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«Voetbal total!» Neun Niederländer machen 1974 gegen Uruguay Druck auf den Ball. bild: youtube

Die Harakiri-Version von Pressing – so lustig sah der «Voetbal total» aus

23.11.16, 17:32 24.11.16, 11:35

Auf Social Media macht ein Video die Runde: Es zeigt einige Szenen aus dem WM-Gruppenspiel 1974 zwischen der Niederlande und Uruguay. Gleich neun Oranje-Spieler stürmen wie von der Tarantel gestochen auf den ballführenden Gegner los. Was heute ziemlich lustig und nach taktischem Selbstmord aussieht, war damals eine regelrechte Fussball-Revolution.

Heute sieht's lustig aus …

... der «Voetbal total» der Niederländer war aber sehr effizient.  Video: streamable

Das Team um Captain Johan Cruyff galt zu Beginn der 70er-Jahre als beste Nationalmannschaft der Welt. Das lag vor allem am heute belächelten Spielstil: Die Niederländer verschrieben sich komplett dem von Trainer Rinus Michels entwickelten und von Cruyff und Co. perfekt umgesetzten «Voetbal total», einem attraktiven und flüssigen Angriffsfussball.

Michels Spielphilosophie, die er in den Jahren zuvor bei Ajax Amsterdam etabliert hatte, verlangte von den Spielern eine extrem hohe Laufbereitschaft und eine versierte Technik. Das Motto – Pep Guardiola lässt grüssen – lautete: Wer angreift und im Ballbesitz ist, der kann auch keine Gegentore kassieren. 

Johan Cruyff orchestrierte vor 42 Jahren den niederländischen Total-Fussball. bild: getty images europe

Jeder Spieler musste im 4-3-3 auf jeder Position spielen können, alles war auf Cruyff und seine ständigen Positionswechsel zugeschnitten. Selbst die Aussenverteidiger schalteten sich bei den Niederländern ins Angriffsspiel mit ein. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, war total neu und eine Abkehr vom allgemein praktizierten Defensivfussball mit Libero und strikter Manndeckung.

Hatte der Gegner den Ball, setzte die «Elftal» auf ein bedingungsloses Pressing und Gegenpressing – Jürgen Klopp lässt grüssen. Damals war es problemlos möglich, 50 bis 60 Meter mit dem Ball am Fuss über das Feld zu laufen, ohne angegriffen zu werden. Das änderten die Niederländer komplett.

Noch mehr «Voetbal total»? Bitteschön!

Video: YouTube/Daar Dan

Statt den Mann deckten sie den Raum ab, die Abwehrspieler rückten auf und machten Druck auf den Ball. Teilweise stürmten so sieben, acht Feldspieler auf den ballführenden Gegenspieler. Einfach nur herrlich! Der damals gerne praktizierte «tödliche Pass in die Tiefe» wurde so schon im Keim erstickt.

Kein Titel mit «Voetbal total»

Der «Voetbal total» funktionierte vor allem, weil die Gegenspieler völlig überrumpelt wurden. Heutzutage würden die Niederländer mit so einem Spielstil natürlich gnadenlos ausgekontert werden. 1974 spielten sie sich damit aber bis in den WM-Final. Den Kampf zwischen «totalem Fussball» und «totaler Disziplin» verlor die Niederlande gegen Deutschland aber 1:2.

Die Sekunden des WM-Finals bis zum Foul an Cruyff, das zum Penalty führte. Video: streamable

Die Niederländer gingen bereits nach 80 Sekunden durch einen Penalty von Johan Neskens mit 1:0 in Führung, ohne dass die Deutschen auch nur einmal den Ball berührten. Doch mit der Zeit kriegten die Deutschen den niederländischen Spielmacher Cruyff immer besser in den Griff, «Terrier» Berti Vogts wich nicht mehr von seiner Seite. Mit etwas Glück drehten die Deutschen dank Treffern von Paul Breitner und Gerd Müller den Final im Münchner Olympiastadion noch vor der Pause und retteten die 2:1-Führung danach in einer Abwehrschlacht über die Zeit.

Auch danach blieb den Niederländern der heiss ersehnte grosse Titel lange verwehrt. 1978 standen sie wieder im WM-Final, obwohl Cruyff nicht mehr dabei war. Gegen Argentinien verlor man allerdings 1:3 n. V.

Erst zehn Jahre später erlösten Ruud Gullit und Marco van Basten die Niederlande mit dem EM-Titel 1988. Die Zeit des «Voetbal total» war damals bereits vorbei. Mittlerweile lebt er in modifizierter Form aber wieder auf: Pressing/Gegenpressing kombiniert mit Ballbesitz-Fussball dominiert derzeit den Weltfussball. Wenn auch nicht in der Harakiri-Version von Cruyffs Niederländern.

Das Leben von Johan Cruyff

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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