Schweiz

Gestatten: Sebastian Nübling, Regisseur. Bild: sme

Aufstand! Das Zürcher Schauspielhaus rechnet mit Schweizer Medien ab 

«In Formation» wird das Theaterprojekt der Saison. Weil es von richtig wütenden Menschen gemacht wird. Sein Ziel: Leute, denkt endlich mal wieder über euer Verhältnis zu den Medien nach!

Publiziert: 01.12.16, 13:22 Aktualisiert: 01.12.16, 15:26

Der Mann ist ein Medienaktivist. Gegen aussen ist er irrsinnig nett. Klar, er redet ja auch Berndeutsch. Doch innendrin hat er seit Jahren eine Wut. Der Mann heisst Guy Krneta. Normalerweise ist er Schriftsteller, Theater-Autor, Spoken-Word-Artist. Als Medienaktivist hat er 2010 «Rettet Basel!» gegründet, die Initiative für eine SVP-unabhängige Tageszeitung in Basel. «Rettet Basel!» ist der giftige Dorn in der Seite von BaZ-Chef Markus Somm und BaZ-Besitzer Christoph Blocher.

Krnetas Partner, der Regisseur Sebastian Nübling, ist sowieso immer wütend. Er hat quasi wütend vor ein paar Jahren die Theaterszene betreten. Allerdings sind nur seine Inszenierungen wütend, Stücke über Fussballhooligans, Flüchtlinge, Jugendgewalt, er selbst: der netteste Kerl der Gegenwart. Und schliesslich ist da die Frau: Muriel Gerstner, eine der aufregendsten Bühnenbildnerinnen Europas und Konzepterin. Zu dritt entwickeln sie gerade im Schiffbau «In Formation», einen Theaterabend über den Medienwandel.

Und das sind die Aufständischen: Sebastian Nübling, Muriel Gerstner, Guy Krneta (von links). Bild: sme

Schon einmal hat 2016 jemand gerufen: «Let’s get in formation!» Das war jedoch kein Theater, das war Beyoncé, die in ihrem Song «Formation» zum organisierten Widerstand von schwarzen Frauen aufrief. Und natürlich auch dazu, sich Information anzueignen und dadurch Kraft zu gewinnen.

Wissen als Widerstand gegen den Wertewandel. Klingt einleuchtend. Im Schiffbau wie bei Beyoncé.

Auf Gerstners Probebühne liegen Emoji-Masken herum und leuchtende Like-Finger. Die Zuschauer sitzen wie im Fussballstadion, bloss steht in der Mitte des Spielfelds ein Sitzungstisch. Dort werden die Schauspieler den Medienwandel performen und besprechen. Werden sich um das Sterben von Print, um die Verwandlung des Lesers in den User kümmern und um diesen verrückten medialen Kurzschluss zwischen einem Donald Trump und seinen Wählern, der die vierte Gewalt hinfällig macht.

«Was neu ist, ist diese direkte Kommunikation zwischen der Politik und den einzelnen Wählern», sagt Nübling, «Trump macht einen Umweg um den ganzen Journalismus herum und trifft uns auf Augenhöhe auf Twitter und YouTube. Das ist pseudodemokratisch und pseudofamiliär.» Nübling interessiert auch das «Thrillermässige»: «Was geschieht, wenn ein Medienhaus durch ökonomische Zwänge anfällig wird für Übernahmen?»

Modell des Bühnenbildes. Eine Durchmischung von Schauspielern und Publikum ist erwünscht. Bild: sme

Gerstner will, dass an ihrem runden Tisch geklärt wird, «wie man sich das Rüstzeug sichert, um unsere Form von Staat zu verhandeln». Wie man nach dem medialen Kollaps der amerikanischen Präsidentschaftswahl wieder zu einem Vokabular findet. «Einfach nur Fakten mehr oder weniger analytisch auf einen Nenner zu bringen, wie Clinton das tut, reicht offenbar nicht mehr, das ist nichts mehr wert.»

Die grossen Fragen sind: Was wissen wir aufgrund unseres Medienverhaltens eigentlich? Wer sind wir? Und was sind Medien wert?

«In Formation» hat ein klares Ziel: «Die Zeit der Beschaulichkeit ist vorbei», sagt Nübling, «wir wollen die Leute auffordern, aktiv zu werden. Wir sagen: Ey, wenn ihr irgendwo irgendwas gut Recherchiertes lesen möchtet, müsst ihr dafür bezahlen und zwar von euch aus. Wartet nicht, bis es jemand für euch tut.» Am liebsten würden sie jeden Abend Geld sammeln. Zum Beispiel für den Recherchierfond der WoZ.

Like me! Bild: sme

Für ihr Medientheater benutzen Krneta, Nübling und Gerstner zwei Textgrundlagen. Zum einen sind das Spoken-Word-Szenen, die Krneta aus seinem Recherchematerial über Basler und Zürcher Medien geformt hat. Dinge wie Abokündigungen oder Chefredaktorsansprachen sind dabei. Texte mit Rhythmus, Druck und Tempo, wie sie Nübling schon immer gern verwendet hat.

Und ein bisschen Romantik natürlich. Schliesslich ist Krneta ein alter Print-Junkie: «Ich war süchtig nach der Frankfurter Allgemeinen! Ich konnte nicht mehr leben ohne die Zeitung. Ich schnitt Artikel aus, ich sammelte sie.»

Nostalgiker Nübling geht gern durch leere 1.-Klasse-Zugwaggons und sammelt die liegen gebliebenen Zeitungen ein.

Zum andern ist das ein Expertengespräch zwischen Miriam Meckel, Elisabeth Bronfen, Constantin Seibt und Dirk Baecker. Also zwischen drei Profs und einem Journalisten. Meckel lehrt Kommunikationsmanagement in St. Gallen. Sie ist das Gegenteil einer Mediennostalgikerin. Sie war eine der ersten Digitaleuphorikerinnen und eins der ersten Opfer von digitalem Burnout. Bronfen ist Anglistin und begleitete auf SRF die grosse amerikanische Wahlnacht, Seibt schreibt bald nicht mehr im «Tages-Anzeiger» und versucht sich als Revolutionär, Baecker ist Soziologe.

Meckel, Bronfen, Seibt, Baecker (von links). Nein, das war jetzt eine Fake-Info. Bild: sme

Die vier wurden zwei Stunden lang auf der Probebühne «eingesperrt» und was sie gesagt haben wird im Stück als Metatext verwendet. Unter den Zuschauern wird jeden Abend ein anderer Fachmensch für Medienfragen sitzen. Das Publikum darf sich einmischen und mitreden und sich auch mal mit an den medienanalytischen Stammtisch im Zentrum setzen.

Der Schiffbau, wo «In Formation» am 17. Dezember Premiere hat, befindet sich im Bermuda-Dreieck der kleinen Radikalen: Die «WochenZeitung» (total links), watson (links) und die «Weltwoche» (rechtsextrem) sind in der direkten Nachbarschaft des Schiffbaus. Weiter weg: Die grossen Verlagsschiffe, die Tamedia, die NZZ, Ringier. Etwas dezentraler: Das Radiostudio der SRG. Am Stadtrand: Das Schweizer Fernsehen. Zürich ist eine Medienstadt. «In Formation» könnte in Zürich zünden. Wird in Zürich zünden und darüber hinaus.

Hier gehts zu den Spieldaten und den Fachgästen von «In Formation».

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  • E. Regiert 01.12.2016 18:07
    Highlight Der Grund warum ich nicht in das Theater gehe: Dort soll ich moralinsauer belehrt werden, statt geistreich und sinnlich unterhalten.
    Künstler, erkennt Eure Verblendung! Ihr seid keine Weltverbesserer. Ihr seid und macht Zeitvertreib und Schmuck. Euer Nutzen liegt einzig und allein im Vergnügen, das ihr uns bereitet.
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    • Oberlehrer 01.12.2016 20:05
      Highlight Sehe ich nicht so; das Theater sollte sich unbedingt mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Allerdings stimme ich Ihnen zu, dass zu viel Didaktik oft auf Kosten der künstlerischen Qualität geht. Beim Krneta-Projekt befürchte ich, dass es eine Fortsetzung von "Rettet Basel" in Bühnenform wird. Falls es um eine reine Antipathie-Bekundung gegen "BaZ" und "Weltwoche" geht:
      1. Das ist legitim. Aber ist politischer Aktivismus auch Kunst?
      2. Rennt man damit nicht offene Türen ein?
      3. Hatten wir davon nicht schon genug (M. Raus "Schauprozess" und P. Ruchs "Tötet Köppel")?
      2 1 Melden
    • Rafi Hazera 02.12.2016 00:12
      Highlight Wenn Kunst einzig und allein Vergnügen bereiten soll, ist dann Masturbation auch Kunst?

      «MAMA! Klopf doch an!»
      «Was machst du da?!»
      «KUNST!»
      5 2 Melden
    • E. Regiert 02.12.2016 09:01
      Highlight @Rafi: Ich bin mir sicher, dass irgendwelche Künstlerinnen und Künstler längst schon die Masturbation als künstlerische Ausdrucksform entdeckt haben und sie als Performancekünstler nutzen abseits der Pornokulturgutindustrie.
      Alles was ein Mensch tut, dient im weitesten Sinne der Befriedigung seiner vielfältigen Bedürfnisse. Auch der Besuch eines Theaters, ist letztlich Selbstbefriedigung. So gesehen, ist das Leben ein einziger langer Wix.
      0 1 Melden
    • E. Regiert 02.12.2016 09:11
      Highlight @Oberlehrer: Warum sollte das Theater sich überhaupt mit gesellsch. Fragen auseinandersetzen, sprich Hort der Gesellschaftskritik sein?
      Das Theater steht historisch und kulturell jedem Bordell näher als einer Kirche. Daher ist das Theater alles andere als eine ernstzunehmende, moralische Instanz. Weshalb also muss Gesellschaftskritik ausgerechnet im Theater, quasi rituell, stattfinden?
      0 2 Melden
    • Oberlehrer 02.12.2016 11:17
      Highlight Ich sehe "das Theater" mitnichten als moralische Instanz und teile Ihre Skepsis gegenüber quasi-ritueller Gesellschaftskritik. Vor allem dann, wenn sich relativ homogene Gruppen an den immergleichen Themen abarbeiten, um sich gegenseitig ihrer moralischen Überlegenheit zu vergewissern (ich würde z.B. einen Hunderter darauf verwetten, dass Krnetas & Co. Folge 538 von "böse Weltwoche / BaZ" inszenieren werden). Gesellschaftskritik à la "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" hat mich unterhalten und ins Grübeln gebracht. Das reicht für mich als Legitimation.
      2 0 Melden
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  • pamayer 01.12.2016 16:06
    Highlight Ein sehr sympathischer Mensch. U redt bärndütsch, auä. Das isch e träfi Bescheinigung. U drzue où no korräkt. Mässi viumou, Simone!
    10 8 Melden
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  • el lobo 01.12.2016 15:18
    Highlight "...fakten analytisch auf einen nenner bringen wie clinton..."

    ......muuahahah

    Haalt, ruuhig, pcp's, nicht durchdrehen, ich hab selbstverständlich bernie die daumen gedrückt.
    21 1 Melden
    • ElendesPack 01.12.2016 19:30
      Highlight Bei dem Satzteil musste ich auch lachen...Theater kann auch heute noch lustig sein, wer hätte das gedacht....
      3 0 Melden
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  • Redly 01.12.2016 14:10
    Highlight Aufstand?
    Auf Kosten des Steuerzahlers? (Schauspielhaus ist faktisch Staatstheater)
    Ich lach mich krumm.
    Da kann jemand nicht akzeptieren, dass es andere Meinungen gibt ausserhalb seiner Blase.
    44 31 Melden
    • Rhabarber 01.12.2016 14:42
      Highlight Was hat denn jetzt ein allgemeines Hinterfragen von Wertewandel und Medien mit einer Einzelmeinung zu tun?
      Genau sowas soll gute und gesunde Kunst tun! Gerne auch mit Steuergeldern. Den durchschnittlichen Menschen da draussen auf Dinge aufmerksam machen, die er gar nicht mehr erkennen kann oder will.
      37 21 Melden
    • Rhabarber 01.12.2016 15:48
      Highlight Das ist getrumpt. Einfach mal die Realität zurechtbiegen, damits ins eigene Weltbild passt.
      10 22 Melden
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  • Stipps 01.12.2016 13:45
    Highlight Schade und ich dachte, Sie hätten den Weg weg vom weißen Mann unter die Füsse genommen.
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  • Oberlehrer 01.12.2016 13:32
    Highlight "«WochenZeitung» (total links), watson (links) und die «Weltwoche» (rechtsextrem) "

    Das Problem schön umschifft, Frau Meier! ;-)
    31 7 Melden
    • JoeyOnewood 01.12.2016 17:17
      Highlight Bin gar kein Weltwoche-Fan aber man hätte es bei "total rechts" belassen können...
      15 3 Melden
    • Oberlehrer 01.12.2016 18:26
      Highlight Dann hätte Frau Meier auf der Extremismus-Skala aber Äquidistanz zwischen der WoZ und der "Weltwoche" hergestellt. Das ging natürlich gar nicht.
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