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Andy Woodward hat in ein Wespennest gestochen. bild: screenshot youtube

«Er griff in meine Hose» – Missbrauchsskandal erschüttert Englands Fussball

Der britische Fussball ist von einem Missbrauchsskandal betroffen: Mehrere frühere Profis berichten, sie seien als Kinder oder Jugendliche Opfer sexueller Übergriffe geworden. Und es werden immer mehr, die ihr Schweigen brechen.

Publiziert: 28.11.16, 16:07 Aktualisiert: 28.11.16, 17:32

Sie nennen ihn den «Pied Piper», den Rattenfänger: Was in diesen Tagen über Barry Bennell und weitere frühere Jugendtrainer berichtet wird, erschüttert ganz England. In den vergangenen Tagen haben mehrere ehemalige Fussball-Profis erzählt, wie sie als Kinder oder Jugendliche Opfer sexueller Übergriffe durch Vereinstrainer geworden seien. Es soll weit über 100 Betroffene geben.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Andy Woodward. Der frühere Sheffield-United-Spieler sprach vor rund zwei Wochen als Erster öffentlich über seine leidvollen Erfahrungen. Danach brachen weitere frühere Profis ihr Schweigen über den Jugendtrainer Barry Bennell.

Barry Bennell sass mittlerweile mehrere Male wegen Missbrauchs im Gefängnis. bild: Epa

Bennell galt als herausragender Jugendtrainer, der bei Manchester City und vor allem für Crewe Alexandra arbeitete. Der Klub ist viertklassig, seine Jugendarbeit galt aber als vorbildlich. Die Vereinsführung schöpfte irgendwann Verdacht. Sie kam aber zum Ergebnis, dass die Vorwürfe nicht zu beweisen seien, und Bennell durfte weitermachen.

Erst Mitte der 90er-Jahre wurde der Jugendtrainer in den USA zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, später dann auch in England zu weiteren neun Jahren. Momentan sitzt er wegen eines Missbrauchvorfalls an einem Zwölfjährigen aus dem Jahr 1980 in Haft.

Als Elf- bis 14-Jähriger spielte Woodward in der Jugendabteilung des Clubs Crewe Alexandra, wo Bennell ihn coachte. Dieser überredete die Eltern, den Jungen aus Ausbildungsgründen bei ihm wohnen zu lassen. «Ich wollte nur Fussball spielen und sah Crewe als Ausgangspunkt meines grossen Traums», so Woodward. Dieser schien anfänglich in Erfüllung zu gehen. In Bennells Haus gab es einen Billardtisch, Katzen, Hund und sogar einen kleinen Affen in einem Käfig, der einem auf die Schulter sass. Bennell nahm Woodward an sämtliche Crewe-Spiele mit. Nichts deutete darauf hin, dass er in die Klauen eines Monsters geraten war.

Doch dann begann die schlimmste Zeit seines Lebens. Nach anfänglichen sexuellen Berührungen habe es sich schnell verschlimmert, bis er schliesslich immer wieder vergewaltigt worden sei, erzählt Woodward. Gleichzeitig bedrohte ihn sein Peiniger: «Um sicherzugehen, dass ich niemandem etwas erzählte, begann er mich einzuschüchtern.» So musste Woodward beispielsweise ein Blatt Papier vor sich halten, das Bennell dann mit seinen Nunchakus halbierte. «Es waren entweder Gewaltandrohungen oder der Fussball, mit denen er mich unter Druck setzte. Wenn ich ihn verärgerte, spielte ich beispielsweise nicht mehr.» 

Woodward spricht über den Missbrauch durch Bennell. Video: YouTube/Sky Star

Doch es kam noch schlimmer. Der damals 33-jährige Bennell begann eine Beziehung mit Woodwards 16-jähriger Schwester, was natürlich niemand wissen durfte. «Er sagte mir, dass ich nie mehr Fussball spielen werde, wenn ich etwas erzähle. Ich war so verängstigt. Er hatte damals die volle Kontrolle über mich.» Später kam die Beziehung dann doch raus und Woodward musste mit Bennell bei seinen Eltern an einem Tisch sitzen. 1991, als Woodward 18 Jahre alt war, heirateten Bennell und seine Schwester gar.

Damals hatten die Übergriffe aufgehört, doch die Angst liess ihn nie mehr los. Depressionen und Angstzustände begleiten ihn sein Leben lang. Rund zehn Mal habe er sich versucht das Leben zu nehmen, erzählt Woodward. Den Sprung in den Profi-Fussball schaffte Woodward, doch durchsetzen konnte er sich wegen seines psychischen Zustands nirgends. Mit 29 Jahren beendete er seine Karriere früh.

Von Woodwards Ausführungen ermutigt melden sich seit Ende letzter Woche immer weitere Ex-Profis und schildern ihre Erfahrungen mit Bennell. Einer von ihnen ist Chris Unsworth. «Seine Hände waren überall, er griff in meine Hose», schildert er sein Schreckenserlebnis. «Später wurde es schlimmer in seinem Schlafzimmer. Es kam zur Penetration, solche Dinge. Ich war neun Jahre alt.»

Der Fall Bennell ist längst kein Einzelfall. Dem «Guardian» erzählte ein nicht genannter Ex-Profi von Newcastle, ebenfalls Opfer eines möglichen Pädophilen-Rings gewesen zu sein. Der beschuldigte Ex-Trainer George Ormond ist der Justiz ebenfalls bereits bekannt: 2002 wurde er zu sechs Jahren Haft verurteilt, weil er Jungen missbraucht haben soll.

Vom Missbrauch zu Drogen und Alkohol

Und auch der dreifache englische Nationalspieler Paul Stewart erhebt schwere Missbrauchsvorwürfe gegen einen früheren Jugendtrainer. Der heute 52-Jährige berichtet im Mirror, dass er im Alter zwischen elf und 15 Jahren «jeden Tag für vier Stunden» von seinem damaligen Jugendtrainer missbraucht worden sei.

Begonnen habe alles bei einer Autofahrt: «Eines Tages fing er an mich zu berühren», so Stewart. «Es hat mich zu Tode geängstigt, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es entwickelte sich zum Missbrauch. Er sagte, er würde meine Familie töten, und mit elf Jahren glaubst du das.»

Paul Stewart spricht mit der BBC über seine schlimmsten Erlebnisse. Video: YouTube/BBC News

Sein Trainer suchte Ausreden, um mit Stewart alleine zu sein. Er gaukelte den ahnungslosen Eltern etwas von Extratraining und spezieller Förderung vor. Auf Reisen an Turniere kam es dann zu weiteren Übergriffen. Wenn die Leistung nicht stimmte, musste er im Anschluss bezahlen. «Es wurde jeden Tag schlimmer.»

Stewart, der unter anderem für Liverpool, Manchester City und Tottenham spielte, haben die Vorfälle nie mehr losgelassen. «Die mentalen Narben haben mich zu anderen Problemen wie Alkohol und Drogen geführt. Ich weiss jetzt, dass es ein laufender Prozess war. Das Level des Missbrauchs stieg und stieg», sagte er der BBC. Mit 27 Jahren wurde er drogenabhängig, regelmässig griff er zu Kokain, Ecstasy und Alkohol. Und spielte trotzdem auf höchstem Niveau Fussball. «Ich bin immer davongekommen.»

Den Klubverantwortlichen will er keine Vorwürfe machen, für ihn liegt der Vorwurf im System. «Der Zugang zu Kindern im Sport ist sehr einfach, und der perfekte Boden für Pädophile, Beute zu machen», glaubt er. Stewart entkam seinem Peiniger schliesslich, als er mit 15 Jahren zum FC Blackpool wechselte.

Schlag auf die Ketchup-Flasche

Aber warum haben die Spieler so lange öffentlich geschwiegen? Aus Scham, sagen sie, weil sie bedroht wurden – und wer sich nicht missbrauchen liess, dessen Fussballkarriere war schnell zu Ende. Die Ausführungen von Woodward und Stewart waren nun der erste Schlag auf die Ketchup-Flasche. «Bei uns haben sich bereits über 20 Spieler gemeldet», erklärt Gordon Taylor, der Chef der Vereinigung der Fussballprofis.

Schliesslich listet er die beschuldigten Vereine auf: Manchester City, Crewe Alexandra, Sheffield United, Leeds United, Newcastle und Blackpool. Alle Vereine kommen aus dem strukturschwachen Nordengland. «Ich kann nicht glauben, dass es das nur im Nordwesten und Nordosten gab. Wir sollten uns darauf einstellen, dass es das ganze Land betreffen könnte.»

Gleich vier unterschiedliche Polizei-Einheiten sollen die Vorwürfe aufklären. Bereits gegen 17 Personen wird ermittelt. (pre)

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User-Review:
schlitteln - 18.4.2016
Guter Mix zwischen Seriösem und lustigem Geblödel. Schön gibt es Watson.
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16 Kommentare anzeigen
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  • Michael Cera 28.11.2016 20:41
    Highlight Ich hoffe das dieser Skandal auch betroffenen in der Schweiz Mut macht sich zu melden!
    31 0 Melden
    • Bela Lugosi 29.11.2016 00:13
      Highlight Dazu müsste man aber erst mal aktiv nachfragen. Initiativen zur Prävention im Sportkontext gibt es schon seit ein paar Jahren (hab mal was im Radio gehört). Als langjähriger Partner von einem im Sportverein Missbrauchten hab ich einen Hals auf diese gemeingefährliche Vertrauensseligkeit, die wir Sporttrainern entgegenbringen und die den Biografien von Kindern derart Schäden zufügen kann. Aber klar, in Familien und Kirche passiert die gleiche Tragödie auch.
      3 0 Melden
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  • Jonasn 28.11.2016 19:07
    Highlight Bennell ist leider nicht in Haft. Er war zuhause und wurde bewusstlos letzten Freitag in seiner Wohnung aufgefunden und ist derzeit im Krankenhaus.
    25 0 Melden
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  • thzw 28.11.2016 18:54
    Highlight Wenn man sich die Skandale der letzten Jahre vor Augen führt muss man sich wohl damit anfreunden, dass nicht nur im Alten Griechenland Päderastie integraler Bestandteil der Erziehung war...
    25 0 Melden
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  • eysd 28.11.2016 18:48
    Highlight Es wäre sehr schmerzhaft alles zu wissen was an Missbrauch und Misshandlung auf der Welt und in nächster Nähe passiert. Ich glaube nicht das der Mensch jemals wirklich besser wird. Ich glaube auch nicht,dass die unwissenden wissen wollen.
    5 16 Melden
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  • _adrian 28.11.2016 18:36
    Highlight Wisst ihr, was so richtig dämlich ist? Missbrauchsopfer fragen warum sie so lange gewartet haben um darüber zu sprechen.
    70 3 Melden
    • Michael Cera 28.11.2016 20:39
      Highlight Kann ich nur zustimmen und Bewunderung aussprechen für Ihren Mut sich zu äussern, welches auch anderen Mut gemacht hat!
      23 0 Melden
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  • Mia_san_mia 28.11.2016 17:51
    Highlight Wenn man so etwas liest, ist man einfach sprachlos...Einfach zum kotzen! Unglaublich was es für "Menschen" gibt...
    59 1 Melden
    • Rendel 28.11.2016 18:09
      Highlight Häufiger sind die Täter ehemalige Opfer. Wir müssen uns dringenst mit dem Thema auseineinander setzen.
      39 2 Melden
    • wipix 28.11.2016 19:28
      Highlight @Rendel
      Nicht alle Opfer werden zu Tätern,aber die überwiegende Mehrzahl der Täter waren selbst Opfer.Solange Sexualität so sehr tabuisiert wird, sexuelle Übergriffe an Minderjährigen nicht als grundlegendes Problem in allen Gesellschaften anerkannt wird,werden wir keine grossen Fortschritte machen in der Prävention.Und der doch so nötigen Thematisierung ist nicht damit genüge getan,den Tätern den Galgen zu wünschen!Es wird nämlich dann weh tun,wenn wir erkennen müssen,dass geliebte Familienmitglieder, geschätzte Vereinskameraden, Vertrauensvolle Lehr- und Erziehungsbeauftragte die Täter sind!
      17 0 Melden
    • Rendel 28.11.2016 19:57
      Highlight Ja,wipix, der Galgen bringt nichts. Es ist ein grosses Problem, viele schauen auch lieber weg, als hin, wenn es jemand ist, den sie mögen und kennen. Es ist schwer zu begreifen, wie dieser ihnen als als guter Mensch bekannt, Kinder missbrauchen kann, sie haben dann ja eine Fehleinschätzung getätigt. Es gibt öfters Zeichen, von den Missbrauchten, viele können sie nicht lesen und viele wollen nicht, weil dann ihre Welt Risse bekommt. Für die Opfer ist das ein Untergang.
      10 1 Melden
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  • wipix 28.11.2016 16:53
    Highlight Nach den katholischen Internaten kommen jetzt die Junioren Abteilung der FussballClubs Ihre verdiente "Abreibung"! Wird Zeit, dass dieses sehr belastende Thema enttabuisiert wird! Nur so kann das Schweigen der traumatiesierten Betroffenen durchbrochen werden. Und zwar bei allen Verbänden und Institutionen!
    78 0 Melden
    • Rendel 28.11.2016 17:18
      Highlight Und vergessen sie die Familien nicht, dort kommt sexueller Missbrauch am Häufigsten vor.
      44 2 Melden
    • Nicolas Flammel 28.11.2016 18:06
      Highlight Und vielleicht gets auch bald der Elite in Washington and den Kragen! (#PizzaGate)
      18 1 Melden
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  • Raketen Costa 28.11.2016 16:46
    Highlight Einfach nur zum Kotzen
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  • Bolly 28.11.2016 16:44
    Highlight Die armen Kinder von dazumal. Denke das wir heute sicher auch immer noch geben...nicht nur in England. Einfach krank und böse diese Menschen. Waren doch selber mal Kinder. Hoffe das sie dadurch zur Ruhe kommen. Das Leben so verpfusch. Schwarze Schafe gibt es überall....wenn es nicht Kinder sind dann Frauen und alte Leute. ☹️️
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