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Bei der Pressekonferenz sanftmütig lächelnd, während dem Spiel teils animalisch: Das ist Antonio Conte.  Bild: Henry Browne/REUTERS

Wie «Chorknabe» Conte Chelsea innert Kürze auf Vordermann gebracht hat

Chelsea thront neu an der Spitze der Premier League. Die «Blues» haben die letzten sechs Liga-Spiele allesamt gewonnen und dabei keinen einzigen Gegentreffer erhalten. Das ist an einer einzigen Person festzumachen: Trainer Antonio Conte.

Publiziert: 21.11.16, 17:21 Aktualisiert: 21.11.16, 17:55
Donat Roduner
Donat Roduner

«Antonio Conte: Ein vormaliger Chorknabe hat Chelsea in einen echten Titelkandidaten verwandelt», lautete gestern der Titel in der Online-Ausgabe der «Sun». Das Revolverblatt zeichnet das Bild eines sehr gläubigen Trainers und legt auch noch ein wunderschönes Foto bei, das den heute 47-jährigen als jungen Vorzeige-Katholiken zeigt.

Es trifft zwar zu, dass Conte stark gläubig ist und dass das Gebet zu seiner Matchvorbereitung gehört, aber sein Erfolg bei Chelsea ist alles andere als eine göttliche Fügung – es ist pure Akribie und das Produkt seiner aussergewöhnlichen Trainerfähigkeit.

Conte zeigt an der Seitenlinie ein Maximum an Leidenschaft. Bild: Carl Recine/REUTERS

Der 1,78 grosse Italiener hat den Stadtklub aus dem Westen Londons im Sommer als Juve-Meistertrainer und angesehener Verantwotlicher für die italienische Nationalmannschaft übernommen. Kein einfacher Zeitpunkt, denn der Verein hat eine äusserst schwache Saison hinter sich, in der José Mourinho im Dezember gefeuert wurde und auch dessen temporärer Nachfolger Guus Hiddink nicht überzeugte.

«Dann habe ich zum 3-4-3 gewechselt»

Der neue Manager wurde mit Vorschusslorbeeren bedacht und startete nicht schlecht. Nach zwei empfindlichen Meisterschaftsniederlagen in Serie, gegen Liverpool (1:2) und Arsenal (0:3), stand er bereits auf Messers Schneide. Und Conte fiel – nur nicht auf die Seite, die die meisten vermuteten.

«Wir haben die richtige Balance nicht gefunden.»

Antonio Conte

Nach der Schlappe gegen Stadtrivale Arsenal machte sich Conte sehr viele Gedanken, die sich offensichtlich gelohnt haben: In der Premier League folgten Siege gegen Hull (2:0), Leicester (3:0), Manchester United (4:0), Southampton (2:0), Everton (5:0) und Middlesbrough (1:0). Chelsea ist also seit fast zehn Stunden ohne Gegentor.

Das Costa-Tor beim Sieg gegen Middlesbrough. Video: streamable

Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht «Catenaccio», der berüchtigte italienische Defensivfussball, sondern eine geschickte Abwandlung davon. Conte lässt neu ein 3-4-3-System spielen, das perfekt auf seine Spieler zugeschnitten ist. «Ich muss ehrlich sein, am Anfang war meine Idee, mit zwei Stürmern und zwei Flügeln zu spielen. Aber wir haben die richtige Balance nicht gefunden. Ich habe ein 4-3-3 versucht, mit mehr Gewicht auf dem Mittelfeld. Dann habe ich zum 3-4-3 gewechselt», erklärte er nach dem Sieg gegen Middlesbrough dieses Wochenende.

Grosse physische Stärke

Seine Beweggründe schildert er so: «Wenn du an dem Punkt angelangt bist, an dem du jedes Wochenende Chancen zulässt, dann musst du etwas ändern. Zudem sehe ich, dass die Spieler diesen Fussball und dieses System mögen. Jeder hat darin seine Qualität.»

Jeder? Ja und nein. Für die Stammspieler gilt das auf jeden Fall. Conte hat zuletzt fünfmal in Serie auf dieselbe Startformation gesetzt, ein Novum bei Chelsea.

So sieht die Aufstellung aus

Chelsea - Everton 5:0 (3:0). 

Während die Ersatzspieler momentan den Zonk gezogen haben, kommt beispielsweise Eden Hazard nach einer für seine Verhältnisse katastrophalen letzten Saison wieder richtig in Fahrt. Er geniesst seine freie Rolle hinter, respektive neben der bulligen Sturmspitze Diego Costa.

Genialer Spielgestalter: Eden Hazard. Bild: Andrew Couldridge/REUTERS

Diese Finessen sind es, die das System vom klassischen Catenaccio abheben. Chelsea spielt mit viel Qualität nach vorne. Aber in der Defensive ist Conte natürlich unerbittlich. Pausenlos tigert der Italiener während dem Spiel in seiner Coachingzone umher und predigt seinen Jüngern Spielern unablässig, was sie zu tun haben. Die Kompaktheit in der Rückwärtsbewegung ist ihm heilig – und das scheinen die «Blues» definitiv begriffen zu haben.

Als nächstes warten auf Chelsea allerdings zwei Knacknüsse: Tottenham (h, 26.11.) und Manchester City (a, 3.12.). Werden diese ebenfalls gemeistert, dann darf man Chelsea mit Recht zum ersten Titelanwärter erheben. Conte selbst ist zuversichtlich: «Wir haben eine grosse physische Stärke, mit der wir durch die Weihnachtszeit kommen sollten.»

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User-Review:
schlitteln - 18.4.2016
Guter Mix zwischen Seriösem und lustigem Geblödel. Schön gibt es Watson.
8 Kommentare anzeigen
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  • Luca Brasi 21.11.2016 22:29
    Highlight Der nächste Lieblingsitaliener in England nach Ranieri. ;)
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  • AJACIED 21.11.2016 19:43
    Highlight Noch ist nicht aller Tage Abend bis +/- April geht es noch seehr lang.
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  • Senji 21.11.2016 18:48
    Highlight So neu und überraschend ist dieses System jetzt auch nicht. Conte war es, der bei Juve die 3er Kette in der Abwehr wieder salonfähig gemacht hatte. Jeweils mit zwei zusätzlichen Aussenläufern und angepasst an die vorhandenene Spieler hatte er ein System neu erfunden, dass seither immer neu adapiert wird. Zuletzt erfolgreich von Tuchel am Samstag gegen Bayern. Ob es davor dann auf dem Matchblatt eine, zwei oder drei Spitzen sind ist egal. Für mich ist eher überraschend wie schnell das mit den Verteidigern die Chelsea hat erfolgreich wurde. Aber die Saison ist ja noch lang.
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    • AJACIED 21.11.2016 19:44
      Highlight Amen
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  • Bluetooth 21.11.2016 18:39
    Highlight Vor allem hat Costa wieder seine alte Form gefunden. Unter Mourihno letzte Saison war er mehr damit beschäftigt den Gegner zu provozieren, jetzt unter Conte sorgt er wieder konstant für Tore.
    Momentan läuft alles perfekt für Chelsea, ich hoffe aber Conte kann aber auch Spieler wie Willian, Fabregas oder Oscar ins neue System integrieren, denn bald beginnen die harten Zeiten der PL im Winter, wo die Spieler beginnen müde und verletzt zu werden.
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    • elmono 21.11.2016 22:25
      Highlight Das Rotieren ist meiner Meinung nach die grosse Schwäche Contes. Bei Juve hat er sehr selten rotiert und jeweils auch sehr spät im Spiel Auswechslungen vorgenommen. Trotzdem eine sehr gute Leistung wenn man den Transfermarkt im Vergleich zu City und ManU berücksichtigt. Chelsea wird sicherlich um den Titel mitreden, da ohne Europabelastung. Parallelen zur ersten Juvesaison sind definitiv da. Chelsea kanns packen.
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    • Amboss 22.11.2016 08:35
      Highlight @elmono: Vergleiche mit dem Marktwert/Transferausgaben sind zwar beeindruckend, aber letztlich nichtssagend.
      Denn in der Spitze der PL spielt der Markt verrückt.

      Die Spitzenvereine sind zum Erfolg verdammt und deshalb bereit, fast jeden Preis zu bezahlen, um die besten Spielen zu holen.
      Spieler werden aber nicht besser, weil sie jetzt 120 Mio statt 70 Mio kosten.

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  • Wanteddavid 21.11.2016 17:34
    Highlight Hi Watson danke für den tollen Beitrag. Es ist toll, dass man sich in der Schweiz ausnahmsweise nicht über Chelsea beschwert. 2 kleine Korrekturen hätte ich jedoch anzubringen. Der FC Chelsea ist lediglich in der Liga seit 7 (nicht 6) spielen ohne gegentor. Also ist die Aussage seit 10 Stunden ohne Gegentor nicht ganz korrekt (Cup Niederlage gegen West Ham). Ausserdem habt ihr das nicht unbedeutsame 4:0 gegen Manchester United vergessen:). Schönen Abend
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