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Armin Capaul mit seiner Frau Claudia bei der Einreichung der Volksinitiative «Für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere». Bild: KEYSTONE

Der Obelix der Alpen: Armin Capauls Kampf für die Hörner der Kühe

Was ist uns die Würde der Tiere wert? Bergbauer Armin Capaul (65) hat im Alleingang eine Volksinitiative zustande gebracht und nimmt die Agrarpolitik auf die Hörner.

Publiziert: 28.11.16, 15:34 Aktualisiert: 28.11.16, 16:04

Fabienne Riklin / schweiz am Sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Armin Capaul, 65, sitzt auf der Veranda seines Stöckli 950 Meter über Meer und zieht an der selbstgedrehten Zigarette. Seine stahlblauen Augen leuchten. «Ich habe es allen gezeigt», sagt er und streckt zwei Finger in die Luft. Seine «mano cornuta» (🤘), die gehörnte Hand, ist kein Satansgruss, sondern Symbol der Hornkuh-Rebellen.

Der Bergbauer aus Perrefitte (BE) hat im März einen Coup gelandet. Praktisch im Alleingang brachte er die Hornkuh-Initiative zustande. Darin fordert er eine finanzielle Belohnung für Bauern, die ihre Tiere nicht enthornen. In seinem Subaru Justy machte er sich auch bei Regen oder Schnee auf, kurvte die steile Schotterpiste vom Hof Valengiron im Juragebirge hinunter und sammelte an Märkten und Volksfesten Unterschriften. Aus eigener Kraft, ohne Unterstützung einer Partei oder eines Vereins. «Mit dem Spinnsiech», sagt Capaul über sich selbst, hätten sie nichts zu tun haben wollen.

Hier liegt Capauls Hof:

karte: google maps

Er wurde belächelt und als rührseliger Träumer oder Hornochse bezeichnet. Capaul liess sich nicht beirren. Einer gegen alle. Er schickte sich in die Rolle des Kuhhorn-Rebellen. Anfänglich allerdings mit mässigem Erfolg. Als er am ersten Tag mit fünfzehn Unterschriften heimkehrte, sagte seine Frau Claudia: «Rechne mal: Du hast 18 Monate Zeit. Bevor du nicht 100 beisammen hast, brauchst du gar nicht zu Hause zu erscheinen.»

«Ich bin nicht scheu. Aber es braucht Mut, wildfremde Leute auf der Strasse anzusprechen», sagt der drahtige Mann mit den rissigen Händen und dem Alpöhi-Bart.

Nach einem Jahr hatte er 50'000 Unterschriften zusammen. Die Hälfte. Bei seinen Gegnern wuchs die Schadenfreude. Erste Zeitungen titelten pessimistisch: «Hornkuh-Initiative droht das frühe Aus.» Von da an kämpfte er mit jeder Faser seines handgestrickten Wollpullovers. «Ich fühlte mich wie Obelix, der in den Zaubertrank fiel und Superkräfte entwickelte.» Sein 32-jähriger Sohn und ein Praktikant schauten daheim zu Kühen, Kälbern, Schafen, Ziegen, Hühnern, Hunden, Katzen und dem Esel, bewirtschafteten 17 Hektar Land und 4,5 Hektar Wald.

Der Tierbotschafter tauchte tagein, tagaus an buchstäblich jeder «Hundsverlochete» auf. Das war nicht umsonst. Tagelang brachte der Pöstler säckeweise Post. Der selbstgezimmerte Briefkasten quoll längst über, die riesigen geflochtenen Apfel-Kratten mussten her. Stapelweise ausgefüllte Unterschriftenbögen seiner unzähligen Sympathisanten begruben den glücklichen Bergbauern in seiner Stube. 154'066 Menschen unterstützen seine Initiative «Für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere».

Den Kühen eine Stimme geben

«Mir geht es nicht um den Kampf, sondern die Frage: Was ist uns die Würde der Kuh wert?», sagt Capaul. Obwohl auf fast jeder Postkarte oder Milchpackung eine Kuh mit Hörnern prangt, sind heute neun von zehn Kühen in der Schweiz nicht mehr behornt. Im Alter von wenigen Wochen brennt man den Kälbern die Hornansätze aus. Trotz lokaler Narkose eine schmerzhafte Prozedur. 200'000 Tiere sind jährlich davon betroffen. «Die Kühe können sich nicht wehren, also gebe ich ihnen eine Stimme.»

Die schmerzhafte Prozedur im Video:

Video: YouTube/Landwirt.com

Marianne, Rahel, Milena – das Braunvieh von Capaul trägt die Hörner mit Stolz. «Lang mal a!» Geduldig lässt sich die Leitkuh die imposanten Hörner streicheln. Sie sind warm. Anders als Fingernägel sind sie durchblutet und mit Nerven versorgt. «Durch das Stutzen nimmt man den Kühen ein wichtiges Kommunikationsmittel.» Mit den Hörnern und Stosskämpfen mache das Vieh in der Herde die Rangordnung aus und übermittle Botschaften. Der Hintergrund der Enthornung ist paradox. Dem Tierschutz zuliebe wechselten die Bauern vom Anbinde- zum Laufstall. Dafür mussten die Hörner weg. Die Rechnung ist einfach: Die Kühe brauchen so weniger Platz, was den Ertrag pro Quadratmeter Stall steigert. Rangkämpfe gibt es trotzdem. Die Tiere haben zwar keine klaffenden Wunden, dafür innere Verletzungen. Gleich mehrere Studien gehen deshalb der Frage nach, welche Konsequenzen das Enthornen hat.

«Kostenoptimierte Milchmaschinen» findet man bei Capaul keine. Sanft spricht er zur 16-jährigen Rahel und streicht ihr über den breiten Rücken. Die Kühe sind zurück im Stall. Es ist kurz vor Mittag und Zeit für den Mittagsschlaf. «Eine Kuh ist genügsam und bedächtig.» Noch nie habe ihn ein Tier verletzt. Trotzdem schleift der Bergbauer ihnen das Horn an der Spitze leicht ab. «Sonst haben sie auch mal einen Schranz im Fell.»

«Frauen gebären, sie wissen, was Leben bedeutet. Sie sind intuitiver und können verstehen, dass das Horn zur Kuh gehört.»

Armin Capaul wird in erster Linie von Frauen unterstützt.

Die Tiere sind nicht nur die Nähe zu Menschen gewohnt, sondern auch die Musik von Jimi Hendrix, den Rolling Stones oder Santana. Der Alt-68er hört sie zum Melken und Misten. Die Hippie-Zeit hat ihn damals politisiert, schliesslich war die Liebe zur Natur stärker. Er schloss eine Lehre als Landwirt ab. «Seit 35 Jahren bin ich selbstständiger Bauer, nicht Landwirt.» Ein Bauer sei dankbar für das, was ihm die Natur schenke. Ein Landwirt hingegen kalkuliere, wie ihm Land und Tiere möglichst viel Ertrag abwerfen könnten.

Capaul hat eine Vision. Vergleichbar mit Bio-Artikeln soll es künftig auch Horn-Artikel zu kaufen geben. Erste Versuche wagen Migros und Coop. Seit kurzem bieten sie Demeter-Produkte an: Fleisch, Käse und Milch von Kühen mit Hörnern. Mehrere Dutzend Betriebe beliefern die Supermarktriesen. «Das sind noch zu wenig», sagt Capaul. Ihm schwebt deshalb vor, Horn-Bauern pro Kuh und Jahr mit 500 Franken zu entschädigen. «Das Geld ist vorhanden. Man muss nur die Direktzahlungen anders verteilen.»

Der Bergbauer mit Alpöhi-Bart und Kühen mit Hörnern:

Bild: KEYSTONE

Spricht der Querschläger über Politik, sind seine Worte schärfer. «Es läuft vieles falsch: Die Politiker interessieren sich nur für ihre Wiederwahl, der Service public wird seinem Namen nicht gerecht, und die Verwaltung hat einen Wasserkopf.» Capaul würde deshalb die Hälfte der Beamten des Bundesamts für Landwirtschaft mit «sofortiger Wirkung» entlassen.

Er hat geschafft, wovon Politiker und PR-Büros träumen. Er ist ein Medienstar. Zeitungen aus ganz Europa klopfen bei ihm an. Ein Forscher der Uni Paris schreibt eine Dissertation über ihn. Armin Capauls Erfolgsrezept: «Authentizität und eine Portion Schlitzohrigkeit.» Das komme vor allem bei den Frauen an. Sie hätten ihm schliesslich zum Durchbruch verholfen. «Frauen gebären, sie wissen, was Leben bedeutet», sagt er. «Sie sind intuitiver und können verstehen, dass das Horn zur Kuh gehört.» Der Volksabstimmung über seine Initiative blickt er deshalb guten Mutes entgegen: «Solange das Frauenstimmrecht nicht abgeschafft wird, kommt die Initiative zustande.»

Im August ist er 65 geworden. «Die AHV hats noch nicht gemerkt», sagt Capaul und lacht ein kehliges Lachen. Sie schicke statt Geld noch immer eine Rechnung. Per Ende Jahr übergibt er seinen Hof dem mittleren Sohn. «Ich kann gut loslassen. Er wird es gut machen.» Sich ganz der Politik verschreiben will er aber nicht. «Ich bin kein Politiker, sondern jemand mit gesundem Menschenverstand.»

Für Preis nominiert

Der Bergbauer Armin Capaul (65) verbringt seine ersten Lebensjahre in Ilanz GR. Mit sechs zieht er nach Zürich in den Kreis 5. Nach der Schule absolviert er eine Lehre als Landwirt. Capaul ist mit Claudia verheiratet, hat drei Kinder und vier Enkel. Seit heute ist er für den Agro-Star-Suisse-Preis nominiert. Der «Schweizer Bauer» prämiert damit die Entwicklung neuer Marktideen und die Kreativität von Landwirten.

Die Website Capauls: www.hornkuh.ch

Diese Fotos zeigen, dass die Schweizer Landwirtschaft ziemlich spektakulär ist:

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17 Kommentare anzeigen
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  • zettie94 28.11.2016 21:07
    Highlight Kühe mit Hörnern! Was wollen wir als nächstes in die Verfassung schreiben? Vielleicht dass man Katzen keine Halsbänder mehr anziehen darf?
    Sorry, für solche Dinge ist die Verfassung einfach nicht da, dafür reicht eine Verordnung oder vielleicht ein Gesetz.
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  • sam71 28.11.2016 19:47
    Highlight Ich finde jede Kuh sollte enthornt werden. Nicht nur um die Kühe selbst sondern auch den Landwirten vor Verletzungen zu bewahren. Mein Grossvater hat wegen einer behornten Kuh ein Auge verloren. Wer sowas erlebt hat sieht die Sache etwas anders....
    6 21 Melden
    • dath bane 29.11.2016 06:56
      Highlight Meinem Grossvater hat einmal eine in den Bauch gestochen. Er hat nur überlebt, weil er Glück hatte. Ich denke, die meisten Leute, die von Kühen mit Hörnern schwärmen, sehen sie im echten Leben nur aus sicherer Entfernung.
      3 8 Melden
    • Lami23 29.11.2016 09:04
      Highlight Wir hatten auch Kühe mir Hörner. Niemand wurde je aufgespisst.
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  • Angribull2000 28.11.2016 18:53
    Highlight Oft werden die Kühe enthornt, dass sie sich in "Freilaufställen" nicht verletzen, was ja ein grosser Vorteil ist. Die Verletzungen bei Machtkämpfen im Stall können bei Kühen mit Hörnern grausam sein. Das Risiko wird mit der Enthornung fast auf Null gesenkt. Kühe mit Hörnern zu Halten ist von mir aus gesehen nur möglich, wenn die Kühe angebunden werden. Das finde ich jedoch schlimmer für die Kuh, als keine Hörner mehr zu haben..
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    • Oulimouli 28.11.2016 21:03
      Highlight das ist definitiv kein Argument...ich kenne viele Betriebe (Bio und Demeter)...alle Kühe mit Hörner...seit Jahren keine Probleme...
      und ohne angebundene Kühe...
      es geht also...
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    • AlteSchachtel 29.11.2016 12:05
      Highlight Wenn profitgierige Bauern ein Maximum an Kühen in ihren minimalen gebauten Laufstall pferchen, dann müssen sie enthornen.

      Tatsache ist, dass in einem Laufstall der grosszügig gebaut und an die natürlichen Bedürfnisse der Tiere angepasst ist, Kühe mit Hörner null Probleme verursachen. Ich kenne solche Betriebe und es ist wunderbar zu sehen, wie sie ihre wirklich artgerechte Haltung geniessen können.
      4 0 Melden
    • Skip Bo 29.11.2016 19:57
      Highlight Alte Schachtel, sorry für die Anrede, wenn es so einfach wäre wie du sagst, gäbe es in sehr vielen Laufställen behornte Kühe. Rangkämpfe und Futterneid werden durch ein grösseres Platzangebot nicht vermieden. Am wirksamsten sind gute Fluchtmöglichkeiten für die rangniederen Tiere. Oft muss ein agressives Tier aus der Herde genommen werden.
      Ich war nicht profitgierig und musste meine Kühe im nachhinein enthornen und darauf bin ich nicht stolz.
      Sicher gibt es behornte Herden wo es funktioniert.
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  • BerriVonHut 28.11.2016 18:31
    Highlight Momentan weiss ich noch nicht, was ich von der Inititive halten soll... Dass die Kühe ihre Hörner behalten sollen, versteht sich von selbst. Aber ich bin gegen jede Erhöhung von Direktzahlungen... Die Bauern erhalten be reits 2.8 Miliarden. Stellt euch mal vor, ein ander Berufszweig erhielte so viel.....
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  • JaneSoda 28.11.2016 18:19
    Highlight Ein toller Doku zum Thema Kuh und Horn:

    http://m.srf.ch/sendungen/netz-natur/vom-kuh-sein
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  • Liv_i_am 28.11.2016 17:19
    Highlight Seit Jahren versucht man, das komplizierte und bürokratische Direktzahlungssystem zu vereinfachen. Genau wegen solcher Ideen wird das nicht funktionieren.
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  • ignisanulum 28.11.2016 15:54
    Highlight Das gegen die Enthornung etwas unternommen werden will, ist durchaus ein berechtigtes Anliegen - aber das Problem gleich mit in der Verfassung verankerten Direktzahlungen lösen zu wollen, ist doch Schwachsinn..
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    • Jaing 28.11.2016 16:09
      Highlight Kommt noch hinzu, dass dadurch die Anbindehaltung indirekt gefördert wird.
      17 11 Melden
    • John Smith (2) 28.11.2016 16:19
      Highlight Wenn man als Privatperson etwas gegen den geballten Widerstand sämtlicher Lobbyisten durchsetzen will, dann hat man halt gar keine andere Möglichkeit als die Initiative.
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    • John Smith (2) 28.11.2016 16:44
      Highlight @ Jaing: Da gibt es gar nichts zu fördern: Die Anbindehaltung ist verboten und punkt. Es braucht lediglich eine zweite Türe im Stall, durch welche die Tiere einander ausweichen können, aber das ist den Bauern halt bereits zu teuer.
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    • dummi h 28.11.2016 18:59
      Highlight @john smith
      Anbindehaltung ist gar nicht verboten. Man darf kühe noch angebunden haben sie müssen einfach eine gewisse fläche platz haben und soweit ich weiss muss man sie einfach all soviel zeit nach draussen lassen. alle ställe die ich kenne haben 2 türen oder mehr
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    • Eskimo 28.11.2016 19:00
      Highlight Die Anbindehaltung ist soviel ich weiss nicht verboten.
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