Unvergessen

Der grösste Erfolg seiner Karriere: Vandenbroucke gewinnt den Klassiker Lüttich – Bastogne – Lüttich. Bild: AP

Rad-Star Vandenbroucke torkelt aus der Disco zum Zmorge und gewinnt danach eine Vuelta-Etappe

24. September 1999: Frank Vandenbroucke ist eine schillernde Persönlichkeit. Auserkoren als Belgiens Radsport-Idol scheitert er aber früh an sich selber. Der Lebemann wird bloss 34 Jahre alt.

Publiziert: 24.09.16, 00:01

El Escorial, eine Kleinstadt vor den Toren Madrids. Am Start zur 19. Etappe der Spanien-Rundfahrt steht Frank Vandenbroucke, den seine Teamkollegen schief anschauen. Denn laut dem «Blick» werden sie nur wenige Stunden zuvor Zeuge davon, wie der Belgier vom Ausgang zurückkehrt: «VdB» torkelt zum Zmorge, Champagnerflasche in der Hand, Zigarre im Mund. Er sieht die Blicke der anderen und entgegnet lässig: «Keine Panik, heute siege ich in Avila!»

Keine fünf Stunden nach dem Startschuss winkt in Avila vom Siegerpodest: Frank Vandenbroucke.

Die letzten Meter beim Solosieg in Avila. Video: streamable

Er säuft und raucht wie ein Schlot

1999 ist Vandenbrouckes bestes Jahr: Er gewinnt Lüttich – Bastogne – Lüttich und Paris – Nizza, obwohl er raucht und säuft, sobald er nicht im Sattel sitzt. Und er bemüht sich offenbar auch gar nicht, seinen für einen Veloprofi ungewöhnlichen Lebensstil zu verbergen.

Der Italiener Nicola Miceli erinnert sich an jene Vuelta und einen Fahrer, der ihm selber schier die Lust aufs Velo genommen habe: Frank Vandenbroucke. «Er kam im Morgengrauen zurück, mit einem Mädchen im Arm, manchmal betrunken und dann fuhr er uns trotzdem um die Ohren. Du trainierst wie verrückt, ordnest alles dem Erfolg unter und dann siehst du so einen, wie er besser ist und du fragst dich: ‹Was zum Teufel mache ich noch hier?›»

Drogen für den Hund?

Der Stern des Belgiers beginnt indes bald zu sinken. Er wird von Depressionen geplagt, hat Drogenprobleme, wegen häuslicher Gewalt die Polizei im Haus – und wird wie viele andere Rennfahrer seiner Generation wegen Doping gesperrt. Man findet verbotene Mittel und Vandenbrouckes durchaus originelle Reaktion darauf lautet: Das Clenbuterol sei für seinen Hund bestimmt gewesen. Einige Jahre später wird ihm in einem psychiatrischen Gutachten ein «Verlust des Realitätssinns» attestiert.

Ein «enfant terrible», das stets Schlagzeilen generierte: Vandenbroucke an einer Medienkonferenz. Bild: EPA ANP FILES

Als er im Sommer 2006 wieder einmal von einem Team entlassen wird, legt er sich laut «Gazzetta dello Sport» eine neue Identität zu. Aus Frank Vandenbroucke wird Francesco Del Ponte, der sich anonym bei Amateur-Rennen in Italien fit hält. Ein Jahr darauf will sich «VdB» das Leben nehmen. Aber ein Teamkollege findet ihn, von einer Überdosis Schlaftabletten bewusstlos, noch rechtzeitig in seiner Wohnung und alarmiert den Notarzt.

«Viel Whiskey, eine Spritze und eine Frau: Die letzte Nacht des Rad-Stars.»

Schlagzeile von «Het Laatste Nieuws»

Vandenbroucke gibt trotz allem ein Comeback, wechselt noch einmal fleissig die Teams, unternimmt einen zweiten Selbstmordversuch («Ich habe mir eine Dosis Insulin gespritzt, die selbst ein Pferd umgehauen hätte») und stirbt schliesslich am 12. Oktober 2009 den Tod eines Rockstars: Nach jahrelangem Drogenkonsum stirbt er in den Ferien im Senegal in den Armen einer Prostituierten.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
Um nichts zu verpassen, like uns auch auf Facebook!

Als die Tour de France 1948 die Schweiz besuchte

Unvergessene Radsport-Geschichten

13.07.1967: Tom Simpson stirbt am Mont Ventoux – und sein Name wird zu einem Mahnmal für alle Radsport-Profis

20.07.2006: Floyd Landis begeistert die Sportwelt mit einer historischen Flucht – und wird kurz nach dem Tour-Sieg als Doper entlarvt

24.04.1993: Järmann schlägt im Sprint Weltmeister Bugno und gewinnt das Amstel Gold Race

30.01.2011: «Dummi huere Ruederer» und «Schiiss-Ponys» machen Reporter Hans Jucker zur Legende

15.10.2011: Für einen Tag schlüpft Oliver Zaugg aus der Rolle als Helfer und feiert den grössten Triumph seiner Karriere

14.02.2004: Der Pirat geht von Bord – aber in den Herzen der Fans lebt Marco Pantani ewig

21.07.2009: Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

17.06.1981: «Dä Gottfried isch für mich gschtorbe!» – 2 Tage nach dem Zitat seines Lebens fliegt Beat Breu ins Leadertrikot

14.07.2003: Armstrong rettet sich nach dem Horrorsturz von Beloki mit einem Höllenritt querfeldein über das Kornfeld

22.07.2001: Sven Montgomery erlebt an der Tour den schönsten Moment seiner Karriere – und nur drei Tage später den schlimmsten

11.10.1998: Ein halbes Jahrhundert nach Ferdy Kübler trägt mit Oscar Camenzind endlich wieder ein Schweizer das Regenbogentrikot

22.03.1995: Du kannst im Fitness-Center strampeln wie du willst – an den durchdrehenden Nüscheler kommt keiner ran

17.07.1992: Der Thurgauer Rolf Järmann bodigt Ex-Gesamtsieger Pedro Delgado und gewinnt die längste Tour-Etappe

09.04.2006: Ein Lenkerbruch und ein Albtraumsturz zerstören den grossen Traum von Armstrongs Edelhelfer

Alle Artikel anzeigen

Hol dir jetzt die beste News-App der Schweiz!

  • watson: 4,5 von 5 Sternchen im App-Store ☺
  • Tages-Anzeiger: 3,5 von 5 Sternchen
  • Blick: 3 von 5 Sternchen
  • 20 Minuten: 3 von 5 Sternchen

Du willst nur das Beste? Voilà:

Meistgelesen

1

Donald Trumps kreativer Umgang mit der Wahrheit: 5 krasse Lügen aus …

2

Clinton erringt Punktsieg gegen Trump: Die 16 wichtigsten Fragen und …

3

Was denken Vertreter unserer Eishockey-Klubs wirklich? Wir haben …

4

Diese 22 Parkier-Fails zeigen, warum du trotzdem besser mit dem ÖV …

5

Beim Sex mit Colin Firth braucht Renée Zellweger einen besonders …

Meistkommentiert

1

Nassim Ben Khalifa trainiert beim FC Lausanne +++ Gladbach verlängert …

2

Nationalrat will Verhüllungsverbot selber an die Hand nehmen

3

Krankenkassenprämien steigen 2017 im Schnitt um 4,5 Prozent

4

So schützt du deine Privatsphäre vor dem Geheimdienst

5

Balthasar Glättli nach dem Ja zum NDG: «Sogar Parlamentarier haben …

Meistgeteilt

1

Roman Josi, Superstar! Jetzt wartet auf den Dauerbrenner die …

2

Nach dem Ja zum Hockey-Tempel werden die ZSC Lions zum FC Basel des …

3

Barnetta ist St.Gallens Antwort auf Beckham und der beste Transfer, …

4

Wahlkampf im Jahr 2016 ist irgendwie merkwürdig, gell Hillary?

5

Ralph Krueger und die unwahrscheinliche Erfolgsstory des Team Europa

0 Kommentare anzeigen
0
Logge dich ein, um an der Diskussion teilzunehmen
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600

Genialste Motivation ever: Mutter nimmt 65 Kilo ab, weil ihr Kind sie als Klumpen zeichnet

Es gibt viele Gründe, um ein paar Kilo abzuspecken. Etwa die Gesundheit oder vielleicht ein neues Bikini. Die Waliserin Meryem Davis hatte eine besonders gute Motivation, um abzunehmen: eine Zeichnung von ihrem Kind.

Ihr kleiner Thomas sollte in der Schule ein Bild von seiner Familie zeichnen. Was dabei herauskam, war: vier Strichmännchen, Thomas und seine Geschwister, ein «Daddy» mit normaler Postur und ein Klumpen etwas, das aussah wie eine Kartoffel – aber eigentlich Mutter Meryem …

Artikel lesen