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Tommy Albelin, Patrick Fischer und Christian Wohlwend haben die Schweizer Nati auf Kurs gebracht. Bild: KEYSTONE

Mit «Cheerleader» Patrick Fischer zur grössten WM-Steigerung seit 1998

Vier «Ersatzspieler» sind die Titanen beim 3:1 gegen Tschechien. Patrick Fischer ist eben doch ein exzellenter «Cheerleader».

17.05.17, 04:28 17.05.17, 08:04

«Reculer pour mieux sauter» («Ein paar Schritte zurück, um dann noch weiter springen zu können»). Noch nie hat eine Mannschaft in der Neuzeit bei einer WM dieses französische Sprichwort besser umgesetzt. In der ersten WM-Partien haben die Schweizer eine 4:0-Führung gegen Auf- und Sofortwiederabsteiger Slowenien preisgegeben (5:4 n.P.).

Die Highlights des Erfolgs über Tschechien. Video: YouTube/IIHF Worlds 2017

Im letzten Gruppenspiel gelingt die bisher beste Leistung, ja, fast ein perfektes Spiel gegen Tschechien (3:1). Natürlich ist bei diesem Steigerungslauf auch Glück («Puckluck») dabei. Es ist das Glück das die Hockeygötter dem Tüchtigen gewähren.

Zuletzt hat sich die Schweiz an einer WM 1998 so gesteigert. Damals begannen die Schweizer das Turnier am 2. Mai mit einem 1:5 gegen die USA. Am 7. Mai besiegten sie zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt Russland (4:2) – der Sieg brachte die Schweizer beim kuriosen Modus mit Gruppenspielen statt Viertelfinals ins Halbfinale.

Die «Ersatzspieler» als Schlüssel

Natürlich ist das 3:1 gegen Tschechien ein Sieg der Mannschaft. Und doch ist eine Einzelkritik aufschlussreich. Wir können ohne Zuspitzung oder Übertreibung vier Architekten dieses Sieges benennen: Torhüter Niklas Schlegel, Verteidiger Dominik Schlumpf und die beiden Stürmer Reto Suri und Damien Brunner. Sie haben alle etwas gemeinsam: Sie kamen entweder während des Turniers lange Zeit nicht zum Einsatz (Schlegel, Schlumpf, Suri) oder mussten zwischendurch wegen ungenügender Leistung auf die Tribüne (Brunner).

Niklas Schlegel wusste bei seinem ersten WM-Einsatz zu überzeugen. Bild: KEYSTONE

Niklas Schlegel wehrte 95,83 Prozent der Schüsse ab. Der brave Dominik Schlumpf war in seiner ersten WM-Partie in diesem Jahr ein verlässlicher defensiver Schwerarbeiter mit mehr Eiszeit (20:17 Min.) als Captain Diaz (17:40 Min). Vorne erzielen Reto Suri und Damien Brunner die Treffer zum 2:1 und 3:1.

Ein Hinweis auf die ganz grosse Stärke von Nationaltrainer Patrick Fischer: Er ist ein charismatischer Kommunikator («Cheerleader»), der es versteht, die Spieler für sich zu gewinnen. Zu begeistern und zu einer Einheit zusammenzuschweissen.

Suri trifft zum 2:0. Video: streamable

«Cheerleader» ist ja keineswegs eine Schmähung. «Cheerleading» leitet sich aus dem englischen Wort «cheer» («Beifall») und «to lead» («führen»), also sinngemäss «zum Beifall führen». «Cheerleading» ist der «weiche» Erfolgsfaktor, der so wichtig sein kann wie «harte» Faktoren wie Taktik und Selektion des Teams.

Patrick Fischer macht sich ziemlich gut als Cheerleader. bild: keystone/watson

Keine taktische Schwächen mehr

Diese Qualität, hat nun hier in Paris Patrick Fischers taktische Schwächen bei weitem aufwogen. Taktische Schwächen? Auch davon war nun erstmals nichts mehr zu sehen. Das letzte Drittel gegen Tschechien war taktisch das beste des Turniers. Die Arbeit von Taktiklehrer Tommy Albelin trägt langsam aber sicher Früchte.

Der Spielbericht zum Sieg über Tschechien

Ein Nationaltrainer ist immer auch (Hockey)-Politiker und Verkäufer. Je besser es ihm gelingt, den Spielern die WM-Mission «zu verkaufen», desto erfolgreicher ist er. Und die grosse Kunst ist es, in der Zeitspanne von wenigen Wochen eine Mannschaft zusammenzustellen, die lebt. In der jeder für jeden einsteht, jeder die ihm zugewiesene Rolle vorbehaltlos akzeptiert und alle sich gegenseitig unterstützen.

Brunner schiesst das 3:1. Video: streamable

Also für das zu sorgen, was als «Chemie» in einer Mannschaft bezeichnet wird. Erschwerend kommt beim Nationaltrainer dazu, dass im Laufe der Vorbereitung neue Spieler hinzukommen und sich so die Chemie und die Hierarchie in der Kabine laufend verändert.

«Die Stimmung ist gut. Jeder akzeptiert die Rolle, die ihm zugewiesen wird.»

Reto Suri

Dass diese Mannschaft lebt, ist mehr noch auf der Spielerbank als auf dem Eis ersichtlich. Dort zeigen sich die Emotionen in der Art und Weise, wie sich die Spieler gegenseitig unterstützen und aufmuntern. Es ist eine Spielerbank, die im besten Wortsinne lebt.

Dieser Zusammenhalt zieht sich nach dem Spiel gegen Tschechien auch durch die Aussagen der Spieler. Reto Suri sagt im Zusammenhang mit der herausragenden Leistung von Torhüter Niklas Schlegel: «Dass er zum Zuge kommt und gleich eine solche Leistung erbringt, zeigt wie gut die Stimmung ist. Jeder akzeptiert die Rolle, die ihm zugewiesen wird.»

Das gelte auch für ihn. «Ich war sicher nicht glücklich, dass ich am Anfang nicht spielen durfte. Aber ich habe alles getan um bereit zu sein, wenn ich meine Chance bekommen.» Er fühle sich sehr gut und es sei ihm gelungen, Energie und Tempo ins Spiel zu tragen. «Wir haben als Mannschaft im Laufe des Turniers etwas aufgebaut. Nach dem Startspiel sind wir erst einmal abgeschrieben worden, nach der Niederlage gegen Frankreich erst recht.» Schon deshalb sei ein Vergleich mit der Silber-WM von 2013 nicht möglich. «Dort sind wir ja mit neun Siegen hintereinander bis ins Finale durchgelaufen.»

«Wenn ich in meiner Zeit in Nordamerika etwas gelernt habe, dann das Akzeptieren jeder Rolle.»

Damien Brunner

Dominik Schlumpf blieb nach einer grossen Leistung leise, freundlich und bescheiden. So wie es seine Art ist und sagte: «Ich bin froh, dass ich meinen Beitrag zu diesem Spiel leisten konnte.»

Raphael Diaz assistierte zum 1:0 und war beim 3:1 im Einsatz. Das Minus in der Statistik ist weg, er hat nun eine Plus-Bilanz (+1). «Aber das spielt nun wirklich keine Rolle. Wir sind eine Mannschaft und ich habe noch gar nicht an meine Statistik gedacht.» Auch der Captain rühmt die gute Stimmung im Team – und die taktischen Fortschritte. «Wir stehen in unserer Zone sehr gut, behalten kühlen Kopf und spielen einfach. Nun müssen wir den Schwung ins Viertelfinale mitnehmen.»

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Damien Brunner sass gegen Finnland wegen mangelnder Leistung auf der Tribüne, kehrte gegen Tschechien zurück und erzielte das 3:1. Hatte er sich bei Patrick Fischer über die Zurückversetzung beschwert? «Sicher nicht. Wenn ich in meiner Zeit in Nordamerika etwas gelernt habe, dann das Akzeptieren jeder Rolle.»

Das ist auch eine der grossen Qualität dieser Mannschaft: Jeder akzeptiert die Rolle, die ihm zugewiesen wird.

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  • deed 17.05.2017 14:49
    Highlight Man beachte den Unterschied: Zaugg schreibt "Cheerleader" jetzt plötzlich in Anführungszeichen. Aber da ich mich selber an dieser Stelle schon gegen Fischer geäussert hatte, streue ich Asche auf mein Haupt und wünsche den Eisgenossen noch zwei weitere Siege!
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  • Hockrates 17.05.2017 11:25
    Highlight Für das Zäuggli ist es nun halt schwierig: Gegen Fischer hat er geschossen und muss nun zurückrudern. Er kann auch nicht behaupten, dass die Mannschaft trotz dem Trainer Erfolg hat, weil er ja immer behauptet, dass der Coach sooooo unfassbar wichtig ist.

    Der Fluch der bösen Tat.

    Oder einfach das Problem das man hat, wenn man eine grosse Klappe zu etwas hat, von dem man nicht viel versteht.
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  • Nothingtodisplay 17.05.2017 10:51
    Highlight Finde ich cool von Schlegel, dass er die Rolle als Torhüter gleich akzeptiert hat.
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  • Martin Schelldorfer 17.05.2017 10:48
    Highlight ach sooo... Cheerleader ist etwas positives. Ich habe also die Artikel vom Eismeister mit diesem Begriff bisher komplett falsch verstanden :-)
    Andererseits... Herr Zaugg: weshalb muss der Begriff hier so umfangreich erklärt werden?
    Als Chronist kann man einfach die Wörter neu definieren und dann stimmen auch die Texte der Vergangeheit wieder. Toll gemacht.
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  • «SLAPSHOT» 17.05.2017 09:14
    Highlight Denis Reul und Fantomas: Zwillinge bei der Geburt getrennt.
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  • manolo 17.05.2017 08:44
    Highlight zaugg möchte sich mit diesem betrag wieder bei fischer einschleimen!
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  • Ehringer 17.05.2017 08:43
    Highlight Das mit dem Cheerleader stimmt nur bedingt. Die heissen definitiv nicht Cheerleader, weil sie (wie geschrieben) "zum Beifall führen", sondern weil sie "den Beifall leiten", sprich die Stimmung einheizen.
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  • mukeleven 17.05.2017 08:13
    Highlight eismeister = windfahne
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  • Tikkanen 17.05.2017 06:54
    Highlight ...Hoppla Chlöisu, da bist du jetzt aber kräftig am zurückrudern. "Cheerleader war ein Lob, etc"😳Was folgt als nächstes? "Fischi grösster CH Bandengeneral ever" oder "Fischi soll bei den Rangers ein Thema sein"🤔Aber irgendwie verstehe ich dich auch, als ich als standhafter Fischi Skeptiker meine Anregungen eingebracht habe, zog der bekannte Mob der Modefans🤡😡alsbald mit Fackeln durchs Forum-Dörfli😩Wutschäumende Ergüsse wie "Tikkanen ist ein Troll, ein 🇨🇭Hater"etc.😯🤢Item, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, Fischi bleibt ein Plapperi. Nun los, ihr"Hockeykenner" und Hopp🇨🇭🍻😎
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    • Fulehung1950 17.05.2017 08:02
      Highlight Mit Ihrer tiefgründenden These, Fischer sei ein Plapperi, beweisen Sie hochstehenden Eishockey-Sachverstand. Applaus!

      Wenn Sie nur einmal mit tiefgründigen Argumenten darlegen könnten, warum Sie eine derartige Abneigung gegen den Trainer haben, der das Team offenbar erfolgreich führt, würden Sie weniger als Troll bezeichnet. Und kommen Sie nicht einfach wieder mit "dervwahre Coach ist Albelin"!

      So wie Sie auf Fischer reagieren, muss er Ihnen mal die Freundin ausgespannt oder sonst etwas angetan haben. Normalmistvdasbjedenfalls nicht.
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    • Hayek1902 17.05.2017 08:48
      Highlight Ob Fischer ein Plapperi ist oder nicht spielt keine Rolle. Beim Nationaltrainer ist es wie beim FC Sion: Der Totomat entscheidet.
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    • Tommyboy Jones 17.05.2017 08:48
      Highlight Der tikkanieske Troll wieder. Du darfst kritisieren so lange du willst genauso wie das Eismeisterchen. Jedoch habt ihr beide weder Stil, Niveau oder Anstand. Dein Hopp 🇨🇭 nehm ich dir noch immer nicht ab.
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    • Mia_san_mia 17.05.2017 09:18
      Highlight
      @Tommyboy: Wenn Tikkanen ein Troll ist, bist Du auch einer.
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    • mukeleven 18.05.2017 04:15
      Highlight @fulehung1950: wir sind es gewohnt unseren tikkanen zu duzen. 👻
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  • Max Pauer 17.05.2017 06:37
    Highlight Und was ist die Rolle des Eismeisters?

    Die des ewigen Grantlers, eines "Mieggihunds". Einer, der immer alles besser weiss - im Nachhinein.

    Und das nützt Fischer nun auch aus. Mit Boykott - und Erfolg. "Dem zeigen wir es nun!" wird es wohl mannschaftsintern tönen. Der Schweizer braucht solche Gegner, um seine Bestleistung zu erreichen.

    Darum: Danke Eismeister für deinen heroischen Beitrag 😃
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    • Hockrates 17.05.2017 11:05
      Highlight Das Herz gibt es für den Mieggihund. Das ist mal ein schönes Wort, was man auch nicht erklären muss.
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