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Hat gut lachen: Zeiter liegt mit Winterthur derzeit auf Rang 2. Bild: watson

Wie Michel Zeiter den EHC Winterthur vom NLB-Aussenseiter zum Topteam formt

In der NLB haben sieben Klubs ein Aufstiegsgesuch gestellt. Winterthur gehört nicht dazu – doch nach einem fulminanten Saisonstart grüssen die Zürcher sensationell von Rang 2. Ein Besuch bei Trainer Michel Zeiter.

Publiziert: 06.10.16, 06:33 Aktualisiert: 06.10.16, 07:59

«Zielbau Arena» heisst das Stadion des EHC Winterthur seit Anfang Saison und dieser Name ist Programm. Denn Michel Zeiter ist mit dem Ziel angetreten, als Trainer und Sportchef des NLB-Klubs etwas aufzubauen. Das gelingt ihm schneller als erwartet: Winterthur steht nach acht Runden auf Rang 2. Der Heimsieg gegen Martigny am Dienstag war der fünfte in Folge, alle gegen aufstiegswillige Konkurrenten. Zeiter freut sich besonders über die Art und Weise, wie das 3:2 zustande kam: «Wir haben richtig tolles Eishockey gespielt.»

Als Spieler war der 42-jährige Zeiter der «König der Löwen», Publikumsliebling beim ZSC. Nun arbeitet er in einer Stadt, deren Wappen aus gleich zwei Löwen besteht. Zeiter kam zu einem Klub, der in seiner ersten NLB-Saison abgeschlagen Letzter wurde. Bloss 24 Punkte wurden in 45 Partien geholt, die Playoffs verpasste Winterthur um 28 Zähler. Die Ernüchterung war gross – so hatte man sich das Abenteuer NLB nach vielen Jahren mit glänzenden Leistungen in der 1. Liga nicht vorgestellt.

Der Klub wollte deshalb einen Schritt vorwärts machen, im ganzen Umfeld professioneller werden. Ohne gleich zu übertreiben. «Wir sagten vor der Saison, dass wir bis Weihnachten um die Playoff-Plätze kämpfen wollen. Und wenn wir dann riechen, dass etwas möglich ist, dann werden wir natürlich alles daran setzen, unter die ersten acht zu kommen», hält Michel Zeiter fest. An diesem Plan ändere der beeindruckende Saisonstart nichts. «Aber klar ist: Was man hat, das hat man.»

Zeiters neuer Arbeitsplatz: Die Eishalle Deutweg in Winterthur. Bild: watson

Ein ungleicher Kampf

Nach knapp 700 Einsätzen in der NLA musste sich Zeiter in Winterthur erst daran gewöhnen, dass die Uhren eine Liga tiefer ein wenig anders ticken. «Fast alle Spieler arbeiten mit einem 100-Prozent-Pensum. Wir müssen deshalb am Feierabend trainieren und wenn wir am Samstag ein Spiel haben, entfällt das Warm-up am Morgen, weil die Spieler endlich mal ausschlafen können und die alltäglichen Dinge erledigen müssen, für die sie während der Woche keine Zeit haben», erläutert Zeiter.

Die Belastung mit Arbeit, Training und Spielen sei gross. «Wenn wir nach einer Partie in Visp um 2 oder 3 Uhr morgens wieder in Winterthur sind, dann müssen die ersten Spieler trotzdem bereits wieder um 6 Uhr ‹im Stollen› sein.»

Zeiter erzählt von Topskorer Gian-Andrea Thöny. In der vergangenen Woche sei der Stürmer arbeitsbedingt praktisch nur bei den Spielen dabei gewesen. Geschadet scheint das mit Blick auf Thönys Bilanz nicht zu haben: 8 Tore in 8 Spielen.

Umso erstaunlicher ist Winterthurs momentaner Erfolg. Denn Geld ist kaum vorhanden. «Wir sind auf jeden Zuschauer angewiesen, jeder Franken hilft uns», so Zeiter. Sein Klub habe ein Budget von 1,4 Millionen Franken – ein Pappenstiel im Vergleich mit der Konkurrenz, welche drei oder vier Mal mehr Geld zur Verfügung habe.

Zeiter beim Video-Studium in seinem Büro. Bild: watson

Aus finanziellen Überlegungen wollte der EHCW die Saison auch ohne Ausländer bestreiten. Wegen zahlreicher Verletzungen wurde dann doch der Slowake Radovan Pulis verpflichtet. Sein Vertrag läuft noch bis am Samstag, ob sein Engagement verlängert wird, ist noch offen.

«Wie kann man in jedem Moment das Beste herausholen?»

Kaum Geld, fast keine Profis und trotzdem Rang 2 – irgendetwas muss Zeiter richtig machen. Die Resultate seien auch für ihn unglaublich, meint er, um sich dann gleich selber zu korrigieren: «Nein, es ist eigentlich nicht unglaublich. Ich sehe die Spieler jeden Tag, ich arbeite mit ihnen und wir haben gemeinsam etwas kreiert, das nun Früchte trägt. Wir sind auf einem Weg und für uns zählt das Momentum. Unsere grosse Frage lautet: Wie kann man in jedem Moment das Beste herausholen?»

Zeiter tippt sich an die Stirn: «Da drin ist eben auch ein Muskel.» Die mentale Arbeit sei ein keinesfalls zu unterschätzender Teil für das Funktionieren einer Mannschaft. Für Zeiter, der sich schon als Spieler damit beschäftigte, ist die mentale Komponente ein wesentlicher Teil des momentanen Erfolgs.

«Wir wollen stabil sein in der eigenen Zone und schnell vorwärts spielen», erläutert Michel Zeiter seine Philosophie. Schmunzelnd fügt er hinzu: «Aber wahrscheinlich sagen hunderttausend Trainer, dass sie schnell spielen wollen.» Der Coach, dem als Aktiver das Etikett eines Künstlers anheftete, fordert seine Spieler ausdrücklich zur Kreativität auf. «Ich sage ihnen, dass sie die Stärken, die sie besitzen, auch umsetzen sollen. Ich sage ihnen: ‹Habt Freude, macht etwas daraus!›» Man schaue sich auch gemeinsam Tricks von NHL- oder KHL-Spielern an und versuche dann, diese zu probieren.

Schön aufgereiht warten die Stöcke der Winterthurer Spieler in der Garderobe auf ihren Einsatz. Bild: watson

Wichser als Integrationsfigur

Über allem steht für Zeiter die Entwicklung des Spielverständnisses seiner Akteure. Sie müssten lernen, das Spiel zu verstehen. «Warum passiert was? Warum muss ich mich, mit und ohne Scheibe, so oder so verhalten?» Nur wenn man eine Situation richtig erfasse, könne man agieren statt bloss reagieren.

Diese Gabe hat mit Sicherheit Adrian Wichser. Der 36-jährige Ex-Nationalspieler wechselte im Sommer in seine Heimatstadt zurück, als «Wunschtransfer» bezeichnet Zeiter den Zuzug. Wichser sei für die jungen Spieler ein absolutes Vorbild, zumal er nach wie vor sehr fit sei. «Adi ist auch fürs Umfeld sehr wertvoll. Er kennt viele Leute und hilft auch extrem mit.»

Nach einer starken Vorbereitung fällt Wichser, der Topskorer beim Champions-League-Triumph der ZSC Lions 2009, noch etwa drei Wochen aus. Bislang erlebte er den Höhenflug seines Teams erst als Zuschauer.

Wichser, hier bei einem Kindertraining, ist auch als Integrationsfigur wichtig für den Klub. Bild: Andy Mueller/freshfocus

Goalie Oehninger «kratzt» bislang überragend.  Bild: Martin Meienberger/freshfocus

Auf dem Eis übernehmen andere Spieler Führungsaufgaben, beispielsweise der Goalie Remo Oehninger. Seit bald einem Jahrzehnt ist er die Nummer 1 in Winterthur, aber so gut wie jetzt war er vermutlich noch nie. Sagenhafte 94,54 Prozent aller Schüsse wehrte er ab, das ist der klare Liga-Spitzenwert. «Er ist ein Leadertyp, der sich täglich verbessert», lobt Zeiter den 28-Jährigen. «Wenn du einen guten Goalie hast, der dich im Spiel hält, ist das für ein Team sehr wertvoll.»

«Der Unfall hat mich eindeutig geprägt»

Wohin geht die Reise des EHC Winterthur? Dass er auf lange Sicht ganz oben steht, scheint eher unrealistisch zu sein. Andererseits hat der englische Fussballmeister Leicester City vergangene Saison gezeigt, was alles möglich ist, wenn ein Team einen Lauf hat. Der Glaube kann Berge versetzen.

Zu weit voraus blicken will Zeiter jedoch nicht. Seine Philosophie heisse «Lebe den Moment». Sein schwerer Unfall habe ihn dazu gebracht, vieles im Leben zu überdenken. Vor 15 Jahren war Zeiter von einer Kufe schwer am Hals verletzt worden, er verlor viel Blut und kann heute darüber sagen, er habe «wirklich Schwein gehabt». Aber der Unfall habe ihn eindeutig geprägt.

Die weissen Schuhe waren Zeiters Markenzeichen, die ihm zum Spitznamen «Susi» verhalfen. Bild: KEYSTONE

Trägt er immer noch weiss?

Am Samstag empfangen die Zürcher zuhause Hockey Thurgau zum Derby. Gegen die Ostschweizer hat Winterthur im ersten Saisonspiel die einzige Niederlage nach 60 Minuten kassiert und deshalb noch eine Rechnung offen. «Wir wollen wie immer unser Spiel spielen», sagt Zeiter, der sich lieber mit der eigenen Mannschaft beschäftigt als mit dem Gegner. Er hofft auf eine gut gefüllte Halle: «Gegen Martigny hatten wir über 1000 Zuschauer und die machten eine super Stimmung. Aber die Jungs hätten es verdient, wenn noch mehr Fans ins Stadion kämen.»

Bliebe nur noch eine Frage offen: Trägt Michel Zeiter auf dem Eis immer noch weisse Schlittschuhe? Unter dem Schreibtisch in seinem Büro steht ein entsprechendes Paar. Aber Zeiter winkt lachend ab: «Die Spieler haben mich natürlich schon darauf angesprochen. Aber bislang trage ich schwarze Schlittschuhe. Die weissen hole ich dann aber sicher auch mal für ein ‹Gschpässli› hervor.»

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13 Kommentare anzeigen
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  • penpusher 06.10.2016 16:05
    Highlight *klugscheissmoduson* Kleine Anmerkung zur Diashow mit den Stadien: Bei einigen stimmt die Kapazität nicht.
    3 1 Melden
    600
  • holden27 06.10.2016 14:12
    Highlight Ist es bei den anderen NLB Clubs auch so, dass ein Grossteil der Spieler keine Profis sind, sondern nebenbei noch arbeiten?
    9 0 Melden
    • Nothingtodisplay 06.10.2016 17:24
      Highlight Ja, definitiv!
      Die Meisten, ausser die Ausländischen Verstärkungsspieler, sowie einige gut verdienende Schweizer (Tschannen, Truttmann, Burkhalter etc.) gehen nebenbei einer Arbeit nach. Vermutlich nicht zu 100% wie beim EHCW.

      Von den Jungen Spielern werden keine vom NLB-Salär leben können.
      8 1 Melden
    • sevenmills 06.10.2016 19:49
      Highlight Das mit den Spielerlöhnen ist ja ein gut gehütetes Geheimnis, aber die Topclubs der NLB beschäftigen sicher zu einem recht grossen Teil Profis oder zumindest Fast-Profis denke ich. Gerade Martigny, Chx-Fds können kaum so viele gute Spieler zu sich locken wenn sie nicht gut entlöhnt werden.. Visp wohl auch, Olten auch. Lausanne hatte zu B-Zeiten jahrelang ein A-Kader engagiert, die Tigers in ihrer B-Zeit auch. Daneben gibt es aber eben B-Teams mit fast keinen Profis. Der Unterschied innerhalb der Liga ist diesbezüglich schon enorm. Und der zwischen der 1. Liga und der NLB eben leider auch...
      9 0 Melden
    600
  • thunder 06.10.2016 09:33
    Highlight Kein Wort im Artikel darüber, dass Winti quasi das farmteam von Kloten ist und dass Spieler hin und her geschoben werden. Ist vielleicht das der Grund warum Winti auf einmal erfolgreich ist? Besser recherchieren!
    10 75 Melden
    • Ralf Meile 06.10.2016 10:00
      Highlight Weil Kloten neu selber stark auf den Nachwuchs setzt, ist der Einfluss in dieser Saison marginal. Wenn Klotener für Winterthur spielen, dann sind es zumeist Junioren. Deshalb ist dieser Aspekt vernachlässigbar.
      84 5 Melden
    • Pana 06.10.2016 14:40
      Highlight Totale Falschaussage. Und dann noch "besser recherchieren" fordern?
      30 0 Melden
    600
  • sevenmills 06.10.2016 08:03
    Highlight Ich mag es Winti irgendwie gönnen. Ich glaube mich aber zu erinnern, dass GCK vor ein paar Jahren auch so fulminant gestartet, dann nach Weihnachten aber tief bis unter den Strich gefallen ist. Glaube auch nicht, dass so etwas wie letztes Jahr in Leicester möglich ist. Im Eishockey beginnt alles bei den Playoffs neu. Hier ist es möglich, als Qualisieger in der ersten Runde zu scheitern (Olten, ZSC) oder als 6. (Visp) oder 8. (SCB) noch Meister zu werden.
    Ich will nichts schlechtreden, versteht mich nicht falsch, aber ich denke dass Winti am Ende doch noch um die Playoffs zittern wird.
    38 3 Melden
    • Pana 06.10.2016 14:39
      Highlight Auch Winti hatte letzte Saison einen relativ guten Start, und brach danach bös ein. Die Quali ist lang, speziell für Teams mit Halb-Profis.
      10 0 Melden
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  • dali 06.10.2016 07:31
    Highlight Eigentlich ein guter Artikel. Nur schade, dass neben dem Interview keine weitere Recherche getätigt wurde. Ein wenig mehr Hintergrund zu Michel Zeiter als "700 Einsätze in der NLA" wären schon zu wünschen.
    Ich hoffe doch sehr, das die drei Jahre in Visp zur angewöhnung in der NLB gereicht haben und er diese, für ihn sicher nicht einfache Zeit nicht nochmals durchleben musste.
    Hinzu kommt noch die eint oder andere nicht erfolgreiche Station als Trainer, welch im Artikel wohlwollend ausgelassen wurde.
    15 23 Melden
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  • Nothingtodisplay 06.10.2016 07:29
    Highlight Ein Bericht über ein NLB-Team 😍 Danke Ralf, bitte mehr davon! Diese Clubs haben mehr Medienpräsenz verdient!
    97 1 Melden
    • baBIELon 06.10.2016 11:45
      Highlight Sowiso haben unsere Hockeyclubs mehr Medienpräsenz verdient. Und damit meine ich nicht jeden 3en Tag einen Artikel über Langnau!
      36 8 Melden
    • Normi 06.10.2016 12:53
      Highlight Weil Eishockey einfach cool ist und das nicht nur wegen dem Eis
      21 0 Melden
    600

276 Strafminuten: Rappi und Lausanne prügeln sich zum Schweizer Rekord

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