Unvergessen

Bild: AFP

Armstrong rettet sich nach Horrorsturz von Beloki querfeldein über die Wiese

14. Juli 2003: Joseba Beloki und Lance Armstrong jagen in der Abfahrt nach Gap dem ausgerissenen Alexander Winokurow nach. Für den Basken endet der Höllenritt im totalen Fiasko, Tour-Favorit Armstrong kommt mit dem Schrecken davon.

14.07.17, 00:01 14.07.17, 06:32

Stürze gehören zur Tour de France dazu. Praktisch jeder Radprofi, der die Grande Boucle bestreitet, hat schon einmal Bekanntschaft mit dem Asphalt gemacht. Meistens enden die Crashs mehr oder weniger glimpflich – ein paar Prellungen hier, ein paar Schürfwunden dort. Anders ist das beim verhängnisvollen Sturz von Joseba Beloki bei der Tour de France 2003.

Die 9. Etappe führt am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, über 184,5 Kilometer von Bourg d'Oisans nach Gap. Es ist die zweitletzte Alpen-Etappe, am Tag zuvor stand der legendäre Aufstieg zur Alpe d'Huez auf dem Programm. Dort hat Belokis Landsmann Iban Mayo triumphiert, der damals vierfache Tour-Sieger Lance Armstrong das Gelbe Trikot übernommen.

Joseba Beloki ist Armstrongs härtester Widersacher. Bild: AP

Doch die Herausforderer sind am Berg erstmals seit Jahren mindestens ebenbürtig und wittern ihre Chance, Armstrong in Bedrängnis zu bringen. Beloki liegt im Gesamtklassement nur 40 Sekunden hinter dem Tour-Favoriten zurück. Beim letzten Aufstieg rund 10 Kilometer vor dem Ziel greift Alexander Winokurow unwiderstehlich an und setzt sich ab.

Fatales Rutschen auf dem heissen Asphalt

In der Abfahrt von der Côte de La Rochette will es ihm Beloki gleichtun. Der Captain des Once-Teams riskiert viel. Zu viel. Bei der rasenden Verfolgungsjagd rutscht der Baske – mit Armstrong am Hinterrad – auf dem durch die Hitze aufgeweichten Asphalt aus und stürzt brutal.

Belokis Sturz und Armstrongs wilder Ritt. Video: YouTube/gregdu61

Armstrong kann gerade noch ausweichen, doch die folgende Rechtskurve erwischt er nicht mehr. Querfeldein jagt er über das abgemähte Kornfeld. Nur knapp entgeht er einem Sturz. Unten angekommen trägt er sein Velo über einen kleinen Graben und schliesst sich wieder der Verfolgergruppe an.

Armstrongs wilder Ritt über das Kornfeld. Bild: Getty Images

«Das war ein Überlebensreflex von mir. Ich hatte Panik. Es war Glück, dass es bei mir nur ein Cross-Abstecher war.»

Lance Armstrong

Der Texaner kann nach dem Sprung auf die Strasse weiterfahren. Bild: Getty Images

«Das war ein Überlebensreflex von mir, über das Feld zu fahren», sagt Armstrong im Ziel. «Wir wollten unbedingt Winokurow einholen. Joseba ist zu schnell in die Kurve gegangen und hat zu stark gebremst. Ich hatte Panik. Es war Glück, dass es bei mir nur ein Cross-Abstecher war. Der Bodenbelag war aufgeweicht und die Abfahrt alles andere als sicher.» Die unfreiwillige Abkürzung hat für den Texaner keine Konsequenzen.

Künstliches Ellbogengelenk und Titanscheibe im Bein

Für Beloki ist die Tour jedoch gelaufen. Er bricht sich den Oberschenkelhals im rechten Bein, das rechte Handgelenk und den rechten Ellenbogen. Noch auf der Fahrt ins Spital ruft der Pechvogel seine hochschwangere Frau Gema in der Heimat an, die erschüttert die Bilder am Fernseher miterlebte. «Das wird meine Rundfahrt», hatte der Vorjahreszweite Beloki noch vor dem Start in Paris gesagt. Wie man sich täuschen kann.

«Das wird meine Rundfahrt.»

Beloki vor dem Tourstart

Beloki schreit vor Schmerzen. Bild: AP L'EQUIPE POOL

«Der Sturz steckt immer noch in meinem Kopf, er hat tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen»

Joseba Beloki

Armstrong meldet sich noch am Abend telefonisch bei Beloki im Krankenhaus und lässt gute Besserung ausrichten. «Es tut mir so leid für Joseba. Das sind die schlimmen Momente im Radsport», so der Mann in Gelb.

«Welch ein Schmerz», titelt die Sporttageszeitung AS am Morgen danach. Der schlimme Sturz ihres Lieblings versetzt die iberische Halbinsel in einen Schockzustand. «Das Leben ist so ungerecht. Die Tour ist für uns gelaufen», klagt Once-Teamchef Manolo Saiz. Im nächsten Moment denkt Saiz aber schon an die Zukunft: «Sein Vertrag läuft aus. Ich glaube, es ist nun der richtige Augenblick, ihm einen neuen anzubieten.»

Mit dem Krankenauto wird der Once-Captain abtransportiert. Bild: AP

Doch der Vertrag wird nicht verlängert und Beloki nie mehr so stark wie vor dem Sturz. Nur um die bösen Geister aus seinem Gedächtnis zu verjagen, tritt er zwei Jahre nach der fatalen Abfahrt von der Côte de La Rochette wieder zur Tour an. Mit einem künstlichen Ellenbogengelenk und einer Titanscheibe mit fünf Schrauben im Bein. 

Beloki wird den Sturz nie vergessen

«Der Sturz steckt immer noch in meinem Kopf, er hat tiefe Spuren in meinem Leben hinterlassen», gesteht Beloki damals ein. «Jeden Tag werde ich mit Kommentaren oder Bildern davon konfrontiert. Ich muss mich davon befreien. Ich will nicht, dass man sich später nur wegen dieses Sturzes an mich erinnert, und nicht wegen meiner drei Podestplätze.»

Ein Schild erinnert heute an die Sturzstelle. Bild: Getty Images Europe

Mehrfach wechselt Beloki in der Folge das Team. Ab 2005 fährt er für das spanische Team Liberty Seguros mit seinem ehemaligen sportlichen Leiter Manolo Saiz. Dieser wird jedoch im Mai 2006 wegen des Kaufs von Dopingmitteln festgenommen. Der Sponsor Liberty springt daraufhin ab, das Team wird geschlossen.

Im Rahmen des Dopingskandals 2006 wird Beloki einen Tag vor dem Start von der Tour de France ausgeschlossen. Danach beendet der Baske seine aktive Karriere. Er bleibt der Mann, den man nur wegen seines Sturzes in Erinnerung behält und nicht wegen seiner drei Podestplätze.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Thomas Voeckler an der Tour de France

Unvergessene Radsport-Geschichten

30.01.2011: «Dummi huere Ruederer» und «Schiiss-Ponys» machen Reporter Hans Jucker zur Legende

14.02.2004: Der Pirat geht von Bord – aber in den Herzen der Fans lebt Marco Pantani ewig

17.06.1981: «Dä Gottfried isch für mich gschtorbe!» – 2 Tage nach dem Zitat seines Lebens fliegt Beat Breu ins Leadertrikot

14.07.2003: Armstrong rettet sich nach dem Horrorsturz von Beloki mit einem Höllenritt querfeldein über das Kornfeld

20.07.2006: Floyd Landis begeistert die Sportwelt mit einer historischen Flucht – und wird kurz nach dem Tour-Sieg als Doper entlarvt

11.10.1998: Ein halbes Jahrhundert nach Ferdy Kübler trägt mit Oscar Camenzind endlich wieder ein Schweizer das Regenbogentrikot

15.10.2011: Für einen Tag schlüpft Oliver Zaugg aus der Rolle als Helfer und feiert den grössten Triumph seiner Karriere

22.07.2001: Sven Montgomery erlebt an der Tour den schönsten Moment seiner Karriere – und nur drei Tage später den schlimmsten

24.04.1993: Järmann schlägt im Sprint Weltmeister Bugno und gewinnt das Amstel Gold Race

13.07.1967: Tom Simpson stirbt am Mont Ventoux – und sein Name wird zu einem Mahnmal für alle Radsport-Profis

09.04.2006: Ein Lenkerbruch und ein Albtraumsturz zerstören den grossen Traum von Armstrongs Edelhelfer

22.03.1995: Du kannst im Fitness-Center strampeln wie du willst – an den durchdrehenden Nüscheler kommt keiner ran

17.07.1992: Der Thurgauer Rolf Järmann bodigt Ex-Gesamtsieger Pedro Delgado und gewinnt die längste Tour-Etappe

21.07.2009: Jens Voigt stürzt fürchterlich und gibt drei Tage später ein obercooles Interview

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die catson-App!

Die flauschigste App der Welt! 10 von 10 Katzen empfehlen sie ihren Menschen weiter.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
5Alle Kommentare anzeigen
5
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • Boogie Lakeland 15.07.2017 12:35
    Highlight Damals war ich sowas von Armstrong Fan. Sein Ritt übers Feld ist geil und hat stil- Doping hin oder her.
    Beloki blieb mir wegen diesem Sturz, den Podestplätzen und seiner speziellen Körperhaltung bei den Aufstiegen in Erinnerung.
    Den hab ich immer mehr respektiert als Ullrich
    2 1 Melden
    600
  • Mia_san_mia 14.07.2017 11:19
    Highlight Oh nein der 14. Juli 2003... Da musste ich in die RS einrücken 😂🙈
    4 0 Melden
    600
  • kleiner_Schurke 14.07.2017 09:22
    Highlight Unvergessen sind auch die gewaltigen systematischen Betrügereien von Armstrong. Er ist eine Schande für den Sport!
    24 16 Melden
    • Radiochopf 14.07.2017 10:31
      Highlight die anderen Team-Kollegen wurden von Armstrong durch seine jahrelangen Klagen in den Ruin getrieben und haben ihre Strafen erhalten.. er wurde nicht bestraft.. ist immernoch Milionär, hat mehrfach unter Schwur gelogen und wird immernoch gefeiert und ein freier Mann.. man muss nur mal seine Twitter-Kommentare lesen umzu verstehen, dass er sich immernoch als Held und Vorbild sieht..
      10 5 Melden
    • sanmiguel 14.07.2017 22:54
      Highlight ist er auch
      4 2 Melden
    600

Sagans Tour-Ausschluss ist ein Entscheid für die Glaubwürdigkeit des Sports

Peter Sagan ist der Superstar des Radsports. Trotzdem traute sich die Jury der Tour de France, den Weltmeister aus dem Rennen zu verbannen. Sagan hatte mit einem Ellbogencheck Kontrahent Mark Cavendish zu Fall gebracht.

Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen. Das gilt nur zu oft, im Sport wie auch im «richtigen» Leben.

Peter Sagan ist einer der Allergrössten des modernen Radsports. Gerade deshalb ist es umso erstaunlicher, dass die Rennjury der Tour de France einen mutigen Entscheid gefällt hat. Sie hat den amtierenden Strassen-Weltmeister ausgeschlossen, nachdem er im Zielsprint der 4. Etappe in Vittel den Sturz von Gegner Mark Cavendish provoziert hatte. Zunächst wurde Sagan hinter dem …

Artikel lesen