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Enttäuschte Zuger: Sie sind der «Meister der Herzen». Bild: KEYSTONE

Der SC Bern ist Meister – die Zuger feiern ihren «Meister der Herzen»

So ist noch kein Final-Verlierer gefeiert worden. Die Fans haben in Zug ihre Mannschaft mit einer «Standing Ovation» in die Sommerferien verabschiedet.

18.04.17, 07:07 18.04.17, 10:30

Der neutrale Beobachter wird unsicher. Wer ist nun Meister geworden? Zug oder der SC Bern. Nach der Schlusssirene stehen die Zuschauer auf und feiern den EV Zug minutenlang. Standing Ovation. Der Jubel wäre kaum viel grösser gewesen, wenn die Zuger tatsächlich Meister geworden wären.

Es ist die verdiente Anerkennung für einen tapferen Verlierer, der alles gegeben hat und schliesslich gegen einen übermächtigen Gegner das Finale verloren hat. Auf diese sympathische Art und Weise ist noch kein Finalverlierer von den eigenen Fans gefeiert und getröstet worden.

Die Zuger Fans feiern ihre Mannschaft nach dem Spiel

Ausgerechnet Diaz macht den entscheidenden Fehler

Der Trost war verdient – und notwendig. Eigentlich stand ja ein Drama in drei Akten auf dem Programm. Mit einer Mindestdauer von 60 Minuten. Aber schon nach 3 Minuten und 32 Sekunden ist alles zu Ende. Rafael Diaz, Zugs wichtigster Feldspieler, Zugs Verteidigungsminister, Zugs Lenker und Denker an der  blauen Linie unterläuft der verhängnisvollste Fehler seiner Karriere. Der WM-Silberheld von 2013 verliert beim eigenen Tor den Puck gegen Thomas Rüfenacht. Berns bissiger Forechecker trifft zum 0:1.

Das 1:0 durch Rüfenacht. Video: streamable

Einen «gewöhnlichen» Gegentreffer hätten die Zuger vielleicht, – aber nur vielleicht verkraftet. Aber wenn dem Besten, dem Leitwolf, der Lichtgestalt so ein Fehler unterläuft, ist die Wirkung verheerend. Dann wissen alle: es ist alles aus. Und noch im ersten Drittel, im ersten Akt dieses Dramas, folgt der zweite Treffer, an den wir uns nach Jahren erinnern werden.

Der entscheidende Moment: Diaz verliert die Scheibe an Rüfenacht. Bild: KEYSTONE

Berns Ryan Lasch überlistet Tobias Stephan. Er steht hinter dem Tor und spitzelt den Puck via Zugs Torhüter ins Tor. Da werden Erinnerungen wach an Nando Wieser, den unglücklichen HCD-Goalie aus dem Finale von 1998. Seine Fehlgriffe ebneten damals den Zugern den Weg zum Titel.

Wenn Rafael Diaz und Tobias Stephan versagen, dann ist Zug verloren. Daher ist die Versuchung gross, beide zu Sündenböcken für diese finale Niederlage zu machen. So wie wir es im Buch der Bücher lesen:  

«Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes legen und über ihm alle Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn in die Wüste treiben und der Bock soll alle Fehler mit sich in die Einöde tragen.»

Aber so einfach ist es nicht. Ja, es wäre billigster Hockey-Populismus, den Untergang der Zuger auf diese beiden ersten Treffer zu reduzieren.

Der SC Bern war in dieser Partie ganz einfach unbesiegbar. Wir haben noch einmal einen grossen SC Bern gesehen. Der Meister hätte sich auch ohne die Fehler von Rafael Diaz und Tobias Stephan durchgesetzt. Die Berner spielten unerbittliches Resultathockey. So wie sie es diese Saison jedes Mal getan haben, wenn es notwendig geworden war. Deshalb haben sie die Qualifikation gewonnen. Deshalb haben sie jetzt den Titel verteidigt.

Der Titel für den SCB ist hochverdient. Bild: KEYSTONE

Die Zuger sind in dieser Finalserie nach zwei Niederlagen in wundersamer Weise noch einmal aufgestanden und haben zum 2:2 ausgeglichen.  Aber im Blick zurück erkennen wir: sie verbrauchten dabei zu viel Kraft. Die grosse, mächtige, perfekt getunte, gut geölte Hockey-Maschine aus Bern war in diesem Finale nicht mehr zu stoppen. Es wäre vielleicht möglich gewesen, ihre Fahrt zum Meistertitel noch etwas zu verlangsamen. Aber aufzuhalten war sie nicht mehr.

Zug ist der Meister der Herzen

Die Zuger waren in diesem Finale besser als es diese letzte Partie vermuten liesse. Nur sie vermochten den Meister im Laufe dieser Playoffs zweimal zu besiegen. Aber sie sind letztlich an einem Ernstfall zerbrochen, der nicht geübt und nicht trainiert werden kann: nur drei Zuger wissen, wie man Meister wird: Robin Grossmann, Sven Senteler und Timo Helbling.

Leonardo Genoni ist der beste Torhüter der Liga. Bild: KEYSTONE

Beim SC Bern sind es mehr als 15. Und auch wenn es billiger Hockey-Populismus sein mag – es muss noch einmal gesagt werden: die Mannschaft mit dem besseren Torhüter gewinnt den Titel. Leonardo Genoni war nicht nur in diesem Finale der bessere Goalie als Tobias  Stephan. Er ist der beste Torhüter der Liga.

Mit den Bernern stemmten schliesslich die wahren, die verdienten Meister den Pokal in die Höhe. Aber wer will kann es auch so sagen: Meister der Herzen waren gestern die Zuger.

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  • Hempoli 18.04.2017 17:39
    Highlight Haben die Zuger Fans wirklich nur ihre Mannschaft gefeiert? 90% von dem was ich hören konnte waren "Sch.... SC Bärn"-Rufe.
    10 29 Melden
    • Hallo22 18.04.2017 21:48
      Highlight Warst du im Stadion? Wir Zuger Fans sangen viele verschiedene Lieder am Schluss. "Wer nüt gumpet isch kei Zuger" "Zuger mir sind da für immer und überall" Vize, Vizemeischter" "I dere Kurve stah, Lieder singe Fahne schwinge solang euse EVZ nüt unter gaht" um nur einige zu nennen. Da zschwischen haben die beiden Hälften der Kurven sich immer wieder EVZ zugerufen und jeweils probiert die andere Hälfte zu toppen. Auch eine sehr tolle Geste fand ich das am Schluss Jussi Markannen aufgefordert wurde noch einmal in die Kurve zu kommen und das obwohl er gar nie eingesetzt wurde....
      10 3 Melden
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  • Tom B. 18.04.2017 16:37
    Highlight Langweiligste Serie ever... Aber eben: es kann nicht immer 3x7 Spiele à la HCD geben... Schöne Summer!!🔥🏖🏜🍺
    2 40 Melden
    • Eingestein 18.04.2017 21:21
      Highlight Also Murmeli, Bei einem Spengler Cup oder Meisterschaftsspiel vom HCD mit 2133 Zuschauer kannst den auch beim Wurstessen einpennen.
      Neidisch wie....
      22 0 Melden
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  • bianconeri 18.04.2017 12:30
    Highlight So ist noch kein Finalverlierer gefeiert worden. Was för en Quatsch 😂 Lugano feierte seine Mannschaft erst letzte Saison auch mit einem Standing-Ovation.
    18 52 Melden
    • Steven86 18.04.2017 14:01
      Highlight Genau, aber irgendetwas positives müssen sie ja über Zug schreiben.
      14 36 Melden
    • MARC AUREL 19.04.2017 22:44
      Highlight Bianconeri, bist wohl stolz drauf auch ein loser zu sein mit solche Vergleiche zu kommen? Verstehe dich aber da ihr schon ewigs auf ein Titel wartet!😂
      3 2 Melden
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  • Linksanwalt 18.04.2017 09:44
    Highlight Der SC Bern hat sich den Titel wirklich verdient. Doch man muss auch sehen, dass die Zuger die grössere Steigerung ihrer Leistung zeigten und damit ein mehr als verdienter Vizemeister sind! In diesem Sinne: herzliche Gratulation an beide Mannschaften, was für eine Finalpartie!
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  • Psychonaut1934 18.04.2017 09:36
    Highlight Was soll dieser Meister der Herzen Quatsch? EVZ ist ganz sicher nicht in meinem Herz! Ich bin so was von froh, dass Zug nicht Meister wurde!
    38 101 Melden
    • jjjj 18.04.2017 12:29
      Highlight mimimi
      46 6 Melden
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  • PicaZHo 18.04.2017 09:10
    Highlight Bin gerade verwirrt. Klaus Zaugg erklärt, dass Stephan und Diaz als Sündenböcke hinzustellen billigster Hockey-Populismus wäre, aber ist dies nicht exakt sein Ding??
    63 4 Melden
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  • Cyman 18.04.2017 08:44
    Highlight Sehr schön geschrieben, stimme allem zu 100% zu. Bravo SCB und Verneigung vor dem EVZ und seinen Fans!
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Anstand will gelernt sein

19.10.1996: Del Curto klärt seine Spieler auf: «Zum Schiri nüma ‹Fuck you› sägä, äs git zwei Minuta, hä!»

19. Oktober 1996: Arno Del Curto hat in seiner Karriere schon die unglaublichsten Szenen erlebt. Doch dass er bei seiner ersten Saison in Davos den Spielern gar erklären muss, dass man dem Schiedsrichter nicht mehr «Fuck you» sagen dürfe, übertrifft wohl alles. 

Was Del Curto schon alles mitmachen musste, kann man teilweise kaum glauben. Aber in über 20 Jahren als Trainer läppert sich da einiges zusammen. So auch diese Anekdote:

Del Curto kam im Sommer 1996 als Cheftrainer zum HC Davos. In der neunten Runde empfängt sein Team an diesem Oktobertag den SC Bern. Der HCD hat mit einem Sieg die Chance, erstmals seit elf Jahren wieder die Tabellenspitze der Nationalliga A zu übernehmen.

Doch Del Curto muss seine Spieler dabei in ungewöhnlichen Dingen coachen. …

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