Sport

Egal, wer spielt – bis jetzt ist für die Schweiz an der Hockey-WM alles perfekt aufgegangen. Bild: Petr David Josek/AP/KEYSTONE

Perfekte Rollenspieler – die Hockey-Nati ist so stark, weil sie keine Stars hat

Die Schweizer Hockey-Nati schliesst die Gruppenphase der WM in Paris auf einem starken zweiten Platz ab. Woher kommt dieser Erfolg? Ganz einfach: Die Mannschaft ist an der WM erfolgreich, weil sie keine Stars hat.

17.05.17, 10:16 17.05.17, 10:35

Marcel Kuchta / Nordwestschweiz

Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft sorgt an der WM in Paris weiter für Verblüffung. Mit einem 3:1-Sieg gegen Tschechien im letzten Vorrundenspiel sicherte sie sich den zweiten Gruppenplatz und somit auch die Garantie, den Viertelfinal vom Donnerstag in gewohnter Umgebung auszutragen.

Die Highlights der Partie Schweiz – Tschechien. Video: YouTube/IIHF Worlds 2017

Gegner Schweden wird heute Mittwoch den Transfer von Köln in die französische Hauptstadt über die Bühne bringen müssen, während sich die Mannschaft von Patrick Fischer in aller Ruhe auf die nächste, schwierige Aufgabe vorbereiten kann. 

Leader noch nicht in Topform

Ja, wer hätte gedacht, dass die Schweizer in jedem der sieben Vorrundenspiele mindestens einen Punkt mitnehmen würden – vor allem nach dem missglückten Auftakt mit dem Punktverlust gegen Aufsteiger Slowenien? Wer hätte gedacht, dass diese Equipe gegen zwei Vertreter der «grossen Sechs», Kanada und Tschechien, als Sieger vom Platz gehen würde?

Umfrage

Was erreicht die Schweiz an dieser WM noch?

  • Abstimmen

2,539 Votes zu: Was erreicht die Schweiz an dieser WM noch?

  • 29%Im Viertelfinale gegen Schweden ist Schluss.
  • 38%Das Halbfinale liegt drin.
  • 9%Es reicht sogar fürs Finale.
  • 18%Wir werden Weltmeister!!
  • 6%Ich will nur das Resultat sehen.

Das Auftreten der «Eisgenossen» ist umso erstaunlicher, als in dieser Mannschaft acht Spieler stehen, die ihr erstes WM-Turnier bestreiten. Und es wird noch einmal erstaunlicher, wenn man genauer hinschaut und sieht, dass gerade die Akteure, die auf dem Papier die Leader sein sollten, Mühe haben, ihre Leistung abzurufen. 

Zum Beispiel ...

... Damien Brunner: Der Stürmer des HC Lugano verwandelte zwar im allerersten Turnierspiel gegen Aufsteiger Slowenien seinen Versuch im Penaltyschiessen, blieb aber sonst unter den Erwartungen. Gegen Tschechien erzielte er endlich sein erstes Tor aus dem Spiel heraus. «Ich bin einfach glücklich, dass die Scheibe reingegangen ist», sagte der Goalgetter ausser Dienst, der im Spiel gegen Finnland sogar hatte zuschauen müssen.

Geht bei ihm nach seinem Treffer gegen Tschechien endlich der Knopf auf? Damien Brunner klatscht mit seinem Teamkollegen ab. Bild: KEYSTONE

Zum Beispiel ...

... Raphael Diaz: Der Captain ist ziemlich weit weg von seiner Bestform. Wenn man ihm derzeit auf dem Eis zuschaut, dann sieht man einen Spieler, der sich in seinem Bemühen, die von ihm geforderte Hauptrolle zu spielen, immer mehr verkrampft.

Diaz ist sich durchaus bewusst, dass er seiner Form derzeit hinterherläuft, aber er sagt das, was die DNA dieses Teams ausmacht: «Für mich ist sekundär, wie meine Plus-Minus-Bilanz aussieht. Die Euphorie kommt, wenn wir als Mannschaft Erfolg haben. Das ist doch das Geile. Man spürt, dass jeder Spieler seine Rolle hat. Jeder kämpft, jeder will auch Kleinigkeiten verbessern.»

Raphael Diaz ist definitiv kein Roman Josi, aber dennoch wichtig für die Schweizer Mannschaft. Bild: Petr David Josek/AP/KEYSTONE

Zum Beispiel ...

... Dennis Hollenstein: Der Klotener wurde im Spiel gegen Tschechien geschont. Auch er ist einer der designierten Leader, die ihr erhofftes Niveau noch nicht erreicht haben, und für einen Spieler seiner Klasse hatte er bisher eigentlich zu wenig Einfluss auf die Performance der Mannschaft.

Dennis Hollenstein nimmt noch zu wenig Einfluss aufs Schweizer Spiel. Bild: Petr David Josek/AP/KEYSTONE

Brunner, Diaz, Hollenstein. Diese drei Beispiele sind der beste Beweis dafür, wie überraschend gut diese Mannschaft funktioniert. Patrick Fischer hat während der ganzen Vorrunde immer wieder Personalrochaden vorgenommen – an der Performance des Teams änderte sich auch in neuer Rollenverteilung kaum je etwas. Es gab immer wieder andere Helden wie Reto Schäppi, Fabrice Herzog, Vincent Praplan oder das westschweizer Verteidigerduo Romain Loeffel/Joël Genazzi.

Im Spiel gegen Tschechien kam sogar der dritte Goalie, Niklas Schlegel, zum Einsatz und hielt in seinem allerersten WM-Spiel seiner Karriere so gut, als hätte er noch nie etwas anderes gemacht. Dasselbe gilt für Zug-Verteidiger Dominik Schlumpf, der gestern ebenfalls zu seinem ersten Einsatz im laufenden WM-Turnier kam und eine souveräne Leistung ablieferte. Die Schweizer erwiesen sich in Paris quasi als die perfekten Rollenspieler.

Genoni-Ersatz Niklas Schlegel wurde gegen Tschechien zum besten Spieler gewählt. bild: screenshot rts

Klar ist aber: Auch wenn das funktionierende Kollektiv bisher die Basis des Erfolgs darstellt, so müssen im Viertelfinal gegen die Schweden alle Spieler an ihr Leistungslimit und darüber hinaus, wenn sich der Traum von der Halbfinal-Qualifikation am Donnerstag erfüllen soll. Die designierten Top-Cracks wie Brunner, Diaz oder Hollenstein müssen die Leute sein, die gegen Schweden den Unterschied ausmachen. Gelingt dieser Schritt, dann wird diese verblüffende WM-Reise der Schweizer nicht zu Ende gehen.

Die besten Bilder der Eishockey-WM 2017

Unvergessene Eishockey-Geschichten

04.01.1987: Als nach der grössten Prügelei aller Zeiten die Lichter ausgingen und ein Spiel die Eishockey-Welt veränderte

16.01.1905: Nach 23 Tagen Anreise werden die Dawson City Nuggets im Stanley-Cup-Final mit 2:23 vermöbelt

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

24.02.2006: Neunmal das F-Wort in einer Minute – Greg Holst macht sich mit legendärem Ausraster-Interview unsterblich

14.05.2008: Philippe Furrer schiesst das kurioseste Eigentor der Schweizer Hockey-Geschichte

10.10.1979: Ein gewisser Wayne Gretzky bestreitet sein erstes Spiel in der NHL – er wird sämtliche Rekorde pulverisieren

02.05.2000: In St. Petersburg schreibt ein SMS Hockeygeschichte

18.02.2006: Die «Eisgenossen» spielen kanadischer als die Kanadier und rächen sich für eine uralte Schmach

11.03.1979: NHL-Haudegen Randy Holt prügelt sich zu einem bis heute gültigen Rekord – 67 Strafminuten in einem einzigen Spiel

08.04.1980: Sie wissen nicht, was sie tun, als sich zwei Schweden als erste Hockeyspieler einen Playoff-Bart wachsen lassen

28.01.2009: Die Zürcher Löwen krönen sich zu Europas Eishockey-Königen

24.03.1936: Im längsten Hockey-Spiel aller Zeiten fällt das goldene Tor erst im 9. Drittel – um 2.35 Uhr nachts

28.12.1999: «La Montanara» erklingt in Berlin – Ambri krönt sich zum europäischen Champion

31.03.2009: Nie haben wir uns mehr über ein Tor gegen die Schweizer Nati gefreut als bei Omarks Penalty-Trick

22.09.2012: Rick Nash meldet sich mit einem Blitz-Hattrick in der Schweiz zurück

30.12.1981: Wayne Gretzky schafft den verrücktesten seiner Rekorde: 50 Tore in 39 NHL-Spielen

26.12.1993: Dank Chomutow und Bykow träumt Aufsteiger Davos vom ersten Spengler-Cup-Titel seit 35 Jahren

Amerikas College-Boys erlegen den russischen Bären

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die catson-App!

Die flauschigste App der Welt! 10 von 10 Katzen empfehlen sie ihren Menschen weiter.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
6 Kommentare anzeigen
6
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • sansibar 17.05.2017 17:45
    Highlight Also zuerst mal: bravo an die Eisgenossen! Konnten sich im Verlauf des Turniers steigern, obwohl A) viele abwesend sind und B) ein paar Leistungsträger nicht immer auf Top-Niveau spielten. Bei Diaz und Hollenstein finde ich die Kritik aber auch etwas hart, es erwartet doch niemand von Diaz dass er alles in Grund und Boden spielt wie das evtl. ein Josi tun würde... Und Hollenstein setzt in seiner Linie oft die Mitspieler toll in Szene. Ein Kompliment auch an Fischer - denke seine "Methoden" greifen in einer Nati eher als im Verein! Nati ist ja nur 1-2 Monate pro Jahr... Da passt es wohl.
    6 1 Melden
    600
  • my2cents 17.05.2017 13:24
    Highlight Soll die Kritik an Diaz/Hollenstein und Brunner Schützenhilfe für den Eismeister sein oder weshalb ist man nach der - letztlich soliden - Viertelfinalqualifikation so bemüht ein Haar in der Suppe zu finden?
    16 3 Melden
    600
  • holden27 17.05.2017 11:49
    Highlight Kann die Kritik an Diaz nicht wirklich nachvollziehen... immer wieder gefährlich von der blauen linie und ermöglicht so wertvolle abpraller, steuert das spiel von der blauen linie aus nicht schlecht
    Gibt andere spieler die ich eher kritisieren würde...
    17 15 Melden
    • Beobachter 17.05.2017 13:12
      Highlight Diaz ist einfach etwas überspielt. Er hatte schon die ganze Saison über zu viel Eiszeit. Ich denke, die Batterien sind leer. Trotzdem ruft er immer noch gute Leistungen ab. Im Gegensatz beispielsweise zum hochgelobten Berner Shooting Star Untersander beweist Diaz, dass er durchaus internationales Format hat. Erst jetzt, wo die beiden "auf der gleichen Seite" spielen sieht man, dass Diaz auf diesem Nieveau immer noch eine Klasse besser ist. Untersander muss man zugute halten, dass er der Mann der Zukunft sein kann.
      21 5 Melden
    600
  • kupus@kombajn 17.05.2017 10:43
    Highlight Die Bewertung Hollensteins kann ich nicht nachvollziehen. Meiner Meinung nach hat er sehr gut gespielt. Sehr gutes Forechecking, viele Zweikämpfe gewonnen, Scheiben erobert und 5 Vorlagen gegeben. Er hatte sehr viel Eiszeit.
    102 6 Melden
    • Der müde Joe 17.05.2017 12:52
      Highlight Sehe ich auch so! Die Tore die Praplan erzielte, kamen alle von genialen zuspielen Hollenstein's.
      Man kann Spieler nicht nur anhand erzielter Tore bewerten!
      44 3 Melden
    600

«Es ist ein geiles Gefühl» – die Schweiz schlägt Kanada sensationell nach Verlängerung

Das Schweizer Nationalteam sorgt an der WM in Paris für eine Sensation. Es bezwingt den zuvor verlustpunktlosen Titelverteidiger Kanada nach 0:2-Rückstand mit 3:2 nach Verlängerung.

» Hier gibt's den Liveticker der Partie zum Nachlesen

Die Schweizer schafften zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg 1998 das Kunststück, an einer WM einen «Grossen» nach einem Zweitore-Rückstand zu bezwingen. Es war der vierte Sieg gegen die Kanadier an einem grossen Turnier nach den Erfolgen an den Olympischen Spielen 2006 (2:0) sowie an den Weltmeisterschaften 2010 (4:1) und 2013 (3:2 n.P.).

Matchwinner der Schweizer war Fabrice Herzog. Der Stürmer der ZSC Lions schoss in der 64. Minute auf …

Artikel lesen