Schweiz

Corrado Pardini kämpft den Klassenkampf, mit harten Bandagen. 
Bild: KEYSTONE

Der «Feldherr» Corrado Pardini gewinnt die Schlacht um den Mindestlohn – hinterlässt dabei aber eine Spur der Verwüstung

Der Bieler SP-Nationalrat Corrado Pardini ist keiner, der seine Opponenten sanft anpackt. Das bekommen sowohl politische Gegner als auch ehemalige Alliierte zu spüren.

27.09.15, 15:01

«Karthago ist gefallen», schreibt Corrado Pardini in einer SMS an den Präsidenten der Unia. Wir schreiben das Jahr 2013 und der SP-Nationalrat hat gerade durchgeboxt, wogegen sich die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM) seit über 70 Jahren erfolgreich gewehrt hatten: einen festgeschriebenen Mindestlohn im Gesamtarbeitsvertrag.

Der gelernte Maschinenbauer aus Biel verhandelte knallhart, hört man aus dem Umfeld der Verhandlungen. Das spiegelt sich auch in seiner martialischen Wortwahl wieder: Die Unia habe sich vier Jahre auf das «Attentat auf den absoluten Arbeitsfrieden» vorbereitet, gibt er im Buch «Heavy Metall» zu Protokoll, wo er auch einen chinesischen General zitiert. Das brachte ihm in einem Porträt der «Weltwoche» den Titel Feldherr ein.

Auch wenn es Pardini (Profil auf Lobbywatch.ch) gegenüber den Medien immer wieder herunterspielt, die historische Errungenschaft hat seinen Preis – da wurde einiges an Geschirr zerschlagen. Schon während der Verhandlungen befremdete er die Industrievertreter mit seinem dominanten Auftreten.

Ein kurzer Schulterschluss in schwierigen Zeiten: Unternehmer Nick Hayek und die Gewerkschafter Pardini und Rechsteiner.
Bild: KEYSTONE

Nachdem Pardini im Buch «Heavy Metall» freizügig aus den vertraulichen Sitzungen erzählt, kommt es zum endgültigen Bruch: Swissmem, der Branchenverband der MEM-Industrie, erklärt den Unia-Industriechef zur persona non grata. «Wir sind durchaus bereit, mit der Unia zu verhandeln, aber nicht mit ihm», sagt Ivo Zimmermann von Swissmem Anfang Jahr zur «Ostschweiz am Sonntag».

«Heavy Metall» gibt einen einmaligen Einblick in die Verhandlungen, aber keinen neutralen. In Auftrag gegeben hat es Corrado Pardini, finanziert wurde es von seinem Sektor, geschrieben hat es Oliver Fahrni, ein Redaktor der Unia-Zeitung «Work». Die Vertreter der Arbeitgeber kommen darin alles andere als gut weg: ABB-Personalchef Volker Stephan ist ein «Nichtversteher», Philip Mosimann, Chef des Bucher-Konzerns, ein «Klassenfeind».

Die Arbeitgeber werfen Pardini, dem gemäss mehreren Rezensenten heldenhaft dargestellten Protagonisten des Buchs, auch Vertrauensbruch vor. Der Autor zitiert aus Gesprächen, SMS und Telefongesprächen, obwohl über die Details der Verhandlungen Stillschweigen vereinbart worden war.

So wählst du richtig

Nationalrat

Ständerat

Der Verein Politools lässt dich deine politischen Einstellungen auf der Wahlplattform Smartvote mit denjenigen der kandidierenden Politiker vergleichen. Es empfiehlt sich, nicht Kandidaten mit der grössten Übereinstimmung zu wählen, sondern solche mit grosser Übereinstimmung und intakten Wahlchancen.

Auch Verbündete vor den Kopf gestossen

Damit nicht genug: Auch auch die Brücken zu einstigen Verbündeten hat Pardini abgebrochen. Die Unia beschuldigt den Verband Angestellte Schweiz, zu viele Gelder aus dem Solidaritätsbeitragsfonds bezogen zu haben. Deshalb verklagt die Unia den Verband auf 20 Millionen Franken.

Im Buch wird Stefan Studer, Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, als «Pöbler» bezeichnet, während Benno Vogler, der damalige Präsident des Angestelltenverbandes, ein «Kollaborateur» sei. Verständlicherweise ist Vogler nicht gut auf Pardini anzusprechen: «Seit den Verhandlungen mit Corrado Pardini können Sie das Wort Partnerschaft streichen», sagte er zur «Schweiz am Sonntag».

Im September traf sich der Unia-Industriechef Pardini mit den Grossunternehmern Peter Spuhler (Stadler-Rail) und Nick Hayek (Swatch), um Lösungen gegen den Frankenschock zu finden und den Werkplatz Schweiz zu retten. Wie viel der medienwirksame «Schulterschluss» aber tatsächlich bringen wird, wird sich zeigen.

Denn die Sozialpartnerschaft, der historische Pakt zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern, hat tiefe Risse bekommen. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann versuchte noch, zwischen den Sozialpartnern zu vermitteln – vergeblich. Die Fronten blieben verhärtet.

Starke verbündete im Bundeshaus

Corrado Pardini ist im Parlament nicht auf sich alleine gestellt. Mit SP-Politiker Paul Rechsteiner (Profil auf Lobbywatch.ch) steht ihm im Ständerat ein starker Verbündeter zur Seite. Der Präsident des Gewerkschaftsbundes vertritt die Rechte der Arbeitnehmer-Vertreter mit einer ordentlichen Portion Selbstbewusstsein: «Wir sind in den letzten Jahren zur stärksten Referendumskraft geworden», sagte er im Gespräch mit der Zeit.

Christian Levrat gilt als begnadeter Redner.
Bild: Gonzalo Garcia

Ein weiterer starker Mann, der für die Rechte der Arbeitnehmer weibelt, ist SP-Präsident Christian Levrat (Profil auf Lobbywatch.ch) – selbst ein Gewerkschafter. Der Schachspieler gilt als geschickter Stratege und einer der einflussreichsten Politiker unter der Bundeskuppel. In seinen Reden beschwört Levrat immer wieder den Klassenkampf, 2010 zeichnete er als Parteichef für das immer noch gültige SP-Programm verantwortlich, das die «Abschaffung des Kapitalismus» zum Ziel hat.

Auch Lobbyisten finden Zutritt zur Wandelhalle im Bundeshaus. Gemäss einer Analyse der Tageswoche halten sich bei den registrierten Zutrittskarten zum Bundeshaus die Gewerkschafter und Vertreter der Wirtschaftsverbände ungefähr die Waage. Die Politiker Hans Münger (SP) und Hans Furer (Grünliberale) sehen die Wirtschaftsvertreter in der Überzahl – weil es viele Wege ins Bundeshaus gibt, ist die Zahl der Zutrittskarten nur begrenzt aussagekräftig.

Zu den jüngsten Erfolgen der Arbeitsrechtler im Parlament zählt die Erhöhung der AHV-Rente im Rahmen der Altersreform: Mitte September brachte der Ständerat durch, dass Neurentner künftig 70 Franken pro Monat mehr erhalten sollten, Ehepaare bis zu 226 Franken. An der Rentenfrage entscheide sich das Schicksal der Vorlage, sagte Paul Rechsteiner vor der Abstimmung und deutete damit allfälligen Widerstand an, sollten die Forderungen nicht erfüllt werden – mit Erfolg.

Ökologisch und liberal: Das Parteien-Ranking

Dir gefällt diese Story? Dann like uns doch auf Facebook! Vielen Dank! 💕

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
9Alle Kommentare anzeigen
9
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • Gelöschter Benutzer 27.09.2015 17:19
    Highlight Wäre das nicht die Aufgabe von der Partei, die den Namen "Volk" in sich trägt?
    14 4 Melden
  • Kza 27.09.2015 15:54
    Highlight Corrado Pardinis Aufgabe als Gewerkschafter ist es, bessere Bedingungen für die Arbeitnehmenden in seinem Sektor - also der Industrie - rauszuholen. Er hat geliefert. Dass das den Arbeitgebern nicht gefällt, überrascht jetzt eher wenig.
    49 10 Melden
    • Madison Pierce 27.09.2015 17:45
      Highlight Es geht nicht darum, was er erreicht hat (für das hat er Respekt verdient), sondern wie er es erreicht hat. Interna in einem Buch auszuplaudern geht einfach nicht. Die SVP wird (häufig zu Recht) für schlechten politischen Stil kritisiert, da sollte sich die Gegenseite besser benehmen. Hart in der Sache, aber fair im Umgang wäre die Devise.
      11 6 Melden
  • Karl33 27.09.2015 15:18
    Highlight Die Büezer können in Zeiten sinkender Reallöhne, Renten, steigender Gebühren und Mieten froh sein, setzt sich überhaupt jemand noch für sie ein (und ich meine jetzt nicht die Lehrer, die öffentlichen Angestellen etc, die bekanntermassen in einer anderen Liga angestellt sind, was Löhne und Sozialleistungen betrifft). Weshalb braucht es überhaupt soviel Druck auf die Wirtschaft. Die Gewinne explodieren, die Managergehälter wachsen in zweistelliger % Höhe jedes Jahr - und der Büezer hat immer weniger (kaufkraftbereinigt) im Portemonnaie?
    Dazu auch ein Artikel im Tagi: http://tinyurl.com/orc72p8
    40 11 Melden
    • Hayek1902 27.09.2015 16:00
      Highlight wo haben sie diesen quatsch mit den sinkenden reallöhnen her? das würde mich schon lange interessieren. die nettolohnerhöhungen waren in den letzten jahren immer positiv und die inflation negativ bis positiv aber sehr nahe bei 0
      16 28 Melden
    • Hierundjetzt 27.09.2015 17:29
      Highlight Ach hören Sie doch auf mit dem Märli die Armen Büetzer. Das ist doch keine Berufsbezeichnung sondern ein schlechtmachen einer ganzen Berufsgruppe. Ein Facharbeiter in der Industrie verdient mehr als ein KV-Angestellter in einem handelsüblichen KMU (die 90% der Arbeitsplätze stellen) Es wäre mir zudem neu, dass Industriechefs enorm viel verdienen. Da verdient ja ein Verkaufsleiter in einem KMU mehr.
      15 12 Melden
    • Shlomo 27.09.2015 17:42
      Highlight @Hierundjetzt: So ein Quatsch. Mit einem KV verdient man sicher mehr und arbeitet weniger. Des Weiteren trägt der Industriearbeiter etwas zur Wertschöpfung bei wohingegen der KV-Angestellte in der Bank oder Versicherung dazu nichts beiträgt.
      6 10 Melden
    • karl_e 27.09.2015 19:22
      Highlight @Hayek: die offizielle Inflationsrate ist in der Tat sehr klein. Nur werden die Krankenkassenprämien nicht berücksichtigt. Somit ist deine Aussage zumindest diskutabel.
      4 1 Melden
    • Hierundjetzt 27.09.2015 21:21
      Highlight Lieber Shlomo: Hätten Sie das KV gemacht, würden Sie Arbeitsproduktivität nicht mit Wertschöpfung verwechseln. Banken / Versicherungen machen in der Schweiz nur kleine 19% der Wertschöpfung aus. Zu Ihrem Beispiel: Ein Industriearbeiter schraubt einen Transformator zusammen. Wertschöpfung dank seiner Arbeit 5.- (Mehrwert des Transformators) Ein KV-Angestellter im Büro entwirft einen absolut einmaligen Transformator, dafür erhält die Firma 1000 neue Aufträge, Sie erhalten 10 Jahre Arbeit, die Firma kann neuen Stellen schaffen: Wertschöpfung 10.- Kurz: es kommt auf den Mehrwert für die Firma an.
      2 0 Melden

«Es gibt viele Muslime, deren Weltbild gleich konservativ ist wie jenes der SVP»

Amir Dziri ist der erste Professor für islamische Studien in der Schweiz. Gerade jetzt sei sein Job ein wichtiger, sagt er im Interview. Denn mit einem Burkaverbot löse man keine Probleme. 

Herr Dziri, in der Schweiz ist kürzlich die Burka-Initiative zustande gekommen. Das Volk muss nun an der Urne über die Frage eines Verschleierung-Verbots abstimmen. Wie schätzen Sie solche Initiativen ein? Amir Dziri: Hier soll etwas symbolisch Aufgeladenes Teil einer Bundesgesetzgebung werden, da stellt sich für mich die Frage: was ist da schief gelaufen? Denn es gibt wenige Muslime, die diese Kleidungsstücke tragen. 

Was löst eine solche Debatte bei der muslimischen Gemeinde aus?Die …

Artikel lesen