Schweiz

Die ETH will Flüchtlingen Deutsch lehren und bei Organspende-Mangel in die Bresche springen

Die ETH Zürich ist in den Hochschul-Olymp aufgestiegen. Sie zählt neu zu den zehn besten Universitäten der Welt. Welche Innovationen vor dem Durchbruch stehen und wie die ETH Flüchtlingen helfen kann, verrät ETH-Präsident Lino Guzzella.

18.11.15, 09:30 18.11.15, 12:22

YANNICK NOCK / schweiz am Sonntag

Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Herr Guzzella, die ETH zählt erstmals zu den zehn besten Universitäten weltweit. Wie haben Sie darauf reagiert?
Lino Guzzella: Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht genau erinnern. Irgendwann kam eben ein E-Mail mit dieser Nachricht. Das kann man bescheiden nennen – oder nicht clever genug, um das Vermarktungspotenzial zu erkennen. Eine übermässige Vermarktung passt nicht zum Charakter der ETH. Wir wollen bescheiden auftreten und müssen nicht alles hypen.

ETH-Präsident Lino Guzzella.
Bild: KEYSTONE

Die amerikanischen und britischen Universitäten, die in den Rankings vor Ihnen stehen, vermarkten ihre Publikationen und Erfindungen oft auf Twitter. Die Welt sieht, was geleistet wird.
Man darf diese Rankings nicht überbewerten. Für unsere Professoren, Doktorierenden und Mitarbeiter freut es mich, dass wir in den Top Ten stehen. Und es freut mich für das Land. Es ist wichtig, dass die Schweiz mit der ETH einen Super-Brand hat. Das stärkt die Reputation. Wir bringen die besten Leute und Firmen ins Land und unseren Studierenden stehen weltweit alle Türen offen.

Der Ingenieur

Lino Guzzella (57) ist seit 1999 Professor für Thermotronik an der ETH Zürich. 2012 wurde er Rektor der Hochschule, nur ein Jahr später wählte ihn der Bundesrat zum ETH-Präsidenten. Er setzte sich gegen 50 Konkurrenten durch. Seit Jahresbeginn leitet er die Geschicke der renommiertesten Hochschule der Schweiz. Als Professor beschäftige er sich vor allem mit der Frage, wie Autos möglichst umweltfreundlich angetrieben werden können. Guzzella ist Sohn von italienischen Einwanderern.

An welchen Technologien, die die Welt verändern könnten, forschen Sie, ohne dass die breite Öffentlichkeit davon weiss?
Alle Projekte der ETH haben das Potenzial, die Welt zu verändern.

Das ist jetzt weniger bescheiden.
(lacht) Sehen Sie, wir sind auch stolz auf unsere Errungenschaften. Gerne gebe ich Ihnen ein Beispiel: Zurzeit arbeiten wir am Projekt Zurich Heart, zusammen mit der Universität Zürich und dem Universitätsspital Zürich. (Guzzella nimmt einen Bleistift und kritzelt mit wenigen Strichen ein Herz auf ein Blatt Papier. Rechte Kammer, linke Kammer, Aorta.) Wir haben zu wenige Spenderherzen. Zum Glück gibt es heute aber Assistenzgeräte, die neben das Herz eingepflanzt werden, um es zu entlasten. Wir forschen daran, diese hochkomplexe Pumpe zu verbessern, beispielsweise bei der Stromversorgung. Wir suchen an einer Lösung, das Gerät ohne Kabel durch die Haut zu betreiben. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, was der Hochschulplatz Zürich bietet.

Ihr Vorgänger Ralph Eichler sah den Hochschulplatz in Gefahr. Er warnte vor einer Isolierung der Schweiz: Die ETH könne in zehn Jahren zur Provinzuniversität werden. Hat er recht?
​Das war natürlich eine hypothetische Aussage. Aber auch ich bin beunruhigt. Wenn wir vom internationalen Wettbewerb isoliert werden, können wir unsere Position nicht mehr halten. Die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative bereitet den Universitäten Sorgen.

Warnte vor Isolierung: Guzzella-Vorgänger Ralpf Eichler.
Bild: KEYSTONE

Wie engagieren Sie sich?
Wir kämpfen an verschiedenen Fronten. Patrick Aebischer (Präsident der ETH Lausanne; Anm. d. Red.) und ich werden Ende September nach Brüssel reisen, um in den europäischen Forschungsgremien für Verständnis zu werben. Für die Schweizer Hochschulen, speziell die ETH, ist es essenziell, dass wir freien Zugang auf die besten Ideen und die genialsten Menschen haben.

Reist mit Guzzella nach Brüssel: EPFL-Präsident Patrick Aebischer.
Bild: KEYSTONE

Neu wollen Sie auch angehende Ärzte bei sich haben. Warum bieten Sie ab 2017 einen Medizin-Bachelor an?
Wir wollen einen Pilotversuch beantragen, zum einen, um mehr heimische Ärzte auszubilden. Anderseits hat sich die Medizin in den letzten Jahren enorm verändert. Früher war die Medizin eher beschreibend, heute ist sie sehr naturwissenschaftlich geprägt, weil man die molekularbiologischen Grundprozesse immer besser versteht. Die Medizin wird immer technischer, informatischer – und bietet Chancen für neue Geschäfte.

«Ich bin nicht glücklich mit dem Numerus clausus.»

ETH-Präsident Guzzella

Geschäfte für die ETH?
Nicht für die ETH, aber für unsere Studenten, die Spin-off-Unternehmen gründen, mit Ideen, die sie an der ETH entwickelt haben.

Trotzdem gibt es bei Ihnen einen Numerus clausus für den Medizin-Bachelor.
Ich bin nicht glücklich mit dem Numerus clausus. Eigentlich gilt bei uns die Regel, dass jeder, der eine eidgenössische Matura hat, an der ETH Zürich studieren darf. Aber wir können im Pilotprojekt nicht mehr als 100 Plätze anbieten und wollen das Medizinstudium auch mit unseren Partneruniversitäten koordinieren. Wenn wir die Einzigen ohne Numerus clausus wären, würden wir überrannt.

Sie müssen für den Medizin-Bachelor 15 Millionen Franken selbst aufbringen. Welche Professoren müssen um Ihre Gelder fürchten?
Das wird nicht einzelne Professuren betreffen. Vielmehr versuchen wir, effizienter zu werden und Kosten einzusparen. Das ist ein laufender Prozess.

«Die grundlegende Intelligenz hat sich aber nicht verändert.»

ETH-Präsident Guzzella

Sie sind seit 1999 Professor an der ETH. Wie haben sich die Fähigkeiten der Studenten in den letzten zehn, zwanzig Jahren verändert?
Die Alten haben immer das Gefühl, dass die Jungen nicht mehr so viel leisten wie früher. Dem ist aber nicht so. Natürlich hat sich die Jugend verändert, aber nicht zum Schlechten. Die Kommunikation hat sich wegen des technischen Fortschritts enorm beschleunigt. Die heutige Jugend muss die fast unbegrenzte Informationsflut schnell filtern und verarbeiten. Im Gegenzug haben wir früher vielleicht mehr reflektiert. Die grundlegende Intelligenz hat sich aber nicht verändert.

ETH will Sprachzentren für Flüchtlinge öffnen.
Bild: AP

Der Verbund der Schweizer Hochschulen hat diese Woche angekündigt, mehr für Flüchtlinge zu tun. Was bietet die ETH konkret an?
Wir prüfen zusammen mit der Universität Zürich, zusätzliche Plätze im gemeinsamen Sprachenzentrum der Hochschulen zu schaffen, damit Flüchtlinge Deutschkurse besuchen können. Die Menschen müssen die nötigen Voraussetzungen mitbringen, das heisst, sie müssen in ihrer Heimat studiert haben. Die fachlichen Kriterien, die auch ein Schweizer erfüllen muss, gelten für alle. Wir werden keine Personen aufnehmen, die chancenlos sind, ein Studium an der ETH zu bestehen.

Ist das tatsächlich ein Entgegenkommen? Eine syrische Maturität wird in der Schweiz nicht anerkannt. Unter diesen Voraussetzungen können gar keine Flüchtlinge an die ETH kommen.
Es gibt einen etablierten Prozess, wie sich ausländische Studierende bei uns bewerben können. Dazu gehören Aufnahmeprüfungen und auch Sprachkenntnisse. Genau hier wollen wir ansetzen. Wenn die Sprache ein Problem ist, könnten wir im Sprachenzentrum einen Deutschkurs anbieten. Zusätzlich wollen wir innerhalb des Rektorats die Gesuche der Flüchtlinge so unbürokratisch und so schnell wie möglich behandeln.

Wie viele Plätze werden Sie bieten?
Das ist schwer einzuschätzen, das hängt von den Bewerbungen ab. Deshalb ist es schwierig, eine Prognose abzugeben.

Welche anderen Neuerungen können Sie sich künftig an der ETH vorstellen?
Wir bauen derzeit das Zurich Information Security and Privacy Center aus. Die Informationssicherheit ist in der heutigen Gesellschaft essenziell. Ausserdem bauen wir Kooperationen mit Industriefirmen aus. So sind wir zum Beispiel mit Google im Gespräch über eine engere Zusammenarbeit. Google ist nicht nur, aber auch wegen der ETH in Zürich angesiedelt. Auch Disney hat sein einziges Research Center ausserhalb der USA hier bei uns.

Markus Gross, Direktor des Disney-Instituts.
Bild: KEYSTONE

Der Direktor des Disney-Instituts, Markus Gross, schlägt die Gründung eines Medieninstituts vor. Die ETH würde sich als Partner für ein solches Innovations-Institut zur Verfügung stellen. Eine gute Idee?
Es ist unschwer zu erkennen, dass die Informatik in allen Lebensbereichen an Bedeutung gewinnt. Das gilt für den Finanzbereich genauso wie für die Medienbranche. Wir sind mit verschiedenen Stellen in Gesprächen. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Schnittstelle zwischen Medien und Informatik für die ETH an Bedeutung gewinnen wird.

Welche anderen Branchen haben Sie im Blick?
Da gibt es einige: Selbstfahrende Autos oder neue Energienetze werden bald Realität. Ein weiterer Bereich, der vor Veränderungen steht, ist das Bauen. Wir haben hierzu ein nationales Forschungsprogramm – Digital Fabrication – an der ETH, das robotische Verfahren im Bauprozess erforscht.

Sie wollen die Bauarbeiter ersetzen?
Nein, wir wollen ihnen die Arbeit erleichtern. Wie kann man Roboter entwickeln, die auf einem Baugelände arbeiten können? Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns. Sika, Holcim und viele andere Unternehmen sind interessiert an diesen Projekten.

Roboter für das Baugelände: ETH will Arbeiter entlasten.
SymbolBild: ALY SONG/REUTERS

Klingt sehr visionär. Wie realistisch ist die Version eines eigenen U-Bahnhofs für die ETH, wie diskutiert wurde?
An der ETH werden viele Visionen kreiert, ob sie realisiert werden, muss sich zeigen. Es steht ausser Frage, dass wir ein Verkehrsproblem bekommen werden, wenn der Hochschulstandort weiter wächst. Der Kanton, die Universität und die ETH Zürich sind dabei, einen Masterplan zu entwickeln, um diese Problematik in irgendeiner Form zu lösen.

Mit einer U-Bahn?
Sag niemals nie.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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