Sport

Sare hat mit dem Zürich Marathon ein grosses Ziel und eine Beschäftigung gefunden. renate szinyei/goldenpictures.ch

Statt nur endlos zu warten, haben diese zwei Flüchtlinge ein grosses Ziel 

Sare und Goitom sind zwei Flüchtlinge, die in der Schweiz auf den Entscheid warten, ob sie bleiben dürfen oder ausgewiesen werden. Die beiden Eritreer haben aber auch ein kurzfristigeres Ziel: Sie wollen am Sonntag in Zürich ihren ersten Marathon laufen.

07.04.17, 13:31 18.04.17, 09:14

Das Haus mitten im «Städtli» Grüningen beherbergt zehn Flüchtlinge. Drinnen ist alles alt. Die Holztreppe knirscht, die Wände sind ringhörig. Im zweiten Stock lässt mich Sare in sein Zimmer. Zwei Betten, ein Minisofa, eine kleine Kommode, zwei Stühle, ein Kasten, ein Kühlschrank. Er teilt sich den kleinen Raum mit einem Landsmann. 

Sare in seinem Zimmer in Grüningen. bild: watson

Sare spricht etwas Deutsch. Seit knapp zwei Jahren ist er in der Schweiz. Aktuell besteht sein Leben vor allem aus einem: warten. Der 21-Jährige wartet auf den Entscheid, ob er bleiben kann oder das Land verlassen muss. 

Es ist schwierig für die Flüchtlinge, eine feste Struktur in ihr Leben zu bringen. Renate Szinyei versuchte dies als freiwillige Helferin im Flüchtlingszentrum Neerach zu ändern und fragte, ob jemand Sport betreiben wolle. Fussball war Favorit. Szinyei organisierte ein Training. Doch es stellte sich schnell heraus: Die Kondition fehlte. Sie bot ihren Bekannten Werner Jöchle, einen passionierten Läufer, auf. 

Renate Szinyei und Werner Jöchle mit den zehn Flüchtlingen am Greifenseelauf 2016. bild: Renate Szinyei/goldenpictures.ch

Jöchle absolvierte ein Training mit den Flüchtlingen und präsentierte ihnen dann seinen Plan: den Greifensee-Halbmarathon. Wer mitmachen möchte, soll sich doch in die Liste eintragen. Sare gehörte eigentlich gar nicht zu der Gruppe. Aber er war an dem Tag zufällig als Putzhilfe da. Er trug sich in der Liste ein, obwohl der 21-Jährige gar nicht genau wusste, auf was er sich einliess.

Jöchle erzählt: «Ich erklärte Sare, dass das ein Lauftraining für einen Halbmarathon sei und er dann jeweils hierher ins Training kommen muss.» Sare nickte, trainierte und absolvierte den Greifenseelauf in starken 1:33 Stunden.

Sare gibt Vollgas auf den letzten Metern beim Greifenseelauf. bild: renate szinyei/goldenpictures.ch 

Er war Zweitschnellster der Gruppe von zehn Flüchtlingen, die beim Projekt von Jöchle mitmachten. «Das war ein unglaubliches Erlebnis. Die Leute feuerten uns an und es gab uns das Gefühl, dazu zu gehören», erinnert sich Sare. Jöchle sagt: «Das war ein Highlight für die Jungs. Sie hatten eine Beschäftigung und Anerkennung. Die Warterei macht sie sonst kaputt.» 

In Eritrea betrieb Sare wenig Sport, als Schafhirte blieb dafür wenig Zeit. Aus seiner Heimat Adi Ketina flüchtete er, weil er als 14-jähriger Vollwaise keine Perspektive mehr sah. Es herrscht Krieg, die Machthaber zerstören das Land. Über Äthiopien, Sudan und Ägypten gelangte er nach Libyen. Von dort ging es auf einem Schiff mit 350 Flüchtlingen über das Meer nach Italien: «Natürlich hatte ich Angst. Aber was sollte ich machen? Der Motor des Schiffes fiel aus, wir schaukelten stundenlang auf dem Ozean, irgendwann kamen wir an.»

Sare (Startnummer 7116) und Goitom (hinten mit grünem Shirt) beim Greifenseelauf 2016. bild: renate szinyei/goldenpictures.ch

Seine Familie vermisst Sare natürlich. «Wenn es im Sommer heiss ist, sagen wir jeweils ‹das ist unser Eritrea›», lacht er. Und natürlich sorgt das Essen für Heimat. Ob ich Injera kenne, fragt mich Sare. Das eritreische Nationalgericht. Es besteht aus einem Fladenbrot aus Mais und Wasser, dazu gibt es gekochte Kartoffeln und Karotten. Gegessen wird mit der Hand. Das Fladenbrot ist Teller und Essware in einem. Schnell schiebt er die Kommode in die Mitte des Zimmers und holt Injera aus der Küche. Es schmeckt grossartig.

Injera: Das Fladenbrot ist bereit, aus dem Topf kommen jetzt Gemüse und Kartoffeln dazu – fertig. bild: watson

Nach dem Greifenseelauf hatte Jöchle ein neues Ziel: den Zürich Marathon. Bei drei Flüchtlingen sah er das Potenzial, in so kurzer Zeit einen Marathon zu beenden: Goitom, Ruhulla und Sare. Ruhulla musste wegen einer Verletzung aufgeben, die anderen beiden bissen durch. «Einmal liefen wir 20 Kilometer zusammen, dann sagte ich, jetzt könnt ihr euer Tempo gehen. Die drei gingen ab wie Raketen. Aber nach einem Kilometer holte ich den ersten ein, nach sieben den zweiten, nur Sare zog die 32 Kilometer durch», erinnert sich Jöchle. Die drei mussten lernen, ihre Kräfte einzuteilen, sich richtig zu verpflegen, einen Plan zu haben. «Das sind Dinge, welche ihnen auch bei der Integration in der Schweiz helfen», weiss Jöchle.

Training von Werner Jöchle mit den drei Marathon-Aspiranten. bild: Yosief Kbreab

Jetzt ist alles bereit für den Marathon. Am Sonntag stehen Sare und Goitom mit Jöchle am Start. «Sare kann die 42 Kilometer unter 3:15 Stunden laufen, eine Zeit unter drei Stunden würde mich sehr überraschen. Goitom wird etwas länger haben. Aber wichtiger ist: Mit einem klaren Ziel und Unterstützung in kleinen Dingen, welche Wertschätzung und Anerkennung zum Ausdruck bringt, kann sich das Leben der beiden ändern.» Und was sagt Sare? «Der Zürich Marathon soll nicht mein letzter Lauf werden. Ich will mich immer weiter verbessern.»

NACHTRAG: Sare lief den Zürich Marathon 2017 in starken 3:20 Stunden, Goitom erreichte das Ziel in 4:07 Stunden.

So wird's am Sonntag in Zürich nicht aussehen: Smog-Schlacht beim Peking Marathon

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • maxi 07.04.2017 17:21
    Highlight etwas deutsch nach zwei jahren... momou super...
    16 48 Melden
    • Money Matter 07.04.2017 18:37
      Highlight Ja. Super.
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  • Wilhelm Dingo 07.04.2017 16:30
    Highlight Schön dass diese Menschen einen Marathon laufen. Noch schöner wäre es, wenn sie sich nützlich machen würden, auch ohne Lohn.
    13 52 Melden
    • B0arder_King 07.04.2017 18:01
      Highlight Jetzt müssten sie dies nur noch dürfen :)
      21 4 Melden
    • Lapos 07.04.2017 18:02
      Highlight Ich dachte die zeit der sklaven wären vorbei. Ohne lohn würde ich nicht mal den wecker stellen.
      21 4 Melden
    • Friction 07.04.2017 18:10
      Highlight @Wilhelm Dingo: es lebe der Utilitarismus. Wie nützlich unsere beiden Kommentare sind, hinterfrage ich noch viel mehr. Und dennoch reagiere ich - weil ich Bock darauf habe. Menschlich halt. Einfach nur menschlich...
      8 1 Melden
    • Money Matter 07.04.2017 18:36
      Highlight Schön wäre, wenn diese Menschen nicht hätten flüchten müssen. Und noch schöner wäre, wenn sich Menschen wie Sie nicht zu Wort melden.
      8 4 Melden
    • Wilhelm Dingo 09.04.2017 07:40
      Highlight @all: nach 3 bis 6 Monaten dürfen Asylanten arbeiten. Ist jemand ein Sklave wenn er für eine Leistung die er bekommt eine Gegenleistung erbringen muss? So ein Blödsinn, sicher nicht.
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  • Michael Mettler 07.04.2017 15:40
    Highlight Coole Jungs
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  • IMaki 07.04.2017 14:33
    Highlight Eine tolle Geschichte. Und einmal mehr typisch Watson: Flüchtlinge so zeigen, wie sie sind - als Menschen, die genau dieselben Erwartungen an das Leben haben, wie wir alle. Und die dieselben Stärken und Schwächen haben, wie wir auch. Danke Reto Fehr.
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