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Das schmucke Estadio Nacional in Andorra la Vella: Hier spielt die Schweiz heute Abend. Bild: KEYSTONE

Die Bergwelt sticht den Fussball aus – ein Augenschein beim heutigen Nati-Gegner Andorra

Im beschaulichen Fürstentum Andorra steht Fussball nicht überall an oberster Stelle. Hier in den Pyrenäen pulsiert die Wirtschaft dank des Tourismus. Heute fordert der Fussballwinzling in der WM-Qualifikation die Schweizer Nati als Gastgeber heraus – eine Premiere.

Publiziert: 10.10.16, 11:01

Markus Brütsch / Nordwestschweiz

Rekord! Der Busfahrer ist begeistert, als er heil aus seinem Geschoss klettert. «Normalerweise benötige ich für diese Strecke drei Stunden, heute habe ich dreissig Minuten weniger gebraucht.» Die Strassen zwischen Barcelona und Andorra la Vella sind an diesem frühen Sonntagmorgen wie leergefegt und die Dörfer wie ausgestorben gewesen. So wollte der Chauffeur den Rennfahrer geben.

Andorra la Vella liegt rund 200 Kilometer entfernt von Barcelona idyllisch in den Pyrenäen.  Bild: Getty Images Europe

Nach dem Grenzübergang war die Gemeinde Sant Julia de Loria passiert worden, der mit 840 Meter über Meer tiefstgelegene Punkt Andorras. Nach Santa Coloma, wo der Rekordmeister des Landes zu Hause ist und 2009 der FC Basel in der Europa-League-Qualifikation antrat, wird bald die mit 1011 Metern über Meer höchstgelegene Hauptstadt Europas erreicht: Andorra la Vella. Beim Vorbeifahren richtet sich der Blick auf die wuchtigen Flutlichtmasten des Estadio Nacional. Auf dessen Kunstrasen will die Schweiz heute Abend den dritten Sieg in der WM-Qualifikation einfahren.

Fussball ja, aber nicht jener von Andorra

«Das wird überhaupt kein Problem sein, unsere Nationalmannschaft ist viel zu schwach», sagt Jordi, den wir im Zentrum der Stadt treffen. «Ich kann mit ihr nichts anfangen, obwohl ich ein waschechter Andorraner bin.» Der gelernte Baggerführer spricht katalanisch und spanisch, ein bisschen englisch und französisch, und in einem herrlichen Kauderwelsch erklärt er, ein glühender Anhänger des FC Barcelona zu sein. «Ich heisse Jordi, wie Jordi Pujol. Nur habe ich nicht so viel Geld gestohlen wie dieser.»

Gegen den früheren Regierungschef Kataloniens ermittelt die Justiz wegen Verdachts auf Korruption und Geldwäsche. Baggerführer Jordi sagt: «Ich bin Fussballfan, habe aber noch nie ein Spiel von Andorra gesehen. Sorry, aber ich werde mir auch die Partie gegen die Schweiz nicht anschauen.» Als ober er sich dafür rechtfertigen müsste, sagt der 44-Jährige: «0:6 haben sie gegen Portugal wieder verloren!» Wer in der Weltrangliste die Position 203 belegt, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Andorraner sind Fussballmuffel, wenn es um den einheimischen Fussball geht. Kommt aber wie in diesem Jahr die Tour de France auf Besuch, dann machen sie ihr Land zu einer Radnation. Ein Augenschein auf der Fahrt von Ordino hinauf zur Skistation Ordino-Arcalis lässt erahnen, welche Qualen die Rennfahrer auf sich nehmen, wenn sie die Serpentinen hinaufpedalen.

Auf diesen Serpentinen quälen sich die Tour-de-France-Stars hinauf. bild: markus brütsch

Wintertourismus als Elixier der Wirtschaft

Bald jedoch werden hier oben die unzähligen Schneekanonen ihre Arbeit wieder aufnehmen. 65 Berggipfel Andorras liegen über 2000 Meter, aber auch der höchste ist mit nur 2942 Metern kein Gigant. Der Tourismus ist trotzdem der Wirtschaftsfaktor Nummer 1. Ab Dezember kommen vor allem Franzosen, aber auch Russen zum Skifahren.

Bisweilen stehen an diesem wunderbaren Sonntagmorgen Polizisten am Strassenrand und suchen mit Ferngläsern die Berge ab. Sie seien auf der Jagd nach Jägern, lautet die Erklärung, denn die Jagdsaison ist vorbei. Die vielen Champignon-Sammler aber dürfen unbehelligt ihrem Hobby frönen.

Natur und Idylle sticht in Andorra den Fussball und das Urbane aus. bild: Markus brütsch

Inzwischen hat Ildefons Lima eine E-Mail geschickt. Der Captain von Andorra regt sich noch immer fürchterlich über Ronaldo auf: «Er ist ein starker Spieler, das wissen wir ja alle. Aber er ist arrogant. Er fordert immer Penaltys und Karten für den Gegner. Ronaldo glaubt, er sei Gott! Wir haben zweimal Rot gesehen. Zu neunt war es schwer.»

Ildefons Lima und Cristiano Ronaldo werden keine Freunde mehr. Bild: RAFAEL MARCHANTE/REUTERS

Zurück in Ordino, vorbei an unzähligen für das Land so typischen Steinhäusern und jeder Menge Hotels, ist das Spiel der Segona Divisio zwischen M-Perruquers Atletic Club Escaldes und dem FC Encamp B im Gang. Auf Kunstrasen natürlich. Jedes Spielfeld im Fürstentum hat einen Kunstrasen. Es sind nicht viele Fans erschienen, um den Knaller zu sehen. Das Niveau ist mässig. Immerhin wärmt die Sonne.

Weil das Land nur so gross ist wie der Kanton Obwalden, sind wir schnell wieder zurück in Andorra la Vella. 23'000 Menschen leben hier, 76'000 im ganzen Land. Viele arbeiten in Dienstleistungsbetrieben und im Tourismus. Es fällt auf, wie sauber und herausgeputzt alles ist. Es gibt unzählige Möglichkeiten zum Shoppen. Es wimmelt von Boutiquen, die Luxusartikel verkaufen. Tagesbesucher kommen her, um sich in den Duty-free-Shops mit Alkohol- und Tabakartikeln einzudecken.

Steuerparadies Andorra

Viele Ausländer haben sich hier gar aus steuertechnischen Gründen niedergelassen. Zum Verweilen lädt die Stadt aber eher nicht, gesehen sind die Sehenswürdigkeiten bald. Noch ein Kaffee am Fluss, dann werfen wir lieber noch einmal einen Blick auf lokales Fussballschaffen. Wegen des Länderspiels pausiert die Primera Divisió, die meisten Nationalspieler sind ja in dieser Liga beschäftigt. So sehen wir die UE Santa Coloma B, die gegen Aufstiegsanwärter FS La Massana chancenlos ist und 0:9 eingeht.

Ein Sonntagmorgen in Ordino: Nur wenige Kiebitze wollen sich das Spiel der zweiten Liga ansehen. Immerhin scheint die Sonne. bild: markus brütsch

Gabriel Martinez hat als Fan den Sieger begleitet. Man spürt schnell, dass er den regionalen Fussball liebt. «Natürlich schaue ich mir morgen die Nationalmannschaft im Stadion an, wenn sie gegen die Schweiz spielt. Sie macht eine ziemlich schwierige Phase durch, weil wir ganz viele junge Spieler im Team haben, denen es noch an Erfahrung fehlt.»

Der 28-Jährige ist stolz, dass Andorra ein Team stellt, räumt aber ein: «Fussball ist hier nicht die Nummer 1. Der Basquet Club Andorra spielt in der obersten spanischen Liga mit.» Barcelona und Real Madrid sind in der Stadt zwar zu sehen, aber nur im Basketball − oder am Fernsehen.

Gabriel Martinez wird im Stadion sein, wenn Andorra auf die Schweiz trifft. bild: Markus Brütsch

Es geht gegen Abend. Die Bilanz nach einem Sonntag in Andorra fällt trotz der langweiligen Hauptstadt positiv aus. Dank des wolkenlosen Himmels und der strahlenden Sonne war die Gebirgslandschaft ein Traum. Tausende Berggänger machten die vielleicht letzte Wanderung des Jahres. Andere sassen vor einem Gasthaus und liessen sich Köstlichkeiten aus der heimischen Jagd schmecken.

Der Tag geht zu Ende mit der Pressekonferenz von Andorras Nationalmannschaft. Captain Lima und Trainer Koldo Alvarez sind gekommen. Alvarez sagt, was er höchstwahrscheinlich vor jedem Spiel sagt: «Es wird schwierig .»

Die Rekordspieler der Schweizer Nati

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  • AdiB 10.10.2016 11:33
    Highlight Ein ganz schöner Ort in Europa. Erinnert ein bisschen an die Schweiz und wer gerne wandert, hat gleich nebenan 2 grosse Naturschutzpärke mit einer einzigartigen Vogelwelt. Die Geier die dort leben sind die letzten ihrer Art. Ich empfehle eine Motorradtour. Da in Andorra die Autobahn aufhört und dann eine kurvige Talstrecke von ca. 1.5 stunden folgt bis ins "Städtchen".
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