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Nachdenkliche Schweizer nach der 2:7-Klatsche gegen Kanada. Bild: FILIP SINGER/EPA/KEYSTONE

Die billigsten Viertelfinals aller Zeiten und ein Rückfall in die Steinzeit: Das Warten auf den «Big Bang» bei der Hockey-Nati

Viertelfinals gut, alles gut? Nein. Eine falsche Einschätzung der billigsten Viertelfinals aller Zeiten könnte fatale Folgen haben. Beim 2:7 gegen Kanada erlitten die Schweizer einen Rückfall in die Steinzeit.

11.05.15, 13:50 11.05.15, 14:38

Klaus Zaugg, Prag

Das Resultat ist Gospel. Aber im Falle der Schweizer ist die Wahrheit vielschichtig. Die Viertelfinalqualifikation ist ein gutes Resultat. Denn 2009, 2011, 2012 und 2014 haben wir die WM-Viertelfinals nicht erreicht.

Aber oben auf der Resultattafel stehen bei dieser WM nicht weniger als vier Pleiten (Österreich, Lettland, Schweden, Kanada) in sechs Spielen. Die letzte Partie gegen Kanada bescherte uns gar einen Rückfall in die Steinzeit. Die Chance auf eine Korrektur des bisher so zwiespältigen Eindruckes ist gegen die Kanadier erst einmal vertan worden.

Es war die schwächste Vorstellung gegen Kanada seit dem 1:5 im Viertelfinale von 2007 in Moskau. Ja, dieses 2:7 war ein Rückfall in die Steinzeit. Ein paar individuelle Highlights. Aber die Mannschaft war nie dazu in der Lage, den Gegner zu fordern. Ein taktisches Konzept war nicht ersichtlich und Einsatzbereitschaft und Leidenschaft fehlten bei zu vielen Spielern. Es war wie zu den Zeiten, als wir die Partien gegen die Grossen wegen Chancenlosigkeit zum Voraus verloren gaben. Das war zuletzt in den 1990er-Jahren so.

Reto Berra ist schon wieder geschlagen, dieses Mal von Cody Eakin. Bild: POOL/REUTERS

Ein einziges Spiel war wirklich gut

Die Schweiz hat sich mit 9 Punkten vorzeitig die Viertelfinals gesichert. Es gibt zwar noch eine theoretische Chance, die Viertelfinals mit 9 Punkten zu verpassen. Wenn Österreich Kanada und Deutschland besiegt und wir gegen Tschechien verlieren sollten. Aber das ist doch eher unwahrscheinlich. Deshalb gehen wir davon aus, dass die Viertelfinals geschafft sind.

Es sind die billigsten Viertelfinals aller Zeiten. Auch das ist eine Wahrheit. 2012 holten die letzten Viertelfinalisten 15 bzw. 13 Punkte. 2013 waren es 13 bzw. 11 Punkte und 2014 sicherten sich die letzten Viertelfinalisten in beiden Gruppen je 11 Punkte. Der aktuelle Modus wird seit 2012 gespielt.

Erst ein einziges Spiel war wirklich gut: jenes gegen Schweden. Aber am Ende war es halt doch eine Niederlage (1:2 n.V). Wir warten weiterhin auf den «Big Bang» unter Nationaltrainer Glen Hanlon. Auf das grosse Spiel. Auf das grosse Resultat. Auf den grossen Erfolg. Auf das, was uns sein Vorgänger Simon Schenk bei der WM 1986 (Aufstieg), Olympia 1988 (Sieg über Finnland) und bei der WM 1990 (Aufstieg) bescherte. Was John Slettvoll und Bill Gilligan 1992 (4.) schafften. Was Ralph Krueger bei der WM 1998 (4.) und 2000 (Sieg über Russland) und beim Olympiaturnier 2006 (Siege über Kanadas NHL-Profis) zelebrierte. Auf das, was Sean Simpson 2013 feierte (WM-Finale).

Das Tor gegen Schweden: Eric Blum schiesst, Simon Bodenmann lenkt den Puck mit der Schulter entscheidend ab. gif: srf

Die Hockeygötter waren auf der Seite der Schweiz

Der grosse Enzo Ferrari (eine Motorsportlegende, kein Hockeytrainer) pflegte zu sagen, es sei wichtig zu wissen, warum man ein Rennen verloren habe. Aber noch viel wichtiger sei es, zu wissen, warum man ein Rennen gewonnen habe. Genau das ist die Situation der Schweizer bei der WM 2015 in Prag. Es ist wichtig zu wissen, dass wir die Viertelfinals nicht dank überragender Leistungen erreicht haben. Die Hockeygötter waren ganz einfach auf unserer Seite. Alle bisherigen Resultate der Deutschen, Letten, Franzosen und Österreicher haben uns letztlich in die Karten gespielt.

Die Versuchung der Verbandsgeneräle ist gross, Kritiker mit dem Argument zum Verstummen zu bringen, man habe das Ziel Viertelfinals mit Glen Hanlon erreicht und sei auf dem richtigen Weg. Der freundliche Kanadier sei ein formidabler Nationaltrainer und stehe auf Augenhöhe seiner Vorgänger. Alle Kritik sei boshaft. Die Behauptung, die Schweiz habe die Viertelfinals 2015 nicht dank, sondern eher trotz Glen Hanlon erreicht, sei sogar eine Bösartigkeit sondergleichen und wer so etwas sage, gehöre vor Gericht gestellt.

Die Hockey-Schweiz hofft auf Purzelbäume schlagende Chronisten

Und doch: Das Viertelfinale ist für diese WM-Mannschaft – sie hat die Qualität des Silberteams von 2013 – das absolute Minimalziel. Der ungenügende Eindruck, den das Team in den Spielen gegen Österreich, Frankreich, Lettland und Kanada hinterlassen hat, ist durch den Punktgewinn gegen Schweden und den Sieg gegen Deutschland bei weitem noch nicht korrigiert.

Wir warten auf den «Big Bang». Auf die von A bis Z überzeugende Leistung. Die beste Gelegenheit dazu bietet sich nun am Donnerstag im Viertelfinale. Da werden alle Voraussetzungen stimmen. Wir sind unbelastet. Wir sind Aussenseiter. Es ist die Chance zur Korrektur. Wenn Glen Hanlon das WM-Halbfinale erreicht, werden sich alle Kritiker so tief verneigen, wie sie es vermögen. Sie werden zudem vor der Verbeugung noch mindestens einen Purzelbaum schlagen.

Glen Hanlon umringt von Schweizer Reportern. Sieht er sie bald Purzelbäume schlagen? Bild: freshfocus

Wir warten gespannt auf das Viertelfinale

Wird diese Chance im Viertelfinale hingegen nicht genützt (es muss nicht ein Sieg sein, aber eine heroische Leistung), dann lautet das Fazit der WM 2015: Noch nie in diesem Jahrhundert ist im Schweizer Eishockey so viel Talent an einer WM so unglücklich (oder müssten wir sagen: so ungeschickt?) gemanagt und gecoacht worden. Dann müsste die Leistung der Mannschaftsführung nach dieser WM kritisch hinterfragt werden. Ohne Scheu vor den Konsequenzen, die sich aus einer solchen Analyse ergeben könnten. Sonst bekommen wir die Rechnung für die WM 2015 in einem Jahr bei der WM 2016 in Russland präsentiert.

Wir warten gespannt auf das Viertelfinale. Als Gegner kommen immer noch die USA, Russland oder Finnland in Frage.

Schweizer Aufgebot für die WM 2015 in Prag

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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3Alle Kommentare anzeigen
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  • Peter von der Flue 11.05.2015 18:21
    Highlight Hey Zaugg was ist dein Problem mit Hanlon? Klär dass doch privat mit ihm und mach mir das schöne Wetter nicht madig. Geh doch in Kupferschmitte nach Langau und erzähl am Stammtisch deinen Schluss.
    10 21 Melden
    • HCD Fanatic 69 11.05.2015 20:05
      Highlight De Chlous geit lieber z'Huttu is Pöschtli.......
      10 3 Melden
  • Hockeyloris 11.05.2015 18:14
    Highlight Etz höred aber uuf mit däre schwarzmalerei!!! Mer ghöred schlicht und eifach nonig zu de Topnatione im ishockey! Zum a Kanada, USA, Schwedä, Russland und Finnland ane zcho bruchts jetzt eifach no es paar Jahr! Dank eusere hervorragende nachwuchsförderig bin ich aber optimistisch das mir mal zu de grosse ghöre chönd. Aber jetzt isch es nonig so wiit!
    16 13 Melden

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