Sport

So soll das Doha Port Stadium einst aussehen, in dem an der Fussball-WM 2022 gespielt wird. Bild: EPA

Krise am Golf: Was passiert jetzt mit Katars Sport-Milliarden?

Fussball, Leichtathletik, Handball – fast jeder Sportverband plant in Katar ein Turnier. Angesichts der politischen Krise sind milliardenschwere Investitionen in Gefahr.

09.06.17, 19:23 10.06.17, 16:38

Benjamin Knaack und Tim Röhn

Ein Artikel von

Als der «Kugelblitz» ein Wüstensohn werden wollte, dachten viele an einen Scherz. 2004 sorgte der ehemalige Bundesliga-Angreifer Ailton für Gelächter und Kopfschütteln unter den Fans. Künftig, so verkündete es der gebürtige Brasilianer, wolle er vielleicht für die Nationalmannschaft Katars auflaufen. Ailton hatte den Traum von der Teilnahme an der WM 2006 – und wollte natürlich auch Geld verdienen: Eine Million sollte er als Prämie sofort bekommen, zusätzlich noch 400'000 Euro im Jahr.

Doch die FIFA wurde zum Spielverderber. Ohne Bezug zum Land dürfe ein Fussballer nicht einfach dessen Staatsbürgerschaft annehmen. Das entspreche nicht dem «Sinn und Zweck» der Statuten, teilte der damalige Präsident Joseph Blatter mit. Auch dem Dortmunder Dedé wurde ein Engagement für Katar untersagt. «Dass sich ein Land eine Nationalmannschaft zusammenkauft, ist nicht im Sinne des Fussballs und widerspricht auch dem fairen Wettbewerb», sagte BVB-Manager Michael Zorc damals.

Ailton, Dedé – die Episode wirkt wie aus einer anderen Zeit, doch sie ist auch heute noch aktuell. Das Emirat Katar mischt kräftig mit auf dem Sportmarkt. Mit enormen finanziellen Anstrengungen – und Erfolg, wie die Vergabe der Fussball-WM 2022 gezeigt hat. Das Geld der Scheichs ist beliebt in der Welt des Sports, Barcelona spielte jahrelang mit «Qatar Airways» auf der Brust, 100 Millionen Euro brachte der Deal. Der FC Bayern absolviert sein Trainingslager in Katar.

Sportevents en masse

Doch Katars erkaufte Stellung in der Sportwelt ist bedroht: Nachdem Saudi-Arabien und weitere arabische Staaten alle diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen haben, steht das Land isoliert da. Dem Golf-Emirat wird unter anderem die Unterstützung von Terrororganisationen vorgeworfen. Deutsche Spitzenpolitiker stellen Katars Rolle als WM-Gastgeber infrage. Eine Verlegung in ein anderes Land wäre für den langfristigen Plan Katars ein Desaster.

Schön warm im Winter: Bayern München trainiert in Katar. Bild: EPA/DPA

Bereits 2008 wurde die sogenannte «Qatar National Vision 2030» verkündet, dort heisst es: «Sie soll Katar in ein fortschrittliches Land transformieren, die Entwicklung vorantreiben und den hohen Lebensstandard auch für kommende Generationen erhalten.» Eine aktive und sportliche Gesellschaft solle gefördert werden, und, ganz wichtig: «Sportevents auszurichten verbessert das regionale und internationale Image», hiess es aus dem Entwicklungsministerium.

Nicht nur die FIFA, auch andere Sportverbände werden die Entwicklungen am Golf genau verfolgen. Denn Sportveranstaltungen finden mittlerweile en masse in dem Wüstenstaat statt, die Fussball-WM 2022 ist da nur das prominenteste. Squash, Billard, Schwimmen, Handball, Boxen: Eine WM pro Jahr war das Ziel Katars, und so ist es gekommen. Im vergangenen Jahr wurde die Weltmeisterschaft im Strassenradsport dort ausgetragen, 2019 kommt die Leichtathletik-WM.

Mehr Radprofis als Zuschauer: Schnappschuss von der Katar-Rundfahrt. Bild: SEBASTIEN NOGIER/EPA/KEYSTONE

Selbst Golf findet regelmässig in der nicht gerade sattgrünen Region statt, das Qatar Masters ist fester Bestandteil der European Tour. Der Sport ist in dem Land sehr beliebt, für internationales Aufsehen sorgt seit einigen Jahren Yasmian Al Sharshani: Sie ist die einzige Frau in der katarischen Golf-Nationalmannschaft und überhaupt eine von ganz wenigen registrierten muslimischen Golferinnen. Ihr grosses Ziel, die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio, verpasste sie aber.

«Braune Umschläge voller Bargeld»

Bislang war das grösste Risiko für Katar der stets im Raum stehende Verdacht der Korruption. Nicht nur im Zusammenhang mit der WM-Vergabe gab es Gerüchte und Untersuchungen, die von Katar-Seite zurückgewiesen wurden – die FIFA konnte nichts finden. Auch die Leichtathletik-WM steht unter Verdacht, der Präsident des britischen Verbands UK Athletics sprach einst von «braunen Umschlägen voller Bargeld», die am Rande der WM-Vergabe verteilt wurden.

Doch dubiose Zahlungen von immensen Geldmengen sind im Weltsport kein Grund für Aktionismus. Schliesslich profitieren viele Verbände und auch Einzelpersonen von den finanziellen Zuwendungen. Mit einem auf fünf Jahre angelegten Sponsoringpaket in Höhe von rund 30 Millionen US-Dollar konnte etwa der Leichtathletik-Weltverband überzeugt werden, die WM nach Katar zu vergeben.

Weltmeisterschaften in Katar

Die immer wieder öffentlich geäusserte Kritik von Sportlern und Fans über die Vergabe-Entscheidungen zeigte zwar die Empörung und das Entsetzen – ausgetragen wurden die Sportveranstaltungen dann aber doch. Das konnten auch Berichte über das Dauerthema Menschenrechte und Arbeitsbedingungen, das Katar spätestens seit der Vergabe der Fussball-WM immer wieder einholt, nicht ändern.

Handball-Erfolg mit eingebürgerten Osteuropäern

Trotz all der Widrigkeiten ging Katar bislang seinen Weg. Auch die Idee der Einbürgerung von Sporttalenten hat mittlerweile Erfolg. Bei der Heim-WM der Handballer sorgte die Nationalmannschaft mit zahlreichen eingebürgerten Osteuropäern und bezahlten Fans sportlich für Furore, das Team verlor erst im Finale gegen Frankreich. Die Suche nach Talenten ist mittlerweile hochprofessionell: Mit der «Aspire Academy» gibt es ein modernes Trainingszentrum in der Hauptstadt Doha, zudem einen Standort im Senegal. Kein Talent, ob aus Katar oder anderswoher, soll unentdeckt bleiben.

Doch mit der Eskalation am Golf ist die Lage unsicher geworden. Wie sich das Engagement Katars angesichts der aktuellen politischen Lage weiterentwickeln wird, ist schwer vorherzusagen. Im äussersten Fall muss sich der Weltsport eine neue Heimat für seine Events suchen.

Nicht viele Sportler und Fans würden das wohl bedauern.

So wird das Public Viewing an der Schlotter-WM 2022

17.08.2008: Amor trifft besser als der Sportschütze, der nur deshalb berühmt wurde, weil er auf die falsche Scheibe zielte

25.07.1908: Wyndham Halswelle wird Olympiasieger über 400 Meter – weil er im Final der einzige Läufer ist

06.08.2012: Felix Sanchez schmuggelt Foto von totem Grosi unter die Startnummer und schafft das grösste Comeback der Leichtathletik

26.07.1992: Das beste Team, das jemals Basketball gespielt hat, verzaubert die ganze Welt

Die Geschichte eines Bauernsohns, der im vorletzten Jahrhundert zum Olympiahelden wurde

04.08.2012: Das knappste Finale in der Olympia-Geschichte im Triathlon gewinnt Nicola Spirig dank einer unglaublichen Willensleistung

19.09.2000: Eric «The Eel» Moussambani säuft über 100 m Freistil fast ab und wird trotzdem zum grossen Star

16.10.1968: Tommie Smith und John Carlos sorgen für die berühmteste Siegerehrung bei Olympia

28.07.1984: Gaby Andersen-Schiess torkelt in der Hitze von LA völlig dehydriert über die Zielgerade des Olympia-Marathons

28.8.1972: Mark Spitz holt sich die ersten zwei von sieben Goldmedaillen und schwimmt in jedem Rennen Weltrekord

26.08.1900: Ein Siebenjähriger wird zum jüngsten Olympiasieger aller Zeiten, aber bis heute kennt niemand seinen Namen

09.06.1924: Die Schweiz verpasst den Olympiasieg – aber wird Europameister!

01.10.2000: Der Abschluss der Spiele von Sydney ist der Beginn der grossen Liebe zwischen Roger und Mirka

06.08.1984: Carl Lewis holt sich zum ersten Mal Olympia-Gold in seiner Lieblingsdisziplin

08.05.1984: Die Sowjets boykottieren Olympia. Eine Retourkutsche, die ihre Wirkung komplett verfehlt

08.08.1992: Marc Rosset holt sich an Roger Federers 11. Geburtstag den einzigen grossen Titel, der dem «Maestro» noch fehlt

17.09.1988: Zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Seoul gibt es geröstete Tauben

18.10.1968: Bob Beamon springt so weit, dass nicht einmal das Massband reicht

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  • neutrino 10.06.2017 06:48
    Highlight Klar, läuft vieles schlecht in Katar, aber dieses Bashing ist zu eurozentriert und zu einseitig. Schon das Geweine wegen der Winter-WM in Europa - schon mal dran gedacht, dass dieser Planet auch eine Südhalbkugel hat? Und sich da als Moralinstanz aufspielen ist in daneben - der ganze wirtschaftliche Aufstieg von Europa/US basierte bis vor kurzem auf der Verletzung von Menschenrechten und Ausbeutung von Ressourcen (und auch Stimmrechte sind btw. Menschenrechte). Jetzt soll man Katar in der Entwicklung Regeln vorschreiben, die man jahrzehtelang verletzt hat?
    2 3 Melden
  • Gsnosn. 09.06.2017 22:38
    Highlight Da passiert doch nichts, bleibt sicher alles beim alten. Ich verstehe nicht warum etwas ändern soll?
    13 0 Melden
  • Thanatos 09.06.2017 20:53
    Highlight Der Artikel beantwortet die Leitfrage leider kein bisschen...
    43 1 Melden
  • Darkside 09.06.2017 19:57
    Highlight Menschenrechte? Arbeitsbedingungen? Who cares. The Show must go on, der Rubel soll richtig rollen. Im Vorfeld ein bisschen halbherzige Empörung in Social Media demonstrieren um das Gewissen zu beruhigen, aber am Ende hocken dann doch wieder alle vor dem TV und jubeln. Die Funktionäre nicht anders, man findet es natürlich nicht gut, aber leider leider wäre es politisch unmöglich jetzt noch was zu ändern und ausserdem logistisch nicht mehr machbar. Ganz zu schweigen von all den Couverts die man nicht einfach so an den Absender retournieren kann. Diese WM wird stattfinden, no matter what.
    45 1 Melden
    • Ismiregal 09.06.2017 21:38
      Highlight Gut gesagt. So ist es und so wird auch bleiben. Aber, gehörst du nicht auch dazu? Wirst du dir die wm anschauen? Zumindest die schweizer spiele? Dann kann man sich immer so genüsslich über die politische situation des gastgebers auslassen.
      14 2 Melden
    • Darkside 09.06.2017 22:20
      Highlight Du hast recht, das hätte ich wohl erwähnen sollen. Nehme mich hier keineswegs aus. Ich bin zwar kein grosser Fussballfan, und es wird mir daher nicht schwerfallen den Grossteil der WM zu ignorieren,
      aber auch ich werde mir am Ende einige Spiele anschauen. Wie viele Andere.
      Das ist ja genau der Fluch den ich beschrieben habe und der Grund warum sich nichts ändern wird. Und auch wenn ich mir das bewusst bin, shame on me.
      22 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 10.06.2017 03:02
      Highlight "..., aber auch ich werde mir am Ende einige Spiele anschauen."
      Genau darum, weil sich auf diesen moralischen Katarrh unsere FIFA-Gottheit verlassen konnte, gibt es Aussagen wie "Menschenrechte? Arbeitsbedingungen? Who cares."
      > http://www.bestimmt.ch/wm-2022-katar-sepp-blatters-moralischer-katarrh/
      2 1 Melden
  • Der Tom 09.06.2017 19:31
    Highlight Die brauchen die Saudis zum Einkaufen beim Trump.
    15 3 Melden

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