Unvergessen

Im Herzen bleibt er immer ein Spieler: Diego Maradona feiert den späten Sieg gegen Peru mit einem Taucher in den nassen Rasen. Bild: EPA

Maradona rutscht bäuchlings über den Rasen – als Trainer, nicht als Spieler

11. Oktober 2009: Die Lage ist ernst, Argentinien droht die WM 2010 in Südafrika zu verpassen. Gegen Peru muss ein Sieg her, doch es steht bis zur 93. Minute 1:1. Bis Martin Palermo trifft und alle Dämme brechen.

Publiziert: 11.10.16, 00:01

Prolog

In der Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika stehen Argentinien und sein Trainer Diego Maradona unter Druck: Der Weltmeister von 1978 und 1986 droht das Turnier zu verpassen. Gegen das letztklassierte Peru ist ein Heimsieg Pflicht – andernfalls ist der Nationalheilige seinen Job wohl los.

Die Tabelle vor dem vorletzten Spieltag. bild: screenshot weltfussball

1. Akt

38'000 Zuschauer sind ins Stadion von River Plate gekommen, um in der zweitletzten Quali-Runde dabei zu sein. Sie werden lange enttäuscht. Erst zwei Minuten nach der Pause geht Favorit Argentinien in Führung.

Torschütze Higuain feiert … Bild: EPA

… Coach Maradona jubelt mit. Bild: EPA

2. Akt

Wer nun daran glaubt, dass sich Peru geschlagen gibt, der irrt. Der Aussenseiter kann die Partie offen halten – und in der 90. Minute den Ausgleich bejubeln. Unfassbar!

Maradona betet … Bild: EPA

… und er grübelt intensiv. Bild: AP

3. Akt

Aber die Partie im strömenden Regen von Buenos Aires ist noch nicht abgepfiffen. Tief in der Nachspielzeit noch einmal ein Corner für Argentinien. Hin und her geht der Ball, bis er irgendwie zu Martin Palermo kommt. Der Liebling der Massen, schon fast 36-jährig und von Maradona eingewechselt, steht am zweiten Pfosten frei. Er drückt den Ball über die Linie und sorgt mit dem 2:1 für Ekstase.

Palermo! Bild: AP

Maradona! Bild: AP

Im Überschwang der Gefühle belässt es Diego Maradona nicht bei einem Hüpfer und der geballten Siegerfaust. Der ganze aufgestaute Druck muss raus, die riesige Freude macht aus dem Nationaltrainer einen Turmspringer. Bäuchlings schlittert «El Pibe de Oro» über den klatschnassen Rasen. Es ist ein Moment für die Ewigkeit.

Maradona rutscht strahlend über den Rasen … Bild: AP LA NACION

… und geniesst «seinen» Erfolg. Bild: AP LA NACION

Was für Emotionen: Da wären wir alle gerne im Stadion gewesen! Video: YouTube/Axel Carrizo

Ein Herz und eine Seele: Palermo und Maradona verlassen das Spielfeld. Bild: AP

4. Akt

Der ultraspäte Sieg bedeutet, dass die Ausgangslage Argentiniens in der WM-Qualifikation wieder ein wenig komfortabler ist – aber nur auf den ersten Blick. Denn Argentinien hat zwar einen Punkt mehr als Uruguay, muss in der letzten Runde aber auswärts beim Nachbarn antreten.

Vier Tage später kommt es in Montevideo zur Finalissima. Lange steht es 0:0 und dieses Unentschieden würde Argentinien ja bereits reichen. Doch es kommt noch besser: Vier Minuten nach seiner Einwechslung gelingt Mario Bolatti das 1:0 für die «Gauchos». Wieder sticht einer von Maradonas Jokern zu. Mehr Tore fallen nicht: Argentinien siegt, Argentinien jubelt, Argentinien holt sich das Ticket für die WM 2010 in Südafrika.

Epilog

Diego Armando Maradona ist für viele der beste Fussballer der Geschichte. Während darüber diskutiert werden kann, herrscht bei einem anderen Thema Einigkeit: Maradona ist kein Diplomat.

Dass ihn viele Reporter während der schwachen WM-Qualifikation oft ins Visier genommen haben, nimmt er ihnen übel. Also freut er sich nicht einfach über den Erfolg. Sondern sagt an der Medienkonferenz nach dem Sieg in Uruguay, was er denkt:

«Denjenigen, die nicht an mich geglaubt haben, sage ich – die Damen mögen das entschuldigen – ihr könnt mir einen blasen.»

Maradona trägt das Herz auf der Zunge. Video: streamable

Nicht jugendfrei ist auch die Fortsetzung seiner Wutrede:

«Ich danke den Fans und den Spielern, aber niemandem sonst. Die, die nicht an die Nationalmannschaft geglaubt haben, sollen weiter Schwänze lutschen. Die haben mich wie Müll behandelt.»

Trotzdem darf Maradona bleiben. An der WM führt er Argentinien mit vier Siegen in den Viertelfinal, wo es gegen Deutschland eine 0:4-Klatsche gibt. Kurz nach dem Turnier in Südafrika wird Maradona entlassen.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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Maradona im Wandel der Zeit

12.09.1990: Der Goalie mit der Pudelmütze sorgt für die vielleicht grösste Sensation der Fussball-Geschichte

09.11.1997: Der Windarsch kassiert in einem einzigen Fussball-Spiel gleich drei Rote Karten – und ist auch sonst ein liebenswerter Rüpel

30.04.2011: Cabanas fordert vom Basler Schiri Respekt, denn «das isch GC! Rekordmeister! Än Institution, hey!»

07.09.2005: Nati-Goalie Zuberbühler kassiert auf Zypern ein Riesen-Ei und schiebt die Schuld dafür dem «Blick» in die Schuhe

05.12.2004: Paulo Diogo gewinnt mit Servette im Abstiegskampf – und verliert dabei einen Finger

27.01.1994: Beim seltsamsten Fussballspiel aller Zeiten muss ein Team plötzlich beide Tore verteidigen

18.07.2008: Ein Carlos Varela in Höchstform: «Heb de Schlitte, du huere Schissdrägg»

30.07.2000: Nur GC-Milchbubi Peter Jehle steht noch zwischen FCB-Legende Massimo Ceccaroni und seinem allerersten Tor

09.10.1996: Schottland spielt in Estland gegen sich selber und wird von der «Tartan Army» lautstark gefeiert

27.04.1996: Basler lässt Wut an Torwand aus: «Wenn Sie ein drittes Loch in die Wand reinschiessen, gibt es 1000 Mark von mir» 

08.09.1996: George Weah schnappt sich im eigenen Strafraum den Ball, dribbelt einfach alle aus und schiesst ein Wundertor

31.08.1993: Jay-Jay Okocha demütigt Oliver Kahn und drei KSC-Verteidiger mit einem Wahnsinnstanz in 11 Sekunden für die Ewigkeit

20.10.2000: Christoph Daums freiwillige Haarprobe ergibt, dass er doch kein absolut reines Gewissen haben darf

25.05.2005: Liverpool schafft gegen Milan dank «sechs Minuten des Wahnsinns» und Hampelmann Jerzy Dudek die unglaublichste Wende aller Zeiten

17.07.1994: «Eine Wunde, die sich niemals schliesst» – Roberto Baggios Penalty in die Erdumlaufbahn lässt ganz Italien weinen

17.04.2004: Goalie Butt jubelt nach seinem verwandelten Penalty noch, als es in seinem Kasten klingelt

14.06.2012: Die Iren haben gegen Spanien nicht den Hauch einer Chance, aber ihre Fans singen sich zum EM-Titel

03.03.2010: Fussballikone Maradona erkennt Thomas Müller nicht – und bekommt wenig später dessen Rache zu spüren

08.11.1975: Weil er betrunken ist und sich so gut fühlt, pfeift Schiedsrichter Ahlenfelder schon nach 32 Minuten zur Halbzeit 

11.11.2011: Der estnische Ersatzspieler, der hier den Ball weiterreicht, ist in Wahrheit ein cleverer irischer Fussballfan

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29.03.1970: «Decken, decken, nicht Tischdecken, Mann decken» – so kommentiert der Moderator des «Aktuellen Sportstudio» einen Beitrag über Frauenfussball 

04.07.1999: Martin Palermo schafft's ins Guinness-Buch der Rekorde – weil er drei Penaltys in einem Spiel verschiesst

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Guter Mix zwischen Seriösem und lustigem Geblödel. Schön gibt es Watson.
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