Unvergessen

Torhüter Franz Wohlfahrt mag irgendwann nicht mehr hinsehen. Bild: AP

«Hoch werd mas nimma gwinnen» – der legendäre Ösi-Galgenhumor beim 0:9 gegen Spanien

27. März 1999: Österreich kassiert in der Qualifikation für die WM 2000 in Belgien und Holland gegen Spanien die höchste Niederlage seit 91 Jahren. 0:9 lautet am Ende das Verdikt. Galgenhumor zeigen die Ösis bereits beim Stand von 0:5 zur Pause.

27.03.17, 01:01

Mit breiter Brust reist die ÖFB-Auswahl von Teamchef Herbert Prohaska im Frühling 1999 nach Valencia. Schliesslich sind die Österreicher seit fünf Spielen ungeschlagen und führen nach einem Remis gegen Israel sowie zwei klaren Siegen gegen Zypern und San Marino die Tabelle der Gruppe 6 nach drei Spieltagen an. Selbstvertrauen gibt ausserdem ein 2:2-Unentschieden gegen den frischgebackenen Weltmeister Frankreich im August und ein 4:2-Auswärtssieg in St.Gallen gegen die Schweiz.

Schon bei der WM 1998 in Frankreich haben die Österreicher keine schlechte Figur abgegeben. Angeführt von Captain Toni Polster und Andreas Herzog darf man nach zwei 1:1-Unentschieden gegen Kamerun und Chile bis zum letzten Gruppenspiel vom Achtelfinal träumen, nach der 1:2-Niederlage gegen Italien folgt dann aber doch das Aus in der Vorrunde.

So einfach, wie sich die Österreicher das im Vorfeld vorstellen, wird es gegen Spanien dann doch nicht. bild: Keystone

Trotzdem: Gegen Spanien, das bei grossen Turnieren zwar seit Jahren dabei ist, aber in wichtigen Spielen stets versagt, handeln sich die Österreicher mehr als nur Aussenseiterchancen ein. Doch sie haben die Rechnung ohne die «Furia Roja» gemacht: Die junge Mannschaft um die Routiniers Fernando Hierro, Pep Guardiola und Raúl erteilt dem Team von Prohaska eine historische «Watsch'n».

Bei eisiger Kälte und stürmischem Wind legen die Spanier los wie von der Tarantel gestochen. Bereits in der 6. Minute bringt der überragende Raúl die «Rote Furie» nach herrlichem Direktspiel in Führung. Elf Minuten später doppelt er mit einem Abstauber nach fast perfektem Heber nach. Und die Mannschaft von Trainer José-Antonio Camacho kennt kein Gnade: Ismail Urzaiz per Hechtkopfball, Hierro per Penalty und nochmals Urzaiz erhöhen bis zur Pause auf 5:0.

Das legendäre Pauseninterview

«So etwas habe ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt», poltert Österreichs Verbandspräsident Beppo Mauhart oben auf der Tribüne. In den Katakomben stellt sich unterdessen Toni Pfeffer den Fragen des ORF-Reporters. «Wir waren zu weit weg vom Mann und so haben sie leichtes Spiel gehabt», versucht der Innenverteidiger zu erklären. «Wir müssen uns jetzt etwas einfallen lassen, sonst wird's wirklich noch ein schlimmes Debakel.» Auf die Frage, was in der zweiten Halbzeit noch drin liegt, folgt der legendäre Satz: «Hoch werd mas nimma gwinnen»

Das legendäre Pauseninterivew mit Toni Pfeffer. Video: YouTube/jonathanjackson

Nein, hoch gewinnen die Österreicher tatsächlich nicht mehr. Im Gegenteil: Die Abwehr um den Dortmunder Wolfang Feiersinger und «Rambo» Pfeffer lässt sich auch nach der Pause ein ums andere Mal ausspielen. Raúl macht mit zwei weiteren Treffer seinen persönlichen Viererpack komplett, später sorgen Arnold Wetl mit einem Eigentor und der eingewechselte Fran für den 9:0-Endstand. 

Das Telegramm: 

Spanien – Österreich 9:0 (5:0)
​Estadio Mestalla, Valencia. - 45'000 Zuschauer. - SR: Veissière (Fr)
Tore: ​6. Raúl 1:0. 15. Raúl 2:0. 27. Urzaiz 3:0. 34. Hierro (Penalty) 4:0. 45. Urzaiz 5:0. 48. Raúl 6:0. 75. Raúl 7:0. 77. Wetl (Eigentor) 8:0. 84. Fran 9:0.
Spanien: ​Canizares; Salgado, Hierro, Marcelino, Sergi; Guardiola, Echeberria (85. Dani), Valerón (71. Mendieta), Fran; Urzaiz (59. Munitis), Raul.
​Österreich: Wohlfahrt; Schöttel, Feiersinger (52. Kögler), Pfeffer; Cerny, Mahlich, Stöger, Prosenik (56. Reinmayr), Herzog; Wetl, Haas (70. Mayrleb).

Die Spanier hätten gar noch höher gewinnen können. Ein spektakulärer Seitfallzieher von Raúl wird wegen Abseits fälschlicherweise nicht gegeben, einmal rettet der Pfosten und mehrere Male streift der Ball nur knapp am Tor des bemitleidenswerten Franz Wohlfahrt vorbei.

Die Highlights der Partie. Video: YouTube/Oliver Plischek

Toni Pfeffer erscheint nach der Blamage nicht mehr zum Interview, dafür Torhüter Wohlfahrt. Dessen Aussagen stehen denjenigen seines Teamkollegen in Sachen Ironie aber in nichts nach: «Mit mir in absoluter Hochform hätte es ein 0:8 gegeben», so der damalige Keeper des VfB Stuttgart.

Krankl-Rücktritt und lange Leidenszeit

Die Blamage hat aber auch ernsthafte Konsequenzen. Herbert Prohaska tritt zwei Tage nach der höchsten Auswärtsniederlage in der ÖFB-Geschichte zurück, obwohl Österreich noch immer Tabellenführer ist und er mit 1,65 den höchsten Punkteschnitt aller Teamchefs seit 20 Jahren vorweisen kann.

Otto Baric übernimmt für «Schneckerl», wie Prohaska in der Jugendzeit für seine üppige Lockenpracht genannt wurde. Doch auch der exzentrische Kroate kann die Österreicher nicht wieder in die Spur führen. Trotz eines 7:0-Kantersiegs gegen San Marino verpasst man Barrage-Platz 2 am Ende wegen des Torverhältnisses (Israel: +13, Österreich: -1).

Seit Marcel Koller im Amt ist, geht's mit der ÖFB-Auswahl wieder aufwärts. Bild: LEONHARD FOEGER/REUTERS

Danach folgen sechs weitere vergebliche Anläufe, sich für eine WM- oder EM-Endrunde zu qualifizieren. Dabei ist man nur an der Heim-EM 2008. Erst vergangenen Sommer klappte es wieder mit der Qualifikation für eine EM-Endrunde. Hingeführt hat sie ein Schweizer. Marcel Koller. Mit einem Punkteschnitt von 1,88. Da musste selbst TV-Experte Herbert Prohaska seine anfängliche Skepsis revidieren.

Pfeffer wiederholt seinen legendären Satz

Übrigens: Im 1/16-Final der Europa League kommt es 17 Jahre später zum nächsten Debakel Österreichs im Estadio Mestalla. Rapid Wien wird von Valencia in den ersten 45 Minuten ebenfalls mit 0:5 zum Pausentee geschickt. Und was macht Sky Österreich? Sie zeigen Humor und rufen in der Halbzeit tatsächlich Toni Pfeffer als Experten an. Zum Abschluss soll er doch bitte seinen legendären Satz wiederholen. Und Pfeffer macht's tatsächlich. 

Pfeffer als Experte bei Sky Österreich. Video: streamable

Auch dieses Mal soll er recht behalten. Rapid gewinnt nicht mehr hoch, taucht immerhin nicht 0:9, sondern «nur» 0:6. Im Rückspiel kassieren die «Grün-Weissen» zuhause jedoch eine 0:4-Schlappe: 0:10 lautet also die Bilanz am Ende. Nie scheiterte ein Team in der K.o.-Runde der Europa League mit einem höheren Gesamtskore. 

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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Galghamon, 3.12.2016
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