Schweiz

Wird ein Schweizer oberster UNO-Berater in Sachen Klimawandel?

Der Schweizer Thomas Stocker will zum Vorsitzenden des UNO-Klimarates gewählt werden. Wie gross sind seine Chancen?

06.10.15, 06:50 06.10.15, 07:31

Christoph Bopp

Thomas Stocker will für gutes Klima sorgen.
Bild: KEYSTONE

Dieser Tage entscheiden Regierungsdelegierte im kroatischen Dubrovnik über die Besetzung der leitenden Gremien des Weltklimarates. Die UNO hat ihn Anfang der 1990er-Jahre einberufen, um die Politik zum Problem des Klimawandels zu beraten. Seither werden die Ergebnisse der Klimaforschung zu Berichten zusammengefasst und den Regierungen in Form mehr oder weniger griffigen Thesen als Handlungsempfehlungen zugestellt. Die Wissenschaft soll die Klimapolitik legitimieren.

Der Klimarat ist organisiert in Arbeitsgruppen und wird von einem Leiter koordiniert. Bisher versah der Inder Rajendra Pachauri (75) diese Funktion. Er hatte bereits angekündigt, den Posten räumen zu wollen. Ende Februar trat er gar vorzeitig zurück. Weil er sich vor Gericht dem Vorwurf sexueller Belästigung einer Mitarbeiterin seines Instituts stellen muss. Sechs Kandidaten konkurrieren um den Stuhl. Darunter auch Thomas Stocker, Professor für Klimaphysik an der Universität Bern.

Das Gesicht des Klimawandels

Thomas Stocker ist ein geborener Zürcher in Bern. Das scheint ihn nicht gross zu stören. Er kommt vielen Leuten auch in seinem öffentlichen Wirken fremd vor. Denn für viele – wenigstens in der Schweiz – ist er das Gesicht des Klimawandels. Die globale Erwärmung polarisiert. Eine reine Veranstaltung, um abzukassieren, finden sogenannte «Klimaskeptiker». Das stimmt wenigstens bei Thomas Stocker persönlich nicht. Denn das Amt, das er anstrebt, Vorsitzender des Weltklimarats, gibt kein Salär her, nur Ehre und Arbeit.

Aber es wäre das richtige Ziel eines Weges, den Stocker geht, spätestens seit der Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern die Arbeitsgruppe I des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) leitet. Zusammen mit dem Chinesen Qin Dahe tut er das seit 2008. Aber natürlich ist er schon länger bei der Arbeit des IPCC dabei, seit Ende der 1990er-Jahre.

Diesmal waren es die Menschen

Hin und wieder regen wissenschaftliche Erkenntnisse die Leute fürchterlich auf. Das war bei der Evolution so, als religiöse Fundamente infrage gestellt wurden. Jetzt geht es nicht darum, ob Gott den Menschen geschaffen habe, sondern darum, ob der Mensch verantwortlich sei für den Anstieg der Temperatur auf der Erde, den die Daten der Vergangenheit einigermassen zuverlässig widerspiegeln. Wärmer und kälter sei es immer wieder geworden, sagen die Skeptiker. Diesmal sind es aber die CO2-Emissionen des Menschen, sagen die anderen. Seit er in grossem Massstab fossile Brennstoffe verfeuert.

Kohle-Mine in Indien.
Bild: STRINGER/INDIA/REUTERS

Und der Grund, warum sich die Leute aufregen, ist nicht mehr religiös, sondern sehr alltäglich. Es geht – natürlich auch um viel Geld – vor allem um eine Änderung der gängigen Lebens- und Produktionsgewohnheiten. Der Abschied von Kohle und Erdöl, die «De-Carbonisierung», ist einschneidend. Und schmerzhaft nicht nur für Autofahrer. An diesem ganzen Business hängt viel Profit. Thomas Stocker weiss durchaus, worum es geht. Aber er sieht sich als Wissenschafter, der die sachliche Position zu vertreten hat. Nicht als Polit-Aktivist, obwohl er überzeugt ist, dass gehandelt werden muss. Und dass die Politik handeln muss und nicht die Wissenschaft.

Stocker ist eher nicht Favorit

Fachlich wären alle Bewerber gut qualifiziert. Stocker wäre im Bereich Klimawissenschaft wahrscheinlich der Versierteste, als langjähriger Co-Leiter der Arbeitsgruppe I, welche sich um die Forschungsergebnisse kümmerte. Und von der Persönlichkeit her sicher bestens geeignet. Die Frage ist eher, wen die Delegierten für die richtige Besetzung halten. Ob es nicht besser ein Ökonom wäre, der die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Wirtschaft besser durchschaut. Oder ob es nicht der beste Kommunikator sein müsste. Immerhin gilt es ja, die Ergebnisse glaubhaft zu vermitteln, nicht nur den Regierungen, auch der Öffentlichkeit. Und schliesslich wissen alle, dass, wenn die USA wirklich eine bestimmte Person auf einem Posten wollen, es dann auch ihr Kandidat wird.

Stocker hat durchaus Chancen, aber Favorit ist er eher nicht. Die Europäer sehen in ihm weniger einen Europäer als in seinen zwei Mitbewerbern, dem Ökonomen Nebojsa Nakicenovic aus Wien oder dem belgischen Physiker Jean-Pascal Van Ypersele. Auch der Koreaner Hoesung Lee ist Ökonom. Und der Amerikaner Christopher Field, Stanford-Biologe, ist – wie Stocker – Co-Leiter der Arbeitsgruppe II. Als letzter Kandidat meldete Sierra Leone den ehemaligen Minister für Energie und Wasser, Ogunlade Davidson. Der Maschineningenieur war bis 2014 IPCC-Vizepräsident.

(aargauerzeitung.ch)

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