Schweiz

Mord-Prozess in Pfäffikon ZH: «Jetzt ist dein Mami tot»

31.10.16, 17:36 31.10.16, 20:25

Vor Bezirksgericht Pfäffikon ZH ist am Montag ein junger Mann gestanden, der Ende März 2015 seinen Vater erschossen hatte. Hintergrund der Tragödie war eine trostlose Kindheit und Jugend.

Bei seiner Befragung schilderte der 21-Jährige mit leiser Stimme seine Kindheit zwischen einer trinkenden Mutter und einem desinteressierten Vater. Als der Sohn sieben oder acht Jahre alt war, trennten sich die Eltern.

Er wohnte bei der Mutter, die immer mehr trank. Sie habe nicht mehr für ihn sorgen können, er, der Primarschüler, habe sich um sie kümmern müssen. Immer wieder habe er den Vater gedrängt, etwas zu unternehmen - aber «ihm war es scheissegal».

Mutter starb im Spital

Am 13. Geburtstag des Knaben wurde die Mutter ins Spital eingeliefert. Dort starb sie zwei Tage später an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Sein Vater überbrachte ihm die Todesnachricht: Er habe kurz ins Zimmer geschaut und gesagt: «Jetzt ist dein Mami tot.» Dann liess er das Kind allein.

Sodann wohnten Vater und Sohn in der gleichen Wohnung, von «Zusammenleben» könne aber keine Rede sein. Die beiden redeten kaum miteinander. Der Vater habe ihn stets heruntergemacht und ihm die übelsten Schimpfnamen gegeben.

Video: kaltura.com

Das Schlimmste aber sei gewesen, dass er über die Mutter hergezogen sei, nachdem er untätig zugeschaut habe, wie sie Stück für Stück gestorben sei.

Von Selbstmordgedanken geplagt

Ihm sei es zunehmend schlecht gegangen, sagte der Beschuldigte. «Mein Leben lang hatte ich Selbstmordgedanken.» Zwar hatte er Freunde, aber er sprach mit niemandem über seine Probleme. Nach wie vor suchte er die Anerkennung des Vaters - vergeblich.

Bekannte des Vaters hatten zwar am Vormittag ausgesagt, der Mann sei riesig stolz gewesen auf die Erfolge des Sohnes als Schwimmer. Dem Teenager zeigte er das aber offenbar nie. Gegen Ende der Schulzeit gab dieser dann auch das Schwimmen auf.

Nach der Schule begann der Beschuldigte eine Lehre als Velomechaniker. Allerdings haperte es stark an den Schulleistungen. Die Lehrabschlussprüfung war gefährdet. Der Jugendliche fehlte immer wieder bei der Arbeit und in der Schule, weil ihm übel war. Die Depressionen des Sohnes verstärkten sich. Zwei Tage vor der Tat schreib er einen Abschiedsbrief - er wollte sich das Leben nehmen.

Die Tragödie nahm aber eine andere Wende. Auch am Tattag meldete der Lehrling sich von der Arbeit ab. Der Vater zerrte ihn aus dem Bett, beschimpfte und ohrfeigte ihn und schickte ihn zum Arzt. Der empfahl dringend ein Gespräch mit dem Vater über die Angst vor der Lehrabschlussprüfung.

Vom Vater ausgelacht und beschimpft

Der Sohn nahm allen Mut zusammen und erklärte dem Vater die Situation. Trotz allem habe er gehofft, Hilfe zu bekommen. Der Vater habe ihn aber bloss ausgelacht und wiederum die tote Mutter beschimpft.

Darauf holte der Sohn im Zimmer des Vaters eine Pistole, trat ins Wohnzimmer und erschoss den im Fernsehsessel sitzenden Vater. Nach der Tat stellte sich der junge Mann der Polizei.

Staatsanwalt Markus Oertli fordert 14 Jahre Freiheitsentzug wegen Mordes. Verteidiger Valentin Landmann plädiert auf vorsätzliche Tötung und zehn Jahre Freiheitsentzug. Der Prozess geht am Dienstag mit den Plädoyers weiter. Das Urteil wird am Freitag eröffnet.

(sda)

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  • pamayer 31.10.2016 21:32
    Highlight Nur Opfer.
    Oh je.
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  • äti 31.10.2016 20:13
    Highlight Die 14 Jahre hat er längst "abgesessen". Das war genug der Strafe.
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  • cassio77 31.10.2016 19:25
    Highlight manchmal ist der täter das opfer und das opfer der täter. aber dennoch muss eine solche tat bestraft werden, da gibt es kein wenn und kein aber, selbst wenn das herz, selbst wenn der verstand auf "unschuldig" plädieren.
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  • Der kleine Finger 31.10.2016 19:20
    Highlight Der Sohn war ja schon 21 Jahre im Gefängniss.
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  • Walter Sahli 31.10.2016 19:06
    Highlight Ist zwar eine Ewigkeit her, dass ich es gelesen habe und so mag der Vergleich hinken, aber dieser Fall erinnert mich immer an Franz Werfels "Nicht der Mörder der Ermordete ist schuldig".
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  • Gelöschter Benutzer 31.10.2016 18:59
    Highlight Kaun liest man etwas über die Hintergründe einer Wahnsinnstat, steigt das Verständnis. Bei der sonst üblichen Berichterstattung anderer Medien "fauler Stift tötet alleinerziehenden Papi" würde der Tenor wohl "TODESSTRAFE!" lauten.

    Zum Glück ist Whatson diesbezüglich anders. Guter Artikel!
    67 8 Melden
    • Mia_san_mia 31.10.2016 19:24
      Highlight War vorher etwa gleich auch schon auf 20min...
      22 5 Melden
    • pun 01.11.2016 01:02
      Highlight "(sda)"
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    • Mia_san_mia 01.11.2016 07:35
      Highlight @pun: Dann waren wieder viele schneller als Watson.
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  • Cachesito 31.10.2016 18:44
    Highlight Der Vergleich ist vielleicht nicht so passend, aber wenn einer n den Krieg zieht und für den IS kämpft und Leuten den Kopf ab schlägt bekommt er Sozialstunden aufgebrummt und hier wird der Zweihänder ausgepackt mit 14 Jahren Gefängnis
    27 20 Melden
    • Marbek 01.11.2016 09:21
      Highlight Hast du für diese IS-Sache irgendwelche Belege? Ich frage, weil es mich wirklich interessiert.
      5 1 Melden
    • Cachesito 02.11.2016 10:23
      Highlight http://www.nzz.ch/schweiz/schweizer-jihadist-zu-gemeinnuetziger-arbeit-verurteilt-foreign-fighters-1.18442457
      Ob er jemandem den Kopf abgeschlagen hat ist zwar hier nicht verbürgt.
      0 1 Melden
    • Marbek 02.11.2016 11:17
      Highlight Danke für den Link.
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  • Prof. Dr. Dr. D. Trump 31.10.2016 18:38
    Highlight Der Mann soll seine Schuld sühnen dürfen und dann ein neues Leben anfangen können.
    Ich wünsche ihm, dass er spätestens während seiner Zeit der Sühne im Gefängnis seine Tat bereuen kann und Frieden finden wird, indem er seinem Vater und sich selbst vergeben kann.
    Eine schlimme Tragödie ist das.
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  • Madison Pierce 31.10.2016 18:03
    Highlight Irgendwie verstehe ich unsere Justiz nicht. Strafe muss sein, aber mich erstaunt das beantragte Strafmass sehr. Der Junge ist mindestens so viel Opfer wie er Täter ist.

    Das Verhältnis stimmt für mich einfach nicht: am Bahnhof aus Langeweile grundlos jemanden zusammenschlagen und man kommt mit einer bedingten Strafe davon.
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  • Calvin WatsOn 31.10.2016 18:01
    Highlight Herje, da schnürt es einem ja die Luft ab ob so einer traurigen Kindheit. Wäre interessant zu wissen wie der Vater aufwuchs!
    Wünsche diesem Mann, dass er eines Tages glücklich sein kann und Liebe erfährt. Beides wurde im bisher verwehrt.


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  • genoni 31.10.2016 17:45
    Highlight Bin ich der einzige, der findet, dass dieser junge Mann freigesprochen werden sollte? Natürlich nicht aus juristischen Gründen, sondern nur aus menschlichen.
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    • Randy Orton 31.10.2016 17:54
      Highlight Freispruch sicher nicht, aber man sollte die Umstände der Strafe anrechnen. 10 Jahre (sprich 5-6 die er verbüssen muss) finde ich auch angemessen, immerhin hat er einen Menschen kaltblütig von hinten erschossen. Ausserdem wäre es wichtig, dass er psychiatrisch betreut wird.
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    • ImperialBanana 31.10.2016 17:56
      Highlight Direkter Freispruch ist vlt nicht so angebracht. Klar der Junge hat quasi sein Leben lang gelitten. Abgesehen der ganzen Sache aber hat er dennoch das Leben seines Vaters auf dem gewissen. Und stell dir vor wie Menschen auf so einem Freispruch reagieren würden..
      Ich kann zwar kein Urteil empfehlen aber dennoch wäre ich für ein milderes.. als 10 Jahre
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    • Theor 31.10.2016 17:57
      Highlight Und woher wissen Sie, dass die Geschichte wahr ist?

      Anklagesauf Mord bedarf besonders niederen Beweggründen – ansonsten wäre es Anklqge auf vorsätzliche Tötung.

      Ohne den Fall zu kennen, zeigt mir die Anklage bereits, dass der Staatsanwalt wohl eine ganz andere Vorgeschichte und Motivation glaubt. Nur wird dessen Version hier nicht im Artikel erwähnt.

      Und sein Verteidiger ist nebenbei gesagt ein Meister des Spiels um Emotionen und dem Medienumgang. Da wundertdes mich nicht, dass die ganze Geschichte vermeintlich sehr emotionsgeladen wirkt.
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    • Linus Luchs 31.10.2016 18:06
      Highlight Freisprechen geht nicht. Wenn das Gericht entscheiden würde, unter diesen schlimmen Umständen sei es in Ordnung, einem Menschen eine Kugel zu verpassen, wäre das eine indirekte Einführung der Todesstrafe. Und zwar für Leute, die andere mit ihrem Verhalten terrorisieren. Die Rolle der Henker dürften die Opfer übernehmen.

      Darf nicht sein, oder? Ich hoffe aber auch, dass sämtliche juristischen Möglichkeiten genutzt werden, die Strafe zu minimieren. Der junge Mann braucht jetzt vor allem eine intensive Therapie, um irgendwann mit dem Geschehenen umgehen zu können. Das wird viele Jahre dauern.
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    • Prof. Dr. Dr. D. Trump 31.10.2016 18:41
      Highlight @Theor: Danke, dass Sie mich an den Unterschied zwischen Mord und vorsätzliche Tötung erinnern.
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