votes zu: Wie fällst du deine Stimm-/ Wahlentscheide?

  • 45%An meiner politischen Haltung lässt sich nicht rütteln, meist weiss ich sofort, wie ich stimmen werde.
  • 45%Ich hör mir die verschiedenen Argumente an und wäge dann sorgfältig ab. Oft bin ich mir bis zuletzt unsicher.
  • 4%Ich lasse mich von Leuten in meinem Umfeld beraten, die einen besseren Durchblick haben als ich.
  • 6%Ich höre da einfach auf meinen Bauch, alle Fakten kennt man ohnehin nie.

Viele Leute sagen: Ich habe meine Meinung, von ihr rücke ich nicht ab. Warum formieren sich die Mehrheiten dennoch immer wieder neu?
Aus der Forschung wissen wir, dass sich einmal gefasste Meinungen nur sehr schwer ändern lassen. Insofern ist es oft die Mobilisierung, die den Unterschied macht. So wissen wir, dass bei der Masseneinwanderungs-Initiative viele Leute aus dem konservativen Lager an die Urne gegangen sind, die sonst nicht abstimmen. Und zwei Jahre später, bei der Durchsetzungs-Initiative, haben die Gegner dann stark mobil gemacht. So schlägt das Pendel dann wieder zurück.

«Als Wähler wird es zunehmend schwieriger, sich dem zu entziehen.»

Inwiefern geht es im Endeffekt einfach darum, wer die bessere Kampagne führt?
Dieser Faktor ist nicht zu unterschätzen. Auch in der Schweiz findet inzwischen eine starke Professionalisierung der Kampagnenarbeit statt. Man beginnt vermehrt, nach amerikanischem Vorbild Tools zu nutzen und gezieltes Voter-Targeting zu betreiben. Vom systematischen Abtelefonieren von Sympathisanten, wie dies die SP seit einiger Zeit macht, bis hin zu personalisierten Botschaften auf Facebook, die sich je nach persönlichen Vorlieben unterscheiden. Als Wähler wird es zunehmend schwieriger, sich dem zu entziehen.

Briten-Wahl: Desaster für May – Erfolg für Corbyn

Das könnte dich auch interessieren:

Der unnötigste Flughafen der Welt ist endlich offen – die Sache hat aber einen Haken

SRF hat am Freitag das absurdeste Interview aller Zeiten geliefert 

Oh wie schön jubelt Panama – auch über das grosse Glück mit dem Tomaten-Schiri

So können kriminelle Hacker deine Apple-ID klauen – und so schützt du dich

«Warum machen wir keinen Krypto-Franken oder einen Swiss Coin?»

Warum entfreundet man jemanden auf Facebook? – 6 Personen, 6 Storys

Diese 17 genialen Comics zeigen haargenau, wie es ist einen Hund zu haben

35 Dinge, die überhaupt keinen Sinn haben – ausser uns zum Lachen zu bringen

«Angst und Geld hani kei»: So schlängelte sich Erich Hess durch die Transparenz-«Arena»

Alle Artikel anzeigen
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
14Alle Kommentare anzeigen
14
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • fiodra 10.06.2017 12:34
    Highlight Es freut mich sehr, dass die jungen Wähler in der Schweiz, England und anderen Ländern gemerkt haben, dass es darauf ankommt, ob man wählen geht oder nicht. So und nur so kann nämlich eine erzkonservative Reaktion gestoppt werden.
    13 3 Melden
  • meliert 10.06.2017 07:19
    Highlight PM May war einfach taktisch ungeschickt (oder auch zu ehrlich), sie sprach z.B. von neuen Steuern (Demenz) vor der Wahl, dies hat die älteren Wähler abgeschreckt. Die Nichtteilnahme an Debaten direkt gegen Corbyn wurde ihr übel genommen. Ihre Aussagen, dass sie eine "harte Version" der Brexit Verhandlung anstrebt, hat scheinbar viele Wähler zu Labour getrieben. Der Rebel Corbyn hat in dem letzten halben Jahr ein Imagerwechsel vollzogen, auch optisch, er wäre als PM sicher auf verlorenem Posten, nicht fähig GB zu führen.
    5 5 Melden
    • Juliet Bravo 10.06.2017 20:01
      Highlight Und wieso denkst du, Corbyn wäre nicht fähig PM zu sein?
      1 0 Melden
    • Feihua 10.06.2017 22:20
      Highlight Wieso genau ist er unfähig? ...Nicht einfach den konservativen Medien glauben und nachbeten, dass Corbyn unfähig sei. Zum glück haben viele Wähler trotz dieser unsäglichen Lächerlichmachung und unfairen Kampagne für Corbyn gestimmt.
      2 1 Melden
  • R. Peter 09.06.2017 17:54
    Highlight Der Widerspruch ist eigentlich keiner, denn einmal wurde über den Brexit abgestimmt und beim anderen Mal das Parlament gewählt. Es ging nicht nur um den Brexitkzrs, sondern um alle politischen Themen. Dass May und die Medien daraus eine Brexitabstimmung 2 machen ist der eigentliche Widerspruch.
    22 7 Melden
    • Juliet Bravo 09.06.2017 18:54
      Highlight Naja, ein bisschen mehr als eine ganz normale Wahl ist das schon gewesen: mit den vorgezogenen Wahlen hat May so zusagen dem Volk die Vertrauensfrage gestellt.
      16 6 Melden
  • Rendel 09.06.2017 17:04
    Highlight Umfragen verraten meist viel über die Vorstellungen vom Umfragengestalter. 😁
    21 7 Melden
  • Jupiter Jones 09.06.2017 16:31
    Highlight Ich glaube nicht, dass der Wahlausgang etwas mit dem Brexit zu tun hatte. Auch wenn dieser für uns das wichtigste politische Thema in Grossbritannien ist, gab wohl bei den Wählern eher der Sparkurs der Tories in den letzten Monaten den Ausschlag. Dies bestätigen auch die Umfragen, wo rund drei Viertel der Wähler in der Brexit-Frage May als besser geeignet sahen, während es bei anderen Themen genau umgekehrt war. Auch darf man nicht vergessen, dass Corbyn ebenfalls eine sehr kritische Haltung gegenüber der EU einnimmt.
    25 2 Melden
    • Siebenstein 09.06.2017 17:56
      Highlight Genau das glaube ich allerdings doch.
      Der noch knappe Ausgang zeigt doch eher, dass der Wähler so durchaus bewusst war wie schwierig sein Signal zu deuten sein könnte.
      Auch, dass versucht wurde ein zweites Referendum aufzustarten zeigt wie sehr erschrocken man über den Ausgang des ersten war!
      3 7 Melden
  • Hussain Bolt 09.06.2017 15:56
    Highlight Corbyn ist einer wie Wagenknecht, ein Anti Elitist. Bei Labour gibt es dann noch eine Fraktion nämlich die Neoliberalen Blairisten die sich von May nicht gross unterscheiden ausser zur EU. Die Labour hat zwar durch Corbyn den Vorsprung der Torries abgeschmolzen aber sie liegt in einem Machtkampf zwischen Sozialdemokraten (Corbyn) und Neoliberalisten (Blair).
    24 5 Melden
    • nilson80 09.06.2017 17:27
      Highlight Es kann gut sein dass wenn der einigende Druck nicht mehr so gross ist, es zu einer Spaltung von Labour kommt. Möglicherweise gehen Teile von Labour dann nit den Liberalen zusammen. Gäbe es das Mehrheitswahlrecht in GB nicht, würde Labour in der aktuellen Form nicht mehr existieren.
      11 1 Melden
    • DerTaran 09.06.2017 18:25
      Highlight Wagenknecht, eine Anti Elitistin?

      Die Frau ist doch zu 100% der Meinung, dass nur sie allein weiss was richtig ist. Sie ist Elitistin, aber so was von.
      6 10 Melden
    • Feihua 10.06.2017 22:28
      Highlight Gerade das gute Abschneiden von Corbyn, mit der starken Mobilisierung neuer Jungwähler zeigt doch, dass wahre Sozialdemokratie nach wie vor Chancen auf eine Mehrheit hat. Im Gegensatz zum Blairismus, (auch schröder, hollande, Clinton), welcher sich teils nur noch in Spuren von den Konservativen unterscheidet.
      Ich hoffe, mit diesen Wahlen hat Corbyn den Machtkampf für sich entschieden und Labour kann sich konsolidieren.
      2 0 Melden
    • DerTaran 11.06.2017 11:35
      Highlight Schröder und Blair haben regiert, ganz falsch kann ihre Version der Sozialdemokratie nicht sein.

      Hollande ist eher ein Beispiel wie es nicht geht, das Blaue vom Himmel versprechen und dann scheitern. Corbyn kann ganz froh sein, dass er nicht gewonnen hat.

      Und Clinton war nie eine Sozialdemokratin.

      0 2 Melden

«Ein Fehler im System» – Mohamed Wa Baile und sein Kampf gegen das «Racial Profiling»

Jung + schwarz = verdächtig. Gegen dieses Vorurteil kämpft Mohamed Wa Baile. Er will dem «Racial Profiling» von Polizisten ein Ende setzen. Und geht dafür bis vor Bundesgericht.   

Sein Fall sorgte für Aufsehen. Der 43-jährige Schweiz-Kenianer Mohamed Wa Baile wurde am 5. Februar 2015 am Zürcher Hauptbahnhof von zwei Stadtpolizisten kontrolliert. Wa Baile liess sich widerstandslos kontrollieren, weigerte sich aber, seinen Ausweis zu zeigen, weil er sich diskriminiert fühlte. Dafür kassierte der 43-Jährige eine Busse von 150 Franken, wegen Nichtbefolgens polizeilicher Anordnungen. 

Wa Baile war mit dem Strafbefehl nicht einverstanden und verlangte eine gerichtliche …

Artikel lesen