Schweiz

Suba (l.) aus Sri Lanka und Husein aus Syrien im Studio von Kanal K.
Bild: Sandra Ardizzone / AZ

«Danke für die Chance auf ein neues Leben»: Flüchtlinge schreiben offenen Brief an die Bevölkerung

Heute Samstag ist nationaler, am Montag internationaler Flüchtlingstag. Aus diesem Anlass haben 20 Flüchtlinge aus Aarau und Umgebung einen offenen Brief an die Aargauer Bevölkerung verfasst.

18.06.16, 17:25 19.06.16, 11:16

Mario Fuchs / aargauerzeitung

Suba, 39, Sri Lanka, und Husein, 26, Syrien, sitzen im obersten Stock des Kanal-K-Hauses. Vor dem Fenster das Gleisfeld des Aarauer Bahnhofs. Auf dem Sitzungstisch liegen A4-Blätter.

«Danke für die Gastfreundschaft. Danke auch für die Geduld, die Sie mit uns aufbringen.»

Die beiden üben einen Text ein. Einen, der ihnen sehr am Herzen liegt: «Offener Brief des Clubs Asyl Aarau an die Bevölkerung des Kantons Aargau im Hinblick auf den Flüchtlingstag 2016».

Die Tamilin Suba liest vor: «Unsere erste und wichtigste Botschaft ist ein grosses Danke. Danke für die Gastfreundschaft. Danke, dass wir hier in Sicherheit leben dürfen. Danke für die Chance, ein neues Leben aufbauen zu können. Danke auch für die Geduld, die Sie mit uns aufbringen.»

Anna von Wyl, Projektmitarbeiterin des Projekts BBB (Asyl mit Bildung, Begegnung, Beschäftigung), hört aufmerksam zu.

Dann sagt sie: «Wenn du ‹Ein grosses Danke› sagst, muss ich das hören. Es soll sich nicht anhören wir irgendein Brief, sondern wie euer Brief!» Suba wiederholt, betont die Stelle bewusst. «Ja genau! So muss das klingen!»

Aus 20 Briefen wurde schliesslich einer

Es war an einem Samstag im März, als im Club Asyl Aarau die Idee geboren wurde, einen offenen Brief zu schreiben.

In der Gruppe treffen sich monatlich Flüchtlinge, die schon länger im Aargau leben und mit ihrer Erfahrung Neuankömmlingen helfen.

«Wenn wir neu in der Schweiz sind, können wir die Angst, die wir aus unserem früheren Leben mitnehmen, nicht sofort ablegen.»

Im März erhielten sie bei Kanal K, einem nichtkommerziellen Gemeinschafts- und Ausbildungsradio, eine Studioführung. Sie wurden gebeten, spontan einige Sätze aufzuschreiben und ins Mikrofon zu sprechen.

BBB-Projektleiterin Rahel Wunderli merkte schnell, dass die Flüchtlinge mehr zu sagen hätten, ja gerne mehr sagen würden. Aus den Sätzen wurden Briefe.

Und sechs Frauen und Männer übernahmen die schwierige Aufgabe, aus rund 20 Briefen einen zu machen. Suba erzählt, «man habe viel diskutiert, sich gefragt, wie man von den täglichen Sorgen erzählen und gleichzeitig eine positive Nachricht übermitteln könnte. «Dann haben wir gemerkt, dass wir den Leuten zuerst erklären müssen, wie wir leben und wie wir uns fühlen.»

So heisst es im Brief entwaffnend ehrlich: «Wenn wir neu in der Schweiz sind, können wir die Angst, die wir aus unserem früheren Leben mitnehmen, nicht sofort ablegen. Es dauert eine Weile, bis wir uns hier sicher fühlen. Alles ist am Anfang fremd für uns. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Wir machen Fehler.»

«Integration braucht gegenseitig Offenheit, braucht Respekt und Zeit. Wir sind dabei auf Ihre Unterstützung angewiesen.»

Die Unterzeichnenden erklären, warum Integrationsangebote vom ersten Tag an für Sie das Beste wären. Warum das Leben in der Asylunterkunft belastend sein kann. Warum sie so schnell wie möglich arbeiten möchten, um den Aargauer Steuerzahlern nicht auf der Tasche zu liegen.

«Wir hätten noch viel mehr in den Brief packen können. Aber man kann ja nicht vier Seiten vorlesen, da würde niemand zuhören», sagt Suba und lacht.

Die Gruppe hat sich anstelle von mehr Worten für eine Tat entschieden. So heisst es im Brief: «Integration braucht gegenseitig Offenheit, braucht Respekt und Zeit. Wir sind dabei auf Ihre Unterstützung angewiesen. Bitte treten Sie als Nachbarn und Nachbarinnen an uns heran, nehmen Sie sich Zeit und besuchen Sie uns, wenn wir Sie zu uns einladen.»

Die Message ist klar: Wer Vorurteile oder Angst hat vor den Fremden, ist herzlich willkommen.

Flüchtlinge hoffen auf Vertrauen

Nach mehrmaligem Lesen sitzt der Text bei Suba und Husein. Sie gehen die Treppe hinunter ins Studio, richten das Mikrofon.

«Muss ich die Kopfhörer aufsetzen?», fragt Husein. Dann klickt die Aufnahmeleiterin mit ihrer Computermaus. Die Mikrofone leuchten rot auf. Mit wenigen Holperern lesen die zwei die Botschaft ein.

Man sieht ihnen förmlich an, wie viel Mut es gekostet hat, sich in einem fremden Land mit so viel Ehrlichkeit an die Bevölkerung zu richten.

Für ein Foto für die Zeitung reicht der Mut am Schluss nicht mehr. Was, wenn die Ehrlichkeit als Provokation verstanden wird? Die innersten Wünsche als unanständige Forderungen?

Am Schluss heisst es im Brief: «Unsere Vision ist, dass das Vertrauen auf beiden Seiten wächst und dass wir hier als gleichberechtigte Menschen leben und uns einbringen können.»

Der offene Brief im Wortlaut:

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23Alle Kommentare anzeigen
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  • rodolofo 19.06.2016 17:58
    Highlight Aber ist doch gerne geschehen!
    6 6 Melden
  • Kookaburra 19.06.2016 16:00
    Highlight ... Es soll sich nicht anhören wir irgendein Brief, ...
    2 0 Melden
  • Ingmar Blessing 19.06.2016 14:48
    Highlight "...Es ist einfach nur typisch für die Eliten. Sie kontrollieren die Politik, kontrollieren die Medien, kontrollieren die Kultur - aber sie können nicht das Volk kontrollieren. Und das macht sie verrückt. Wenn sie es könnten, sie würden sich ein neues suchen..." http://inselpresse.blogspot.de/2016/06/breitbart-pamela-geller-meint-merkel.html
    12 3 Melden
  • Töfflifahrer 19.06.2016 14:22
    Highlight Und bereits ist die Verallgemeinerung wieder da, wenn man einige Posts liest.
    So wie auch bei den Schweizern, ja auch den Eidgenossen, gibt es auch bei Flüchtlingen, Migranten, Asylbewerbern solche und solche. Also hört doch einfach mal mit der Verallgemeinerung auf!
    12 9 Melden
    • Ingmar Blessing 19.06.2016 14:50
      Highlight Warum? 7 Milliarden Einzelfälle bearbeiten ist viel zu teuer und angesichts der Fehleranfälligkeit auch zu gefährlich. Bei Landsleuten weis man idR wo man dran ist, weil sie gleich sozialisiert wurden, aber was ist mit Somaliern, Afghanen und Syrern? Wer weis schon wie die kodiert sind und was da im Kopf vorgeht.

      Da ist Vorsicht angezeigt. Lieber einmal zu oft falsch nein gesagt als einmal falsch ja gesagt. In den USA hat mans ja letztens wieder gesehen: Eine falsche Einreiseerlaubnis, und schon sind 50 Leute tot.
      17 18 Melden
    • Fabio74 19.06.2016 22:01
      Highlight @ingmar. Der Typ ist in NYC geboren. Von wegen Einwandern. Und im Weiteren: Die Amokläufer in USA sind in sehr grosser Tahl weisse, christliche Männer
      7 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.06.2016 22:50
      Highlight @Töfflifahrer: Solange Integtationswille und -fähigkeit keinen Einfluss auf das Asylverfahren haben, gibt es auch keinen Anlass, zu differenzieren.
      2 3 Melden
  • Str ant (Darkling) 18.06.2016 18:46
    Highlight Ein Teil des Integrationsproblems ist das man in einem Land wie der Schweiz in dem viel Dialekt gesprochen wird nach und während dem Deutsch lernen keinen Focus auf Dialekt legt was automatisch zu einem Reibungspunkt führen kann.

    Der Dialekt der Gang und Gäbe in der Schweiz ist muss von Anfang teil der Sprachkunde sein
    29 46 Melden
    • Stachanowist 18.06.2016 22:30
      Highlight Deutsch ist schon hart genug, wenn man eine vollkommen unverwandte Sprache wie Arabisch oder Tigrinya spricht. Zudem gibt es für die Mundart keine Grammatik, die aber zum Erlernen einer Sprache im schulischen Rahmen extrem wichtig ist.

      Wenn ein Migrant Hochdeutsch spricht, reicht mir das allemal.
      75 14 Melden
    • Pipapo 19.06.2016 20:12
      Highlight Auch Schweizerdeutsch kennt Grammatikregeln. Gruss einer Lehrkraft u.a. für CH-deutsch
      8 2 Melden
    • Stachanowist 19.06.2016 20:43
      Highlight @ Pipapo

      Das ist klar. Jede Sprache folgt Regeln. Ich bisch Schriiner geht auch auf ch-deutsch nicht. Die Frage ist aber, ob diese Regeln standardisiert und in eine normative Grammatik gegossen wurden oder nicht. Ch-deutsch ist nicht standardisiert. Das macht das Lernen nicht einfacher, was Sie sicherlich wissen.
      3 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.06.2016 23:04
      Highlight @Stachanowist: Mir persönlich reicht es, wenn ein Migrant hochdeutsch spricht und Mundart versteht. Man muss sich aber bewusst sein, dass jemand der nicht Dialekt spricht, in der Deutschschweiz nicht wirklich integriert ist.
      4 1 Melden
  • demokrit 18.06.2016 17:57
    Highlight Ich komme gerade von einer rotgrünen Schulterklopf-Diskussionsrunde organisiert vom SAH-Zentralschweiz: Da hat ein Syrer die Unterbringung in Zivilschutzanlagen und die Unterbringung auf dem Glaubenberg mit Gefängnissen verglichen, die es Flüchtlingen verunmöglichen würden, Deutsch zu lernen. Für eine solche Anspruchshaltung habe ich gar nichts übrig.
    82 58 Melden
    • Yolo 19.06.2016 08:46
      Highlight Komisch, in einem isolierten Bunker erlernt man die Landessprache um einiges schlechter, wie kommt dies nur?! /Ironie
      12 34 Melden
    • demokrit 19.06.2016 11:15
      Highlight @Yolo: Mumpitz: Die Leute haben in der Zentralschweiz 3 mal in der Woche Deutsch und meistens noch ein oder zweimal mit Freiwilligen. Zudem sprechen auch die Betreuer Deutsch. Problematisch ist da bei einigen schon eher die Motivation, die Angebote auch zu nutzen.
      30 6 Melden
    • demokrit 19.06.2016 11:51
      Highlight Und was die Bunker angeht: Die mutet man unseren Rekruten auch zu und sie sind sicher besser ausgestattet als eine durchschnittliche SAC-Hütte.
      29 6 Melden
    • Yolo 19.06.2016 14:28
      Highlight Was hat die SAC-Hütte mit dem Erlernen der Sprache zu tun? Darum geht's ja überhaupt gar nicht. Das erlernen der deutschen Sprache ist nicht so eine triviale Angelegenheit, wie du es darstellst. Da genügt 3x wöchentlich einen Kurs und etwas mit Freiwilligen palavern freilich wenig, um sich in Wort und Schrift sicher zu verständigen können. Vor allem wenn es eine neue Sprach und Schrift zu erlernen gilt.
      8 18 Melden
    • Anam.Cara 19.06.2016 14:32
      Highlight @demokrit: Sicher ist es einfacher, wenn man in einem Dorf untergebracht ist. Da lernt man auch durch Beobachtung und zuhören (nicht nur Deutsch, sondern auch das ortsübliche Verhalten).

      Ich habe die "Schulterklopfrunde" nicht erlebt und kann daher nicht sagen, was wie gesagt wurde.
      Wir haben manchmal auch die Tendenz eine relativ wertfreie Beschreibung als Angriff und Forderung zu verstehen. Aber wie gesagt: ich war nicht dabei.

      Zu den Bunkern: ich war auch Rekrut in einer Zivilschutzanlage. Aber mit Vollbeschäftigungs-Programm und Wochenend-Urlaub. Und nicht 7x24 Std über Monate.
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    • demokrit 19.06.2016 16:17
      Highlight Wenn man Zivilschutzanlagen mit Gefängnissen gleich setzt aber - wie er das getan hat. Das ist dann auch keine wertfreie Aussage.

      Es ist möglich Deutsch in 1.5 Jahren auf einem A2-Niveau zu sprechen. Verständlich in 9 M. Wenn man sich einsetzt, reicht das durchaus und das Problem liegt - wie gesagt - aus eigener Erfahrung bei einigen bereits an der Motivation zum Kursbesuch. Oder auch daran, aus religiösen Grünen nicht mit freiwilligen älteren Frauen sprechen zu wollen.

      Die Unterbringung findet hier zum Glück auf Gemeindeebene statt, also meist in Dörfern. Vereinsteilnahme ist auch möglich.
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    • Anam.Cara 19.06.2016 18:46
      Highlight @demokrit: einverstanden. Im Gefängnis-Vergleich steckt eine Kritik. Es ist die unpassende Aussage eines einzelnen Syrers.

      In jener Asyl-Zivilschutzanlage, die ich kenne, beklagen sich die Bewohner nicht. Im Gegenteil, sie sind dankbar für jede Unterstützung.
      Und jene, die sich hier eine Zukunft wünschen, lernen auch motiviert Deutsch. Was in einem Dorf wegen der Interaktion immer noch einfacher ist, als auf dem Glaubenberg.

      Ich fände es allerdings schade, wenn man von diesem einzelnen Syrer auf alle Asylsuchenden schliessen würde.
      7 3 Melden
    • demokrit 19.06.2016 19:23
      Highlight @Anam: 'Ne Beleidigung. Ich habe in der Asylunterkunft, wo ich Deutsch-Konvo anbiete, einmal eine ähnliche Bemerkung über die 22:00-Nachtruhe"sperre" gehört. Problematisch sind auch ein paar strenggläubigen Sunnis, die keinen grossen Kontakt mit ungläubigen Schweizern eingehen wollen, andererseits eben die Unmotivierten. Ich finde, man darf auch nicht immer alles beschönigen, auch wenn Leute wie Frau Weichelt (Grüne) solche Realitäten bei der Diskussion nach Ulrich Tilgners Vortrag gleich wieder mit irgendwelchen unterstellten Traumas abwürgen.

      Aber keine Sorge, das tue ich sicher nicht.
      9 2 Melden
    • Anam.Cara 20.06.2016 07:31
      Highlight @demokrit: richtig. Integration braucht gegenseitig Respekt und Goodwill.
      Und ja, man darf nicht alles beschönigen. Dennoch muss das Thema differenziert betrachtet werden.
      Wenn ich etwas Negatives lese, reagiert bei mir der Verteidigungsreflex. Dabei sind wir uns vermutlich durchaus einig, auch wenn Du vor allem die negativeren Seiten beschreibst.
      Hoffen wir, dass am Schluss die Genügsamen und Bescheidenen diese Welt gestalten.
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    • demokrit 20.06.2016 09:01
      Highlight @Anam: Positivere Seiten sind vielleicht die organisierten Theateraufführungen und die arabische Gastfreundschaft. Aber ich sehe das immer sehr zwiespältig: Weil, letztlich nützt ihnen (hier sowieso sehr verhaltene) kulturelle Sympathie herzlich wenig, es zählen die Anforderungen des Arbeitsmarktes und da konkurrieren sie mit Leuten die arbeitslos sind, oft sogar mit Schweizer Zertifikaten ausgestattet, die perfekt deutsch sprechen - einfach, weil sie hier geboren sind. Auf der Freizeitebene (gerade in der Schweiz) ist der lokale Verein unabdingbar, wenn man Kontakte braucht.
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