Tatort

Sind «Tatort»-Zeugen echt immer so wirr? Und wie arbeiten Profiler eigentlich wirklich?

Im Münchner «Tatort» sind die Zeugen eines Mordes nicht zu gebrauchen, so sehr widersprechen sich ihre Aussagen. Rettung verspricht eine Profilerin. Wie realistisch ist das?

Publiziert: 24.10.16, 10:12 Aktualisiert: 24.10.16, 12:23

Julia Köppe

Ein Artikel von

Ein Mann liegt auf dem Boden und windet sich. Ein junger Familienvater eilt ihm zur Hilfe. Plötzlich zückt der scheinbar Wehrlose ein Messer und sticht zu. Der Mann, der ihm nur helfen wollte, stirbt. Sein Sohn, seine Frau und viele Passanten beobachten die Tat. Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) nehmen die Ermittlungen auf.

Bereits in den ersten Minuten schnauzt Batic die Zeugen an, sie sollten sich nicht unterhalten, bevor sie befragt wurden. Ist das ein guter Tipp für Polizisten?
«Das ist sogar genau das Richtige», weiss Julia Shaw, Rechtspsychologin an der London South Bank University. Sie erforscht unser Gedächtnis und wie sich Erinnerungen manipulieren lassen. «Zeugen sollten unbedingt zuerst isoliert voneinander befragt werden. Die Ermittler brauchen ihre unbeeinflusste Erinnerung.

Bekommen Zeugen dagegen die Möglichkeit, sich zu unterhalten, übernehmen sie häufig Beobachtungen anderer und erinnern sich plötzlich an Dinge, die sie gar nicht erlebt haben.» Nach den Einzelbefragungen könne ein Gruppengespräch allerdings helfen, weitere Erinnerung wachzurufen, erklärt Shaw.

Die Zeugen im «Tatort» machen später widersprüchliche Angaben. Einer behautet, der Täter sei schwarz, der andere will einen Asiaten gesehen haben. Auch bei der Bekleidung sind sich die Befragten nicht einig. Ist das bei Zeugenaussagen häufig der Fall?
«Sogar sehr häufig», meint Shaw. «Vorurteile beeinflussen unsere Erinnerungen.» Leider spielten Hautfarbe und Herkunft oft eine Rolle. Trotz widersprüchlicher Aussagen sei es wichtig, Zeugen bei der Befragung nicht zu beeinflussen.

Ayumi Schröder (Luka Omoto) muss miterleben wie ihr Mann in ihren Armen stirbt. Ob er ein zufälliges Opfer ist, muss die Profilerin klären. bild: br

Die Hauptkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, links) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) ärgern sich über widersprüchliche Zeugenaussagen. bild: br

Im «Tatort» wirkt Batic bei einer Gegenüberstellung unzufrieden. Er fordert einen Zeugen auf, sich eine der Personen noch mal anzuschauen, weil diese der Tatverdächtige ist. Genau das Falsche, betont Shaw. «Zeugen wollen häufig die Antwort geben, die von ihnen erwartet wird und könnten so Unschuldige belasten.» Grundsätzlich seien vor allem die Menschen gute Zeugen, die sich nicht so leicht beeinflussen lassen und wissen, wie leicht man das Gedächtnis austricksen kann.

Nach wochenlangen Ermittlungen gibt es noch immer keine konkrete Spur. Schliesslich sucht Leitmayr Hilfe bei Profilerin Christine Lerch (Lisa Wagner). Gibt es Profiling überhaupt in Deutschland?
Jein. In Deutschland spricht man von Fallanalyse, klingt langweiliger, meint aber in etwa dasselbe. Menschen wie Christine Lerch existieren also tatsächlich. Sie hat sogar ein reales Vorbild: Alexander Horn. Er ist Fallanalytiker der ersten Stunde und berät gelegentlich die Macher des «Tatort» Münchner. Seit 1998 leitet Horn die Dienststelle für Operative Fallanalyse am Polizeipräsidium München.

Er hat dabei geholfen, den «Maskenmann» Martin N. zu ermitteln. N. hatte zwischen 1992 und 2004 vor allen Jungen in Norddeutschland sexuell missbraucht und mindestens drei von ihnen ermordet. Horn hatte damals ein Täterprofil erarbeitet, das genau auf N. passte: Alleinlebend, zwischen 35 und 45 Jahre alt, intelligent, Ortsbezug nach Bremen, vermutlich in einem pädagogischen Beruf.

Ein Zeuge gab schliesslich den entscheidenden Hinweis, N. wurde verhaftet. Aber die Beamten hatten kaum handfeste Beweise, und N. schwieg hartnäckig. Als Fallanalytiker Horn dem Verdächtigen am zweiten Vernehmungstag die Hand entgegenstreckte, bricht der Widerstand des «Maskenmanns». N. ergreift Horns Hand und gesteht seine Taten. Seit 2012 sitzt der Täter in Haft.

Fallanalytikerin Lerch (Lisa Wagner) hat ihren letzten «Tatort»-Einsatz. bild: br

Im Film ist Fallanalytikerin Lerch besonders findig. Sie studiert die Akten und ist sich nach kurzer Zeit sicher: Der Täter ist männlich, wohnt in der Nähe des Tatorts, ist vorbestraft, vermutlich Tierquäler. Wie realistisch ist das?
«Eine Mordermittlung dauert in der Regel länger als 90 Minuten», betont Horn, «Wir versuchen aber schon, ein Täterprofil zu erstellen und ein Verständnis für den Fall zu entwickeln.» So können die Fallanalytiker Hinweise geben über das Geschlecht des mutmasslichen Täters, das Alter, den ungefähren Wohnort und mögliche Vorstrafen.

Horn und sein Team bearbeiten im Jahr zwischen 30 und 50 Straftaten, 70 Prozent davon sind Mordfälle. «Meistens werden wir von den Ermittlern dazu gerufen, wenn es sich um keine Beziehungstat handelt, sondern Opfer und Täter anscheinend zufällig aufeinandertreffen.» Um genau so einen Fall geht es auch im Münchner «Tatort» «Die Wahrheit».

Fallanalytiker Horn über seinen Beruf. Video: YouTube/Bayerischer Rundfunk

Profilerin Lerch sitzt in dem Krimi in einem winzigen, dunklen Büro. Ihre Karriere geht nicht voran. Wie schwer haben es Fallanalytiker in Deutschland?
«Ich kann mich nicht beschweren, ich habe genug zu tun», sagt Horn. Er und sein Team würden meist frühzeitig bei geeigneten Fällen hinzugezogen und blieben über einen längeren Zeitraum mit den Kollegen in Kontakt. «Wir sind so etwas wie ein Beratungsgeschäft», schmunzelt Horn.

Einen Wermutstropfen gibt es für die deutschen Fallanalytiker im neuen «Tatort» allerdings doch. (Falls Sie den «Tatort» noch nicht gesehen haben und das gern nachholen wollen, sollten Sie ab hier nicht weiterlesen). Der wahre Täter konnte trotz aller Hinweise von Fallanalytikerin Lerch nicht geschnappt werden. Gleich zwei Tatverdächtige stellen sich zumindest teilweise als unschuldig heraus.

Bei den weiteren Ermittlungen steht Leitmayr zudem vorerst allein da. Lerch geht zum FBI, und Batic macht erst mal sechs Wochen Urlaub.

Lesen Sie auch unsere Kritik zum «Tatort» aus München: Das Leben ist ein langer, ruhiger Stuss

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