Sport

Es gibt kein Entrinnen: 96 Personen verlieren bei der Hillsborough-Katastrophe ihr Leben. Bild: AP

96 Fussballfans sterben bei der Tragödie von Hillsborough – und werden dafür beschuldigt

15. April 1989: Im Hillsborough-Stadion im englischen Sheffield bricht eine Massenpanik aus. 96 Fussballfans verlieren ihr Leben – ihnen wird danach auch noch vorgeworfen, die Schuld an der Tragödie selbst zu tragen. 

15.04.17, 00:01 15.04.17, 18:00

In Liverpool traut man seinen Augen nicht: Nur vier Tage nach der Tragödie in Hillsborough schiebt die Zeitung «The Sun» die Schuld an der Katastrophe den Fans in die Schuhe. 

Die Zeitung druckt Aussagen eines anonymen Polizisten ab. Dessen Anschuldigungen sind heftig: «Betrunkene Fans haben auf die toten Körper und die Polizeibeamten uriniert», heisst es zum Beispiel. Oder: «Als ein Polizeibeamter eine Frau wiederbeleben wollte, haben sie die Liverpool-Fans sexuell missbraucht.»

Die Titelseite der Sun ist eine einzige Anklage an die Liverpool-Fans: 

Doch was ist geschehen an jenem 15. April 1989? Und weshalb druckte «The Sun» Aussagen unter dem Titel «The Truth» ab, welche der Wahrheit überhaupt nicht entsprachen?

So kam es zum Desaster

An jenem Samstagnachmittag, der als wohl schwärzester Tag des englischen Fussballs in die Geschichte eingehen wird, freut sich ganz Liverpool auf ein Cup-Fest. Im FA-Cup-Halbfinal treffen die «Reds» unter Erfolgscoach Kenny Dalglish auf Nottingham Forrest. Das Spiel findet auf neutralem Boden statt: Im Hillsborough-Stadion in Sheffield. 

Weit ist die Anreise nicht, weder für den Liverpool-Anhang noch für die Supporter aus Nottingham. Keine 100 Kilometer. Dementsprechend gross ist der Andrang. Viele der Fans kommen erst kurz vor dem Anpfiff beim Stadion an, so dass sich eine halbe Stunde vor Spielbeginn eine grosse Menschenmenge vor dem Eingang der Liverpool-Kurve bildet.

15 Minuten blanker Horror: Die Katastrophe von Hillsborough. Video: YouTube/killianM2

Der Ansturm wird vor dem Anpfiff um 15 Uhr immer grösser. Lediglich sieben Drehkreuze sollen dafür sorgen, dass die Fans gestaffelt ins Stadion gelangen können. Viel zu wenig, wie sich herausstellt. Geschätzte 5000 Personen befinden sich noch vor dem Eingang, als die beiden Teams den Rasen betreten. Ein Polizeibeamter funkt und fragt, ob man das Spiel nicht etwas später beginnen könne. Der Antrag wird abgewiesen.

Ein zusätzliches Gate wird geöffnet

Der Druck auf die wenigen Eingänge wird immer grösser und so entscheiden die Sicherheitskräfte, ein weiteres Gate zu öffnen, um ausserhalb des Stadions die Situation zu entschärfen. Das Gate wäre eigentlich nur als Ausgang vorgesehen gewesen, doch nun drücken und strömen unzählige weitere Fans in das sowieso schon volle Stadion. 

Um 15 Uhr wird das Spiel angepfiffen. 21 Personen sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

Auf dem Spielfeld wird tatsächlich Fussball gespielt, doch im Fan-Sektor von Liverpool herrscht bereits eine Massenpanik. Die Zuschauer versuchen über das Gitter zu klettern, doch die Polizei hindert sie zunächst daran. Erst als sich um 15.06 Uhr die ersten Fans auf den Rasen retten können, wird das Spiel unterbrochen.

Die Hillsborough-Katastrophe

Auf dem Rasen ereignen sich nun schreckliche Szenen. Fans versuchen Kollegen zu reanimieren, Verwundete brechen zusammen. In der Zwischenzeit erreichen 44 Ambulanzen das Stadion, doch die Polizei lässt sie nicht rein. «Wir liessen die Fans die erste Hilfe machen, sodass sie ihren Frust nicht an uns auslassen würden», erklärt einer der verantwortlichen Polizisten, John Nesbit, diese eigentümliche Strategie später.

Alle fälschen mit

94 Menschen sterben an diesem Tag, zwei weitere in den kommenden Jahren an den Folgen. England ist geschockt. Wie konnte so etwas nur passieren? Für eine solche Katastrophe muss ein Sündenbock gefunden werden. «The Truth», die Wahrheit, muss ans Licht.

Doch an der Wahrheit wird mächtig geschraubt. Gegen 200 Zeugenaussagen werden gefälscht, die verantwortlichen Polizisten lügen und bestechen die befragten Fussballfans. 

Die damalige Premier-Ministerin Margaret Thatcher reist zwar am Tag nach der Katastrophe an den Unglücksort und bekundet ihr Beileid. In Tat und Wahrheit ist sie aber ebenso wenig an einer sorgfältigen Aufarbeitung der Geschehnisse interessiert wie die verantwortliche Polizei. 

Als Margaret Thatcher im Jahr 2013 stirbt, sind die Liverpool-Fans wenig traurig. bild: mirror.co.uk

In Liverpool behauptet man bis heute, Thatcher habe für die Arbeiterstadt sowieso nicht viel übrig gehabt und Fussballfans als primitive Proletarier angesehen. Deshalb trauert man der «Eisernen Lady» an der Mersey auch nicht wirklich nach, als sie am 8. April 2013 stirbt. 

«Don't Buy The Sun»

Die Reaktionen auf die Titelseite der Sun fallen heftig aus. Nach der Hillsborough-Katastrope fällt die Auflage in Liverpool von 400'000 auf nur noch 12'000. Noch heute weigern sich viele Zeitschriften-Händler in Liverpool, «The Sun» zu vertreiben. 

«Don't Buy The Sun»: Plakat in Liverpool.  bild: flickr.com

Es dauert geschlagene 15 Jahre, bis sich die Zeitung entschuldigt. Es sei «der schrecklichste Fehler in der Geschichte der Zeitung» gewesen. Weitere acht Jahre später veröffentlicht «The Sun» ein Titelbild mit der Überschrift: «The Real Truth».

bild: the42.ie

41 Personen hätten gerettet werden können, wenn die Polizei richtig reagiert hätte. Somit dürfte auch geklärt sein, weshalb die Beamten daran interessiert waren, die Wahrheit zu vertuschen. 

23 Jahre später: Die Entschuldigung

Die Titelseite wird am Tag nach der Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse des im Jahr 2009 eingesetzten Komitees zur Aufarbeitung der Hillsborough-Tragödie veröffentlicht. Es handelt sich um den 12. September 2012. Ganze 23 Jahre sind seit dem Unglück vergangen. 

David Cameron entschuldigt sich am 12. September 2012 für die Hillsborough-Katastrophe. Video: YouTube/Channel 4 News

Die Angehörigen der Opfer, zu denen auch Liverpool-Ikone Steven Gerrard gehört, erfahren so, wenn auch viel zu spät, wenigstens einen Hauch von Gerechtigkeit. Im darauffolgenden Heimspiel gedenken die Anhänger der «Reds» den 96 Todesopfern mit einer eindrücklichen Choreo und dem wohl emotionalsten «You'll never walk alone», das die Anfield Road je erlebt hat.

Nochmals vier Jahre später gesteht auch die Polizei ihre Schuld ein. Eine polizeiliche Fehleinschätzung und nicht das Fehlverhalten der Zuschauer habe die Katastrophe im Hillsborough-Stadion von Sheffield ausgelöst, ist das Fazit der Untersuchung, die von einem Gericht im britischen Warrington präsentiert wird. Das Gericht teilt mit, die 96 Fussballfans seien ohne eigenes Verschulden getötet worden. Zwei Jahre lang hat die Jury dafür Hunderte von Zeugenaussagen, Bilder und Videos der Katastrophe ausgewertet.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Die schlimmsten Stadion-Katastrophen

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5 Kommentare anzeigen
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  • Ref 17.04.2017 09:38
    Highlight RIP!!!
    Justice96!!!
    Justiceforthefootballsupporters!!!
    5 0 Melden
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  • BetterTrap 15.04.2017 16:48
    Highlight Die Katastrophe war schlussendlich die tragische Konsequenz einer jahrelangen Ignoranz der britische Autoritäten gegenüber den Bedürfnissen und der Sicherheit der Zuschauer. Die Stadien waren in schrecklichen Zustände wiederzufinden und die Fans glichen viel mehr Tiere im Käfig als Zuschauer. Dabei galt das Hillsborough Stadium als einer der modernsten seiner Zeit in England. Den Fans war es selber überlassen einen Platz innerhalb des Stadions zu finden. Keine Übersicht, keine Organisation, schlicht Fehlversagen, die Tragödie welche sich danach erst abspielte - unglaublich. An die 96 - YNWA.
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  • Heinz Nacht 15.04.2017 11:48
    Highlight Never ever buy "The Sun"! Niemals!
    Und die Polizei hatte unter der Leitung von David Duckenfield leider nicht nur jämmerlich versagt, sondern wissentlich zur Katastrophe beigetragen. Dass sich die alte Hexe an der Downing Street einen Dreck um die Arbeitersähne und -töchter aus dem Slum Liverpool scherte, überraschte ja eigentlich auch niemanden.
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  • Frau Dr. Holla die Waldfee 15.04.2017 09:44
    Highlight Die Tragödie war für Familien und Freunde das Grauen. Aber um das Versagen der Polizei zu decken, wird den unschuldigen Toten die Schuld zugeschoben. Und schliesslich diese bösartigen Märli in der Sun. Unglaublich.

    Und als reihenweise Tote und Verletzte am Boden liegen, verweigert die Polizei den Ambulanzen den Zutritt, weil sie Angst vor gefrusteten Fans hat. Damit töten sie weitere 41 Fans.

    Die Polizei soll das Volk schützen. Nicht töten!!!

    Ich möchte wissen, ob die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft gezogen wurden oder ob sie sich mit Verjährung aus der Schlinge ziehen konnten.
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  • redeye70 15.04.2017 09:21
    Highlight Mag mich noch gut erinnern an diese Katastrophe. Der Einsatzleiter der Polizei hatte total versagt. Zynisch auch die Ambulanz zurückzuhalten und die Tore nicht zu öffnen. Wäre es nicht Liverpool gewesen (Heyselstadion 1985), hätte man wohl anders reagiert. Der Ruf der Hools war unterirdisch und dürfte die Haltung der Polizei negativ beeinflusst haben.
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Oh José Mourinho, bitte bleib für immer so, wie du bist!

Man kann bezüglich der Person von José Mourinho gespaltener Meinung sein. Ich bin es nicht. Aus dem einfachen Grund, dass der Mann dem Fussball mit seinem Charakter sehr viel Kontur verleiht. Er täte auch den CL-Halbfinals gut. 

Heute ist wieder Champions League. Die ganz Grossen Europas sind unter sich. Aber einer fehlt. Schon die ganze Saison über: José Mourinho. Er würde der Königsklasse zusätzlichen Glanz verleihen. Ich hoffe sehr, dass er in der nächsten Saison wieder dabei ist.

Ja, José Mourinho ist arrogant. Sehr arrogant sogar. Und er macht überhaupt keinen Hehl daraus.

Das hört sich nicht sonderlich sympathisch oder gar lobenswert an. Doch im Gegensatz zu vielen anderen ist José Mourinho charmant arrogant und …

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