Schweiz

Niemand will dort arbeiten – jetzt muss die reformierte Kirche ihre Lehrstellen streichen

Bild: KEYSTONE

Die Reformierte Landeskirche Zürich muss ihre Lehrstellen streichen. Seit vielen Jahren gab es Probleme bei der Stellenbesetzung. Zuletzt liessen sich für den Job gar keine Lehrlinge mehr finden.

13.09.17, 14:04 13.09.17, 18:00

Während vieler Jahre war es möglich, bei der Reformierten Landeskirche Zürich eine kaufmännische Lehre zu absolvieren. Die Ausbildung umfasste, wie jede andere kaufmännische Lehre auch, das Erlernen von administrativen Tätigkeiten, betriebswirtschaftlichen Prozessen oder Sachbearbeitungsaufgaben. Eine Mitgliedschaft in der Kirche war für den Job nicht Voraussetzung. 

Nun aber mussten die gesamtkirchlichen Dienste der Reformierten Zürcher Landeskirche ihre Lehrstellen streichen. Dies, weil sich keine Bewerber mehr finden liessen. Laut Nicolas Mori, Sprecher der Reformierten Kirchen, war es 2014 das letzte Mal, dass die Kirche einen Lehrling einstellen konnte. Inzwischen habe diese nun die Lehre abgeschlossen. Einen Nachfolger habe man nicht mehr gefunden. «Offenbar ist es für Junge einfach nicht attraktiv, bei der Kirche zu arbeiten», sagt Mori.

In früheren Jahren hat es laut Mori bis zu vier Lehrlinge gleichzeitig in der Ausbildung gehabt. Dass man sich vor fünfzehn Jahren dafür entschieden hat, in der Landeskirche Lehrstellen zu schaffen, sei eine Reaktion auf den damaligen Lehrstellenmangel gewesen. «Ich kann mich noch gut an den Entscheid erinnern», sagt Mori. «Wir sagten uns, dass auch wir handeln müssen. Schliesslich haben wir als Kirche eine hohe Verantwortung.»

Von Beginn weg waren die kaufmännischen Lehrstellen bei der Landeskirche allerdings bei den Jugendlichen nicht besonders begehrt. «In der Regel trafen die Bewerbungen erst bei uns ein, nachdem die Lehrstellensuchenden bereits zahlreiche Absagen erhalten hatten», sagt Mori. So sei darum das schulische Niveau der Bewerbenden für ein erfolgreiches Bestehen der Lehre oft kritisch gewesen und entsprechend hätten sie Mühe gehabt, im Anschluss an die Lehre eine Stelle zu finden.

Dabei sei eine Ausbildung bei der reformierten Kirche durchaus attraktiv gewesen. «Sie gab Einblicke in die verschiedene Bereiche der Verwaltung, war darum spannend und abwechslungsreich», sagt Nicolas Mori. 

Zuletzt habe man einsehen müssen, dass es keinen Sinn mehr mache, etwas anzubieten, nach dem nicht gefragt wurde. Denn die Entwicklungen im kaufmännischen Sektor – die Konkurrenz durch die Berufsmatura, die Auslagerung in Billiglohnländer, die Digitalisierung – seien derart rasant, dass das Lehrstellenangebot in diesem Bereich nicht mehr marktgerecht sei, so Mori. Auch das gesamtschweizerische Überangebot von Lehrstellen habe das KV bei der reformierten Kirche obsolet gemacht. 

Neben Problemen bei der Lehrlingssuche hat die reformierte Kirche auch mit einem Mitgliederschwund zu kämpfen. 1970 bekannte sich noch jede zweite Person in der Schweiz zur reformierten Kirche. 1990 waren es noch 40 Prozent, 2000 noch rund 34 Prozent und 2014 waren es 25 Prozent. Dass die Streichung der Lehrstellen aufgrund einer Kosteneinsparung wegen Mitgliederschwund erfolgt, negiert Mori jedoch.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • Nina-Loreena 13.09.2017 21:46
    Highlight Wenn ich im unterwegs bin und Leute mich fragen was ich arbeite ist die Antwort Grafikerin und Layouterin für die meisten «mega cool». Auf die Frage wo ich denn arbeite: «Bei der reformierten Kirchgemeinde», machen fast alle einen Schritt zurück. Mit einem wissenden Blick auf mich, «Aha so e
    8 0 Melden
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  • olmabrotwurschtmitbürli 13.09.2017 20:01
    Highlight Ich kann mir vorstellen, dass viele Lehrlinge nicht wollen, dass im Lebenslauf ein Tendenzbetrieb als Meilenstein der Ausbildung angeführt werden muss. Damit riskiert der Lehrling, dass seine Bewerbung bei der Jobsuche weniger ernst genommen wird, als jene seiner Mitbewerber.

    Das meine ich nicht abwertend: Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Lehrstellen in der kirchlichen Administration im Aufgabenbereich fachlich vielseitig und geeignet wären.
    12 0 Melden
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  • The Writer Formerly Known as Peter 13.09.2017 19:52
    Highlight Das Marketing der Kirche ist total lausig! Vielen ist gar nicht bewusst, dass die Kirche vielen Menschen in der Not hilft und wichtige soziale Leistungen übernimmt. Hier müsste man einmal besser kommunizieren und auch die Jungen abholen! Ich denke, das wäre auch im Sinne unseres Herrn... bhüeti!
    15 2 Melden
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  • Paganapana 13.09.2017 16:57
    Highlight Arbeit vortäuschen vor Gott? Man würde täglich sündigen, das will doch keiner ;)
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  • seventhinkingsteps 13.09.2017 16:32
    Highlight «Offenbar ist es für Junge einfach nicht attraktiv, bei der Kirche zu arbeiten»

    Tönt ziemlich trotzig, dieser Herr...
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  • kleiner_Schurke 13.09.2017 14:23
    Highlight Und die Konfessionslosen sind in der gleichen Zeitspanne von etwa 3% auf das 7.5 fache auf 23% angewachsen. Noch wird diese beträchtlich gewachsenen Gruppe von Behörden und Politik marginalisiert. http://www.normalnull.ch/05-Pro-Ratio/ Grosse Teile des Seelsorgerischen Bereichs und Rituale befinden sich nach wie vor fest in der Hand der Religion. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert.
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    • Petrarca 13.09.2017 20:02
      Highlight Seelsorge meint in seiner Begrifflichkeit u.a. religiösen Beistand, fragt sich also, wer, wenn nicht Theologen, Seelsorge leisten sollte? Zudem sind religiöse und kirchliche Institutionen noch immer DIE zentralen Figuren im karitativen Bereich. Wenn Konfessionslose nicht in ernsthaft vergleichender Form und Art (karitative) Verantwortung für ihre Gesellschaft übernehmen wollen, wer soll es denn tun? Mit bizli Geld Spenden an Weihnachten alleine ist's halt noch nicht getan. Und: Logisch befinden sich religiös-kirchliche Rituale in kirchlicher Hand. Wo gehören sie denn sonst hin?
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    • kleiner_Schurke 13.09.2017 22:17
      Highlight in säkulare Hände. Wo steht geschrieben, dass die Kirche die Rituale bei Geburt, Hochzeit und Tod für sich gepachtet hat?
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    • Petrarca 14.09.2017 09:53
      Highlight Es wird doch niemand gezwungen, das Kind zu taufen, in der Kirche zu heiraten etc etc!? Es gibt doch wirklich mehr als genügend säkulare Alternativen, um eine Hochzeit, Geburt etc zu feiern. Sehe das Problem nun wirklich nicht. Es ist weder Aufgabe des Staates noch der Kirche, individuelle säkulare Hochzeitswünsche zu institutionalisieren. Da müssen wir unsere Hinter schon selbst bewegen und uns selbst um eine Institutionalisierung kümmern... Wenn es uns denn so wichtig ist. Kommt mir vor wie der Fünfer und sWeggli: Kirche Pfui, aber ihre Rituale, Feiertage, Spendengelder etc wollen wir dann.
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    • kleiner_Schurke 14.09.2017 18:30
      Highlight Die Kirchen der Schweiz kassieren 1.5 Milliarden vom Staat, damit jeder (Katholiken, Orthodoxe Reformiert, Christkatholische usw.) nach seiner Geschmacksrichtung bauen, feiern usw. kann. Die jeweiligen Schäfchen fühlen sich so wohl. Einem Viertel der Bevölkerung jedoch wird dieses Recht nicht zugestanden. Mit welcher Begründung sollen wir Atheisten auf Begräbnisplätze, Abdankungshallen, Gebäude für Rituale und Zusammenkünfte verzichten müssen? Würde ich nach den oben genannten Massstab urteilen, dann müssten die Religiösen für ihren ganzen Zirkus selber aufkommen. Das wäre nur fair.
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    • kleiner_Schurke 14.09.2017 18:41
      Highlight Und man bedenke: Hochzeiten und dergleichen lassen sich gut planen. Der Tod leider nicht. Vor ein paar Jahren ist eine 14 jährige Verwandte von mir völlig überraschend gestorben. Keiner von uns wusste das dieser Teil der Familie Atheisten sind. Es galt nun also einen Platz für eine Atheistische Abdankung zu finden und Jemanden der die Zeremonie durchführt. Die Person konnte gefunden werden ein Raum jedoch nicht. Es blieb nur die Kirche. Da die Zeremonie nun aber nicht nach christlichem Usus durchgeführt wurde, kam es zu Verstimmungen mit dem Sigrist und dem Pfarrer.
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    • kleiner_Schurke 14.09.2017 18:41
      Highlight Beide legten den trauernden Eltern jeden nur erdenklichen Stein in den Weg. Resultat: Ein Riesenstreit. Über solche Dinge bin ich zutiefst empört. Gerade vom „Seelsorger“ der Gemeinde hätte ich (und viel andere auch) etwas mehr Feingefühl erwartet. So läuft das eben wenn Säkulare Trauerzeremonien in Sakralbauten durchgeführt werden müssen. Es wäre an der Zeit hier andere Wegen zu gehen und demjenigen Teil der Bewölkung die nichts mit Gott, Mohammed und Buddha am Hut haben gleiche Recht einzuräumen. Den davon sind wir noch weit entfernt.
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    • Petrarca 18.09.2017 11:43
      Highlight Ganz ehrlich, ich verstehe das Problem nicht. Niemand zwingt uns dazu, uns von der Kirche taufen, verheiraten oder bestatten zu lassen. Es gibt zig (atheistische) Zeremonienmeister, die genau das bieten, was Sie hier verlangen. Die Kirche zwingt uns zu nichts und hindert uns auch an nichts. Wir müssten halt bloss unser Füdle selbst lüpfe...
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    • kleiner_Schurke 18.09.2017 14:08
      Highlight Wohl nichts von dem verstanden was ich oben geschrieben habe....
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