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Carlo Polli im Einsatz für den Stallion FC in Manila. bild: Carlo Polli

Schweizer Fussballprofi im Ferienparadies: «Ich habe nur Reis und Poulet gegessen»

Carlo Polli ist den wenigsten Fussballkennern ein Begriff. Dabei legt er eine Weltkarriere im wahrsten Sinn hin. Vom Tessin aus über Italien, zurück in die Schweiz, via Malta und die Südseeinsel Vanuatu bis auf die Philippinen. Dort spielt er seit einem Jahr und wird 2017 in die neu geschaffene Profiliga starten.

Publiziert: 23.11.16, 14:08 Aktualisiert: 23.11.16, 14:28

Jetzt geniesst der 27-Jährige aber vorerst wieder die Schweiz. Nach dem Saisonende kam er vor einer Woche zurück ins Tessin, am 20. Januar geht die Reise zurück nach Südostasien. Bis dahin absolviert er ein Fitnessprogramm, welches ihm mitgegeben wurde. watson trifft Polli in seiner Heimat Melide. Am vereinbarten Treffpunkt schüttelt er gerade noch einem alten Bekannten schnell die Hand, bevor wir uns begrüssen.

«Ciao! Ich bin Carlo. Benvenuti a Melide!» Wir queren die Strasse und setzen uns in eine Gartenwirtschaft. Er kennt während der nächsten Stunde praktisch jeden, der an uns vorbeigeht. Die Sonne wärmt im Tessin auch im November noch herrlich. «Ist es so kalt in der Deutschschweiz?», fragt Carlo und zeigt auf meine dicke Winterjacke. Ihm reicht ein Pullover. Wir lachen.

Carlo Polli in seiner Heimat Melide. Bis Mitte Januar ist er zurück in der Schweiz. bild: watson

Ist es für dich nicht kalt, hier in der Schweiz zu sein?
Carlo Polli: 
Oh, doch. Während den letzten Monaten auf den Philippinen trug ich praktisch nie langärmlig. Aber heute ist es ja sehr angenehm hier.

Wie fühlt es sich an, zurück in Melide zu sein?
Grossartig. Hier bin ich aufgewachsen. Ich kenne das ganze Dorf. Da drüben arbeitet meine Freundin, dort hinten wohne ich während diesen Wochen bei meiner Mutter. Und grad hier hinter dem Gebäude habe ich Fussball spielen gelernt.

«Manila ist wie ein riesiges Casino.»

Carlo Polli

Der Lago di Lugano, der San Salvatore, die Berge rundherum, was bedeutet dieses Panorama hier für dich?
Das ist meine Heimat. Die Schweiz ist das beste Land, um zu leben. Ich komme sehr gerne immer wieder zurück.

Was fällt dir im Vergleich mit den Philippinen besonders auf, wenn du zurück in der Schweiz bist?
Alles ist anders. Das ganze Leben ist anders. Hier ist alles viel ruhiger. Manila ist wie ein riesiges Casino. Es blinkt und leuchtet überall. Dazu sind die Strassen immer voll und der Verkehr stockt. Du kannst um 6 Uhr morgens in der Stadt sein oder um Mitternacht: Immer herrscht Betrieb.

Carlo Polli mit Simone Rota, der einzige Teamkollege, welcher Italienisch versteht. bild: Carlo polli

Bist du viel in der Hauptstadt?
Nein, eigentlich nur wenn ich muss. Manila ist so stressig und es braucht viele Nerven. Ich wohne mit dem Auto eine Stunde ausserhalb in Biñan, drei meiner Teamkollegen und mir wurde da eine Unterkunft zur Verfügung gestellt.

Wie ist das Leben dort?
Es ist nochmals eine andere Welt. In der Gegend leben nur sehr wenige Weisse. Wenn wir durch die Strassen laufen, kann es schon vorkommen, dass Kinder uns berühren wollen, weil sie nie zuvor Weisse sahen.

Und die Erwachsenen, wissen Sie, dass du Fussballer bist?
Teilweise schon. Aber die Philippiner sind sehr zurückhaltend. Vielleicht fragen sie nach einem Foto, aber dann lassen sie dich in Ruhe. Ich kann problemlos ausgehen und mich frei bewegen.

Das war vorher auf Vanuatu anders. Dort wurdet ihr vom eigenen Klub sicherheitshalber meist abgeschirmt.
Ja, das ist kein Vergleich. Die Fans hier sind zwar auch begeisterungsfähig, aber sie respektieren deine Privatsphäre.

Die Verständigung mit den einheimischen Spielern geht nur auf Englisch. bild: Carlo Polli

Polli spielte vor seinem Wechsel auf die Philippinen bei Amicale auf Vanuatu. Was er dort alles erlebte, liest du hier. Seit der abgelaufenen Saison steht er in den Diensten des FC Stallion in Manila, der philippinischen Hauptstadt. Den Namen erhielt das Team vom national bekannten Bier «Red Horse». Die Gründer sassen angeblich bei einer (oder zwei) Runden Bier zusammen und fanden irgendwann, dass Stallion (Hengst) passend wäre.

«das Niveau in der nationalen Liga … un schifo!»

Carlo Polli

Wie kam dein Wechsel zum FC Stallion zustande?
Simone Rota leitete den ein. Ich spielte 2007/2008 für wenige Monate mit ihm zusammen bei Lugano. Danach verlor sich unser Kontakt, wir hörten sechs Jahre nichts mehr voneinander. Bis er mich in der asiatischen Champions League im Kader von Amicale entdeckte und kontaktierte. Er spielt seit 2013 bei Stallion.

Warum hast du Vanuatu verlassen?
Ich wollte etwas Neues entdecken. Mit Amicale in der Champions League zu spielen, war cool, aber das Niveau in der nationalen Liga … un schifo! (abscheulich!)

Wie ist das Niveau auf den Philippinen?
Besser. Der Fussball ist hier viel weiter entwickelt. Ein Vergleich ist schwierig, aber ich würde sagen, die ersten zwei Teams können problemlos in der Challenge League mithalten. Weitere sechs Equipen würde ich zwischen Challenge und Promotion League einstufen.

Ceres ist der nominell stärkste Klub auf den Philippinen. Hier mit dem Filipino-Deutschen Stephan Schröck (Mitte) gegen Edward Mallari (l.) und James Younghusband.  Bild: MARK R. CRISTINO/EPA/KEYSTONE

Und die restlichen vier?
Scandaloso. (lacht)

So schlimm?
Ja, das Gefälle ist riesig. In dieser Saison gewann Kaya gegen Manila Nomads 16:1, Ceres gegen Pasargad 16:0.

Im Rizal Memorial Stadium wurde die ganze Meisterschaft ausgetragen. bild: wikipedia

Jetzt wird das aber anders. Die seit 2009 bestehende Zwölferliga United Football League (UFL) wird eingestellt. Neu wird in der Philippines Football League der Meister gekürt. Die Saison startet im März/April, wie viele Teams mit dabei sind, ist noch unklar. Vermutlich werden es acht sein. Die Klubs müssen sich für die Liga bewerben. Stallion will mitmachen, wird aber als Laguna FC auflaufen.

Laguna heisst die Region von Biñan, wo Polli lebt. Mit dem Altone Sports Stadium werden eine neue Heimstätte und Trainingseinrichtungen gebaut. Denn die vorherige UFL fand nur in einem Stadion statt, dem Nationalstadion Rizal Memorial. Das heisst, alle zwölf Teams mussten immer nach Manila.

«Weil das Licht kaputt war, mussten wir teilweise nachmittags um 13 Uhr antreten. Das war unmenschlich heiss.»

Wie war der Meisterschaftsbetrieb bisher?
Das war sehr speziell. Wir spielten oft am Samstag und Sonntag, manchmal auch am Dienstag oder Donnerstag. Oft fanden dann zwei oder drei Partien in Serie statt.

Der Rasen war gut?
Wir spielen auf Kunstrasen. Aber zwischendurch gab es Probleme mit dem Licht. So mussten wir teilweise nachmittags um 13 Uhr antreten. Das war unmenschlich heiss.

Ist das Zuschauer-Interesse gross?
Wir hoffen, dass das mit der neuen Liga steigt. Nur zwei Teams sind wirklich in Manila beheimatet. Alle anderen kommen teilweise von anderen Inseln. Da blieb die Unterstützung dann natürlich oft aus. Zu unseren Spielen kamen vielleicht so 2000 Zuschauer. Die grossen Partien verfolgen bis zu 20'000 Fans.

Carlo Polli im Waisenhaus seines Teamkollegen Simone Rota (Mitte, schwarzes Shirt). bild: Carlo Polli

Du hast dich inzwischen gut an das Leben auf den Philippinen gewöhnt. Wie war das am Anfang?
Das war nicht leicht. Vor allem aufgrund der Hitze. Wir trainieren morgens um 6 Uhr für ca. drei, dreieinhalb Stunden. Danach ist es zu heiss und schwül. Die ersten drei Monate schwitzte ich enorm und hatte Mühe, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Wie wurdest du aufgenommen?
Extrem herzlich. Im Verein, aber auch von den Filipinos in meiner Umgebung. So freundliche Menschen habe ich noch selten erleben dürfen.

In Vanuatu hast du verrückte Dinge erlebt. Was war das bisher Speziellste auf den Philippinen?
Mein Mitspieler Simone Rota hat in Manila ein Waisenhaus aufgebaut. Er war einst selbst Waise und wollte so etwas zurückgeben. Eines Tages wurde ein Baby, das erst wenige Tage alt war, auf der Strasse hinter der Ecke des Gebäudes ausgesetzt. Ich habe spontan entschieden, für das Mädchen die Patenschaft zu übernehmen.

Pollis Stolz: Das kleine Waisenmädchen, von welchem er Götti ist. bild: Carlo Polli

Ist die Verständigung mit den Einheimischen noch ein Problem?
(lacht.) Ich spreche noch immer nur ganz wenige Worte Tagalog. Zu Beginn ass ich rund drei Monate nur Reis und Poulet. Ich konnte in den Restaurants das Menu nie lesen und wollte nicht etwas Falsches bestellen. Mittlerweile kenne ich einige Gerichte.

Kochst du auch selbst?
Nein, eigentlich nie. Ich habe ein Stammrestaurant grad um die Ecke. Und unser Klubbesitzer führt 70 Restaurants und drei Hotels.

Was sind seine Ziele?
Er will natürlich in die asiatische Champions League und möchte in neue Spieler investieren. Das wird aber schwierig. Ceres – wo mit Martin Steuble (ex GC, Lausanne, Xamax, Wohlen und Wil) übrigens noch ein Schweizer spielt – und Global sind auf dem Papier noch deutlich stärker.

Carlo Polli (l.) mit Teamkollege Simone Rota. Bild: carlo polli

In Asien existiert neben der Champions League auch der AFC Cup (Pendant zur Europa League). Aufgrund des Länderrankings können die Philippinen ab 2017 ein Team für die CL stellen, eines für den AFC Cup. Fussball erlebt zwar einen Aufschwung, aber die Nationalsportart ist Basketball.

Würdest du Schweizer Fussballern einen Wechsel in eine exotische Liga empfehlen?
Erfahrungen im Ausland zu sammeln, tut jedem gut. Egal ob im Fussball oder einfach auf Reisen. Ich habe sehr viel «fürs Leben» gelernt und viele wunderbare Menschen getroffen. Wenn ich ein ca. 25-jähriger Spieler in der Challenge League wäre und merke, dass ich den grossen Durchbruch nicht ganz schaffe, würde ich das sofort empfehlen.

Du hast noch ein Jahr Vertrag. Schon Pläne für danach?
Nein, aktuell nicht. Ich bin offen für vieles. Die philippinische Liga steht vermehrt unter Beobachtung der Nachbarländer. Gerüchte machten den Umlauf, dass die beiden grossen philippinischen Teams an mir interessiert sind. Aber ich kann mir auch sehr gut vorstellen hier zu bleiben und habe, wie erwähnt, sowieso noch einen Vertrag.

Polli im Spiel gegen Ceres. Beim Meisterschaftszweiten spielt mit Martin Steuble noch ein weiterer Schweizer auf den Philippinen. bild: Carlo polli

Eine Rückkehr in die Schweiz ist kein Thema?
Nein, ich werde meine Karriere wohl in Asien beenden.

Und danach?
Dann mache ich mit meinem Cousin (zeigt auf seinen Cousin, der nebenan sitzt) eine Bar auf. Vielleicht hier in der Nähe, vielleicht im Ausland.

Blick ins Archiv: So sah der Schweizer Fussball früher aus

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  • Pisti 23.11.2016 18:37
    Highlight Coole Story! Danke dafür.
    Kann er denn auch kein Englisch oder wieso konnte er im Restaurant das Menu nicht lesen? Ich habe 2 Jahre auf den Philippinen verbracht und nie eine Speisekarte auf Tagalog gesehen. 😉
    Und dass ihn niemand erkennt liegt wohl daran dass die Filipinos absolute Fussball Muffel sind, Basketball, Volleyball und hauptsächlich Cock-Fight ist dort angesagt.
    5 1 Melden
    • Aufblasbare Antonio Banderas Liebespuppe 23.11.2016 19:29
      Highlight Cock- Fight?
      wie darf man sich das vorstellen? (hihi)
      3 0 Melden
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