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Jackson Martinez bejubelt mit seinen Teamkollegen den Treffer zum 3:1. Bild: RAFAEL MARCHANTE/REUTERS

Porto macht's möglich: 5 Gründe, wieso wir den Sieg der Portugiesen gegen die Bayern so richtig abfeiern

Das (neutrale) Fussballerherz frohlockt: Der FC Porto schlägt die Bayern. Was das eigentlich für den Fussball bedeutet, wird erst auf den zweiten Blick klar.

16.04.15, 09:43 16.04.15, 09:57
Tobias Wüst
Tobias Wüst

Die Champions League kann doch noch begeistern

Nach dem mageren 1:0-Sieg der Juve und dem torlosen Madrid-Derby hatte mein Vertrauen in begeisterungsfähigen Fussball einen herben Dämpfer erlitten. Da am Mittwoch in einem Spiel keine Ibra- und im anderen eine Bayern-Show bevorstand, habe ich ernsthaft in Betracht gezogen, mir den Handball-Abstiegskracher BSV Bern-Muri gegen Suhr-Aarau zu geben.

Ich habe es nicht getan – und wurde von Porto dafür belohnt.

Porto hat gegen ein Top-Kader einen mitreissenden Auftritt gezeigt. Bild: RAFAEL MARCHANTE/REUTERS

Nicht nur haben die Portugiesen dem Favoriten ein Schnippchen geschlagen und das Rennen spannend gehalten, ihr Auftritt war auch ein Genuss: Taktisch hervorragend und offensiv eiskalt.

Eine fulminante Startphase mit zwei Quaresma-Toren, die Reaktion der Bayern durch Thiago Alcantara, das Sahnehäubchen von Jackson Martinez: Die Partie bot alles, was das Fussballerherz begehrt. Porto macht's möglich.

Neuer und Alonso sind auch nur Menschen

In München begeistern seit Wochen und Monaten zwei Übermenschen: Zum einen Welttorhüter Manuel Neuer, der trotz Unterbeschäftigung praktisch jede Prüfung mit Bravour meistert und in einem überragenden Kader viele überragt. Zum anderen Mittelfeldstratege Xabi Alonso, die fleischlich gewordene Passmaschinerie und Strippenzieher im vorbildlichen Bayern-Aufbauspiel.

Porto hat aus den beiden ihre Menschlichkeit herausgekitzelt: 

Der sonst so stilsichere Alonso vertändelt als letzter Mann den Ball und verschuldet indirekt ein Tor, ...

gif: srf

... wirkt allgemein fahrig, kann nur einen Bruchteil seiner genialen Pässe an den Mann bringen und schrammt im zweiten Umgang knapp am zweiten Patzer als letzter Mann vorbei.

Der sonst so souveräne Neuer muss geschlagene dreimal hinter sich greifen, verschuldet den ersten Penalty (mit), ...

gif: srf

... und sieht auch bei den zwei weiteren Toren nicht über alle Zweifel erhaben aus. Porto macht's möglich.

Bayerns «Mia san Mia»-Einstellung bröckelt

Vor dem Spiel ist für die Bayern trotz 200-Millionen-Euro-Lazarett klar: Die Verletzten sind kein Thema. Lamentiert werde nicht, ist der Grundtenor der Münchner Führungsriege.

Nach dem Spiel spuckt Karl-Heinz Rummenigge an der klubinternen Bankettrede ganz andere Töne: «13, 14 Spieler spielen seit Wochen dreimal die Woche, haben gegen Dortmund gefightet, haben gegen Leverkusen 120 Minuten gemacht. Irgendwann kommt der Tag, wo du müde bist und die Beine schwer sind.»

video: youtube/bayern München

Aber hallo? «Iha sand doch iha», oder nicht? Da sollte man über ein paar Verletzte und ein strammes Programm doch hinwegsehen können.

Während Pep während Rummenigges Monolog jegliche Manieren in den Wind schlägt, trotz Ansprache vom Boss nur vor sich hin starrt und sogar schon mit dem Essen beginnt, soll Dante sich mit seinem Teller sogar aufs Zimmer verzogen haben.

Reichhaltige Kost haben die Bayern gestern nur beim Abschlussbankett geboten.

Der Stolz der Bayern scheint zu bröckeln. Porto macht's möglich.

Siegreich ohne Topstars gegen Topstars

Kein Ibrahimovic, kein Messi, kein Ronaldo. Der einzige, halbwegs über die Grenzen des Fussballfanatiker-Zirkels hinaus bekannte Spieler, läuft ohne einen einzigen Trainingseinsatz in den Beinen auf.

Jackson Martinez war lange verletzt, kommt zurück und trifft. Bild: RAFAEL MARCHANTE/REUTERS

Kein Wunder natürlich, wenn man seine Superstars haufenweise verhökert. Trotz dieser – gegenüber den Bayern – eindeutig fehlenden Qualität, treten die Portugiesen entschlossen auf, zwingen den deutschen Rekordmeister mit einer aggressiven Spielweise zu ungewohnt vielen Fehlern und nutzen diese eiskalt aus.

Ein ebenbürtiges Duell zwischen einem guten portugiesischen und dem besten deutschen Team: Porto macht's möglich.

David schlägt Goliath – das zieht immer

Die berühmte Bibelgeschichte macht auch vor dem Fussball nicht Halt: Jeder neutrale Fan sympathisiert doch insgeheim immer mit dem Underdog. Wenn die Grossen die Kleinen schlagen, bleibt das eine Randnotiz, wenn die Kleinen die Grossen bezwingen, bricht kollektive Begeisterung aus.

David haut mit seinem geschleuderten Stein Goliath von den Füssen. bild: twitter/diydronesafety

Gestern ist David dieses Kunststück wieder einmal gelungen. Porto macht's möglich.

So verlief der gestrige Champions-League-Abend

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Hans Jürg 16.04.2015 12:56
    Highlight
    1 0 Melden
  • MichaelTs 16.04.2015 10:48
    Highlight Porto ist doch kein Underdog. Die wären im Bundesligavergleich auch unter den Top 5 und als Gladbach vor wenigen Wochen Bayern geschlagen hat, gabs doch auch keinen solchen Artikel, ne?

    Vielleicht geht's um den Mythos von gross und klein des Normalsbürgers, der mit der spielerischen Realität nicht viel zu tun haben muss. Aber wenn die aktuelle Nr 8 des UEFA-Rankings (die übrigens auch schon mal die CL gewonnen haben), die mit vielen fehlenden (Verletzungen) angetretene Nr 3 zuhause schlägt, und das in einem 'wenig zählenden' Hinspiel, ist das nicht überraschend.

    Aber sonst stimm ich zu :)
    7 2 Melden
    • droelfmalbumst 16.04.2015 11:54
      Highlight "wenig zählenden" Hinspiel... LOOOOL alter... was du da für zeug schreibst... zählt ja nix das hinspiel... neee für was auch...

      Porto ist kein Underdog da stimme ich dir zu. Aber im Vergleich mit Bayern etwa 150x kleiner. Um so mehr sollte man dem FC Porto Respekt zollen für ihre Leistungen in den letzten 10 Jahren...
      9 2 Melden
    • MichaelTs 16.04.2015 14:35
      Highlight Ja klar, das Spiel zählt gleich viel. Ist vielleicht ein bisschen unglücklich ausgedrückt, aber im Grunde geht es mir darum, dass erst nach dem zweiten Spiel abgerechnet wird. Siehe Real-Schalke oder auch Chelsea-PSG dieses Jahr, um gleich zwei Beispiele zu geben, die in beide Richtungen ausgingen. Oder gestern Real-Atletico, da wollten auch beide Seiten sich primär die Ausgangslage für das Rückspiel nicht versauen.

      Und klar besteht ein Unterschied, doch wird für mich der David-Goliath Vergleich einfach zu oft angestrengt. Es müssen nicht immer Extreme sein.
      2 0 Melden
    • droelfmalbumst 16.04.2015 14:49
      Highlight Gebe ich Ihnen auch recht. Logisch ist noch nichts gegessen! Habe aber bereits auch im Bekanntenkreis Sprüche gehört von wegen "ach dann gewinnt halt Bayern zuhause 7-0"... ;)
      Die Ausgangslage ist trotzdem gewaltig gut für Porto wenn man den Gegner betrachtet!
      Porto hat diese Saison noch nie verloren in der CL. Die Wahrscheinlichkeit dass Porto verliert in München ist sehr hoch aber das wird definitiv kein Schützenfest und Bayern muss da mächtig ad Seck! Wenn Porto die Kraft wieder abrufen kann so unter Pressing zu spielen sehe ich schwarz für Bayern, ganz ehrlich!
      2 0 Melden

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