Unvergessen

Die Schweiz 1924: Europameister!

Die Schweiz verpasst den Olympiasieg – aber wird Europameister!

9. Juni 1924: Was viele nicht wissen: Auch die Schweiz war mal Europameister. Vor fast einem Jahrhundert feierte sie einen sensationellen Erfolg – mit fast fatalen Folgen.

09.06.17, 00:05

1924 finden die Olympischen Sommerspiele in Paris statt. Es ist noch nicht der Mega-Event, zu welchem sich der grösste Sportanlass der Welt mittlerweile entwickelt hat. Im Fussball aber gilt das Olympiaturnier damals als wichtigster Wettbewerb überhaupt. Die erste Weltmeisterschaft wird erst sechs Jahre später ausgetragen, das erste EM-Turnier sogar erst 1960.

Erstmals macht auch die Schweizer Nationalmannschaft mit, nachdem die Teilnahme 1920 kurzfristig aus finanziellen Gründen noch abgesagt werden musste.

Die Eidgenossen reisen per Zug nach Paris. Hoffnung haben sie wenig im Gepäck. Das im K.o.-System ausgetragene Turnier startet mit der Qualifikation (1/16-Final). Die Schweiz bucht das Hotel nur bis nach dem Achtelfinale, die Spieler gaben entsprechend kurze Ferien bei ihren Arbeitgebern ein. Dass man mehr als zwei Runden überstehen würde, glaubt beim ersten interkontinentalen Fussballturnier der Welt sowieso keiner. Auch das Rückfahrtticket für die Holzbänke in der dritten Klasse gilt nur 10 Tage.

Eine Szene aus dem Finalspiel zwischen der Schweiz und Uruguay.

Zum Auftakt demontiert die Schweiz Litauen gleich mit 9:0. Paul Sturzenegger zeichnet sich als vierfacher Torschütze aus. Der Kantersieg gilt bis heute als höchster Erfolg einer Schweizer Fussball-Nati. Trotzdem erwartet man wenig vom Duell im Achtelfinal mit der übermächtig scheinenden Tschechoslowakei.

Spendenaktion rettete Turnierteilnahme

Lange sieht es auch nicht gut aus. Die Schweiz liegt durch ein Penaltytor früh im Rückstand. Nachdem ein Gegenspieler vom Platz musste, gleicht Walter Dietrich in der 79. Minute aus. Die Verlängerung bleibt torlos, deshalb muss die Partie zwei Tage später im Stade Bergeyre wiederholt werden. Robert Pache schiesst dort den sensationellen Siegtreffer in der 87. Minute. Die Schweiz steht im Viertelfinal.

Einige wenige Bilder aus dem Endspiel von 1924. Video: YouTube/Leandro

Doch statt Euphorie machen sich jetzt Probleme bemerkbar. Das Hotel ist nicht mehr gebucht, die Rückfahrkarten laufen ab und das Geld geht den Spielern aus. Die Zeitschrift «Sport» startet in der Heimat eine Spendenaktion und bringt den fehlenden Betrag zusammen, um die weiteren Partien bestreiten zu können.

Die Kicker scheint dies zu beflügeln. Stürmerstar Max «Xam» Abegglen – der erste Schweizer Weltklasse-Fussballer und Namensgeber von Neuchâtel Xamax – besiegelt das 2:1 über Italien, und im Halbfinal gegen Turnierfavorit Schweden lässt der Angreifer die Schweiz mit einem Doppelpack zum 2:1 vom Titel träumen.

Im Endspiel wartet mit Uruguay die einzige südamerikanische Mannschaft des Turniers. In ihren Reihen stehen neben Torschützenkönig Pedro Petrone (8 Tore) auch José Leandro Andrade, besser bekannt als das «Schwarze Wunder» (La Maravilla Negra). Andrade gilt dank seiner starken Technik und dem praktisch körperlosen Spiel als erster Weltstar des Fussballs. Trotzdem glauben in der Schweiz manche an ein Wunder: «Die uruguayische Mannschaft ist nicht unverwundbar», schreibt etwa die «Tribune de Genève».

Im Endspiel chancenlos, aber trotzdem einen Titel gefeiert

Die Schweiz aber bleibt vor 40'522 Zuschauern chancenlos. Nach neun Minuten bringt Petrone Uruguay in Führung. Cea (65.) und Romano (82.) besiegeln das Schicksal der Eidgenossen. 3:0 siegen die Südamerikaner.

Eine ausführlichere Zusammenfassung des Finals. Video: YouTube/Aleks Chistogan

Trotzdem gibt einiges zu feiern: Bei der Heimkehr wird die Mannschaft in Basel mit einem grossen Empfang geehrt. Und bereits nach dem Erfolg im Halbfinal hatte Bundespräsident Ernest Chuard dem Nationalteam «im Namen des Schweizervolkes» in einem Telegramm «seine wärmsten Glückwünsche zu den glänzenden Siegen» entboten.

Die Erfolge verhelfen dem Fussball hierzulande so richtig zum Durchbruch und neben dem zweiten Rang bei Olympia kann sich die Schweiz als bestklassiertes europäisches Team auch mit dem Titel des Europameisters schmücken.

Beste Teams fehlten

Dabei war auch Glück im Spiel. Vier der damals besten europäischen Nationen wollten oder konnten in Paris nicht teilnehmen. Die stärksten Fussballer Englands und Schottlands waren bereits Profis, bei Olympia aber galten noch überaus strenge Amateurregeln. Deutschland und Österreich wiederum waren als Verursacher des Ersten Weltkriegs nicht zu den Spielen in Frankreich zugelassen.

Trotzdem kann der Erfolg nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nie wieder konnte ein A-Nationalteam an die denkwürdigen Tage von Paris 1924 anknüpfen, als die Schweiz das Endspiel erreichte und Europameister wurde. Wenig spricht dafür, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern könnte.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Alle Europameister im Fussball

Unvergessene Fussball-Geschichten aus Grossbritannien

12.02.2011: Wayne Rooneys perfekter Fallrückzieher gegen ManCity lässt sogar Sir Alex schwärmen

09.10.1996: Schottland spielt in Estland gegen sich selber und wird von der «Tartan Army» lautstark gefeiert

25.01.1995: King Cantona flippt aus – er setzt zum legendärsten Kick der Fussball-Geschichte an

14.04.1999: Ryan Giggs schiesst ein Wahnsinns-Tor und entblösst sein Brusthaar. Arsène Wenger hat davon noch immer Alpträume

11.11.2011: Der estnische Ersatzspieler, der hier den Ball weitergereicht hat, ist in Wahrheit ein cleverer irischer Fussballfan

09.11.1997: Der Windarsch kassiert in einem einzigen Fussball-Spiel gleich drei Rote Karten – und ist auch sonst ein liebenswerter Rüpel

15.05.1974: Im Suff stecken schottische Natifussballer ihren Star in ein Boot – das sofort von der Strömung weggetrieben wird

12.05.2013: Der Wahnsinn von Watford: «Ja, Sie haben gerade die dramatischste Schlussminute aller Zeiten gesehen!»

21.10.2013: Pajtim Kasami hämmert «einen der schönsten Volleys überhaupt» ins Crystal-Palace-Tor und verzückt sogar Andy Murray

26.12.1963: 10 Spiele, 66 Tore – ein Hattrick in dreieinhalb Minuten krönt die unfassbare Torflut am Boxing Day

01.03.1980: Everton trauert um Dixie Dean – die Klublegende war so gut, dass ihm ein hässiger Verteidiger einen Hoden zerstörte

02.01.1998: Paul Gascoigne erhält Morddrohungen, weil er einen Flötenspieler imitiert

23.12.2006: Paul Scholes zimmert das Leder mit einer Volley-Rakete unter die Latte – und Ferguson fordert danach eine Entschuldigung von Mourinho

14.10.2006: Petr Cech bangt nach einem üblen Zusammenprall um sein Leben und wird danach nie mehr ohne Helm im Tor stehen

13.05.2012: Zu früh gefreut! City schnappt United den Titel im grössten Herzschlag-Finale der englischen Geschichte weg

23.08.2003: Nach dem Traumtor von Blackpools Neil Danns jubelt der Schiedsrichter kräftig mit – oder etwa doch nicht?

25.11.1964: Dank Bill Shanklys Geistesblitz wird aus dem FC Liverpool ein für alle Mal die Reds

28.04.1923: Ein weisses Pferd (das gar nicht weiss war) rettet die chaotische Wembley-Eröffnung – und ist dann angeblich auch noch Schuld am Resultat

04.02.1997: Goalie Peter Schmeichel erzielt ein Fallrückzieher-Tor – aber es endet im Drama

01.01.2007: Schöner als beim Neujahrsspringen fliegen sie nur noch in der Premier League

05.05.1956: «Traut the Kraut» spielt den FA-Cup-Final trotz Genickbruch zu Ende und wird vom Kriegsgefangenen zum besten City-Torhüter aller Zeiten

28.09.2004: «Der Messias kam nach Manchester» – Wayne Rooney skort in seinem ersten Spiel für die United gleich einen Hattrick

16.03.2002: Ein Knochenbrecher-Foul macht aus einem fast gewöhnlichen Fussballspiel die «Battle of Bramall Lane» 

21.04.2001: Die späte Rache des Roy Keane – «Schitzo» begeht das böswilligste Foul der Fussball-Geschichte

22.04.2006: Newcastle-Legende Alan Shearer muss abtreten – ausgerechnet wegen Erzrivale Sunderland

22.12.2007: Arsenal-Bad-Boy Nicklas Bendtner schiesst 1,8 Sekunden nach seiner Einwechslung das schnellste Joker-Tor aller Zeiten

23.03.2009: José «The Special One» Mourinho wird Doktor – und überrascht mit seiner Dankesrede die Fussballwelt

Das berühmteste Mannschaftsfoto der Welt oder der Tag, an dem die Geschichte des Mannes mit den grössten Eiern beginnt

Singen statt streiten – wie dieses magische Lied ein ganzes Stadion vereinte

Als der «Prinz des Dribblings» den allerersten Cupwettbewerb entschied 

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0Alle Kommentare anzeigen
0
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600

Der Wolf und seine «Abbruch GmbH» entfachen eine neue Fussball-Euphorie

30. Mai 1981: Die Schweizer Fussball-Nati dümpelt fernab der grossen Turniere durch die Stadien, als Paul Wolfisberg sie übernimmt. Der bärtige Trainer sorgt aber bald dafür, dass sich das Land wieder für seine Nati interessiert.

Die WM in England 1966 ist für lange Zeit das letzte Turnier, für das sich die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft qualifizieren kann. Mit der nächsten Turnierteilnahme sollte es erst 1994 wieder klappen. Nahe dran ist die Nati aber bereits anfangs der 80er-Jahre, als unter Trainer Paul Wolfisberg eine neue Welle der Begeisterung durchs Land schwappt.

Wolfisberg, als Spieler und Trainer eine Legende des FC Luzern, übernimmt die Nati Ende März 1981 und führt sie gleich zu einem …

Artikel lesen