Spass

In Deutschland erfolgreicher als in der Schweiz: Musiker Seven. Bild: Website Seven

Seven über Alkohol, Amerika und das Aufgeben

Der Schweizer Sänger Seven über seinen grossen Durchbruch in Deutschland und sein Album «4COLORS».

30.06.17, 06:47 30.06.17, 10:46

Stefan Künzli / Aargauer Zeitung

Seven, in diesen Tagen treten Sie in Ulm, Kiel, und zweimal in Kassel auf, zweimal ausverkauft. Sie haben lange für den Erfolg gekämpft, jetzt hat's endlich auch in Deutschland geklappt. Wie fühlen Sie sich?
Wir freuen uns riesig über das, was wir in den letzten zwei Jahren erleben durften. Vor allem, dass es auf diese natürliche, glaubwürdige Art geschehen ist. Wir sind für unseren unermüdlichen Einsatz belohnt worden.

Welche Rolle haben dabei Fanta 4 und Xavier Naidoo gespielt?
Eine sehr grosse. Zuerst waren es Fanta 4, dann Xavier. Plötzlich waren da zwei Saurier der Musikszene, die mich unterstützten. Zwei Mentoren und Botschafter, die für sich in Anspruch nahmen, mich entdeckt zu haben. Komfortabler geht's nicht. Das hat mir gegenüber den Leuten eine Glaubwürdigkeit verschafft, die unbezahlbar ist.

Es war eine riesige Welle, die uns da plötzlich erfasst hat. Dabei hat sich alles ohne äusseren Druck eines Plattenlabels ergeben. Keine gekaufte Kampagne, nichts. Da waren einfach Musiker, die sich gefunden haben.

Seven: «Trick!»

Song aus dem neuen Album. Video: YouTube/SEVEN

Alte Schule?
Ja, diese alte Schule passt zu meinem Werdegang, zu meiner Karriereplanung. Zuerst wollte ich mir immer Live einen Namen machen. Ich bin der Meinung, dass man sich als Musiker zuerst die Sporen abverdienen muss, bevor man ernten kann. So war es in der Schweiz und so ist es jetzt in Deutschland. Ja, ich bin oldschool, oldfashioned. Ich glaube auch noch an die Kraft des Albums.

Und Sie sind Ihr eigener Chef.
Ja, ich bin nicht fremdbestimmt. Habe meine eigene Bude, meine Crew, meine Band. So halte ich alle Fäden in meiner Hand. Das ist mir wichtig. Ich wollte auch, dass uns diese Welle nicht überrollt und überfordert.

Bild: Seven

Ich habe Sie als sehr strukturierten Menschen kennengelernt. Für Deutschland hatten Sie einen Fünfjahresplan. Wie sah der aus?
Die Strategie war eigentlich einfach: Immer dranbleiben, nie aufgeben und immer besser werden. So viel wie möglich spielen, sich für nichts zu schade sein. Wir traten zum Teil vor 40 Leuten auf, haben diese 40 aber überzeugt und zu unseren Fans gemacht. Wir wollten fünf Jahre lang Gas geben und testen, was überhaupt möglich ist. Auf die altmodische Art geht das halt etwas länger, aber der Erfolg ist dafür nachhaltig.

Wie gross sind jetzt die Hallen, die Sie bespielen?
Die Hallen der November-Tour hatten ein Fassungsvermögen zwischen 1500 und 3000 Leuten. Die füllen wir inzwischen. Und die Hälfte der Tickets für die Herbst-Tour ist auch schon weg. Und das, bevor das neue Album draussen ist. Das ist eigentlich das Schönste. Die Leute, die uns gesehen haben, kommen wieder. Bei Festivals können es sogar zwischen 10'000 und 30'000 Besucher sein.

Der Erfolg in Deutschland kam genau nach fünf Jahren. Es war eine Punktlandung. Hat es auch Momente gegeben, wo Sie gezweifelt haben?
Ich zweifle jeden Tag, aber verzweifle nicht. Ich zweifle nicht an meiner Musik, vielmehr frage ich mich: Machen wir wirklich genug? Aber das Wort «Aufgeben» gibt es in meinem Wortschatz sowieso nicht. In der Schweiz hat es fast doppelt so lang gedauert, bis der Durchbruch kam. Wenn der Erfolg in Deutschland nach fünf Jahren nicht gekommen wäre, hätte ich einfach einen neuen Fünfjahresplan aufgestellt.

Seven: «1978»

Video: YouTube/SEVEN

«4COLORS» ist ein ambitioniertes Konzeptalbum. Was ist die Idee?
Ich habe immer Konzeptalben gemacht. Zuerst ist immer eine Idee. Diesmal hatte ich vier Haufen mit Songs. Jeder Haufen war mit einer Farbe versehen, weil ich Songs immer in Farben und Stimmungen denke und einteile. Doch ich konnte mich nicht auf eine Farbe festlegen, nicht für einen Haufen entscheiden. Deshalb wurden die vier Farben «4COLORS» zum Konzept erhoben. Vier EPs, vier Akte in den Farben Blau, Gelb, Rot und Purpur ergeben den Longplayer «4COLORS».

Bild: Seven

Sie sind ein Perfektionist. Bei «BackFunkLoveSoul» waren Sie 100 Tage im Studio. Und jetzt?
Noch mehr, es waren 127 Studiotage. Wir haben enorm viel Zeit und Energie in das Album gesteckt. Ich gehe immer mit vollem Risiko.​

Von «Focused», Ihrem ersten Album in Deutschland, haben Sie nur 2500 Exemplare verkauft. Wie viel erwarten Sie mit «4COLORS»?
Vom «Best of» haben wir 25'000 Einheiten abgesetzt. Daran orientieren wir uns und hoffen, dass wir das erreichen.

Das ist aber eher bescheiden. Sie wollen doch mehr?
Ja, aber damals profitierten wir von der TV-Sendung «Sing meinen Song». Diesmal müssen wir alles selber stemmen. Aber wir sind zuversichtlich. Alles ist möglich.

Bild: Website Seven

Auf «4COLORS» haben Sie einige Gäste eingeladen, darunter Kool Savas und Thomas D von den Fanta 4. Haben Sie immer noch Kontakt?
Vor allem zu Thomas D und den Fantas. Da ist wirklich eine Freundschaft entstanden. Auch mit Xavier. Wir sind im regen Austausch geblieben und sehen uns, wann immer es geht.

Wie hat sich Ihre Firma redkey seit dem Deutschland-Erfolg verändert?
Ich habe mit meinem Geschäftspartner und Manager Ilan Kriesi meine eigene Firma. Wenn etwas reinkommt, ist es gut, sonst gibt es halt nichts. Vor fünf Jahren waren wir zu dritt, heute sind wir in der Schweiz viereinhalb Personen. Das Management in Deutschland und Österreich wird von Bär Läsker, dem Manager der Fanta 4, und dessen Firma in Absprache mit uns erledigt. Wir halten immer noch alle Fäden in der Hand.

Sie sind ein Kontrollfreak. Waren Sie auch schon mal sturzbetrunken?
Puh … (überlegt) schon sehr, sehr lange nicht mehr. Ich trinke generell sehr selten Alkohol. Höchstens dann, wenn in den nächsten zehn Tagen kein Konzert ansteht. Und das gibt es sehr selten. Bei einer Derniere, zum Abschluss einer Tour, kann es aber schon vorkommen, dass ich etwas über den Durst trinke. Aber sturzbetrunken? Vielleicht mal als Teenie. Aber das ist so lange her. Ja, ich geb's zu. Ich bin ein Kontrollfreak, also mag ich es erst recht nicht, die Kontrolle über mich zu verlieren.

Über den Musiker:

Seven (39), bürgerlich Jan Dettwyler, ist in Wohlen geboren und lebt heute mit seiner Familie in Luzern. In der Schweiz ist er seit mehr als zehn Jahren der Soulsänger Nr. 1. Sein letztes Album, «BackFunkLoveSoul» (2015), war ein Retroalbum und erreichte Platz 1 der Album-Charts. Er spielte mit den Fanta 4, nahm an der TV-Sendung «Sing meinen Song» teil und schaffte den Durchbruch in Deutschland. Mit dem neuen, ambitionierten Album «4COLORS» will er diesen Erfolg bestätigen. Das Album ist wieder souliger, die Stimme von Seven steht stärker im Mittelpunkt, ist stark nach vorne gemischt und klingt von Farbe zu Farbe anders. Das Sounddesign ist moderner, das klassische Songwriting ist wieder wichtiger. Seven macht das, was er am besten kann.

Wie hat sich Ihr Privatleben seit dem Erfolg in Deutschland verändert?
Ich und meine Familie wohnen immer noch in derselben Wohnung an derselben Strasse in Luzern. Wenn ich morgens bei unserem Bäcker die Gipfeli hole, ist das die normalste Sache der Welt. Jan Dettwyler sorgt dort für kein Aufsehen. So ist das in der Schweiz. In Deutschland ist das etwas anders. Dort bin ich aber meist im Bus, in meiner Herde geschützt. Doch wenn ich zurückkomme, ist zum Glück alles beim Alten.

Bild: Seven

Aber Ihre ökonomische Situation hat sich doch sicher markant verbessert?
Ich habe immer noch nur ein Auto, kaufe nicht plötzlich mehr Schuhe. Mein Leben ist gleich geblieben. Es stimmt, ich verdiene heute mehr als auch schon, aber ich investiere auch mehr. Wir haben zum Beispiel die Probenzeit verdoppelt, mehr in das Album und den Content investiert, wir nehmen zwei Leute mehr mit auf Tour. Ich finde, es ist der falsche Moment, um auszuruhen. Wir verdienen mehr, müssen aber auch mehr investieren. In meine Musik, die Album-Produktion und das Live-Set-up.

Wie hat sich Ihr Familienleben verändert?
Wenn immer es geht, nehme ich meine Familie mit auf Tour. Mein Sohn ist jetzt sieben Jahre alt und geht inzwischen zur Schule. Das wird immer schwieriger. Aber den Papi-Tag hab ich immer noch. Wenn ich schon Kinder habe, dann will ich auch etwas von ihnen haben.

Auf Tour vermisse ich meinen Sohn und meine Frau sehr. Aber wenn ich zu Hause bin, dann bin ich zu Hause. Wir gehen abends nie aus, stattdessen sprechen wir über den Tag oder ich lese meinem Sohn aus «Harry Potter» vor.

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Seven mit Ehefrau an den Swiss Music Awards.

Vor einem Jahr hat das Aargauer Kuratorium Ihr Gesuch auf Unterstützung abgelehnt. Mit der Begründung, Sie als Künstler könnten dem Genre nichts Neues hinzufügen. Sie seien zu nahe bei Prince. Können Sie das verstehen?
Das Kuratorium meinte: Das, was ich mache, gibt es schon und braucht es deshalb nicht. Ich habe unzählige Gesuche an Kulturförderinstitutionen geschrieben und kann auch die Absagen längst nicht mehr zählen.
Die meisten begründeten ihre Absage mit: Du brauchst von uns kein Geld, du schaffst es auch so. Ein anderes Mal war es zu gut, dann wieder zu wenig künstlerisch. Ich persönlich finde, es macht viel mehr Sinn, etwas zu fördern, das das Potenzial hat, einmal von selber zu laufen.

Wie geht es weiter? Wie sieht der nächste Fünfjahresplan von Seven aus?
Ich habe das Release von «4COLORS» sowie 80 Konzerte vor mir bis im Frühling 2018. In Deutschland wollen wir unseren Erfolg bestätigen. Die nächsten Ziele sind Holland, Frankreich und Japan, weil diese Märkte eine grosse Affinität zu dieser Musik haben.

Dazu kommt noch mein Traum von Amerika. Ich glaube, meine aktuelle Band muss sich auch dort nicht verstecken, und hoffe, dass wir irgendwann in der Zukunft pro Jahr fünf bis sechs Konzerte in den USA spielen können. Ich weiss, das ist irrsinnig, aber so schnell gebe ich meinen amerikanischen Traum nicht auf. Aufgeben gibt es nicht. 

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