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Federer gegen Wawrinka – einer wird gewinnen ...  Bild: AP

Federer und Wawrinka haben unterschiedliche Waffen – was bei ihnen funktionieren muss

Noch selten war die Affiche zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka so offen wie vor diesem Halbfinal beim Australian Open. Wer dem Gegenüber sein Spiel aufzwingen kann, wird mit dem Finaleinzug belohnt.

25.01.17, 15:24 25.01.17, 17:15

Das Head-to-Head spricht eine deutliche Sprache: 18:3 führt Roger Federer in den Direktbegegnungen gegen Stan Wawrinka. Doch die Bilanz täuscht: Der Romand wurde im Duell mit seinem Olympiagold-Partner von 2008 oft unter Wert geschlagen, weil ihm in den wichtigen Momenten die Nerven versagten – Stichwort Stockholm 2010 oder London 2014. Spätestens seit Wawrinkas Viertelfinal-Erfolg beim French Open 2015 begegnen sich die beiden aber mindestens auf Augenhöhe.

Die Bilanz spricht klar für Federer. bild: ATPwordtour

Der Weg zum Erfolg könnte unterschiedlicher nicht sein, schliesslich haben beide ihre Stärken und Schwächen. Und genau die gilt es auszuspielen oder auszunutzen.

Was bei Federer funktionieren muss:

 1  Der Aufschlag

Beim Aufschlag hat Federer im Vergleich mit Wawrinka leichte Vorteile, beim ersten wie beim zweiten. Wichtig ist, dass er eine möglichst hohe Quote ins Feld bringt. Der «Maestro» wird so nicht unnötig in lange Ballwechsel gezwungen und kann sich dank vieler «Gratispunkte» mehr auf die Return-Games konzentrieren.

77 Asse hat Federer in fünf Partien geschlagen. Video: streamable

 2  Die Vielseitigkeit

Bei Rallys über vier oder mehr Schläge ist Federer klar im Nachteil, Wawrinka bei den monotonen Ballwechseln von der Grundlinie einfach zu stark. Die Vielseitigkeit ist aber Federers grösste Stärke: Mit seinen Tempo-, Taktik- und Rhythmus-Wechseln ist er aber für jeden Gegner äusserst unangenehm zu spielen – auch für Wawrinka.

Geschickt gemacht: Butterweich nimmt er das Tempo raus, spielt kurz cross und Nishikori kommt nicht mehr ran.  Video: streamable

 3  Die Rückhand

Wie fehleranfällig ist Federer auf der Rückhandseite? Zu Beginn gegen Jürgen Melzer und Noah Rubin hatte er noch so seine Probleme, gegen Tomas Berdych und Kei Nishikori funktionierte seine Schwachstelle aber bereits wieder blendend: Er schlug Winner um Winner. Gegen Wawrinka muss er das wieder tun – oder wenigstens konstant dagegen halten können.

Herrlich, dieser Rückhand-Winner der Linie entlang. Video: streamable

 4  Die Beinarbeit

Um seine Fitness stand vor dem Turnier ein grosses Fragezeichen, doch mittlerweile schwärmen wieder alle: «Roger scheint fast über den Platz zu fliegen», staunen Gegner und Experten gleichermassen. Erst seine überragende Beinarbeit lässt ihn die Zauberschläge aus den unmöglichsten Positionen schlagen. Der «Maestro» lässt selbst die anstrengendsten Rallys so aussehen, als wären sie das Selbstverständlichste auf der Welt, was seine Gegner natürlich zum Grübeln bringt.

Federer gräbt gegen Berdych alles aus und schlägt dann den Winner. Video: streamable

 5  Der Angriffsball

Der Platz in der Rod-Laver-Arena ist schneller als in den vergangenen Jahren, das kommt Federers offensivem Spiel entgegen. Er wird deshalb versuchen, so oft wie möglich ans Netz zu gehen. Um dort erfolgreich zu sein, muss beim Angriffsball das Timing stimmen. Der «Maestro» muss geduldig sein und nicht auf Teufel komm raus nach vorne rennen, sonst wird er von Wawrinka regelrecht zerpflückt.

Federer wartet gegen Zverev geduldig, bis der richtige Moment zum Vorgehen gekommen ist. Video: streamable

Umfrage

Federer oder Wawrinka – wer soll den Halbfinal beim Australian Open gewinnen?

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571 Votes zu: Federer oder Wawrinka – wer soll den Halbfinal beim Australian Open gewinnen?

  • 47%Federer natürlich. Er ist ready für den 18. Grand-Slam-Titel.
  • 11%Wawrinka bien sûr. Federer hat schon genug gewonnen.
  • 41%Mir egal, Hauptsache der Sieger schlägt dann im Final Nadal.

Was bei Wawrinka funktionieren muss:

 1  Das Selbstvertrauen

Der Kopf ist bei Wawrinka die halbe Miete. Zu Beginn des Turniers wirkte sich die Unsicherheit über den eigenen Formstand mal wieder 1:1 auf sein Spiel aus. In der 1. Runde gegen Martin Klizan lief noch nicht viel zusammen, doch seit dem Fünfsatzsieg gegen den Slowaken hat er sich kontinuierlich gesteigert und sich wie schon bei seinen drei Grand-Slam-Siegen in einen wahren Rausch gespielt. Dank seiner Erfahrung weiss er mittlerweile: So kann ihn niemand stoppen.

Wenn bei Wawrinka der Zeigfinger zur Stirn geht, ist alles bestens. Video: streamable

 2  Der Return

Federer hat einen der effektivsten Aufschläge auf der Tour.
Wawrinkas Returns müssen also sitzen, wenn er gegen seinen Kumpel ins Spiel kommen will. Der Romand neigt dazu, sich weiter hinter die Grundlinie zurückfallen zu lassen, wenn er sich als Rückschläger unsicher fühlt. Eigentlich kein Problem, so lange er den nötigen Druck ausüben kann und den zweiten Aufschlag des «Maestros» konsequent angreift.

Wenn bei Wawrinka die Länge beim Return stimmt, kann er Druck machen. Video: streamable

 3  Die Power

Ob mit der Vorhand oder mit der Rückhand: Keiner schlägt die Bälle von der Grundlinie derzeit härter als «Stan the Man».
Wawrinka ist in den letzten zwei Jahren so zu einer wahren Winner-Maschine geworden – egal, ob mit Vor- oder Rückhand. 243 Gewinnschläge hat er in fünf Matches ins Feld gedonnert. 

Krasse Beschleunigung: Wawrinka schlägt gegen Troicki einen Vorhand-Winner aus dem Nichts. Video: streamable

 4  Die Präzision

Power allein reicht nicht: Um Federer von der Grundlinie weg in die Defensive zu ballern, muss Wawrinka präzise spielen wie ein Schweizer Uhrwerk. Zu Beginn des Turniers hatte er noch etliche Mühe, die Linien zu treffen. Gegen Tsonga war im Viertelfinal aber kein Zögern mehr zu erkennen. Weil er das Vertrauen in seine Schläge gefunden hat, ging er mehr Risiken ein und wurde belohnt.

In der 1. Runde gegen Klizan: Wawrinka trifft den Gegner statt die Linien. Video: streamable

 5  Die Konstanz

Schon oft hat Wawrinka Federer in einer Partie dominiert, zumindest eine Zeit lang. Manchmal über eine Stunde, aber irgendwann kam beim Romand die Schwächephase und die nützte Federer jeweils eiskalt aus. Für Wawrinka wird entscheidend sein, dass er nie nachlässt, Federer ständig unter Druck setzt und ihn im Stile eines Djokovic oder Nadal nicht mehr aus seinem Würgegriff lässt.

ATP Finals 2014: Wawrinka ist bei der «Cry Baby»-Affäre in London eigentlich der bessere Spieler, verliert aber trotzdem. Video: YouTube/peRFect tennis II

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  • Hopper 25.01.2017 21:34
    Highlight Ich bin hin- und hergerissen. Würde mich eigentlich für Roger mehr freuen, denke aber, dass er im Finale gegen Nadal (mal wieder) chancenlos wäre. Deshalb wohl eher pro Stan..
    0 2 Melden
  • Radiochopf 25.01.2017 21:07
    Highlight Neben Federer und Wawrinka sollte man noch einen Blick ins Girls Tableau werden.. dort ist eine Schweizerin im Viertelfinale und Nummer 1 des Turniers 😃
    2 2 Melden
  • 8004 Zürich 25.01.2017 16:06
    Highlight Die Analyse sehe ich etwas einfacher: Dass bei Federer die Fitness stimmt, davon haben wir uns überzeugen können. Der einzige andere Punkt, der dazu kommt, ist sein Kopf. Wenn in dem alles stimmt, dann sind Service, Vielseitigkeit, Beinarbeit (jetzt nicht Fitness, sondern "parat im Kopf" sein) und sein Angriff gewährleistet und er gewinnt, egal wie gut Stan spielt, AUSSER dieser spielt so gut, wie am v.a. French Open '15 oder am AO '14.
    6 1 Melden
    • 8004 Zürich 25.01.2017 16:38
      Highlight Dann glaube ich nämlich, dass es niemanden gibt, der ihn besiegen kann. Ich habe noch niemanden so krass dominant Tennis spielen sehen wie Stan am FO'15 im Finale (gegen einen Topform-Djoker!).

      Ich denke, der Ausgang der Partie hängt von diesen Punkten ab:
      1. Spielt Stan wie am FO 15 oder AO 14. Dann zählt kein zusätzlicher Faktor.
      2. Chancenverwertung von Federer. So stark RF mental im verhindern von Breaks ist, so inkonsequent war er seine Karriere durchweg bei der Verwertung dergleichen. Seine einzige echte Schwäche. Hat sich so schon des öfteren um die Früchte seiner Arbeit gebracht, ...
      4 0 Melden
    • hektor7 25.01.2017 16:45
      Highlight Fazit: Wenn Wawrinka besser spielt, gewinnt er. Wenn Federer besser spielt, gewinnt er.

      Das Einmaleins des Sports...
      16 1 Melden
    • 8004 Zürich 25.01.2017 19:13
      Highlight , indem er sich selbst schlug oder zumindest einen Umweg nehmen musste. Wenn Stan so kompakt auftritt, lässt er wenige Breakmöglichkeiten zu, daher sehe ich hier einen kritischen Faktor.
      3. Die Quote erster Services von RF. Wenn die hoch ist, dann geht alles bei eigenem Aufschlag alles wie am Schnürchen und es droht keine Breakgefahr. Der stärkere Aufschlag von Federer ist gewissermassen nicht nur ein Vorteil, denn er ist auch mehr abhängig von ihm, als Stan von seinem Service. Es gibt ja den Spruch, dass der erste Service nur so gut ist wie der Zweite und der von Federer ist stets extrem gut.
      0 1 Melden
    • 8004 Zürich 25.01.2017 19:14
      Highlight Bloss diesen Druck spürt Stan viel weniger. Wenn er über den Zweiten muss, spielt er halt einen Ballwechsel, etwas was Federer wenn immer möglich verhindern will.
      4. Der Return von Wawrinka. Und zwar meine ich damit nicht den Return auf den zweite Aufschläge (weil er gegen RF nicht so weit nach hinten kann, v.a. nicht, wenn dieser von rechts nach links auflschagen kann), sondern auf die ersten, die er allermeistens nur blockt. War lange Zeit seine grösste technische Schwäche und wenn die Länge nicht stimmt, ist es das auch heute noch.
      0 1 Melden
    • 8004 Zürich 25.01.2017 19:15
      Highlight Wenn diese Hinhalt-Blocker nicht eine ausgezeichnete Länge haben, gibt er sich zum Abschuss frei. Wie oft Punkt 4 überhaupt zum Tragen kommt, hängt wiederum von Punkt 3 ab.
      5. Wie oft muss Federer Backhand spielen? Ob sie funktioniert oder nicht ist insofern kein Faktor, dass er sowieso lieber keine Ballwechsel spielt (und wenn dann wieder etwas häufiger mit BH-Slice) und von daher darauf schaut, so viel wie möglich Vorhand zu spielen und die Rückhand anyway durchröstet.
      0 1 Melden
    • 8004 Zürich 25.01.2017 19:15
      Highlight Ob sie an diesem Tag funktioniert oder nicht, darf kein entscheidender Faktor werden, sonst ging schon vorher was schief. Die Rückhand ist eher für das psychische Gesamtwohlbefinden wichtig. Aber die Slices müssen kommen, weil die nicht „selber punkten könnnen“.
      6. Mentale Pausen. Sind beide nicht gefeit davor und schon beide haben Spiele oder Sätze verloren, in denen sie eigentlich besser waren, aber dann eine Konzentrationspause einlegten (so wie Federer gegen Nishikori im Vierten).
      0 1 Melden

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