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Kampf auf Biegen und Brechen: In England liegen drei Teams punktgleich vorne. Neben Manchester City auch Liverpool und Arsenal. Bild: ANDY RAIN/EPA/KEYSTONE

Wo Meisterschaften noch Spannung und Spektakel versprechen

Die Fussball-Schweiz leidet. Der FC Basel steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Meister fest – und das schon Ende Oktober. Zeit, um anderswo in Europa spannende Meisterschaften zu entdecken.

Publiziert: 29.10.16, 08:28 Aktualisiert: 29.10.16, 16:40

Martin Probst, Etienne Wuillemin, Ruedi Kuhn und Sebastian Wendel / Aargauer Zeitung

Deutschland

Bundesliga

1. Bayern München 8/20.
2. RB Leipzig 8/18.
3. Hertha Berlin 8/17.
4. TSG Hoffenheim 8/16.
5. 1. FC Köln 8/15.
6. Borussia Dortmund 8/14.

Wenn er sich da nur nicht irrt. Bayern-Captain Philipp Lahm sagt: «Im Kampf um die Meisterschaft ist Leipzig von der Besetzung her nicht so aufgestellt, dass es über die gesamte Saison hinweg um die vordersten Plätze mitspielen könnte.» Aber: Nach acht Spieltagen liegt der Aufsteiger nur zwei Punkte hinter Bayern auf Rang zwei.

Bereits sind sie in Deutschland die «Bayern-Jäger» gegen ihren Willen. In Leipzig versucht man alles, um tiefzustapeln. Sportdirektor Ralf Rangnick sagt: «Wenn wir nach dem zehnten Spieltag noch da stehen, wo wir jetzt stehen, können wir sagen, dass wir gut gestartet sind.»

Junge Bullen jagen Bayern. Bild: Tim Groothuis/freshfocus

Rangnick weiss, wovon er spricht. Als Trainer der TSG Hoffenheim ist er im Aufstiegsjahr 2008 vor Bayern Herbstmeister geworden – und in der Rückrunde noch bis auf Rang sieben zurückgefallen. Leipzig-Stürmer Davie Selke sagt denn auch: «Wir sind nur ein Aufsteiger, der sehr dankbar ist, dass es gerade so läuft, wie es läuft.» Understatement – und hoffen auf den Leicester-City-Effekt. In England dachten in der vergangenen Saison auch viele, der Underdog ziehe seine Erfolgsserie niemals bis zum Ende durch. Das Ergebnis ist bekannt: Leicester wurde sensationell Meister.

Bis dorthin ist es für Leipzig noch ein sehr weiter Weg. Als neutraler Zuschauer freut man sich vor allem darüber, dass die Bundesliga aktuell so spannend ist wie lange nicht mehr. Selke sagt: «Wann spielen wir gegen Bayern? Dann sprechen wir über Bayern.» Am 21. Dezember ist es so weit. Am letzten Spieltag der Vorrunde. Bis dahin geniesst Leipzig die Rolle der weiterhin Unterschätzten.

England

Premier League

1. Manchester City 9/20.
2. Arsenal 9/20.
3. Liverpool 9/20.
4. Chelsea 9/19.
5. Tottenham Hotspur 9/19.
6. Everton 9/15.
7. Manchester United 9/14.​

Die Premier League ist die Liga der Trainer mit den grossen Namen. Es gibt José Mourinhos Manchester United. Jürgen Klopps Liverpool. Arsène Wengers Arsenal. Und doch stellt einer alle in den Schatten: Pep Guardiola. Er hat im Sommer Manchester City mit einer Wucht übernommen, die erstaunlich ist. Die ersten zehn Spiele gewann sein neustes Projekt alle. In München begann man derweil zu merken, dass die Kritik nach dem erneuten Out im Champions-League-Halbfinal vielleicht doch etwas überzogen war. Gerade weil die Bayern nicht mehr derart überzeugen.

Doch Pep, der Perfektionist, wäre nicht Pep, wenn er nicht auch seine Ideen und Ideologien über den Fussball hinaus im Verein implementieren wollen würde. Und das geht dann so: Alle Junioren bei Manchester City tragen ab sofort nur noch schwarze Schuhe! Farbige Treter? Verbiegen höchstens den Charakter und lassen die Junioren womöglich glauben, sie seien etwas Besseres. Doch auch für die Profis gelten neue Regeln. Frühstücken und Mittagessen? Gemeinsam mit dem Team! Internet auf dem Trainingsgelände? Fehlanzeige! Würde nur ablenken. Fussballer sind dafür bezahlt, sich über den Fussball Gedanken zu machen. Sagt Pep.

Guardiola: Erfolg bei Barça, Erfolg bei den Bayern und nun auch Erfolg mit ManCity? Bild: Jason Cairnduff/REUTERS

Nach diesem Raketenstart mit zehn Siegen glaubten viele Guardiola und sein City bereits entrückt. Es kam anders. Seit dem missglückten Auftritt in der Champions League bei Celtic Glasgow (3:3 unentschieden) geht plötzlich nichts mehr. Sechs Spiele ist City mittlerweile ohne Sieg – und darum die Spitze in der Premier League zusammengerückt.

Und Guardiola? Der findet das gut. Ein bisschen zumindest. Sein City ist nicht einfach eine automatische Siegesmaschine. Und darum kann er nun zeigen, dass er tatsächlich jener Magier ist, für den ihn ohnehin fast alle halten.

Italien

Serie A

1. Juventus Turin 10/24.
2. AS Roma 10/22.
3. Napoli 10/20.
4. AC Milan 10/19.
5. Lazio Rom 10/18.
6. Atalanta Bergamo 10/16.​

Am Samstag das 1:0 gegen Serienmeister Juventus Turin, am Dienstag das 0:3 in Genoa: Die AC Milan ist stark in die Saison 2016/17 gestartet, zeigt aber zwei Gesichter. Im Wissen, dass mit Gianluigi Donnarumma ein 17-jähriger Torhüter, mit Alessio Romagnoli ein 21-jähriger Innenverteidiger und mit Manuel Locatelli ein 18-jähriger Mittelfeldspieler in der Startformation standen, ist ein Rückschlag wie derjenige gegen Genoa erklärbar. Die Form von Talenten unterliegt grösseren Schwankungen als diejenige von routinierteren Spielern. Dieses Risiko geht man also bei der AC Milan offensichtlich ein.

Der Kampf an der Tabellenspitze in der Serie A ist spannend. Juventus Turin, die AS Roma, Napoli, Milan und Lazio Rom sind nach zehn Runden nur durch sechs Punkte getrennt. Dass Milan trotz keiner grossen Transfers vor der Saison vorne mithalten kann, ist überraschend. Der Hauptgrund für den Höhenflug ist Trainer Vincenzo Montella.

Früher feierte Montella mit ausgebreiteten Arme seine Tore. Heute gestikuliert er als Milan-Trainer. Bild: STEFANO RELLANDINI/REUTERS

Der 42-jährige Römer und frühere Klasse-Mittelstürmer löste zu Beginn dieser Saison den Serben Sinisa Mihajlovic ab und führte die Mailänder dank erfrischendem Offensivfussball auf die Erfolgsspur.

Die AC Milan auf Meisterkurs? Nein! Natürlich wünschen sich die Tifosi in Mailand sehnlichst einen Titelgewinn. Schliesslich warten sie schon seit 2011 auf einen grossen Coup. Es wäre allerdings vermessen, in dieser Saison auf den «scudetto» zu hoffen. Aber nach dreijähriger Abstinenz auf der europäischen Bühne liegt die Qualifikation für die Europa League durchaus drin.

Spanien

Primera Division

1. Real Madrid 9/21.
2. FC Sevilla 9/20.
3. Barcelona 9/19.
4. Villarreal 9/19.
5. Atlético Madrid 9/18.
6. Athletic Bilbao 9/15.​

Unai Emery, der Sevilla zu drei Europa-League-Titeln in Serie coachte? Weg! Captain Coke? Weg! Regisseur Krychowiak? Weg! Superstar Gameiro? Weg! Flügelflitzer Konoplyanka? Weg! Die vier besten Torschützen der vergangenen Saison? Weg!

Man könnte meinen, Jorge Sampaoli habe im Sommer ein Himmelfahrtskommando übernommen. Der Chilene beerbte auf dem Trainerstuhl der Andalusier Unai Emery – und das Eintreffen eines ungeschriebenen Fussballgesetzes schien programmiert: Der Nachfolger eines langjährigen Erfolgstrainers scheitert.

Jubel im Regen: Sevillas Spieler und Zuschauer feiern. Bild: EPA/EFE

Das Mitleid mit Sampaoli wuchs nach dem Blick auf die sommerlichen Neuzugänge: No Names von Mittelklasseklubs aus Italien und Frankreich. Bezeichnend: Der hierzulande bekannteste Zuzug war Hiroshi Kiyotake von Bundesliga-Absteiger Hannover.

Und dann das: Nach 9 Spieltagen ist der FC Sevilla Teil der Spitzengruppe – auf Platz 2 im Sandwich zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Zuletzt gewann Sevilla 1:0 gegen Atlético Madrid und erbrachte so den Beweis, zu Recht da oben zu stehen.

Baumeister Sampaoli hat alle überrascht. Aber irgendwie auch nicht: Schliesslich machte sich der umtriebige Argentinier bereits einmal einen Namen als Trainer einer namenlosen Truppe: Sampaoli formte als Trainer von Chile aus den Südamerikanern ein Spitzenteam, das an der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien mit offensivem Kampffussball entzückte. Die Krönung war im Jahr 2015 der Sieg bei der Copa America – im Final gewann Chile ausgerechnet gegen Sampaolis Heimatland Argentinien. Nun macht sich Sampaoli an, Europa zu erobern. Der Start ist schon mal gelungen.

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User-Review:
schlitteln - 18.4.2016
Guter Mix zwischen Seriösem und lustigem Geblödel. Schön gibt es Watson.
8 Kommentare anzeigen
8
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600
  • RoWi 29.10.2016 13:02
    Highlight ....aber: liegt es am FCB, dass die Meisterschaft schon gelaufen ist? Ist es nicht eher so, dass die Konkurrenz schlecht gemanagt wird? Als Baselfan wünschte ich mir auch mehr Spannung und umkämpfte Spiele!
    12 3 Melden
    600
  • Bluetooth 29.10.2016 12:51
    Highlight Was habt ihr eigentlich gegen Frankreich? Nach der deutlichen Dominanz PSGs letzte Saison, hätte man die momentane Tabelle kaum erwartet.
    14 0 Melden
    600
  • Sandromedar 29.10.2016 11:23
    Highlight Schöner artikel, danke! Lässt einen doch fast wieder an das gute im fussball glauben:)
    8 0 Melden
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  • N. Y. P. 29.10.2016 09:22
    Highlight Wenn alle punktemässig beisammen sind, verspricht das sicher Spannung. Es gibt aber noch eine weitere Komponente. Ungleich spannender ist es, wenn mal Underdogs sich oben reinspielen. Dann kann man so richtig schön mit den Aussenseitern mitfiebern..
    18 0 Melden
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  • swissgooner 29.10.2016 09:17
    Highlight Ich würde mich freuen, wenn es Arsene mit seiner tollen und kämpferischen Truppe am Ende der Saison wieder mal auf dem Thron steht!
    32 5 Melden
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  • DaRocco 29.10.2016 08:49
    Highlight Samir Nasri war sicher auch noch ein bekannter Neuzugang bei Sevilla
    20 1 Melden
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Wie «Traumfänger» Hoarau die Young Boys beflügelt

Gewinnt YB, hat der Starstürmer meist einen grossen Anteil daran. So schiesst er auch beim Sieg gegen Basel zwei Treffer. Bereits in der Vergangenheit zeigte sich: Spielt er, ist sein Team eine Macht.

Vielleicht ist es noch etwas früh, um die Meisterträume bereits wieder aus dem Keller zu holen. Auch nach dem Sieg im Direktduell liegt YB weiterhin 12 Punkte hinter dem FCB. Aber vielleicht ist das auch ganz gut. Denn YB ist ja immer dann besonders gut, wenn es nicht wirklich wichtig scheint.

Trotzdem, der 3:1-Sieg gegen Basel war nicht nur Balsam für die eigene Seele, sondern auch ein Segen für die Liga. So darf man sich nun wieder einiger Zeit der Illusion hingeben, dass die rot-blaue …

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