Sport

Bernd Storck: Er will auch die Schweiz ärgern. Bild: HANDOUT/REUTERS

Ungarns Trainer Bernd Storck selbstbewusst: «Wir wollen die Schweiz ärgern»

Der deutsche Trainer Bernd Storck hat den ungarischen Fussball aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Kommenden Freitag will er mit seiner Mannschaft gegen die Schweiz punkten.

Publiziert: 04.10.16, 13:29 Aktualisiert: 04.10.16, 13:41

Markus Brütsch / schweiz am Sonntag

Herr Storck, hat man Ihnen in Ungarn als Volksheld schon ein Denkmal errichtet?
Bernd Storck:
Als Volksheld? Übertreiben Sie mal nicht.

Immerhin haben Sie die einstige Fussballgrossmacht nach 44 Jahren wieder an eine EM geführt und in Frankreich die Achtelfinals erreicht.
Was ich sagen kann: Meiner Mannschaft und mir ist es gelungen, viele Menschen in Ungarn für ein paar Wochen glücklich zu machen. Sie müssten gesehen haben, was während des Turniers nach unseren Erfolgen auf den Strassen los gewesen ist. Endlich gab es wieder einmal ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter der Bevölkerung. Die EM 2016 war ein richtiges Sommermärchen.

Die Euphorie während der EM war in Ungarn gross, aber das hält meist nicht lange. Bild: EPA/MTI

Solche Ereignisse machen natürlich Appetit auf mehr. Vermutlich träumt ganz Ungarn schon jetzt davon, dass auch die WM 2018 ein Sommermärchen wird.
Die Fans schon. Die Erwartungshaltung ist gigantisch. Als Trainer und Sportdirektor hoffe ich einfach, dass wir in der WM-Qualifikation um Platz 2 mitspielen können.

Sie denken also, Europameister Portugal hat in dieser Gruppe Rang 1 auf sicher?
Nein, gar nicht. Die Schweiz hat gezeigt, dass die Portugiesen schlagbar sind. Sie hat ein Topteam, das bei der EM sehr gut gespielt hat. Sie hat Topspieler, die in Topligen unter Vertrag stehen. Ich war in Frankreich, als die UEFA den Technischen Report der EM 2016 vorgestellt hat. Darin steht, dass die Schweiz zu den spielstärksten Mannschaften des Turniers zählte. Sie ist am kommenden Freitag gegen uns der absolute Favorit.

Jetzt stapeln Sie fast unverschämt tief.
Ich sage Ihnen auch, warum. Schauen Sie sich mal an, wo die ungarischen Klubmannschaften stehen. Sie spielen europäisch keine Rolle. Kaum einer von uns hat im Gegensatz zu den Schweizern internationale Erfahrung. Das sind die Fakten. Ich staple nicht tief, sondern bin einfach realistisch.

Viktor Orban: Der Staatspräsident ist ein grosser Fussball-Fan. Bild: SERGIO PEREZ/REUTERS

Aber Ungarn hat doch eine wirklich formidable EM hingelegt.
Mein grosser Vorteil war, dass ich die Mannschaft vor dem Turnier fast vier Wochen zusammen hatte. Ich konnte sie optimal vorbereiten und auf jenen Level bringen, der sie konkurrenzfähig machte. Und niemand hatte uns auf der Rechnung.

«Die Leute waren der Ansicht, dass wir die Färöer 3:0 oder 4:0 hätten schlagen müssen.»

Bernd Storck.

Wurden auch Sie von Ihrer Mannschaft überrascht?
Nein. Sie hatte mich ja bereits in den Vorbereitungsspielen überzeugt. Da ist sie von Spiel zu Spiel gewachsen und hat sich das nötige Selbstvertrauen geholt. Aber dann kam auch ein wenig Glück dazu. Wenn im EM-Startspiel gegen Österreich der Schuss von David Alaba reingeht, statt an den Pfosten zu prallen, hätte es anders aussehen können. So aber haben wir schliesslich gewonnen.

Konnte die EM-Euphorie im Land mit in den Herbst genommen werden?
Nein, die Grundeinstellung in Ungarn ist eher pessimistisch und passt nicht zur riesigen Erwartungshaltung. Sie können sich nicht vorstellen, was nach unserem 0:0 auf den Färöer Inseln hier los gewesen ist! Die Leute waren der Ansicht, dass wir die Insulaner 3:0 oder 4:0 hätten schlagen müssen. Meine Mannschaft aber hatte alles gegeben, konnte indes die EM-Form nicht abrufen.

Weshalb?
Es gab Spieler, die gegen die Färöer aufgelaufen sind, ohne zuvor ein Spiel in den Beinen gehabt zu haben. Und jene, die in Ungarn spielen, bekamen keine Zeit, um sich von den EM-Strapazen zu erholen. Sie mussten im Europacup die Qualifikationsspiele bestreiten und waren dann ganz einfach überspielt. Aber auf den Färöer Inseln werden auch noch andere Mannschaften in Schwierigkeiten kommen. Als wir dort oben waren, herrschte Windstärke 8 bis 9. Man konnte die Eckbälle kaum schiessen, denn der Ball rollte immer wieder davon.

Bernd Storck

Der 53-jährige Deutsche hat für Bochum und Dortmund gespielt. Er arbeitete zuerst jahrelang als Co-Trainer, dann als Chef in Kasachstan
(Almaty, Nationalteam), Nachwuchsverantwortlicher bei Piräus und seit 2015 als Sportdirektor und Nationaltrainer Ungarns im Doppelamt. Seine Assistenten sind Andreas Möller und Holger Gehrke.

Das wird in Budapest bei der Partie gegen die Schweiz anders sein.
Ja, und wir werden auch ein anderes Gesicht zeigen. Wir wollen das Spiel geniessen und die Schweiz ärgern. Wir hoffen, die Fans zu begeistern wie bei der EM. Das Stadion war innert kürzester Zeit ausverkauft. Die Leute hier sind trotz des Pessimismus richtig hungrig auf die Nationalmannschaft.

«Ohne Hilfe gäbe es keinen Profi-Fussball mehr.»

Bernd Storck.

Aber nicht auf den Klubfussball. Der Zuschauerschnitt in der höchsten Liga ist mit 2670 katastrophal.
Von den Zuschauer- und Fernseheinnahmen könnten die Klubs nicht leben, ja. Der Verband muss sie im Moment noch mit viel Geld unterstützen. Ohne diese Hilfe würde die Hälfte der Vereine gar nicht mehr existieren, gäbe es keinen Profifussball mehr.

Krass. Zum Glück ist Ministerpräsident Viktor Orban ein grosser Fussballfan.
Die Regierung hat ein Steuersystem eingeführt. Das kommt nicht nur dem Fussball, sondern dem gesamten Sport zugute. Ohne dieses Geld hätte Ungarn bei den Olympischen Spielen nicht derart viele Medaillen gewonnen (Ungarn lag mit 8× Gold, 3× Silber und 4× Bronze auf Rang 12 des Medaillenspiegels; die Red.). Wir hoffen, dass mit dem Bau der neuen Stadien auch der Klubfussball in Schwung kommt. Ungarn wird ja auch ein Austragungsort der EM 2020 sein. Wir kriegen ein schmuckes grosses Stadion. Das Puskás-Ferenc-Stadion wurde bereits abgerissen.

Die Ungarn sorgten an der EM für Furore. Bild: AP/MTI

Apropos Puskás. Ungarn war mal ein grosses Fussballland und stand zwei Mal in einem WM-Final.
Noch heute lesen wir an jeder Ecke den Namen Puskás. Es ist zwar eine Ehre für mich, für einen Verband mit einer solchen Tradition zu arbeiten, aber wir sollten doch mal die Vergangenheit hinter uns lassen und aus diesem Puskás-Schatten treten. Für meine Jungs ist diese glorreiche Zeit eine Belastung. Sie werden immer an diesen Erfolgen gemessen. Auch deshalb wäre es ein Traum, wenn wir uns für die WM in Russland qualifizieren würden (Ungarn war letztmals 1986 in Mexiko dabei; die Red.).

«Hätte ich mein erstes Spiel verloren, ich hätte gleich wieder gehen können.»

Bernd Storck.

Ungarn steht in Europa derzeit wegen seiner Abschottungspolitik in der Kritik. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Wenn ich in Deutschland bin, bekomme ich dies natürlich schon mit. Aber die Ungarn haben eben viele eigene Probleme. Zuerst einmal müssen sie diese bewältigen. Wenn sie jetzt noch die Flüchtlinge ins Land lassen würden, dann gäbe es noch mehr Probleme. Wenn man hier vor Ort lebt, kann man die ungarische Politik schon auch verstehen.

Aber Sie selber wurden 2015 als Ausländer vermutlich schon mit offenen Armen empfangen?
Na ja. Die Leute wussten zu Beginn nicht richtig mit mir etwas anzufangen. Ich fing ja als Sportdirektor an und wurde erst ein paar Monate später als Nachfolger von Pal Dardai auch noch Nationaltrainer. Ich fing gleich mit dem schwersten Spiel an, das man in Ungarn überhaupt haben kann, dem Duell mit dem Erzrivalen Rumänien. Hätte ich dieses (es gab ein 0:0; die Red.) verloren, dann hätte ich direkt wieder nach Hause fahren können. (aargauerzeitung.ch)

Die Rekordspieler der Schweizer Nati

Das ist der moderne Fussball

Dann macht doch eure Supermegagiga-Liga! Wie meine Liebe zur Champions League erlosch

Alle sagen, moderner Fussball sei super. Ich sage: Im modernen Fussball haben sich Saumoden eingenistet, die mich laufend kotzen lassen

Scheichs, Tormusik oder Wappenküsser – 16 Dinge, die schleunigst wieder aus dem Fussball verschwinden sollten

Wer noch immer nicht recht wusste, was Büne mit «Pussy-Fussball» meinte: Genau DAS hier

Jetzt also auch in der Primera Division: Sevilla spielt als erstes spanisches Team ohne Spanier

Nach Robben auch noch diese erbärmliche Junioren-Schwalbe – es geht bachab mit dem Fussball 

Da schmerzt das Herz, es ist schon wieder Nati-Pause! Erlöst uns endlich von diesem Müll – in vier Stunden habe ich eine bessere Lösung entwickelt

Ausländer-Trios, werbefreie Trikots oder das Nasenpflaster – 16 Dinge, die aus dem Fussball verschwunden sind

Der Moment, in dem ich den allerletzten Glauben an den ehrlichen Fussball verlor

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die catson-App!

Deine Katze würde catson 5 Sterne geben – wenn sie Daumen hätte.
0 Kommentare anzeigen
0
Logge dich ein, um an der Diskussion teilzunehmen
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600

Er trifft und trifft, aber Marco Schneuwly bleibt ohne Nati-Aufgebot

Der beste Torschütze in der Super League, doch für die Nationalmannschaft ist Marco Schneuwly kein Thema. Wir haben Gründe dafür und dagegen gesucht sowie Beispiele aus anderen Ländern.

Die Schweizer Nati spielt am Sonntag in Luzern gegen die Färöer-Inseln. Mit dabei ist Remo Freuler, der im letzten Winter vom FC Luzern nach Italien zu Atalanta Bergamo wechselte. Eine schöne Geschichte für den Mittelfeldspieler, der im Nati-Dress zu seiner alten Wirkungsstätte zurückkehrt. 

Einer der immer noch beim FC Luzern spielt, muss aber weiterhin auf einen Platz in der Auswahl von Vladimir Petkovic warten. Die Rede ist von Marco Schneuwly, dem aktuell besten Torschützen in der Super …

Artikel lesen