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Tommy Albelin sammelte als Assistent bei den New Jersey Devils bereits Trainererfahrung. Bild: FR51951 AP

Tommy Albelin kommt – eine interessante, aber nicht ganz seriöse NHL-Kopie

Nationaltrainer Patrick Fischer (40) ist nun einem grossen schwedischen Defensiv-Strategen ausgeliefert. Ein interessantes und risikoreiches Experiment. Sicher ist vorerst nur gute Unterhaltung.

09.07.16, 13:26 09.07.16, 15:10

Tommy Albelin (52) wird zur Schlüsselfigur. Er soll Ordnung, System und Stabilität ins herzerfrischende, aber defensiv halt zerbrechliche «Pausenplatz-Hockey» unseres Nationalteams bringen. Ein interessantes Experiment. Es im Grunde eine Kopie eines NHL-Trainerstabes: Der Cheftrainer ist die charismatische Figur, der Kommunikator und der «Posterboy». Die Assistenten bleiben im Hintergrund, tauchen kaum in den Medien auf und kümmern sich um die mühselige tägliche Detailarbeit: das Einschulen von Defensivsystemen, Powerplay und Boxplay.

Er bleibt der «Posterboy»: Patrick Fischer.
Bild: KEYSTONE

Patrick Fischer ist an der nationalen Bande die charismatische Figur, der Kommunikator und der «Posterboy» – in diesen Rollen hat er sich bereits in Moskau trotz sportlichem Misserfolg (11. WM-Schlussrang) glänzend bewährt. Nun bekommt er mit Tommy Albelin einen Assistenten, der ihm die mühselige taktische Detailarbeit abnimmt und nicht vor der medialen Sonne steht. Das kann funktionieren. Das Risiko ist allerdings erheblich.

Auch in der U20 ein Faktor

Tommy Albelin ist ein grosser Defensivstratege, ein «Henri Guisan des Hockeys» (Reduit). Er verteidigte in 980 NHL-Partien für New Jersey und Calgary, gewann zwei Stanley Cups und von 2007 bis 2015 lehrte er als Assistent bei New Jersey und beim Farmteam in Albany an der Bande als Assistent das Defensivspiel. New Jersey gilt als eine der defensiv cleversten NHL-Hockeyorganisationen aller Zeiten.

Albelin (l.) im Einsatz im Dress der New Jersey Devils.
Bild: AP

Grosse schwedische Defensivstrategen – und Tommy Albelin ist zweifelsfrei einer – müssen allerdings nicht automatisch grosse Trainer sein: Mats Waltin, Anders Eldebrink und Peter Andersson haben an der Bande durchzogene Leistungsausweise. Die alles entscheidende Frage ist, ob Tommy Albelin die Schweizer Nationalteams in Montréal (U20-WM) und Paris (WM) tatsächlich zu stabilisieren vermag. Patrick Fischer kündigt bereits ein Umdenken an: «Wir werden die Taktik ändern. Es geht auch darum, dass wir ein weniger energieaufwändiges Hockey spielen.»

Ein Schwede mit durchzogenem Trainerausweis: Anders Eldebrink.
Bild: KEYSTONE

Der Schachzug mit Tommy Albelin ist aber auch ein wenig unseriös. Der Schwede spielt nämlich sowohl bei der U20-Auswahl als auch bei der Nationalmannschaft eine Schlüsselrolle. Er ist für das taktische Funktionieren im Grunde wichtiger als die Cheftrainer Christian Wohlwend (U20) und Patrick Fischer. Diese Doppelbelastung ist möglich, weil die WM-Turniere zu verschiedenen Terminen gespielt werden: Die U20-WM vom 26. Dezember 2016 bis 5. Januar 2017 in Montréal und die WM vom 5. bis 21. Mai 2017 in Paris.

Paterlini komplettiert das Team

Eine wirklich seriöse Arbeit ist mit dieser Doppelbelastung langfristig schwierig. Nicht einmal Ralph Krueger hat sich diese Doppelaufgabe zugemutet. Hingegen führte sein Nachfolger Sean Simpson in der Saison 2012/13 die Schweiz bei der U20-WM in Russland (6.) und bei der anschliessenden WM in Stockholm (2.) als Cheftrainer mit Erfolg. Assistiert von Colin Muller und … Patrick Fischer. Es kann also funktionieren.

U18-Nationaltrainer Thierry Paterlini komplettiert das WM-Führungsteam der Nationalmannschaft. In Moskau führte Patrick Fischer die Mannschaft zusammen mit Felix Hollenstein, Reto von Arx (Assistent), Christian Wohlwend (Scout) und Benoît Pont (Video). Hollenstein und von Arx werden nun durch Tommy Albelin und Thierry Paterlini ersetzt. Die Präsenz aller drei hauptamtlichen Nationaltrainer (Fischer, Wohlwend, Paterlini) bei der WM in Paris macht Sinn. Patrick Fischer sagt, so werde es nach und nach möglich, eine einheitliche Spielweise bei allen Nationalmannschaften zu erreichen. «Es ist wichtig, dass wir gemeinsam Turniererfahrung sammeln können.»

U18-Nationaltrainer Thierry Paterlini.
Bild: Christian Pfander/freshfocus

Aber alles steht und fällt mit Tommy Albelins Defensivstrategie. Patrick Fischer und Christian Wohlwend sind taktisch ihrem schwedischen Assistenten ausgeliefert. Er ist der «Atlas unseres Hockeys» und wird die Schweizer in Montréal und Paris so auf seinen Schultern tragen wie einst der Titan Atlas das Himmelsgewölbe.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • MARC AUREL 11.07.2016 09:13
    Highlight Fischer hat als Natitrainer nichts verloren! Kein Leistungsausweis,nix!
    4 5 Melden
  • Lindros88 09.07.2016 19:17
    Highlight Das ist doch gar nicht schlecht. Wenn's gut kommt, ist Fischer der Held. Wenn das Ganze in die Hosen gehen sollte haben Raffainer und Köhler in Albelin nun den perfekten Sündenbock. Dann heisst es bestimmt der Schwede habe nicht ins Team um Fischer gepasst...
    20 0 Melden
  • Hayek1902 09.07.2016 15:49
    Highlight Ich bin wie bei dem letzten Trainerstab vorsichtig optimistisch. Es könnte klappen. Wenn nicht und es trotzdem keine Katastrophe ist, dann bitte aber nicht wieder alles über den Haufen werfen.
    15 2 Melden
  • Sloping 09.07.2016 15:08
    Highlight Irgendwie bekommt man bei dieser Lösung das Gefühl nicht los, dass man einem Lehrling (Fischer) einen Lehrmeister (Albelin) zur Seite Stelle muss. Dass dieses "Experiment" auf höchstem (die NHL mal aussen vor gelassen) internationalem Hockeyniveau passiert, halte ich schon mehr als fragwürdig. Ich habe mir aber bei diesem Verband und insbesondere dessen Führung abgewöhnt, nach rationalen Kriterien zu beurteilen.
    34 3 Melden
    • Italian Stallion 10.07.2016 23:16
      Highlight Ich gebe dir Recht. Es wäre noch spannend zu wissen, aufgrund welcher Kriterien man auf diese Lösung gekommen ist. Aber wahrscheinlich kam irgendein Berater, dieser bot Albelin an und Raffainer zuckte mit den Schultern und fand, das töne doch gut, wenn ein ex-NHL-Spieler im Trainerstab ist. Und Fischer hat dann einfach auch mit der Schulter gezuckt.
      8 0 Melden

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