Unvergessen

Video: Youtube/ScottPippenBulls

19.04.1990: Heute kostet ein böser Tweet in der NBA 25'000 Dollar – früher konnte man für dieses Geld eine Massenschlägerei anzetteln

19. April 1990: Rick «Baddest Bad Boy» Mahorn von den Philadelphia 76ers provoziert seine ehemaligen Teamkollegen bis aufs Blut. Als die Detroit Pistons die Nerven verlieren, beginnt eine der wüstesten NBA-Keilereien aller Zeiten.

19.04.15, 00:01

Wer es heutzutage als NBA-Spieler ohne Busse durch seine Profikarriere schafft, hätte wohl auch als Messdiener ordentliche Aufstiegschancen gehabt. Seit der Jahrtausendwende ist für die Disziplinarkommission der nordamerikanischen Basketball-Liga kaum ein Grund mehr zu nichtig, um seinen Athleten eine saftige Geldstrafe aufzubrummen.

Beispiele gefällig? 2007 tobt sich Vladimir «Radman» Radmanovic von den Lakers unerlaubterweise auf dem Snowboard aus. Eine schlechte Idee. Der Serbe stürzt, verletzt sich an der Schulter, und wird von der NBA zu einer Busse von 500'000 Dollar verknurrt.

2012 twittert Stephen Jackson von den San Antonio Spurs, dass er «mehr Gangster als Serge Ibaka» sei und diesem «demnächst aufs Maul hauen» werde. Die Quittung für die einmalige Internetpöbelei: 25'000 Dollar Strafe.

Vladimir Radmanovic hat eine halbe Million für einen unerlaubten Snowboard-Ausflug bezahlt. Bild: EPA

In den Neunzigern war alles noch günstiger

Geradezu lachhaft fällt im Vergleich dazu die Summe der Bussen aus, welche die NBA nach einem der grössten Eklats ihrer Geschichte am 19. April 1990 ausgesprochen hat. Nach einer Massenschlägerei zwischen den Detroit Pistons und den Philadelphia 76ers müssen alle Beteiligten zusammen nur gerade 162'500 Dollar berappen.

Entsprechend cool bleibt Philadelphias Superstar Charles Barkley, der die wüste Auseinandersetzung mit dem ersten Faustschlag eskalieren lässt:

«Es ist mir schnurzegal, ob ich gebüsst werde. Ich verdiene drei Millionen im Jahr – was sind da schon ein paar Tausender.»

Charles Barkley

Ein Zettel mit wüsten Beleidigungen in der Kabine

Bereits vor Spielbeginn ist die Atmosphäre zwischen den beiden Rivalen im «Pistons Palace» aufgeheizt. Die Gäste aus Philadelphia wollen sich mit einem Sieg erstmals seit sieben Jahren den Titel in der Atlantic Division schnappen. Das Heimteam hingegen hat sich die Topplatzierung in der Eastern Conference als amtierender NBA-Champion schon wieder gesichert und will den Sixers einfach nur noch den Spass verderben.

Noch vor dem ersten Sprungball greift Charles Barkley tief in die psychologische Trickkiste. Um den hitzköpfigen Pistons-Center Bill Laimbeer aus dem Konzept zu bringen, lässt er ihm einen Zettel mit Beleidigungen weit unter der Gürtellinie in die Kabine schicken.

Sieht lieb aus, aber ist mit allen Wassern gewaschen. Charles Barkley im Dress der Philadelphia 76ers. Bild: AP NY

Schmutzige Tricks gegen die alten Kollegen

Auf dem Platz sorgt dann vor allem Barkleys Teamkollege Rick «Baddest Bad Boy» Mahorn für rote Köpfe. Der Power Forward der 76ers war von 1985 bis 1989 einer der Teamleader bei den Detroit Pistons und hat nach dem Titelgewinn im vergangenen Jahr die Fronten gewechselt.

Jetzt bearbeitet Mahorn seine ehemaligen Teamkollegen mit seiner Spezialität: Einem zweiten harten Foul, kurz nachdem der Gegner bereits von einem seiner Mitspieler getroffen wurde.

Rick Mahorn ist einer der gefürchtetsten Zweikämpfer seiner Zeit. Bild: Getty Images North America

Kurz vor Spielende eskaliert die Lage

Drei Minuten und vierzig Sekunden vor Schluss platzt dem Pistons-Urgestein Isiah Thomas die Hutschnur. Nachdem er von Rick Mahorn umgerannt wird, verpasst er ihm einen Schlag auf die Schulter und wird vom Schiedsrichter unter die Dusche geschickt.

Doch das ist nur der Auftakt zu einer der wüstesten Keilereien in der amerikanischen Sportgeschichte. 14,8 Sekunden vor Schluss führt Philadelphia mit zehn Punkten Vorsprung. Rick Mahorn demütigt seine ehemaligen Teamkollegen zusätzlich mit einem übertriebenen Jubel nach einem Korb. Es kommt zum Scharmützel mit Dennis Rodman, der sich angesichts der dauernden Provokationen nur noch knapp beherrschen kann.

Bill Laimbeer hat nicht mehr so viel Contenace. Ihm, der sich via Zettel in der Kabine beleidigen lassen musste, knallt es endgültig die Sicherungen raus. Laimbeer schnappt sich den Ball und wirft ihn Mahorn an den Kopf. Das gefällt wiederum seinem Erzfeind Charles Barkley nicht. Er deckt Laimbeer mit einer Serie von Faustschlägen ein und trifft ihn hart am linken Auge.

Nach diesem Korb von Rick Mahorn nimmt die Schlägerei kurz vor Spielschluss ihren Lauf. GIF: Youtube/ScottPippenBulls

Zehn Minuten Chaos und ein tagelanges Nachspiel

Die nächsten zehn Minuten herrscht Tumult im «Pistons Palace». Fast alle Spieler mischen sich in die Schlägerei ein. Schiedsrichter Jack O'Donnel und seine Kollegen verlieren komplett die Kontrolle. Körperknäuel rollen über das Parkett – es wird wird gehauen, geschubst, getreten und gekratzt. Als Charles Barkley aus der Halle geschickt wird, versucht ihm ein Zuschauer einen Faustschlag zu verpassen. Barkley revanchiert sich, indem er ihm direkt ins Gesicht spuckt.

Nachdem die Ordnung endlich wieder hergestellt ist, gewinnen die 76ers das Spiel mit 107:97 und sind damit Sieger der Atlantic Division. Die Prügelei beschäftigt die Liga noch tagelang. Vizepräsident Rod Thorn nach Sichtung der Videoaufnahmen: «Obwohl niemand ernsthaft verletzt wurde, war das einer der schlimmsten Zwischenfälle während meiner Zeit in der NBA.»

Beide Teams werden im Nachgang mit einer Strafe von 50'000 Dollar belegt. Je fünf Spieler müssen für ihre Tätlichkeiten zusätzlich 500 Dollar berappen. Scott Hastings von den Pistons erhält eine Rechnung über 10'000 Dollar und die beiden Haupttäter Barkley und Laimbeer müssen beide mit 20'000 Dollar büssen. Heutzutage könnten sie für diese Summe nicht einmal mehr einen bösen Tweet verschicken.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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