Sport

Regisseur Fogel lässt sich untersuchen. bild: netflix

Doku-Filmer will sich zum Test dopen – und gerät an den Chef des russischen Staatsdopings

Grigori Rodschenkow war der Kopf des russischen Staatsdopings. Das wusste der US-Regisseur Bryan Fogel bei seinem ersten Treffen mit dem Wissenschaftler nicht. So wurde seine Dokumentation «Icarus» zur Bühne für einen Verbrecher.

04.08.17, 19:03 06.08.17, 10:02

Jan Göbel

Ein Artikel von

Wer Angst vor Spritzen hat, wird bei diesem Film häufig wegschauen müssen. Wer kein Blut sehen kann, auch. Das gilt allerdings nur für die erste Hälfte der Dokumentation «Icarus» (Netflix, ab dem 4. August) – danach wird man Zeuge, wie der wohl grösste Dopingskandal der Sportgeschichte ins Rollen kommt.

Am Anfang des Films steht die Haute Route, eines der schwersten Radsportamateurrennen der Welt, eine Herausforderung über 800 Kilometer. Steile Anstiege und schwierige Abfahrten machen sie zu einer Tour de France der Amateure. Wer hier gewinnen will, muss mehr als nur Hobbysportler sein.

Der Trainer zur Netflix-Doku «Icarus». Video: YouTube/Netflix

Der US-Regisseur Bryan Fogel begann aus diesem Grund 2014 einen Doping-Selbstversuch und eiferte seinem früheren Idol Lance Armstrong nach. Das Experiment war gross angelegt, mit professioneller Beratung. Fogel wollte herausfinden, wie weit er sich mit illegalen Substanzen verbessern kann, er wollte die Rundfahrt durch die europäischen Berge gewinnen.

Don Catlin, einer der wichtigsten Wissenschaftler im Anti-Doping-Kampf, ist zu Beginn Fogels erster Ansprechpartner bei seinem Experiment. Als ihm das Vorhaben zu «heiss» wird, empfiehlt Catlin Fogel einen früheren Weggefährten: Grigori Rodschenkow, ein ehemaliger Läufer und promovierter Chemiker, der über Jahrzehnte mit Dopingsubstanzen experimentiert hat – und schon immer ein Doppelleben führte: Er ist der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors.

Bei Fogels erstem Kontakt mit Rodschenkow 2014 weiss der Regisseur noch nichts von den Abgründen, die sich bald um seine Bekanntschaft auftun werden. Er weiss nicht, dass Rodschenkow als Leiter des russischen Anti-Doping-Labors zahlreichen heimischen Athleten verbotene Mittel verabreicht hatte, durch die sie dann 33 Medaillen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi gewinnen konnten. Das alles erfährt Fogel erst aus ARD-Enthüllungen, dem McLaren-Report Ende 2015 und aus häufigen Skype-Telefonaten, die er mit Rodschenkow führt.

Regisseur Fogel führte einen Doping-Selbstversuch durch.  bild: netflix

Wäre Fogels Rolle die eines Journalisten, man spräche von Reporterglück. Doch Fogel verliert die Distanz zu Rodschenkow, der Filmemacher, dessen bisher grösster Erfolg das Off-Broadway-Musical «Jewtopia» war, und der Wissenschaftler werden Freunde.

«Ich habe Sportler vor schlechten Steroiden bewahrt»

Bei allen handwerklichen Schwächen, die der Film hat – er funktioniert auf seine Weise. «Icarus» hat viele Details über das systematische Doping in Russland erst hervorgebracht. Fogels Film erklärt das Vorgehen der russischen Doping-Experten (zum Beispiel mit «Mauslöchern», durch die Dopingproben illegal ausgetauscht worden sind) und zeigt, wie einfach die Vertuschung gelingt.

Und er lässt Rodschenkow ausgiebig zu Wort kommen, seine eigenen Verbrechen enthüllen. Die Folge: Rodschenkow wird während der Dreharbeiten in Russland als Verräter gejagt, der Whistleblower flieht zu seinem neuen Freund in die USA. Heute sitzt er im Zeugenschutzprogramm des FBI.

Grigori Rodschenkow sorgte für einen russischen Medaillenregen in Sotschi. Bild: EPA/sportphoto.ru

An vielen Stellen der Dokumentation bekommt man das Gefühl, der Russe ist berauscht von seinem Wissen, seinen Methoden, seinen Errungenschaften. Wenn er erzählt, wie er den russischen Athleten half, ohne Strafen davonzukommen. Das Problem ist die Nähe von Fogel zu Rodschenkow. Der Russe darf die Plattform als selbstgerechter Anti-Doping-Kämpfer nutzen und kann unkommentiert Sätzen sagen wie: «Ich habe Sportler vor schlechten Steroiden bewahrt.» Fragen nach Schuldbewusstsein gibt es nicht.

Bereits während ihres ersten Skype-Gesprächs 2014 entsteht eine merkliche Sympathie zwischen Fogel und dem Dopingexperten. Sie plaudern über ihre Hunde und tüfteln an Fogels Experiment. Nach der Haute Route, die für Fogel mit einer Enttäuschung endet, trinken sie in Moskau Wodka. Als Rodschenkow ins Visier der russischen Regierung gerät, die einen Verantwortlichen für den Skandal präsentieren will, verhilft ihm Fogel zur Flucht nach Amerika.

Vom Regisseur zum Anwalt eines Verbrechers

Spätestens jetzt beschleicht einen das Gefühl, Rodschenkow habe die Filmregie übernommen. Fogels Rolle besteht vor allem darin, seinen neuen Freund zu schützen. Den Gipfel erreicht diese Rolle bei einem Termin mit ausgewählten und ziemlich aufgebrachten Mitgliedern des IOC. Der Russe hatte sie über Jahre vorgeführt, doch nun müsse man Rodschenkows Rolle als Aufklärer anerkennen, sagt Fogel. Auf die Frage eines IOC-Mitglieds, ob «er», Rodschenkow, sich schuldig fühle, fragt Fogel schlicht: «Wer?»

Man würde gern wissen, was Catlin über die Arbeit seines früheren Freundes Rodschenkow denkt. Der 79-Jährige jagte Jahrzehnte lang Dopingsünder. Den früheren Radprofi Lance Armstrong hatte Catlin 50-mal auf Doping getestet – immer fiel das Ergebnis negativ aus. Im sportlichen Ruhestand, 2013, gestand Armstrong die jahrelange Einnahme von leistungssteigernden Mitteln dann selbst in einem TV-Interview.

Der Wissenschaftler hätte Armstrong nie überführen können. Catlin wirkt darüber nicht verbittert, als er Fogel davon erzählt. Aber Catlins Anti-Doping-Kampf ist auch deswegen so aussichtslos, weil es Fachleute wie den russischen Dopingkollegen gibt. «Icarus» zumindest erweckt den Anschein, Rodschenkow sei als Held aus der Geschichte hervorgegangen.

Die Chronik im russischen Doping-Skandal

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • Hayek1902 06.08.2017 10:57
    Highlight Wow, die russische Trollfabrik ist definitiv in der Schweiz angekommen. Wenn wir die Kommentare auf Schweizerdeutsch wechseln würden hätten wir dann immer noch so viele Putinfans?
    12 1 Melden
  • Informant 05.08.2017 00:44
    Highlight Das 1 mal 1 für Journalisten im Westen (Teil 1):

    Alles Negative was in Russland passiert, bringe mit dem Staat in Verbindung.
    Verwende Ausdrücke wie „Kremlnah“, „Putin-Freund“, „Verbindungen zum Kreml“.
    Und wenn „Putin-Kritiker“ wegen Verbrechen angeklagt sind, spreche von „Schauprozess“ oder „als Verräter gejagt“.
    Wenn ein russischer Sportler gedopt war, bringe unbedingt das Wort „Staatsdoping“ unter.
    16 79 Melden
  • Informant 05.08.2017 00:44
    Highlight (Teil 2):
    Kreml-kritische „Künstler“, die ihre Hoden auf den Roten Platz nageln und Brandstiftung begehen (Pjotr Pawlenski) oder „Punk Bands“ die sich im Supermarkt ein Huhn in die Mumu schieben, öffentlich kopulieren oder Urin auf Polizisten schütten (Pussy Riot) müssen als wichtige Stimmen des Aufstands beschrieben werden.

    Kreml-Kritische „Politiker“ wie Nemzow, Chodorkovsky oder Navalny, die Zustimmungsraten im unteren 1-stelligen Bereich haben/hatten, müssen als „Oppositionsführer“ verkauft werden. (deren dubiose Machenschaften, Verbrechen, Nationalismus sollten verschwiegen werden.)
    14 74 Melden
    • James McNew 05.08.2017 10:22
      Highlight Ach, für Sie würde das früher auf Ihre politischen Gegner gemünzte "Moskau einfach" wunderbar passen. Dort können Sie dann Staatsmedien konsumieren und in einer Welt des heldenhaften Russland leben, dass doch immer nur Opfer des bösen Westens ist...
      52 9 Melden
    • ujay 06.08.2017 13:45
      Highlight @Informant. =Realitaets resistenz Teil 1 & 2
      10 2 Melden
  • Radiochopf 04.08.2017 20:58
    Highlight Es ist schon ein wenig ironisch, dass ein Verbrecher wie Rodschenkow vom FBI geschützt wird Helden die etwas für die Menschheit getan haben wie Snowden und Manning von ihnen gejagt werden/wurden und mit lebenslanger Haft rechnen müssen oder sogar schon im Gefängnis waren.. irgendetwas läuft hier falsch auf dieser Welt....
    81 28 Melden
    • exeswiss 04.08.2017 22:35
      Highlight Es ist schon ein wenig ironisch, dass ein Verbrecher wie Snowden vom FSB geschützt wird die etwas für die Menschheit getan haben wie Rodschenkow werden/wurden und mit lebenslanger Haft rechnen müssen oder sogar schon im Gefängnis waren.. irgendetwas läuft hier falsch auf dieser Welt....

      na? fällt etwas auf? es kommt immer darauf an aus welcher perspektive man etwas sieht lieber Radiochopf.
      80 25 Melden
    • Lukas_W 04.08.2017 22:48
      Highlight Ah klar, sagen wir einfach mal wieder etwas schlechtes über das fbi, dann muss man sich nicht mit dem doping der Russen auseinandersetzen...
      55 9 Melden
  • Soli Dar 04.08.2017 20:12
    Highlight Und täglich grüßt das SPON-Murmeltier - Na ja Hauptsache wir haben unsere Feindbilder und können mit dem Finger auch Andere zeigen...
    33 76 Melden
  • Skorpion 04.08.2017 19:19
    Highlight Wer glaubt schon einem US-Regisseur und einem frustrierten, russischen EX-DOPING-JÄGER, der offenbar mit dem Kremel eine Rechnung offen hat?! Mal ehrlich: das ist nun wirklich eine SOMMER- ENTE !
    30 125 Melden
    • Benot 04.08.2017 19:45
      Highlight Wieso ...
      ... soll man einem "frustrierten, russischen EX-DOPING-JÄGER, der offenbar mit dem Kremel eine Rechnung offen hat" nichts glauben?

      Mal ehrlich: Wenn man kein von Moskau bezahlter Kommentarspaltentroll ist, kann man diese Behauptung nur als Sommer Ente bezeichnen.
      102 13 Melden
    • ingmarbergman 04.08.2017 19:56
      Highlight wieso sollte ich einem US-Regisseur nicht glauben? Über den Inhalt eines Dokumentarfilms bilde ich mir selber eine Meinung, wenn ich ihn schaue. Ob der Regisseur Russe, Amerikaner oder sonst etwas ist, ist mir egal.
      86 7 Melden
    • EarlofGrey 04.08.2017 23:33
      Highlight Also so Sommer-Enten sind mir beinahe das liebste Phänomen des hiesigen Lückenfüller-Boulevards...besonders wenn sie daher kommen wie ein Statist aus dem Borat-Film...
      2 18 Melden
    • Domsh 04.08.2017 23:51
      Highlight https://de.m.wikipedia.org/wiki/Troll-Armee?wprov=sfla1
      14 1 Melden

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