Unvergessen
Switzerland's Pascal Richard poses with the gold medal he won in the men's Olympic cycling road race at the Centennial Summer Games in Atlanta on Wednesday, July 31, 1996.   (KEYSTONE/AP Photo/Lionel Cironneau)

Auf dem Höhepunkt: Pascal Richard wird 1996 Olympiasieger. Bild: AP NY

Pascal Richard

31.07.1996: Armstrong, Indurain und allen anderen Radsport-Grössen schlägt er ein Schnippchen, aber ein Voodoo-Magier nimmt ihm später 200'000 Franken ab

31. Juli 1996: Pascal Richard gilt als einer der schlausten Radprofis der Schweizer Geschichte. Bei Olympia in Atlanta krönt er seine Karriere. Danach läuft leider nicht mehr viel zusammen – auf und neben dem Velo.

31.07.14, 00:01 31.07.14, 08:14

Die Aufregung vor den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta ist gross. Erstmals sind die Profi-Radfahrer zugelassen: Armstrong, Indurain, Museeuw und Riis – die Stars sorgen für das bestbesetzte olympische Radrennen der 100-jährigen Geschichte. Rund 15 Favoriten auf den Sieg werden genannt. Unter ihnen auch der Schweizer Pascal Richard.

Dieser hätte seinen Platz beinahe verschenkt. vor der Selektion erklärte der Romand, dass er seinen Platz Rolf Järmann geben werde, falls dieser nicht nominiert werde. Aus Dankbarkeit für seine Dienste. So war er, Pascal Richard. Ehrlich, gutgläubig und mit grossem Gerechtigkeitssinn.

Eine Million Lohn nicht ausbezahlt erhalten

Im Laufe seiner Karriere wird er auch darum um fast eine Million Franken geprellt. 700'000 Franken erhielt er nie vom Team Festina, das ihn 1992 entliess und beim Karrierenende 2000 zahlt die Equipe Linda McCartney nicht den vollen Lohn aus. Richard verliert 300'000 Franken. Dass er schlecht mit Geld umgehen konnte, wird ihn später noch einmal einholen. Doch jetzt, 1996, ist es Zeit für den grössten Triumph.

Pascal Richard nach der Quer-WM 1988 in Haegendorf. Bild: KEYSTONE

Pascal Richard (l.) und Beat Breu bei der Quer-WM 1988. Beide mit Freudentränen. Bild: KEYSTONE

Mit dem Schlussspurt zum Sieg

Richard war vielseitig wie kaum ein Fahrer auf dem Velo. 1988 wird er Quer-Weltmeister vor Beat Breu. Die grösste Krise 1992 übersteht der starke Bergfahrer und entwickelt sich zum Siegfahrer: die Tour de Suisse gewinnt er 1993 und 1994, die Lombardei Rundfahrt und die Tour de Romandie 1993, Lüttich-Bastogne-Lüttich 1996. Dazu gesellen sich zwei Etappensiege an der Tour de France und deren vier beim Giro sowie das Bergpreistrikot 1994.

Pascal Richard gewinnt die Tour de Suisse 1994 vor Wladimir Pulnikow (l.) und Gianluca Pierobon (r.). Bild: KEYSTONE

Bei Olympia gehört Richard nach 170 von 221 Kilometern einer 12-köpfigen Fluchtgruppe mit vielen Favoriten an. Es fühlt sich an wie Strassenschach. Armstrong verliert als erster die Nerven und attackiert rund 40 Kilometer vor dem Ziel. Er wird von Richard gekontert, der sich zusammen mit Max Sciandri (GB) und Rolf Sörensen (Dä) absetzen kann. Die drei ehemaligen Teamkollegen arbeiten gut zusammen und werden nicht mehr eingeholt. Alle wissen: Kommt es zum Spurt, ist Richard wohl der Stärkste. 

Darum greift Sörensen in der letzten Runde zweimal an, Sciandri einmal. Doch Richard kann immer kontern. Auf der Zielgeraden wirkt es erst, als ob Sörensen sich doch noch absetzen könnte, bis Richard in der leichten Steigung zurückschlägt und den Titel gewinnt. 

Die letzte Runde bei Pascal Richards Olympiasieg 1996. Video: Youtube/chickasmith

Es ist der erste Schweizer Triumph auf globaler Ebene seit 45 Jahren. Zuletzt gelang dieses Kunststück Ferdy Kübler bei der WM. Richard schwärmt vom «schönsten Tag in meinem Berufsleben», Nationaltrainer Wolfram Lindner weiss den Erfolg ebenfalls einzuschätzen: «Er hat das wichtigste Rennen seiner Karriere gewonnen.» Der einzige Wermutstropfen: Im Gegensatz zum WM-Titel wird für den Olympia-Sieg kein spezielles Trikot überreicht. Richard findet dies «nicht gerecht».

Der Schlussspurt um Olympiagold 1996. Gif: Youtube/chickasmith

Der Fall nach der Karriere

«Nicht gerecht» wird auch das Karriereende von Richard. Er leidet unter Depressionen, wird 1999 aber von Freunden zum Weitermachen überredet, damit er 2000 in Sydney als Titelverteidiger noch einmal bei Olympia starten kann. Die Form würde stimmen, doch Richard wird nicht selektioniert. Er tritt zurück.

Nach der Sportlerkarriere schlittert der gelernte Hochbauzeichner aus Aigle in die Tiefe, wie das der Titel seiner Autobiographie besser nicht beschreiben könnte: «Gigant auf der Strasse – Zwangsarbeiter im Leben, das wahre Gesicht eines Veloprofis». Seine erste Ehe – aus der er zwei Töchter hat – geht in die Brüche, seine Modeboutique in Montreux läuft nicht und muss schliessen und als er 2004 zum Tod von Marco Pantani befragt wird, packt er die eigene Leidensgeschichte aus: «Es ist das System im Radsport, das dich fertig macht. Deshalb erzähle ich, dass ich fast so weit war wie Marco.» Er sei ein Jahr zuvor kurz vor dem Selbstmord gestanden. «Ich habe lang auf meinem Balkon gestanden und mir überlegt, was mich noch an mein Leben bindet. Ich habe nur eine Antwort gefunden: meine Kinder

Richard mit seinen Fluchtgefährten Rolf Sörensen (vorne) und Max Volandri (hinten). Bild: EPA

Der Reinfall mit dem Voodoo-Magier

Ein fast unglaublicher Tiefpunkt des Fahrers, der die Rennen lesen konnte wie kaum ein anderer, ist die Geschichte mit dem schwarzafrikanischen Voodoo-Magier. 2002 kam er gemäss «Blick» mit diesem in Kontakt. Der Wunderheiler versprach ihm, er könne «Banknoten vermehren». Richard gab ihm 200'000 Franken. Natürlich sah er diese nie wieder. Als er die Polizei alarmierte, erwähnte er den Magier nicht, sagte jedoch, dass ihm auch noch vier Luxusuhren im Wert von 20'000 Franken abhanden kamen. 

Richard (r.) auf einer Aufnahme mit Rober Dill Bundi (Olympiasieger Einzelverfolgung 1980) bei einer Veranstaltung 2004. Bild: KEYSTONE

Abgehörte Telefonate und eine internationale Suchaktion brachten Licht ins Dunkle. Die Geschichte mit dem Magier flog genauso auf, wie der Versicherungsbetrug. Richard wurden vier Monate bedingt aufgebrummt. Zu seiner Verteidigung sagte er: «Ich hatte alles verloren. Und ich schämte mich, die Wahrheit zu sagen.» 2006 fasst er zusammen: «Der Radsport hat mir erst alles gegeben, dann hat er mir alles genommen.»

Grossvater und nach zwölf Jahren Pause wieder auf dem Velo

Im Juni 2014 wurde Richard mit 50 Jahren zum ersten Mal Grossvater. Liam heisst sein kleiner Enkel. Richard unterstützte im Juli 2014 die U23-EM in Nyon: «Ich war auch mal jung und das ist eine gute Möglichkeit für die neue Generation ihre Träume zu erreichen», sagte der ehemalige Champion der «Tribune de Genève», der in diesem Jahr schon 3500 Kilometer abspulte.

Zuvor fuhr er gut zwölf Jahre nicht mehr Velo. An seine ersten Fahrten nach der langen Pause erinnerte er sich gegenüber «24 heures»: Im Aufstieg nach Verbier wurde ich von einem anderen Fahrer stehen gelassen. Das war brutal hart.» Dieses Jahr nahm er an der «Cyclotour du Leman» teil. Nach dem knapp fünfstündigen Rennen lachen seine Freunde: «Er fuhr nie Ablösungen im Feld, aber als er Fotografen sah, war er zuvorderst. So wie früher.»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote - alles ist dabei. 

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
Themen
0Alle Kommentare anzeigen
0
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!

auch beim 1000. Mal noch lustig

«Dummi huere Ruederer» und «Schiiss-Ponys» machten Sportreporter Hans Jucker zur TV-Legende

30. Januar 2011: Nach mehr als 40 Jahren beim Staatssender geht Sportreporter Hans Jucker in Pension. Er hat der TV-Nation unvergessene Momente beschert und lebt dank YouTube ewig weiter.

Ein Mann, viele Worte. Als Hans Jucker am 30. Januar 2011 seinen letzten Arbeitstag beim Schweizer Fernsehen hat, geht eine Ära zu Ende. Der rotblonde Säuliämtler war die Allzweckwaffe der Sportabteilung, stets zu Diensten, wenn es wieder einmal über eine Sportart zu berichten galt, die in der Redaktion keiner kannte oder niemand mochte.

Überaus beliebt wie ein Beni Thurnheer war Jucker nie, allenfalls respektiert bei Rennvelo- und Pferdesport-Anhängern, die sein Fachwissen zu würdigen …

Artikel lesen