Schweiz

Susanne Nielen von der Opferhilfe Aargau-Solothurn. bild: annika buetschi / az

Vom Lehrmeister belästigt: «Die junge Frau hat sehr mutig gehandelt»

Susanne Nielen, Leiterin der Opferhilfe Aargau-Solothurn, nimmt Stellung zum aktuellen Fall von sexueller Belästigung einer jungen Frau durch ihren Lehrmeister. Und es gibt News zum Täter und weiteren Fällen.

Publiziert: 26.11.16, 15:21 Aktualisiert: 27.11.16, 10:53

Fabian Hägler / az

Frau Nielen, wie beurteilen Sie das Verhalten der Lernenden im aktuellen Fall?
Susanne Nielen: Sie hat sehr mutig und selbstbewusst gehandelt, indem sie sich nicht einschüchtern liess, sondern gekündigt und den Lehrlingsverantwortlichen angezeigt hat. Wir hätten eher dazu geraten, sich vorerst krankschreiben zu lassen und den Fall beim kantonalen Lehrlingsamt zu melden. So hätte die junge Frau ihren Lohnanspruch nicht verloren – aber sie hat sich offenbar selber für einen anderen Weg entschieden, das würden wir respektieren.»

Was tut die Opferhilfe, wenn sich eine junge Frau meldet, die vom Lehrmeister belästigt wird?
«Wenn sich bei uns Betroffene melden, geht es primär darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie sich vor weiteren Übergriffen schützen können. Dann diskutieren wir gemeinsam, ob eine Strafanzeige eingereicht werden soll – und was auf Betroffene zukommt, wenn sie Anzeige machen. Je nach Bedürfnissen und finanziellen Möglichkeiten kann die Opferhilfe den Betroffenen einen Rechtsanwalt zur Seite stellen, sie zum Gerichtsprozess begleiten oder auch psychologische Hilfe organisieren und finanzieren.

Der Angeklagte hat vor Gericht versucht, sein Verhalten zu relativieren, und unter anderem gesagt, die Lernende habe ihm selber auch Sex-Nachrichten geschickt ...
Das sind leider bekannte Muster, die gerade bei Fällen von sexueller Belästigung immer wieder festzustellen sind: Der Täter versucht sein Verhalten häufig zu verharmlosen, indem er zum Beispiel behauptet, das Opfer habe ‹dies auch gewollt› oder sogar provoziert, und die Übergriffe daher nicht als Belästigung aufgefasst. Das kann für eine Betroffene sehr belastend und kränkend sein, gerade in einem Fall, wenn sie vor Gericht dem Täter wieder gegenübersitzt und sich dessen Aussagen anhören muss.»

Wie oft kommt es im Aargau vor, dass eine Lernende von ihrem Vorgesetzten im Betrieb belästigt wird?
Bei der Opferhilfe melden sich mehrmals pro Jahr Betroffene, bei denen genau diese Konstellation gegeben ist.

Lehrmeister musste seine Bewilligung abgeben

Bei der Befragung vor Gericht sagte der Angeklagte, er sei heute nicht mehr als Lehrlingsverantwortlicher im grafischen Gewerbe, sondern als Berater in einer anderen Branche tätig. Dies allerdings nicht ganz freiwillig, wie eine Nachfrage der «Aargauer Zeitung» beim kantonalen Bildungsdepartement ergibt. Im aktuellen Fall übermittelte die Staatsanwaltschaft den rechtskräftigen Strafbefehl wegen Pornografie gegen den Lehrlingsverantwortlichen an die Lehraufsicht.

Diese überprüfte daraufhin, ob beim verurteilten Mann «die Voraussetzungen für die Ausbildung von Berufslernenden noch erfüllt sind», wie Simone Strub, Sprecherin des Bildungsdepartements, auf Anfrage sagt. «Wegen der Eindeutigkeit des Strafbefehls» sei der Lehrlingsverantwortliche aufgefordert worden, die Bildungsbewilligung zurückzugeben respektive den Verzicht auf die Bildungsbewilligung zu erklären.

Dies tat der Verurteilte offenbar – hätte er sich geweigert, hätte die Abteilung Berufsbildung und Mittelschule ein aufsichtsrechtliches Verfahren betreffend Entzug der Bildungsbewilligung einleiten müssen, wie die Sprecherin erklärt.

Vier ähnliche Fälle bekannt

Jeder Lehrmeister, der Lernende ausbildet, benötigt eine solche Bewilligung. Dafür muss vorgängig ein sogenannter Berufsbildnerkurs absolviert werden. Das kantonale Bildungsdepartement kann diese widerrufen, wenn die Bildung in beruflicher Praxis ungenügend ist, Lehrmeister die gesetzlichen Voraussetzungen nicht erfüllen oder ihre Pflichten verletzen.

Strub hält fest, Lehrmeister müssten «nicht nur über fachliche und pädagogische Fähigkeiten, sondern auch über die nötigen Sozialkompetenzen verfügen». Insbesondere die persönliche Integrität der Lernenden müsse genügend geschützt sein, wie dies im Arbeits- und Gleichstellungsgesetz verlangt ist.

Doch wie häufig kommt es vor, dass das Bildungsdepartement einschreiten muss, weil ein Lehrmeister eine Lernende sexuell belästigt?

«Es bestehen keine langjährigen Datenreihen», sagt Simone Strub, «in den letzten beiden Jahren standen aber je zwei Verfahren betreffend Entzug von Bildungsbewilligungen im Zusammenhang mit dem Vorwurf sexueller Belästigung.»

Dem Widerruf einer Bildungsbewilligung gehen laut Simone Strub sorgfältige Abklärungen voraus. Diese können unter anderem eine Befragung des Lehrmeisters, aktueller oder ehemaliger Lernender und Beschäftigter des jeweiligen Betriebs und eine Bestandsaufnahme vor Ort beinhalten.

(aargauerzeitung.ch)

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User-Review:
schlitteln - 18.4.2016
Guter Mix zwischen Seriösem und lustigem Geblödel. Schön gibt es Watson.
16 Kommentare anzeigen
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  • johannamiller 27.11.2016 00:11
    Highlight Finde ich hammer von dieser Lehrtochter dies gemeldet zu haben!! Daumen hoch!
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  • pamayer 26.11.2016 20:12
    Highlight Gutes Interview.
    Ich gehe leider davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher ist als die paar Fälle pro Jahr.
    Deshalb ist die Überschrift von mutigem Handeln sehr treffend.

    Viel verzwickter wird's, wenn sich die / der Lernende von etwas erotischer Aufmerksamkeit durch väterliche oder mütterliche Person anfänglich noch etwas geschmeichelt fühlt... Dann wird sie / er sich schuldig fühlen und nie Anzeige erstatten.

    Verantwortlich ist immer die vorgesetzte Person. Diese befindet sich in einer Machtposition und muss ihre Gefühle im Griff haben, so karg das eigene Sexualleben auch immer sein mag.
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  • pamayer 26.11.2016 20:05
    Highlight Umgekehrt ist auch möglich:

    Habe schon miterlebt, wie eine Schülerin an einer Sekundarschule sich über die Bauarbeiter um die Schule beklagt hatte. Die Lehrperson meldete dies der Bauleiterin, für welche Anmache auf dem Bau ein No Go war. Allerdings erzählte sie, dass die Jugendlichen von den Fenstern herab die Bauarbeiter auf's übelste und äußerst obszön beschimpften und verhöhnten.
    Da blieb mir kurz die Spucke weg.

    Im Gegensatz zum berichteten Fall bestand zwischen Jugendlichen und Bauarbeitern kein Abhängigkeitsverhältnis.

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  • kleiner_Schurke 26.11.2016 15:57
    Highlight Besonders seltsam ist die Tatsache, dass der Lehrmeister offenbar nicht besonders weit denkt. Ich meine, der hätte auch Pech haben können, die Lehrerstochter erzählt es ihrem Papi dem Schützen, und ihrem grossen Bruder dem Boxer, diese machen einen Besuch und der Lehrmeister hat nach diesem Besuch ein Loch im Knie und braucht eine Totalsanierung seines Kiefers. Das wäre zwar auch strafbar, aber Kiefer und Knie wären unwiderbringlich futsch. Das wäre durchaus eine Variante, die eintreten könnte. Denken solche Leute nie über die Spitze ihrer Nase hinaus? Oder ist das gar der Kick?
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    • Taebneged 26.11.2016 16:11
      Highlight Gewalt mit Gewalt vergelten???
      Das war schon immer die beste Lösung. Man schaue sich mal um.
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    • Rhabarber 26.11.2016 16:22
      Highlight Je triebgesteuerter jemand ist, desto kurzfristiger denkt er.
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    • sassenach 26.11.2016 16:59
      Highlight Ohne den Lehrmeister in Schutz nehmen zu wollen – sexuelle Erregung setzt den Teil des Hirns ausser Gefecht, der uns eigentlich vorsichtig sein lässt. Das ist natürlich und dient der Fortpflanzung. Das soll keine Rechtfertigung sein, sondern ein Erklärungsansatz für das idiotische Handeln.
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    • stadtzuercher 26.11.2016 18:16
      Highlight finde es daneben, dass watson solche gewalt-aufrufe bzw beschreibungen publiziert, wie im kommentar von kleiner_Schurke.
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    • kleiner_Schurke 26.11.2016 18:42
      Highlight Meine Frage war kein Gewaltaufruf. Meine Geschichte ist eine mögliche Wendung, wie so etwas enden kann. Ich frage mich trotzdem wie ein Verantwortlicher für Lehrtöchter den Eltern dieser Lehrtochter unter die Augen treten kann, wissend was er anstellt. Der muss doch damit rechnen, dass die das erzählt? Ist dieser Typ so derart ein Vollpfosten oder was? Oder kann man heute einfach so blöd sein, solchen Scheiss zu leisten ohne die geringste Idee von den Konsequenzen zu haben? Ist man heute schon so dämlich?
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    • Fischra 26.11.2016 18:43
      Highlight Grundsätzlich kennt der Lehrmeister die Eltern der Auszubildenden. Er war einfach nicht professionell. Es war, wenn ich das richtig interpretiert habe, nicht der Lehrmeister sondern der Lehrverantwortliche. Ich habe selbst schon Fälle erlebt, welche haarsträubend waren und kurz vor der Eskalation standen. Anstatt dem Lehrling zu helfen, wurde sie noch verwarnt. Dies in einem Konzern, der weltweit tätig ist. Recht so, ist in diesem Fall nicht alles vertuscht worden.
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    • EvilBetty 26.11.2016 19:28
      Highlight Ich finds ja irgendwie bezeichnend, dass Sie dem Täter die mangelnde Weitsicht vorwerfen und nicht sein Verhalten. Ich finds vor allem anderen besonders seltsam, dass er sowas überhaupt tut...
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    • lilie 26.11.2016 21:24
      Highlight @kleiner_schurke: Entschuldige, aber wir sind nicht in Sizilien in den 50ern, wo dem Mann, der die Ehre der Tochter beschmutzt, die Fresse poliert wird! Was für antiquierte Vorstellungen sind das denn?!

      Dem Mann blühen viel wesentlichere Konsequenzen, nämlich (wie schon geschehen) der Verlust seiner Ausbildnerposition sowie ein Strafverfahren.

      Was ihm aber auch hätte zu denken geben sollen, ist, was er einem jungen Mädchen antut, das ihm zur Ausbildung und Betreuung anvertraut wurde. Hier fehlt es am notwenigen Verantwortungsgefühl einem jungen Menschen gegenüber.
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    • kleiner_Schurke 26.11.2016 22:19
      Highlight Ich sage ja nicht, dass ich solche Vorstellungen habe. Es zeigt sich aber dass beispielsweise das Wegschnappen eines Parkplatzes durchaus tödlich Folgen haben kann. Man weiss ja nie wer im anderen Auto sitzt. In den USA ein Szenario das durchaus vorkommt. Also könnte der Täter auch hier unter Umständen eine hässlich Türe öffnen. Seine Handlung ist absolut verwerflich und die rechtlichen Konsequenzen eigentlich klar. Freilich könnten die Konsequenzen aber weit übler sein. Bedenken solche Leute das in irgend einer Form? Offenbar nicht.
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    • kleiner_Schurke 26.11.2016 22:23
      Highlight @Evildingsbums
      Natürlich werfe ich das dem Täter vor. Aber das ist aus meiner Sicht so selbstverständlich, dass man es wohl kaum zu erwähnen braucht. Ich habe in New York lebend die Erfahrung gemacht, das man in hier Schlange steht – mit Abstand zum Vormann. Aus reiner Disziplin oder Höflichkeit? Fehlanzeige. Drängelt man vor, weiss man nie so genau was dann passiert. Wird jemand nur sauer und flucht? Oder hat der Betreffende eine 45er unter dem Mantel? Tja – das möchte hier keiner gerne wirklich herausfinden, also ist man pro Forma mal freundlich und steh brav an.
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    • Fischra 26.11.2016 22:56
      Highlight Ich möchte zu meinem Kommentar noch ergänzen, dass ich mit "nicht Professionell" sein Verantwortungsloses Handeln gemeint habe. Ein guter Lehrmeister tut sowas nicht
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    • EvilBetty 27.11.2016 00:01
      Highlight Nicht dass wir uns falsch verstehen. Ich bin selber Vater einer Tochter. Wenn das der Lehrmeister machen würde, gäb's von mir eins auf's Maul. Das hat nichts mit der Ehre meiner Tochter zu tun, sondern mit Anstand. Mehr aber auch nicht.

      Der Abstand in den Staaten ist allerdings überall so und hat nix mit Vordrängeln zu tun. Das Land ist viel Grösser und die Menschen haben da einen Andern persönlichen Abstand. In der Schweiz ist er ca. 75cm. Wenn jemand Fremdes in diesen Kreiss tritt, fühlen wir uns Unwohl. In den USA sinds glaub 1.5m. Es ist halt alles eine Nummer Grösser.
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