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Leipzig und Hoffenheim: Zwei Investorenklubs prägen die Bundesliga-Saison. Bild: EPA/dpa

Leipzig macht's vor. Warum also führt Leyton Orient nicht in der Premier League?

RB Leipzig steht an der Tabellenspitze der Bundesliga. Auch Hoffenheim ist noch ungeschlagen. Zufall? Versagen der Traditionsklubs? Nein. Tatsächlich ist die 50+1-Regel schuld, wie der Vergleich mit der Premier League zeigt.

Publiziert: 21.11.16, 19:35

Daniel Raecke

Ein Artikel von

Der Albtraum für Fussballtraditionalisten ist schon nach wenigen Monaten Bundesligazugehörigkeit des Investorenklubs wahr geworden – RB Leipzig ist Tabellenführer der Bundesliga. Und nicht nur das: Die TSG Hoffenheim ist wie Leipzig noch ungeschlagen in dieser Saison und liegt punktgleich mit einem Champions-League-Rang auf Platz fünf.

Wie ist das zu erklären? Hält sich doch gerade der deutsche Fussball viel auf die «50+1-Regel» zugute, die verhindern soll, dass Investoren die Stimmenmehrheit an Profivereinen erlangen können. Ein echter Schutz von Traditionsvereinen ist diese Regel aber ganz und gar nicht.

Nur elf aktuelle Erstligisten haben vor 1993 schon einmal in der Bundesliga gespielt. In der Premier League trifft das auf 18 Klubs zu, in Spanien und Italien auf je 17, in Frankreich auf 16 (alle diese Ligen haben allerdings 20 Teilnehmer).

Nur noch 11 «Traditionsklubs»

Die durchgestrichenen Teams spielten vor 1993 nie in der Bundesliga.

Mit anderen Worten: Keine andere grosse Liga in Europa hat in den letzten 25 Jahren so viele Traditionsklubs verloren wie die Bundesliga. Über dieses Thema wird ausgiebig diskutiert. Zwischen blindem Hass auf RB und seinen Geldgeber Dietrich Mateschitz bis hin zur Gegenposition, dass Tradition im Profifussball egal sei, hört man vieles. Selten aber eine plausible Erklärung für das Phänomen.

Es ist leichter, einen Verein zu führen, wenn niemand mitredet

Die Behauptung, in grossen Vereinen wie dem Hamburger SV, dem VfB Stuttgart, Kaiserslautern oder Nürnberg werde «nicht so gut gearbeitet» wie in Leipzig oder Hoffenheim, mag in gewisser Weise zutreffen. Auch, weil es natürlich leichter ist, einen Profiklub zielgerichtet zu führen, wenn nur ein Mann letztlich alle Entscheidungen treffen kann, wie Dietmar Hopp in Hoffenheim, oder der ganze Verein weniger als 20 stimmberechtigte Mitglieder hat, wie RB Leipzig.

Erwischt es diese Saison den Bundesliga-Dino Hamburger SV? Bild: EPA/DPA

Aber weder Hoffenheim noch Leipzig sind nur mit Fleiss und guten Ideen in die Bundesliga gekommen, genauso wenig wie die Konzernklubs Wolfsburg und Bayer Leverkusen. Sondern mit viel Geld. Warum fliesst dieses Geld in Deutschland so oft in die Taschen von Vereinen, die wenige Fans haben oder keine Tradition? Hier kommt die 50+1-Regel wieder ins Spiel. Genauer: die Ausnahmen von dieser Regel.

Das ist die 50+1-Regel

Eine Klausel in der Satzung des DFB soll die Übernahme von Fussballklubs durch Investoren verhindern. Sie schreibt vor, dass Kapitalgesellschaften zwar Lizenzen für die Erste und Zweite Bundesliga erwerben können. Das geht aber nur, wenn Vereine die Mehrheit an diesen Kapitalgesellschaften halten.

Mehrheit wird definiert als 50 Prozent der Stimmrechte zuzüglich einer Stimme. So erklärt sich die verbreitete Bezeichnung 50+1-Regel.

Investoren, die sich seit mehr als 20 Jahren bei einem Verein engagieren, dürfen eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel beantragen. So gehören Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg mehrheitlich Konzernen (Bayer, Volkswagen) und die TSG Hoffenheim einem Mäzen (SAP-Gründer Dietmar Hopp).

Entscheidend für die 50+1-Regelung ist die Mehrheit der Stimmrechte, nicht die Mehrheit des investierten Kapitals.

Die Bundesliga ist ein profitabler Teil der Unterhaltungsindustrie. Damit soll nicht gesagt werden, dass sie nur das ist. Aber die Unterstützung der Fans und deren Treue zu ihren Vereinen lassen sich eben auch vermarkten. Mit dieser Popularität verdienen die Klubs und die Liga Geld. Daran wollen Investoren gerne teilhaben, egal, ob es Audi oder die Telekom beim FC Bayern sind oder Red Bull in Leipzig.

«Gebt uns unseren Hass zurück!» Die Hoffenheimer Fans zeigen vor Duell mit Leipzig viel Humor. bild: twitter

Spannung dank Investorenklubs

In England suchen sich Geldgeber bevorzugt Klubs mit grosser Fanbasis für ihre Investitionen aus, denn diese versprechen die höchsten Einnahmen, sei es durch Kartenverkauf, Merchandising oder Fernsehrechte. Niemand hat dort ein Interesse daran, sein Geld an Leyton Orient zu geben statt an West Ham United. Im Ergebnis ist die Kommerzialisierung in der Premier League gross – aber die Liga ist spannend und ausgeglichen. Die sechs Klubs, die aktuell an der Spitze stehen, sind die sechs beliebtesten Teams der Liga, und sie waren es auch schon vor 30 Jahren.

In Deutschland dürfen Investoren Traditionsklubs nicht übernehmen. Anders bei Konzernen, die sich schon lange engagieren: Für Bayer und Volkswagen gelten in der Bundesliga Ausnahmeregelungen. Auch Hopp darf in Hoffenheim als Mogul auftreten, weil er den Dorfklub seines Herzens schon seit Anfang der Neunzigerjahre unterstützt. Red Bull wiederum hat mit der Übernahme des Provinzvereins SSV Markranstädt die Weichen für die Kontrolle eines Vereins schon jenseits des Geltungsbereichs der DFL gestellt.

In England steigen die Investoren bei den Grossklubs ein, in Deutschland ist nur bedingt möglich. Bild: Jason Cairnduff/REUTERS

Viele sehen den HSV-Investor Klaus-Michael Kühne als abschreckendes Beispiel für den Einfluss von Investoren. Seine mediale Präsenz ist sehr gross und möglicherweise schädlich für den Verein. Das alles aber ist durch keine 50+1-Regel der Welt zu verhindern, denn Kühne ist weit davon entfernt, 50 Prozent des HSV übernommen zu haben.

In der Praxis verhindert die 50+1-Regel Investitionen in den deutschen Profifussball nicht. Sie zwingt Geldgeber zu kreativen Modellen der Einflussnahme und bevorzugt deutsche Konzerne gegenüber Interessenten aus dem Ausland. Dass die Bundesliga in dieser Saison so spannend zu werden verspricht wie seit Jahren nicht, ist sicher positiv. Dass die Spannung ausgerechnet von den Investorenklubs erzeugt wird, ist kein Zufall, sondern logische Folge der Regularien der Liga. Wenn Hoffenheim, Leipzig und Leverkusen statt Schalke und Dortmund die Bundesliga in der Champions League vertreten und die Einschaltquoten des ZDF das reflektieren, sollte man sich daran erinnern.

Die Bundesliga im Zeitraffer – wie sich die Liga seit 1991 verändert hat

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User-Review:
Gina226 - 6.4.2016
Watson, du bist super. Ich möchte dich nicht mehr missen. ❤️
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  • PabloEscobar 21.11.2016 22:51
    Highlight Ich finde es witzig, wie sich jetzt auf den Social Media Kanälen von RB Leipzig plötzlich nur so 14 Jährige Untermenschen tummeln, die den Spielern den Tod wünschen und so weiter und etwas von Tradition labern, selber aber keine Ahnung davon haben...
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  • Fab_bu 21.11.2016 22:38
    Highlight Ach kommt... aber die wm, em oder champions league schauen.. und das dann cool und gut finden.. hoch verschuldete spitzen clubs aus england spanien italien schauen wo ebenfalls leute mit nur wenig geld im rücken haben.. und tv verträge in milliardenhöhe haben und nur über p-tv zuschauen sind..in deutschland sind wenigstens viel clubs noch einigermassen gesund und ohne kommerz geht heute nun mal nichts mehr.. ausser beim jassen zuhause.. damit muss man sich wohl abfinden..
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  • Herr Fluri 21.11.2016 21:19
    Highlight Bayer Leverkusen als Traditionsverein zu bezeichnen und gleichzeitig den SC Freiburg zu streichen ist schon nicht ganz fair...
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    • PRE 22.11.2016 06:37
      Highlight Das ist keine willkürliche Liste. Die durchgestrichenen Vereine haben vor 1993 nie in der Bundesliga gespielt. Bayer Leverkusen halt schon.
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  • jk8 21.11.2016 21:08
    Highlight Spätestens seit dieser Saison ist für mich die 2. Bundesliga massiv interessanter geworden als die erste. Viel lieber schau ich mir ein VfB Stuttgart gegen den Karlsruher SC an, als eine Event-Unterhaltungsshow der Firmen Red Bull und Audi...
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    • DerRaucher 21.11.2016 22:57
      Highlight Spätestens seit dieser Saison? Das erste mal seit Jahren wird wahrscheinlich nicht noch Schnee auf der Schale liegen wenn Bayern sie allenfalls in die Hände nimmt. Die BuLi macht gerade dieses Jahr mal wieder Spass und dann so ein Kommentar.. Ich bin auch kein Fan von RB, aber es ist trotzdem schön zu sehen wie eng es gerade da oben ist.
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