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Stefan Küng darf sich küssen lassen – er ist neuer Leader der Tour de Suisse. Bild: AP/Keystone

Wie Stefan Küng nach Rückschlägen zum Leader der Tour de Suisse reifte

Heute geht Stefan Küng als Gesamtführender auf die 3. Etappe der Tour de Suisse. Zuvor hatte der Thurgauer viele Leidensjahre erdulden müssen. Stürze und Verletzungen plagten ihn.

12.06.17, 12:07

Marcel Kuchta / Nordwestschweiz

Augen zu und geniessen: Stefan Küng wird von den beiden Schweizer Ex-Missen Schweiz Whitney Toyloy und Dominique Rinderknecht geküsst. Es ist ein Moment, den der 23-Jährige herbeigesehnt hat. Denn wer von den beiden Schönheiten in die «Zange» genommen wird, der darf sich Leader der Tour de Suisse nennen. In diesem Augenblick weiss der Thurgauer, dass der Traum, den er schon als Kind hatte, endlich in Erfüllung gegangen ist.

Als kleiner Bube steht Stefan Küng in seiner Thurgauer Heimat am Strassenrand und schaut den Helden der Landstrasse zu, wie sie vorbeisausen. Im Kinderzimmer läuft «Globi an der Tour de Suisse». Diese Geschichten hört sich Klein-Stefan immer wieder an. Dort wird der Traum geboren, der viele Jahre später an einem strahlenden Sommertag in Cham in Erfüllung gehen sollte.

Im Kampf gegen Uhr braucht Küng acht Sekunden länger als Dennis. Bild: EPA/KEYSTONE

Enttäuschung nach dem Prolog

24 Stunden vorher ist die Gefühlslage beim grossen Hoffnungsträger des Schweizer Radsports noch anders. Er wird im Prolog, dem sechs Kilometer langen Kurzzeitfahren, nur von seinem Teamkollegen Rohan Dennis geschlagen. Man merkt, dass ihn diese Niederlage wurmt. Sogar Dennis selbst entschuldigt sich fast dafür, dass er dem Einheimischen die Show vermasselt hat. Er sagt: «Ich muss gewinnen, so lange ich noch kann. Stefan gehört die Zukunft.»

Stefan Küng musste sich lange gedulden, ehe er endlich seine erste Tour de Suisse in Angriff nehmen durfte. Seine ersten beiden Profijahre sind geprägt von Stürzen, Verletzungen und Krankheiten. Das Talent, welches auch schon als potenzieller Nachfolger von Fabian Cancellara auserkoren wurde, hat gar nie die Chance, sein Potenzial so richtig auf die Strasse zu bringen. 2015, in seinem ersten Profijahr, stürzt er in der 12. Etappe des Giro d’Italia schwer und bricht sich einen Brustwirbel. Ein paar Wochen zuvor hatte er in Limburg (Ho) und an der Tour de Romandie noch seine ersten Siege als Profi gefeiert. Im selben Jahr kehrt er nach dreimonatiger Pause zurück, erkrankt aber im Dezember am Pfeifferschen Drüsenfieber, womit die komplette Vorbereitung auf die Olympia-Saison ausfällt.

Highlight: 2015 wird Küng auf der Bahn Europameister in der Verfolgung. Bild: KEYSTONE

Das grosse Ziel Olympia nur als TV-Zuschauer

Nachdem er sich erholt hat und 2016 wieder aufs Velo zurückkehrt, geschieht Ende Juni das Unfassbare: An der Schweizer Meisterschaft im Zeitfahren ist Stefan Küng ehrgeizig, möchte Fabian Cancellara bei dessen letztem Auftritt an diesem nationalen Wettbewerb besiegen. Die Konsequenz: Küng geht erneut zu Boden und bricht sich das linke Becken und das linke Schlüsselbein. Ein Desaster. Erst recht, weil damit auch seine Olympia-Teilnahme platzt. Mit ihm wäre der Schweizer Bahnvierer ein Medaillenkandidat gewesen. Ohne seinen besten Fahrer fährt das Quartett in Rio de Janeiro chancenlos auf Platz sieben. Stefan Küng muss sich den Untergang zu Hause vor dem Fernseher anschauen.

In der Saison 2017 läuft endlich mal alles nach Plan – bis zum Klassiker Paris–Roubaix. Wieder wird Stefan Küng in einen Sturz verwickelt. Ein Teamauto fährt ihm, als er auf dem Boden liegt, über den Arm. Doch diesmal meint es die Verletzungshexe gut mit ihm. Küng kommt – wie durch ein Wunder – mit kleineren Blessuren davon und gewinnt wenige Wochen später an der Tour de Romandie eine Etappe. Sein erster Profisieg nach zwei Leidensjahren. Der Kreis schliesst sich. Für ihn der Beweis, dass er endgültig zurück ist auf der grossen Bühne.

Bei scheusslichen Bedingungen triumphiert Küng an der Tour de Romandie. Bild: KEYSTONE

Kann er das Trikot heute verteidigen?

Es ist allerdings schon fast eine Ironie des Schicksals, dass er an der Tour de Suisse nun ausgerechnet deshalb das Leadertrikot übernehmen darf, weil sein Teamkollege Dennis etwa 25 Kilometer vor dem Ziel in einen Sturz verwickelt wird und deshalb vor dem letzten Aufstieg zum Horben den Anschluss an das Hauptfeld verliert. Der Australier verletzt sich am Handgelenk und kommt mit fast zehn Minuten Rückstand in Cham an. Später sagt Stefan Küng, dass er nachvollziehen könne, wie sich Rohan Dennis fühle. Keiner weiss besser, wie es sich anfühlt, wenn einem die Felle davon schwimmen, weil der eigene Körper geschunden ist.

Am Schluss der Etappe läuft es so, wie es für Stefan Küng laufen muss. Die besten Sprinter, die ihm mit Bonifikationen gefährlich werden könnten, werden auf den letzten Metern des hektischen Finales zurückgebunden. Der Belgier Philippe Gilbert, 2015 und 2016 noch Teamkollege von Küng, gewinnt. Küng selber wird 34., erfährt aber Minuten später, dass nun die beiden Missen auf der Ehrenbühne auf ihn warten werden. Geht es nach Stefan Küng, dann lässt er sich auch heute in Bern gerne noch einmal küssen.

Die 3. Etappe führt heute über knapp 160 km von Menziken nach Bern. Video: YouTube/Tour de Suisse

Die 17 Schweizer Sieger der Tour de Suisse

13.07.1967: Tom Simpson stirbt am Mont Ventoux – und sein Name wird zu einem Mahnmal für alle Radsport-Profis

15.10.2011: Für einen Tag schlüpft Oliver Zaugg aus der Rolle als Helfer und feiert den grössten Triumph seiner Karriere

11.10.1998: Ein halbes Jahrhundert nach Ferdy Kübler trägt mit Oscar Camenzind endlich wieder ein Schweizer das Regenbogentrikot

24.04.1993: Järmann schlägt im Sprint Weltmeister Bugno und gewinnt das Amstel Gold Race

22.03.1995: Du kannst im Fitness-Center strampeln wie du willst – an den durchdrehenden Nüscheler kommt keiner ran

30.01.2011: «Dummi huere Ruederer» und «Schiiss-Ponys» machen Reporter Hans Jucker zur Legende

17.06.1981: «Dä Gottfried isch für mich gschtorbe!» – 2 Tage nach dem Zitat seines Lebens fliegt Beat Breu ins Leadertrikot

21.07.2009: Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

09.04.2006: Ein Lenkerbruch und ein Albtraumsturz zerstören den grossen Traum von Armstrongs Edelhelfer

22.07.2001: Sven Montgomery erlebt an der Tour den schönsten Moment seiner Karriere – und nur drei Tage später den schlimmsten

20.07.2006: Floyd Landis begeistert die Sportwelt mit einer historischen Flucht – und wird kurz nach dem Tour-Sieg als Doper entlarvt

14.07.2003: Armstrong rettet sich nach dem Horrorsturz von Beloki mit einem Höllenritt querfeldein über das Kornfeld

14.02.2004: Der Pirat geht von Bord – aber in den Herzen der Fans lebt Marco Pantani ewig

17.07.1992: Der Thurgauer Rolf Järmann bodigt Ex-Gesamtsieger Pedro Delgado und gewinnt die längste Tour-Etappe

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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