Schweiz

Lukratives Geschäft: Vermittler klappern wechselwillige Versicherte ab. Sie treibt die Kassen-Provision an. Bild: KEYSTONE

200 bis 300 Millionen Franken pro Jahr: So vergolden die Krankenkassen ihre Vermittler

In geheimen Reglementen steht, wie die Krankenkassen ihre Vermittler vergüten. Geheim deshalb, weil es um sehr viel Geld geht.

Publiziert: 10.10.16, 04:19 Aktualisiert: 10.10.16, 06:08

ROMAN SEILER / Aargauer Zeitung

Jetzt nerven sie an: Miese Telefondrücker aus dem Ausland. Sie bahnen mit dreisten Lügen Termine für Vermittler an, die Versicherte zu einem Wechsel der Krankenkasse überreden. Diese unerbetene Akquise per Telefon soll die Branchenvereinbarung von Santésuisse unterbinden. Zudem verlangt der Verband darin, dass die Vergütung für die Anwerbung eines Kunden in der Grundversicherung (OKP) nicht mehr als 50 Franken betragen darf.

Die seit Anfang Jahr gültige Vereinbarung ist löchrig wie ein Emmentalerkäse. So erhöhte das Santésuisse-Mitglied Visana exakt auf diesen Termin die Provisionsansätze für Vermittler. Wer der Berner Kassengruppe Grundversicherte zuschaufelt, erhält seither 150 Franken. Die Visana habe die Branchenvereinbarung nicht unterzeichnet, sagt Sprecherin Melanie Schmid: «Daher kann nicht von einer Verletzung einer Vereinbarung gesprochen werden.»

«Da spielt der Markt»

Die Visana hat nicht nur die Entschädigung in der Grundversicherung, sondern auch andere Entschädigungen angehoben. «Da spielt der Markt», sagt dazu Melanie Schmid. Wie er funktioniert, zeigt ein Blick in die Provisionsreglemente von sieben Krankenversicherern, die der «Nordwestschweiz» vorliegen (siehe Box). Freiwillig rückt diese kein Unternehmen heraus.

Wie viel Geld sie für externe, meist selbstständig tätige Vermittler ausgeben, halten die Kassen eben möglichst unter dem Deckel. Gesichert ist nur: 2015 gab die Branche laut Bundesamt für Gesundheit 26.9 Millionen Franken für solche Provisionen in der Grundversicherung aus. Um ein Mehrfaches höher sind die Zahlungen für den Abschluss neuer Zusatzversicherungen (VVG). In diesem dem Privatrecht unterstellten Geschäft dürfen die Anbieter Gewinne erzielen.

Insgesamt schüttet die Branche jährlich Provisionen in der Höhe von 200 bis 300 Millionen Franken an Vermittler aus, sagt Richard Lüdi, einst Vertriebs- und Marketingmanager von Krankenversicherern. Heute betreibt er die Interessengemeinschaft der Schweizer Versicherten («Nordwestschweiz» vom 5. September). Wer sich von ihr beraten lässt, zahlt dafür eine Gebühr von 85 Franken pro halbe Stunde, wenn ein Kassenwechsel zustande kommt. Dafür erhält der Kunde die vom Versicherer bezahlte Abschlussprovision. Dieser Betrag übersteige die Beratungsgebühr, sagt Lüdi.

Nun befürchten Krankenversicherer, dass dies ihre Vertriebskanäle schwächt. Vermittler bangen um ihr lukratives Geschäft. Deren Entschädigungen setzen sich so zusammen:

Stossend ist: Die Visana gewährt Vermittlern die 150 Franken für einen reinen Grundversichungsabschluss nur dann, wenn dieser eine Franchise von mindestens 1000 Franken wählt. Die Groupe Mutuel zahlt keine Entschädigung für die Anwerbung eines Grundversicherten mit einer Standardfranchise von 300 Franken. Bei der CSS gilt dies nur dann nicht, wenn Kunden ein kostensparendes Angebot wählen wie ein Hausarztmodell.

«Betriebswirtschaftlich ist es unsinnig, Produkte, welche mehrheitlich negative Deckungsbeiträge abwerfen, auch noch zu entschädigen.»

Stefan Heini, Helsana-Sprecher

Keine Provision für Kranke

Die Standardfranchise wählen meist kranke Versicherte mit entsprechend höheren Behandlungskosten. Daher sind solche Lösungen diskriminierend. Die Helsana und die Swica verlangen in einem solchen Fall den Abschluss einer Zusatzversicherung. Das ist auch bei der Concordia und der Sympany so, denn sie schütten nur Provisionen für Pakete mit Zusatzversicherungen aus. Im VVG-Geschäft kann Antragstellern die Aufnahme verweigert werden, wenn sie krank sind. Im Gegensatz zur Grundversicherung muss daher eine Gesundheitsdeklaration ausgefüllt werden. Daher versuchen Telefondrücker herauszufinden, ob jemand krank ist. Für sie gibt's keine Provision.

Wer Vermittler dazu anstiftet, Grundversicherten eine höhere Franchise aufzuschwatzen, betreibt Risikoselektion. Dies bestreiten die Krankenversicherer selbstredend. Helsana-Sprecher Stefan Heini sagt: «Betriebswirtschaftlich ist es unsinnig, Produkte, welche mehrheitlich negative Deckungsbeiträge abwerfen, auch noch zu entschädigen.» Die Visana beschönigt: «Höhere, frei wählbare Jahresfranchisen sind beratungsbedürftig und werden deshalb provisioniert.» Keine Stellungnahme gab die Groupe Mutuel ab. Die Vergütung von Partnern sei «ein Geschäftsgeheimnis».

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  • swissPHANTOM 11.10.2016 10:16
    Highlight Das Stimmvolk ist aber selbst Schuld.

    Eigentlich sollten Leistungen die alle brauchen, strom, kk, bildung, gesundheit/spital usw.verstattlicht sein so dass lediglich kostendeckend statt gewinnorientiert gearbeitet wird. Da das Volk eigentlich der Statt ist und die Staatsbediensteten unsere Angestellten ist es unlogisch dass das Volk die essenziellen Sachen nicht verstattlichen will und so freieillig zuviel bezahlt.

    Da hat das Volk wohl mehr vertauen in geldgeile institutionen statt in den eigenen Staat, da läuft was echt falsch!!
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  • Rabautax 10.10.2016 23:38
    Highlight Ja wir werden auf gut Deutsch gesagt alle .......
    Es ist ein Rattenschwanz die geliebten CEO und Verwaltungsräte brauchen Geld für keine Ahnung was. Die Lobbyisten wollen Geld damit sie die Politiker bestechen können damit sie auf der seite der Versicherung ist. Für das braucht man neues Geld d.h Neue Kunden die holt man über Markler die brauchen auch Geld und deshalb steigen jedes Jahr die KK prämien die wir bezahlen müssen.
    Wie lange lassen wir uns das noch Gefallen
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  • Don Alejandro 10.10.2016 17:41
    Highlight Wir hatten es selber in der Hand, mit der Abstimmung für die Einheitskasse. Aber 63% meinten vor zwei Jahren, wir bräuchten für die Grundversicherung weiterhin einen "freien" Markt. Die Wirtschaftsplayer wollten sich die Regulation nicht vom Staat wegnehmen lassen. Wie man sieht, scheint sich dieser trotz horrenden Ausgaben zu Ungunsten der Versicherungsnehmer weiterhin zu lohnen. Von der Steuerbelastung für die KK-Zuschüsse erst gar nicht zu reden...
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  • pamayer 10.10.2016 11:37
    Highlight Nehr als 26 mio jährlich auf kosten der prämienzahler.
    So eine riesenscheisse!

    ... gibt es noch mehr solche verdeckten extra Ausgaben bei den kassen??

    Ein hoch auf due freie marktwirtschaft! Hauptsache scheffeln bis der goldspeicher voll. Und dann den nächsten bauen - lassen.
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    • swissPHANTOM 11.10.2016 10:13
      Highlight Es sind aber vie viel mehr...
      "Insgesamt schüttet die Branche jährlich Provisionen in der Höhe von 200 bis 300 Millionen Franken an Vermittler aus" (laut Artikel).

      Das Stimmvolk ist aber selbst Schuld.

      Eigentlich sollten Leistungen die alle brauchen, strom, kk, bildung, gesundheit/spital usw.verstattlicht sein so dass lediglich kostendeckend statt gewinnorientiert gearbeitet wird. Da das Volk eigentlich der Statt ist und die Staatsbediensteten unsere Angestellten ist es unlogisch dass das Volk die essenziellen Sachen nicht verstattlichen will und so freieillig zuviel bezahlt.
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  • Kommemtar 10.10.2016 10:31
    Highlight Und der Prämienzahler ist wieder einmal der dumme.

    Danke für nichts!
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  • deleted_420198696 10.10.2016 10:00
    Highlight Mir fählt dazu nur eins ein:
    PFUI !
    33 2 Melden
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  • Bouz 10.10.2016 09:57
    Highlight Irgendwie schon etwas absurd; mit biegen und brechen versucht man den "freien markt" spielen zulassen. Für das müssen unzählige - zum teil kostenintensive - regeln erschaffen werde, damit das überhaupt noch bezahlbar bleibt. Vielleicht müsste man akzeptieren, das die gesundheitsvorsorge kein freier markt sein kann.
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  • KasparS 10.10.2016 09:31
    Highlight Das ist absolut skandalös und sollte schnellstens verboten werden. Zwei Monatsprämien für eine Vermittlung. Und dann staunt das volk dass die Kosten steigen und die Kassen jammern über die Kostenexplosion.
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  • Töfflifahrer 10.10.2016 08:01
    Highlight Ach, und das wird von unseren Prämiengeldern bezahlt? Na dann habe ich doch schon mal eine Sparmöglichkeit von 200-300 Million Franken gefunden.
    Hört damit auf! Ich hoffe früher oder später kommt die Initiative betr. einer Einheitskasse noch Mals aufs Tapet, denn ich befürchte diese Ausgaben sind nur die Spitze des Eisberges. Es wäre doch mal interessant wenn man den Anteil der Prämienerhöhungen sehen könnte der durch die kranken Kassen selbst verursacht wird.
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    • Amboss 10.10.2016 10:39
      Highlight So daneben und fragwürdig es auch ist und diese nervigen KK-Anrufe sind wirklich lästig: Aber rechne mal ein bisschen: Es ist ca 2-3 Franken, ca. 1% einer Prämienrechnung. Also einfach ein kleiner Teil der ca. 5% Verwaltungskosten, welche auch eine Einheits-KK verursacht.

      Falls die Prämien sinken sollten, muss man bei den anderen 95% der Kosten ansetzen...

      Das, was man gemeinhin der SVP vorwirft: Staub aufwirbeln, Populismus, von den wahren Problemen ablenken.
      3 13 Melden
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  • wipix 10.10.2016 07:37
    Highlight Diese Praxis muss unbedingt beendigt werden! Tel. Terror und die Provisionen für KVG dürfen nicht länger geduldet werden!
    Häufig werden die bedrohten Arb. Plätze als Argument gegen scharfe Gesetzte angeführt. Wer aber hinter die Kulussen geschaut hat, weis, dass dieses Argument ein Hohn ist! Die Ausbeutung von Tel. Agenten und Beratern ist beschämend und nicht schützenswert!
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  • Muster Mustermann 10.10.2016 06:01
    Highlight Ich kenne da aber noch perversere Zahlen von der Visana. Die bezahlen sogar über Fr. 1'800.- für eine Grund- und Zusatzversicherung an seine Hauptvermitter. Die CSS vergütet ca. Fr. 2'000.- an seinen Hauptvermittler. Dieser dann ca. 1'000.- an seine Untervermittler. Fast Stornofrei. Fragt mal bei der Neosana nach. Die kassiert am meisten von allen Vermittlern.
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Alle Jahre wieder: Superreiche sind reicher geworden – auch die Blochers

Das Finanzjahr 2016 präsentiert sich sehr verhalten und doch sind die Superreichen in der Schweiz noch reicher geworden. Dies geht aus der jährlichen Spezialausgaben des Wirtschaftsmagazins «Bilanz» hervor, die die 300 Reichsten der Schweiz im Jahr 2016 vorstellt:

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Schwer auf die Stimmung geschlagen haben …

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