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Algeria's players celebrate after the group H World Cup soccer match between Algeria and Russia at the Arena da Baixada in Curitiba, Brazil, Thursday, June 26, 2014. With Algeria and Russia playing to a 1-1 draw, Algeria qualified for the knock-out stage. (AP Photo/Fernando Vergara)

Bild: Fernando Vergara/AP/KEYSTONE

Umstrittene Fastenpflicht

Algerien streitet über Einhaltung des Ramadans – Shaqiri und Özil fasten nicht

Heute beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. Eine enorme Herausforderung für die algerische Fussball-Nationalmannschaft. Dürfen die Spieler vor dem Match essen und trinken? Viele internationale Superstars haben sich bereits entschieden.

28.06.14, 10:37

Claus Hecking / spiegel.de

Ein Artikel von

Ein Reizwort genügte, um Vahid Halilhodzic die Freude über den grössten Triumph der jüngeren afrikanischen Fussballgeschichte zu vermiesen: Ramadan. Als algerische Journalisten ihren Nationaltrainer nach dem sensationellen Achtelfinaleinzug bei der WM auf die Folgen des islamischen Fastenmonats für sein Team ansprachen, verdüsterte sich Halilhodzics Miene.

Vahid Halilhodzic will nicht über den Ramadan sprechen. Bild:  REUTERS

«Wir reden nicht über Religion und Politik, ist das klar?», blaffte der Bosnier. «Ich bin nicht hier, um über Islam oder etwas zu sprechen.» In Algerien sprechen in diesen Tagen dagegen sehr viele Menschen über das eine Thema: Was machen die «Wüstenfüchse» im Ramadan?

Heute beginnt für 1,6 Milliarden Muslime weltweit der Fastenmonat. Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang dürfen Gläubige 29 Tage lang nichts essen und nichts trinken, so verlangt es der Koran. Fasten ist eine der obersten fünf religiösen Pflichten, und in Algerien, wo der Islam Staatsreligion ist, werden überführte Fastenbrecher schon mal mit Gefängnis bestraft.

Zugleich aber sieht das Heilige Buch auch Ausnahmen vor. Daher diskutieren nun die Algerier über die Frage: Sollen die «Fennecs» den Ramadan einhalten? Und: Was ist mit anderen muslimischen Kickern wie Deutschlands Mesut Özil, Frankreichs Karim Benzema und Bacary Sagna oder der Schweizer Xherdan Shaqiri?

In den Strassen von Algier ist nach der Achtefinal-Qualifikation die Hölle los. Bild: STR/EPA/KEYSTONE

«Gott ist mit den Fastenden»

Der Achtelfinal gegen Deutschland am Montag könnte für die Algerier kaum ungünstiger liegen. Anpfiff in Porto Alegre ist um 17 Uhr - etwa elf Stunden nach der Morgendämmerung. So lange müssten die Spieler ohne Nahrung auskommen - und ohne einen einzigen Tropfen Wasser. Essen und trinken dürften die muslimischen Kicker erst wieder um 17.30 Uhr. Andererseits heisst es im Koran aber auch: Wer sich auf einer Reise befinde, der solle später eine gleiche Anzahl von anderen Tagen fasten.

Über die Interpretation sind sich Algeriens Religionsführer uneins. Mitglieder des Hohen Islamrats (HCI) sagten der Zeitung «al-Schuruk», den Fussballspielern sei auf ihrer Brasilien-Reise das Fastenbrechen gestattet. Im selben Blatt aber entgegnete Scheich Mohamed Mekerkeb von der Vereinigung der Ulama (Rechtsgelehrten): «Es ist nicht erlaubt, das Fasten zu brechen. Gott ist mit den Fastenden.» Und auch Dschellul Hadschimi, Generalsekretär des Koordinationsrats der Imame, rät den Kickern, das Fasten einzuhalten. Laut italienischen Medien hat er die FIFA aufgefordert, den Achtelfinal in die Nacht zu verlegen.

Geschafft! Das Achtelfinal-Duell mit Deutschland ist perfekt. Bild: Jon Super/AP/KEYSTONE

Ein Funktionär des Weltverbands sagte, es gebe keinen Anlass zur Sorge. «Wir haben umfangreiche Untersuchungen über Spieler während des Ramadan gemacht. Wenn der Ramadan adäquat befolgt wird, gibt es keine Abschwächung der physischen Leistung von Spielern.» Markus de Marées sieht dies anders: «Es ist mehr als sehr unwahrscheinlich, eine 90-minütige Belastung innerhalb einer zwölfstündigen Fastenperiode bei 30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent ohne Leistungseinbusse - wenn überhaupt - ohne gesundheitliche Schäden zu absolvieren», sagte der Leiter des Bereichs Leistungsphysiologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln dem deutschen Sportinformationsdienst.

In Algerien werden böse Erinnerungen an die WM 1982 wach. Damals begann kurz nach dem 2:1-Sieg gegen Deutschland der Ramadan. Im letzten Vorrundenspiel gegen Chile brachen die fastenden «Fennecs» nach einer 3:0-Führung ein, kassierten zwei Gegentreffer und vermiesten sich so das Torverhältnis. Tags darauf besiegte Deutschland im Skandalspiel von Gijón die Österreicher passgenau 1:0, die Nordafrikaner schieden wegen der Tordifferenz aus. Vergessen hat das dort niemand.

Ein Kurzgebet nach dem ersten WM-Tor. Bild: DENNIS SABANGAN/EPA/KEYSTONE

Kein Schweizer wird fasten

Auch 2014 sind viele algerische Spieler sehr religiös. Ein Imam ist mit im Tross. Den Führungstreffer gegen Belgien feierten Torschütze Sofiane Feghouli und vier Mitstreiter per Kurzgebet auf dem Rasen. «Ich entscheide nach meiner körperlichen Verfassung, aber ich glaube, ich werde es machen», sagt Abwehrspieler Madjid Bougherra. Teamkollegen äusserten sich bisher nicht zur heiklen Frage.

Die Muslime im deutschen Trikot werden nicht fasten. «Ich kann da leider nicht mitmachen, weil ich arbeite», sagt Mesut Özil. «Das kommt für mich leider nicht infrage.» Der Deutsch-Tunesier Sami Khedira hat bereits vor Jahren erklärt, er brauche Nahrung und Flüssigkeit, um 100 Prozent Leistung geben zu können. Shkodran Mustafi hat sich bislang ebenso wenig geäussert wie Frankreichs Star Karim Benzema. Dessen Teamkollege Bacary Sagna wird nicht fasten, der Belgier Nacer Chadli will das Fasten später nachholen.

Das Schweizer Team lässt verlauten, dass keiner der zahlreichen muslimischen Spieler, zu denen auch Hattrick-Schütze Xherdan Shaqiri gehört, während des Turniers fasten wird.

Mesut Özil kann nicht fasten, er muss arbeiten. Bild: BRIAN SNYDER/REUTERS

Der DFB erklärt: «Seit 2010 besteht für muslimische Profis die Möglichkeit, angesichts der intensiven Belastung das reduzierte und reglementierte Essen und Trinken im Ramadan zu einem anderen Zeitpunkt nachzuholen.» Man stütze sich auf ein religionswissenschaftliches Gutachten, das «unter Mitarbeit des Zentralrats des Muslime in Deutschland» umgesetzt werde.

Rückendeckung erhalten Özil und Co. von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), der mitgliederstärksten islamischen Vereinigung in Deutschland. «Allah sagt, dass Menschen, die auf Reisen sind, auf das Fasten verzichten und es später nachholen können», erklärt Bekir Alboa, Beauftragter der DITIB für interreligiösen Dialog: «Religion ist nicht nur Frömmigkeit. Wir haben auch Verständnis für die Lage der Menschen.»

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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