USA

Kaltblütig in den Rücken geschossen: Video entlarvt weissen US-Polizisten als eiskalten Schützen

Erneut ist in den USA ein unbewaffneter Schwarzer von einem weissen Polizisten erschossen worden. Doch diesmal existiert ein Video der Szene – und es widerspricht den Aussagen des Polizisten. Er wurde wegen Mordes angeklagt.

08.04.15, 08:38 08.04.15, 12:01

Marc Pitzke, New York

Ein Artikel von

Walter Scott war kein unbeschriebenes Blatt. Mit den Alimenten im Rückstand, verpasste Gerichtstermine, Waffenbesitz, Körperverletzung: Der 50-Jährige hatte eine lange Justizakte. Zuletzt aber habe er sein Leben in den Griff bekommen, hielten Angehörige in der Lokalzeitung «Post and Courier» dagegen: «Scott war ein frisch verlobter Familienvater.»

So oder so, dieses Leben endete nun auf denkbar brutalste Weise. Am Samstag wurde Scott in North Charleston, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat South Carolina, von einem Polizisten angehalten. Das Vergehen: Sein Mercedes hatte ein kaputtes Rücklicht. Minuten später lag Scott tot im Gras – niedergestreckt mit mehreren Schüssen aus der Polizeiwaffe.

Michael Slager auf einem Polizeifoto. Bild: EPA/CHARLESTON COUNTY SHERIFF OFFICE

Der Polizist berief sich auf Notwehr: Scott habe versucht, ihn zu überwältigen, und ihm seinen Taser, seine Elektroschockpistole, entrissen.

Scott war schwarz, der Polizist weiss: Ein weiteres Beispiel rassistischer Polizeigewalt, so schien es. Empörend, entsetzlich – und doch eine tägliche Routine, die wieder ungesühnt bleiben würde.

Aber jetzt ist alles anders.

Am Dienstag, drei Tage nach Scotts Tod, tauchte ein Handyvideo des Vorfalls auf. Wacklig und verschwommen, dennoch deutlich genug: Es entlarvte den Cop Michael Slager, 33, als Lügner – und eiskalten Killer.

Die Behörden zogen sofort Konsequenzen und klagten Slager wegen Mordes an. «Wenn man falsch liegt, liegt man falsch», sagte North Charlestons Bürgermeister Keith Summey. Wer eine «schlechte Entscheidung» fälle, «der muss mit dieser Entscheidung leben».

So takt- und pietätlos das auch klang: Es war ein markanter Unterschied zu den jüngsten, vergleichbaren Fällen, in denen die – weisse – Justiz zögerte und mauerte, allen voran beim Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown in Ferguson bei St.Louis.

Das dreiminütige Video, das unter anderem CNN, der New York Times und dem «Post and Courier» zugespielt wurde, zeigt, wie Slager und Scott – in einem türkisen T-Shirt – kurz miteinander raufen. Dann läuft Scott davon, nicht besonders schnell, sondern fast lässig.

Der Polizist hebt die Waffe und schiesst auf den fliehenden Mann. Schiesst auf seinen Rücken – hinterrücks, buchstäblich. Siebenmal, Pause, ein achtes Mal. Beim letzten Schuss stolpert Scott, fällt vornüber ins Gras.

Keiner ruft den Notarzt

Gemächlich schlendert Slager auf den Getroffenen zu: «Hände auf den Rücken!» Legt ihm Handschellen an. Scott bewegt sich, dann nicht mehr. Der Polizist geht dorthin zurück, wo die Konfrontation begonnen hat, hebt etwas auf und platziert es neben Scott ins Gras – womöglich der Taser, den Scott ihm angeblich entrissen hat, wie Slager später sagt.

Ein zweiter – schwarzer – Polizist kommt dazu, durchsucht Scott mit Handschuhen. Keiner ruft den Notarzt. Keiner macht Anstalten, dem Sterbenden zu helfen. Am Ende fühlt Slager ihm einmal kurz den Puls.

Wer das Video aufnahm, blieb in der Nacht zum Mittwoch unbekannt. Dem Polizeibericht zufolge hielt sich Scotts Bruder Anthony «in der Nähe» auf, sein Handy wurde als Beweismittel konfisziert. «Alles, was wir wollten, ist die Wahrheit», sagte Anthony Scott am Dienstagabend.

«Schüsse gefeuert, und das Subjekt ist getroffen», rief Slager laut Polizeibericht nach der Schiesserei in sein Funkgerät. «Er hat mir meinen Taser abgenommen.» Das Video offenbart das als Lüge.

Als bestenfalls Vertuschung entpuppt sich auch die erste Erklärung von Slagers Anwalt David Aylor: «Dies ist ein sehr tragischer Vorfall für alle beteiligten Familien.» Sein Mandant habe sich «bedroht gefühlt». Doch in dem Video scheint der unbewaffnete Scott zu keinem Moment eine Bedrohung. Slager erschiesst ihn gezielt und kaltblütig.

Fünf Schusswunden

Der Gerichtsmediziner fand nach Angaben von Chris Stewart, dem Anwalt der Scott-Familie, fünf Schusswunden. Drei im Rücken, eine im Gesäss, eine im Ohr. Mindestens eine Kugel habe sein Herz durchbohrt.

Vieles erinnert äusserlich an Ferguson. North Charleston, ein ärmerer Nachbarort des Südstaaten-Juwels Charleston, hat rund 104'000 Einwohner. 47 Prozent sind Schwarze, 37 Prozent sind Weisse. Die Polizei dagegen bestand zuletzt zu 80 Prozent aus weissen Beamten.

Filmaufnahmen führten auch anderswo dazu, dass solche Fälle besser aufgeklärt wurden als in Ferguson. In Albuquerque, wo Polizisten einen Obdachlosen erschossen. In Cleveland, wo dem zwölfjährigen Tamir Rice sein Spielzeuggewehr zum Verhängnis wurde.

Wäre Slager ohne das Video davongekommen? Nicht nur das öffentliche Bewusstsein ist seit den Schüssen von Ferguson im August vorigen Jahres gewachsen, auch die US-Regierung hat ein schärferes Auge auf solche Vorfälle. Das FBI – ein Arm des Washingtoner Justizministeriums – bot in North Charleston sofort seine Hilfe an.

Slagers juristische Chancen, sich angesichts des Videos doch noch herauszureden, stehen schlecht. US-Polizisten dürfen auf fliehende Verdächtige schiessen – aber nur, wenn sie «eine bedeutsame Bedrohung durch Tod oder ernste physische Verletzung» darstellen.

Sollte Slager verurteilt werden, droht ihm lebenslange Haft – oder die Todesstrafe.

Junger Schwarzer in Berkeley bei Ferguson erschossen.

Ferguson – eine Chronik der Wut

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Asmodeus 08.04.2015 10:04
    Highlight Der letzte Satz ist interessant gestaltet.

    "Sollte er verurteilt werden".

    Bei anderen Fällen gab es, trotz Aufnahmen, teilweise noch Platz für Spekulationen. Hier ist dieser allerdings nicht mehr gegeben. Die Behörden können es sich gar nicht leisten diesen Cop zu decken.
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