Terrorismus

Brüder Saïd (li.) und Chérif Kouachi: «Keine schwer erziehbaren Jugendlichen» Bild: Getty Images

Werdegang der Attentäter von Paris

«Es waren gute Kinder»

Die Brüder Kouachi wurden von ihren Erziehern gemocht und spielten leidenschaftlich Fussball: Ein Reporterteam des SPIEGEL hat die Entwicklung der Attentäter von Paris rekonstruiert - von freundlichen Heimkindern zu wütenden jungen Männern.

16.01.15, 19:49

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Zehn Tage nach den Anschlägen von Paris legt der SPIEGEL eine umfangreiche Recherche zum Umfeld der Täter vor. Reporter des Hefts haben in Paris mehr als hundert Seiten Verhörprotokolle und Gerichtsakten zu den Brüdern Chérif und Saïd Kouachi einsehen können, mit ehemaligen Betreuern und Erziehern gesprochen, ebenso mit Richtern und Anwälten.

«Es waren gute Kinder», sagt eine ehemalige Erzieherin aus dem Kinderheim der Fondation Claude Pompidou im südfranzösischen Dorf Treignac über die beiden Brüder. Beide waren sechs Jahre lang, von 1994 bis 2000, in dem Heim. Sie seien keine schwer erziehbaren Jugendlichen gewesen, so Heimleiter Patrick Fournier. Nach den Worten des ehemaligen Trainers der beiden, Pascal Fargetas, sei Fussball damals Chérifs Religion gewesen.

Erstmals zitiert der SPIEGEL ausführlich aus Verhörprotokollen von Chérif Kouachi aus dem Jahr 2005 und dokumentiert dessen Weg der Radikalisierung, aber auch seine Angst vor dem Dschihad: "Ich sagte mir immer wieder: Ich gehe nicht, ich hatte keine Lust, dort zu sterben."

Der SPIEGEL befragte auch Farid Benyettou, den Pariser Hassprediger, der die Brüder vom Dschihad überzeugte. Benyettou distanziert sich inzwischen von den Kouachi-Brüdern: «Diese Taten sind kriminell und barbarisch. Der Islam verurteilt die Anschläge.» Der inzwischen 33-Jährige schliesst derzeit in Paris eine Ausbildung als Krankenpfleger ab.

Die Brüder Kouachi hatten vor anderthalb Wochen die Redaktion der Satirezeitung «Charlie Hebdo» gestürmt. Dort und anschliessend auf der Flucht töteten sie zwölf Menschen. Sie waren mit Amedy Coulibaly bekannt, der eine Polizistin und bei einer Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt vier weitere Menschen erschossen hatte. Die drei Islamisten wurden Freitag vor einer Woche bei Polizeieinsätzen erschossen.

«Sinnvoll wäre eine gemeinsame Gefährderdatei»

Als Reaktion auf die Anschläge in Frankreich verstärken sich in der Europäischen Union Überlegungen für den Aufbau einer EU-weiten Datenbank über gefährliche Islamisten. «Die schrecklichen Attentate von Paris müssen auch Konsequenzen in der Anti-Terror-Politik in der EU haben», sagt Manfred Weber, Fraktionsvorsitzender der EVP im Europäischen Parlament. «Sinnvoll wäre eine gemeinsame Gefährderdatei, die von allen Sicherheitsbehörden in der EU gepflegt wird», so der CSU-Politiker gegenüber dem SPIEGEL.

07.01.2015: Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo»

In der EU-Kommission gibt es seit Längerem entsprechende Pläne, doch sie scheiterten bislang daran, dass die nationalen Geheimdienste ihre Informationen nicht mit allen Mitgliedstaaten teilen wollen. Die Sicherheitsbehörden müssten «ihre Vogel-Strauss-Politik beenden und sich besser vernetzen», fordert Weber. Jeder Geheimdienst in der EU habe Angst, dass ihm ein anderer in die Karten schaue. «Das muss ein Ende haben, wenn wir effizient gegen Terroristen vorgehen wollen.»

Die komplette Recherche zum Umfeld der Attentäter von Paris lesen Sie in der Titelgeschichte des neuen SPIEGEL: die digitale Ausgabe ist bereits freigeschaltet - für iPhone, iPad, Android und Windows 8 sowie die Web-App und das PDF. Das gedruckte Heft erhalten Sie ab Samstagmorgen am Kiosk, an Tankstellen, Bäckereien und im Einzelhandel.

Mehr zum neuen Erscheinungstag des SPIEGEL lesen Sie hier.

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Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • optik 17.01.2015 06:50
    Highlight wenn es jemandem den schalter im kopf umlegt, hilft auch die beste erziehung nichts mehr:/ aufklärung und vorbeugende massnahmen sind die einzige möglichkeiten die bleiben um solche taten zu verhindern.
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