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Roman Bürki gehörte in der letzten Bundesliga-Saison zu den Top 4 aller Goalies. Bild: EPA/EPA

Roman Bürki: «Wer sich auf Instagram exponiert, muss mit den Reaktionen leben können»

Roman Bürki steigt mit Borussia Dortmund in seine insgesamt vierte Bundesliga-Saison. Im Interview spricht der BVB-Keeper die Ausgangslage vor der neuen Bundesliga-Saison und die Exzesse auf dem Transfermarkt.

18.08.17, 10:53 18.08.17, 12:51

Roman Bürki, haben Sie sich während der letzten Wochen ein paar Mal gewünscht, dass Ihr Verein irgendwann wieder zur Ruhe kommt?
Roman Bürki: Ich kann mich tatsächlich an kaum einen Tag erinnern, an dem der BVB nicht in irgendeiner Zeitungsspalte auftauchte. Es ging aber vor allem um Probleme, die dem Klub zusetzten, die nicht im direkten Zusammenhang mit dem sportlichen Alltag standen. Unsere Präsenz in den Medien war schon extrem. Wir haben dem Wirbel trotzdem standgehalten und uns so gut wie möglich auf das Wesentliche konzentriert.

Ihnen ist zuletzt missfallen, dass der sportliche Aspekt teilweise keine Rolle mehr spielt.
Für mich als Profi-Sportler steht die Aufgabe auf dem Platz immer im Zentrum. Wenn ich unmittelbar nach dem Cupsieg Fragen zum möglichen Befinden des Trainers beantworten muss, stört mich dieser Ansatz. Aber aufzuhalten ist diese Entwicklung wohl nicht mehr.

Roman Bürki geniesst seine Ferien

Aktuell gibt es die grosse Dembélé-Debatte.
Im Moment haben wir wieder ein Thema bei uns, das alles überschattet. Im Cup (4:0 gegen Rielasingen-Arlen) spielten wir gut, nur war das Ergebnis praktisch nicht der Rede wert, alle interessierten sich in erster Linie für einen Abwesenden. Das ist schade, mir persönlich fehlt in solchen Momenten die Anerkennung.

Der Newsdruck steigt, und die Protagonisten selber sind auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen ja auch nicht untätig.
Natürlich gibt es Spieler, die ihr halbes Leben auf Instagram veröffentlichen. Wer sich derart exponiert, bietet Angriffsflächen. Mit den entsprechenden Reaktionen muss der Betroffene leben und umgehen können. Jeder muss im Netz einen eigenen Weg finden, die Lage richtig einordnen zu können, den Kopf nicht zu verlieren.

Als BVB-Vertreter stehen Sie mit oder ohne Twitter-Konto global im Schaufenster. Ist Ihnen der inzwischen interkontinentale Bekanntheitsgrad während der Asien-Reise so richtig bewusst geworden?
Einen vergleichbaren Ausnahmezustand in Europa gibt es nicht – ausser vielleicht, wenn Cristiano Ronaldo irgendwo auftaucht.

Die Dimension Dortmund sprengt aber auch in Deutschland den üblichen Rahmen.
Die Menschenmassen bei der Cup-Feier in der ganzen Stadt und besonders am Borsigplatz (Gründungsort des BVB) werde ich nie vergessen, mehr als 200'000 Leute warteten auf uns. Da wird sichtbar, wie bedingungslos sich eine ganze Region hinter den Klub stellt. Das berührt einen auf jeden Fall.

Roman Bürki hat gelernt, mit seinem Star-Status umzugehen. Bild: KEYSTONE

Der Kult um Schwarzgelb fasziniert Sie auch vor der dritten Saison in der Ruhrpott-Metropole noch gleichermassen?
Ich spiele im Land des Weltmeisters in der wahrscheinlich fussballverrücktesten Stadt von allen. In Dortmund würden am Wochenende fast alle Menschen ins Stadion gehen, wenn sie könnten. Die Wahrnehmung ist riesig, die Identifikation reicht bis zur letzten Faser. Die Leute sind enorm stolz auf ihren Klub. Bei mir löst das sehr gute Gefühle aus, ich wüsste nicht, wo ich sonst in den Genuss einer vergleichbaren Ambiance käme.

Sie leben seit vier Jahren in Deutschland – was hat Sie in der Weltmeister-Nation besonders geprägt?
Ihre Winnermentalität ist kolossal – eine Eigenschaft, die uns Schweizern in dieser deutlichen Form fehlt. Es gibt nichts anderes als zu gewinnen. So treten die Deutschen auf. Mit Arroganz hat das nichts zu tun, ihre Haltung ist ganz einfach klar und unmissverständlich. Man erfährt generell rasch einmal, wie das Gegenüber denkt.

Fällen die deutschen Fussball-Kritiker härtere Urteile? Sie wurden zu Beginn Ihrer BVB-Ära nach den ersten Fehlgriffen schonungslos mit Häme und Spott übergossen.
Die Ansprüche sind in einer grossen Liga nun mal höher, und daran wird jeder Einzelne gemessen. Die Journalisten verlangen von einem das perfekte Spiel – nicht nur einmal, sondern immer. Es ist normal, dass von einem Münchner oder einem Dortmunder mehr erwartet wird. Dass die Bewertungen härter ausfallen, ist absolut okay.

Macht Sie der permanente Druck besser?
Ich habe mich im Verlauf meiner Karriere immer für das höchstmögliche Level entschieden und ging nirgends einem Zweikampf aus dem Weg. Das war bei GC so, in Freiburg musste ich mich intern genauso durchsetzen. Beim BVB stieg ich ebenfalls ohne versprochenen Nummer-1-Status ein.

Bürki mit Kollegen auf Ibiza

Ein Werdegang mit Konzept?
Ich werde sehr gut beraten. Mein Agent Jürg von Matt, der sich seit bald zehn Jahren in Abstimmung mit meiner Familie um die Vertragsplanung kümmert, ist an meiner guten Position massgeblich beteiligt. Es hätte mir nichts gebracht, von Anfang an nur aufs Geld zu schauen und dann irgendwo auf einem Abstellgleis zu landen. Es war richtig, 2014 nach Freiburg statt in die Serie A zu gehen. Nach Fehlern hat man mich dort in Ruhe gelassen, die damaligen Verantwortlichen räumten mir die nötige Zeit ein, mich an die neue Liga zu gewöhnen.

Inzwischen gehören Sie im Kahn-Land zu den Top 4 Ihrer Branche und pflegen Ihren eigenen Stil. Fliessen trotzdem noch Inputs von anderen Torhütern ein?
Ich schaue mir durchaus an, wie Manuel Neuer mit dem Fuss spielt. Oder bei Oblak von Atlético Madrid ist mir aufgefallen, wie hoch oder tief er im Tor steht, wie überragend seine Reflexe und Paraden sind. Ich picke überall etwas heraus und vergleiche es später mit Videoaufnahmen meiner Einsätze.

Mindestens eine weitere Stiländerung steht Ihnen so oder so bevor: Peter Bosz hat den Posten von Thomas Tuchel übernommen. Für welche Merkmale steht der Ex-Ajax-Trainer?
Mit ihm ist ein nächster Schritt denkbar. Seine Haltung passt, gegen vorne ausgerichtet, den Gegner erdrücken, Pressing machen. Wir sind gut aufgestellt. Sein System funktioniert. Ich verspreche mir viel von ihm – ein ruhiger, sehr menschlicher Trainer, der klare Ansagen machen kann. Das eine oder andere Spässchen lockert auf, so etwas tut einer jungen Equipe gut.

Wo muss der Klub zulegen, um auf Augenhöhe mit den Bayern zu kommen?
Die Konstanz ist das Hauptthema. Es genügt nicht, die Münchner zu besiegen, man darf sich keine Punktverluste mehr gegen Teams von der unteren Region erlauben. In solchen Partien sind die Bayern klasse – sie machen fast immer das Richtige, wenn es am Schluss eng wird.

Bürki legt sich im Supercup gegen die Bayern voll ins Zeug. Bild: AP

Der BVB beschäftigt keine Namenlosen und setzt bald 400 Millionen Euro um. Wie ist der Standpunkt Dortmunds?
Wir sind nahe dran, aber noch nicht ganz auf Augenhöhe mit Bayern. Im Supercup (Niederlage im Elfmeterschiessen) hat man gesehen, dass uns noch ein paar Zentimeter fehlen.

Wird die Meisterschaft womöglich ausserhalb des Platzes entschieden? Der Verein, der seine öffentliche Agenda smart managt, erhöht seine Chancen.
Das sehe ich nicht so dramatisch. Die Vorfälle abseits des Sportplatzes würde ich nicht als Grund für Fehltritte anführen. Wir hatten im Sommer vor einem Jahr einen grösseren Umbruch zu bewältigen, das sollte man nicht ausser Acht lassen. Einzig im Champions-League-Viertelfinal wären wir ohne den Anschlag sicherlich in einer besseren und stabileren Verfassung angetreten.

Sie verbreiten Zuversicht.
Wieso denn nicht? Verstecken müssen wir uns vor niemandem, wenn ich sehe, was im Training alles abläuft. Die Qualität ist hochklassig. Wenn die Stimmung gut ist, wenn jeder für den anderen läuft, wenn wir Vertrauen haben ins System, sind wir perfekt gruppiert.

Mario Götze kehrt nach monatelanger Reha-Pause in das Team zurück. Wie beurteilen Sie sein Comeback?
Er fühlt sich mittlerweile wieder gut, seine Zeit wird kommen. Mario kann zeigen, dass er der Topspieler Deutschlands ist. Er wird uns helfen mit seiner ganzen Erfahrung, mit all dem, was er schon erlebt hat.

Themawechsel: Der internationale Markt ist völlig überhitzt, die Transfersummen erreichen astronomische Höhen. Neymar wechselte für 222 Millionen Euro von Barcelona nach Paris. Was lösen solche Rekordbeträge bei Ihnen aus?
Solange keine Grenzen gesetzt werden bei den Ablösesummen, muss man offensichtlich damit leben. Das Geld befindet sich im Kreislauf.

Mit den Kumpels nach dem Training

Hätten Sie je mit einer solchen Kostenexplosion gerechnet?
Ich glaubte immer, die 100-Mio-Marke bei Cristiano Ronaldo und Gareth Bale sei das obere Limit. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass irgendein Klub bereit sein würde, eine noch höhere Summe auszugeben – für einen einzelnen Spieler, der alleine nichts garantiert, der immer auch abhängig ist von Mitspielern.

Vom «Fussball-Monopoly» (Zitat Max Eberl) ist womöglich auch Ihr Klub betroffen. Ousmane Dembélé will einen Transfer zum FC Barcelona erzwingen und ist derzeit suspendiert. Wie gehen Sie mit solchen Auswüchsen um?
Ich persönlich finde es nicht gut, bin aber andererseits nun auch schon lange im Geschäft und habe gelernt, damit umzugehen. Wenn ein Klub Interesse hat an einem Spieler und er ebenfalls wechseln möchte, dann entstehen mitunter solche Situationen. Es gibt dann Arbeitnehmer, die andere Wege wählen, um zu zeigen, dass sie einen Transfer anstreben. Man muss in diesem Fall mit allem rechnen, damit haben wir Mitspieler uns abzufinden. Aber noch einmal: Der Weg, den «Ous» gewählt hat, ist für mich nicht der richtige. (pre/sda)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
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