Unvergessen

Rainer Schönfelder löst am Lauberhorn seine Wettschulden ein. Bild: gepa

10.01.2007: Rainer Schönfelder rast am Lauberhorn die längste Abfahrt der Welt nackt hinunter

10. Januar 2007: Eigentlich will Rainer Schönfelder wegen Schmerzen schon aus Wengen abreisen, dann wird er wie durch ein Wunder wieder gesund – und fährt als Dank dafür nackt die Piste hinunter.

10.01.16, 00:01

Rainer Schönfelder ist im Skizirkus als Clown und Spassvogel bekannt. Diverse Aktionen hat er schon durchgezogen. Auch sportlich sorgt er immer wieder für Aufsehen: Je zwei Olympia- und WM-Medaillen, der Sieg im Slalomweltcup und fünf Weltcupsiege schmücken sein Palmarès. Neun Podestplätze stehen vor dem Rennen in Wengen im Januar 2007 zudem in seiner Vita. Acht weitere werden bis zu seinem Rücktritt 2013 noch folgen.

Doch vor den Lauberhornrennen 2007 – wo Schönfelder 2001 und 2004 im Slalom auf Rang 2 fuhr – geht es dem Österreicher mies. Tage zuvor ist er bei einer Trainingsfahrt auf der Turracher Höhe gestürzt. Ein Schleudertrauma und Schmerzen, die sich täglich eher verschlimmern, sind die Folgen. Verschiedene Therapien sprechen nicht an. Am Dienstag ist der Techniker derart am Ende, dass er eigentlich aus dem Berner Oberland abreisen will, um sich in der Heimat behandeln zu lassen. 

Olympia 2006: Rainer Schönfelder (Mitte) feiert Slalom-Bronze mit Olympiasieger Benjamin Raich (links) und Silbermedaillen-Gewinner Reinfried Herbst.
Bild: EPA

«Nackert? Nie! I hab do de Handschuh' ang'habt ...» 

Sein Physiotherapeut zaubert noch eine letzte Behandlungsmethode aus dem Hut und wendet eine spezielle Manualtechnik an. «Wirst sehen, morgen geht's dir besser!», verspricht er zum Abschluss, worauf Schönfelder entgegnet: «Wenn die Schmerzen morgen nachlassen, fahr ich nackert einen Hang runter!»

«Ich hätte nie im Traum gedacht, dass so eine Aktion sowas auslösen kann!»

Rainer Schönfelder nach seiner Nacktfahrt.

Dass er am nächsten Tag tatsächlich im Adamskostüm über die Piste flitzt, hat er da wohl nicht geglaubt. Obwohl «Schöni» Jahre später richtig stellt: «Nackert? Nie! I hab do de Handschuh' ang'habt …» Und nicht nur das. Pflichtbewusst trägt der 29-Jährige neben Skischuhen auch seinen orange-blauen Helm, als er neben der gesperrten Piste ins Tal wedelt und den frühlingshaften Tag im Berner Oberland geniesst.

Rainer Schönfelder hatte nicht mit Fotografen gerechnet. Bild: eq Images

Ein Fotograf hielt die Aktion fest

Warum neben der Piste? Bei frühlingshaften 15 Grad wird das Training abgesagt, obwohl die Fahrer schon oben bereit stehen. Schönfelder wartet einige Minuten, dann löst er sein Versprechen ein. Denn: «Wettschulden sind Ehrenschulden. Da fährt die Eisenbahn drüber», wie er erklärt und ergänzt: «Zum Glück war es nicht kalt!»

Der Österreicher hat aber nicht nur Glück. Denn entgegen seiner Erwartung wird die Aktion von einem Fotografen für die ganze Welt festgehalten. GEPA-Knipser Andreas Tröster erzählt später von seinem Coup: «Ich bin auf der Piste gestanden. Plötzlich hat mich ein Soldat angestossen und gemeint: ‹Schau, da fährt ein Nackter.›» Tröster knipst und Schönfelder verneint, dass es sich um einen in die Aktion eingeweihten Fotografen und somit einen PR-Gag handelt: «Den Fotografen habe ich irgendwie übersehen, es war eine interne Wette und die Aktion war natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.»

Medienwelle bis Mexiko und Japan

Damit ist es wenig später vorbei. GEPA-Chef Martin Ritzer staunt: «Die Fotos haben eine Dynamik ausgelöst, wie bisher nur das Foto von Hermann Maiers Sturz in Nagano.» Tatsächlich wird das Bild auf Zypern, in Mexiko und Japan gedruckt und erscheint auf CNN und der New York Times. «Ich hätte nie im Traum gedacht, dass so eine Aktion sowas auslösen kann», fasst Schönfelder zusammen.

«Ich hatte eine Wette einzulösen. Zum Glück war es nicht kalt!» 

Rainer Schönfelder über seine Beweggründe.

Ganz alle haben allerdings nicht ungehemmte Freude an der Aktion. ÖSV-Alpinchef Hans Pum verhält sich seinem Amt entsprechend gewissenhaft und büsst den Paradiesvogel: «Nach dieser Blödheit muss er sich für etwas Gutes zur Verfügung stellen, und zwar einen Tag für wohltätige Zwecke – aber angezogen. Er hatte eine rechte Freude mit dieser Aktion, ich habe jetzt eine Freude, weil er nun was machen muss. Vielleicht in einem Altersheim oder mit Kindern.» «Schöni» nimmt's gelassen: «Ich bin angenehmst beeindruckt von der Reaktion meiner Chefs im Skiverband – man sieht, sie sind viel lockerer als ihr Ruf!».

Zur Strafe ein Tag Sozialarbeit

Vor positiven Reaktionen und Angeboten für den Straf-Einsatz kann sich Schönfelder kaum retten: «Bei meinem Management gehen die Mailboxen über, meine Website ist schon kurzfristig zusammengebrochen, die Menschen haben so positiv reagiert und so schöne Sachen geschrieben, das hat mich echt gerührt. Weil die Leute mich darin bestärken, Gefühle zu zeigen. Und seiner Lebensfreude Ausdruck zu verleihen, ist ja nichts Schlimmes.»

Der Slalom vom Wochenende findet am Lauberhorn dann übrigens nicht statt. In der Kombination nimmt Schönfelder aber teil, er klassiert sich in der Abfahrt auf Rang 24 und arbeitet sich im Slalom noch auf Platz 17 vor.

Rainer Schönfelder gewinnt 2013 mit Tanzpartnerin Michaela Stöckli bei Dancing Stars.
YouTube/NEWS.AT

Erfolge als Sänger und Tänzer

Am 26. Oktober 2013 verkündet Schönfelder mit 36 Jahren beim Saisonstart in Sölden eher unerwartet seinen Rücktritt. Am Tag darauf wird er verabschiedet.

Der «Ski-Clown» ist aber nicht nur auf der Piste erfolgreich durchgestartet. 2001 stürmt er mit «Schifoan» die Top 20 der österreichischen Charts, 2003 wiederholt er den Erfolg mit «Popmusic». 2013 gewinnt er zusammen mit Manuela Stöckli die achte Staffel von «Dancing Stars» in Österreich.

Michael Jackson kann er auch: Schönfelder brilliert mit dem Moonwalk.
YouTube/Russkaja

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Lieber nackt als so angezogen!

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
0Alle Kommentare anzeigen
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!

40 Jahre alt: Das «Sportpanorama» ist die Sendung, für die sich die Billag lohnt

Am Sonntag feiert das Schweizer Fernsehen ein Jubiläum: Das «Sportpanorama» wird 40 Jahre alt. Es ist sich stets treu geblieben und hat sich dennoch immer neu erfunden. So ist es längst ein Klassiker, der aus der TV-Landschaft nicht wegzudenken ist.

Da blieben meine Eltern hart: «Sport am Wochenende» am Sonntagabend durfte ich nur schauen, wenn ich zuvor ein halbe Stunde lang das Blockflötenspiel geübt habe. Es blieb die einzige halbe Stunde in der Woche, weswegen meine musikalische Karriere überschaubar ist.

Umso bessere Erinnerungen als an die Blockflöte habe ich an das Sport-Flaggschiff des Schweizer Fernsehens. Schliesslich bin ich zu einer Zeit aufgewachsen, in der es nur recht selten Live-Sport gab. Die Skirennen wurden schon damals …

Artikel lesen