Wirtschaft

Die Rockband Minus One in Aktion. Bild: Martin Meissner/AP/KEYSTONE

Uber ist überall: So könnt ihr arbeiten wie ein Rockstar

Jeder vierte Schweizer arbeitet heute in der Gig-Economy. Aber was ist das, und wie finde ich mich da zurecht? Zum Glück gibt es immer mehr Plattformen, auf denen Freelancer und ihre Kunden wie bei Tinder zusammenfinden.

21.11.16, 13:26 21.11.16, 20:58

Ein Gig ist in der Sprache der Rockmusiker ein Auftritt, für den man in der Regel auch eine Gage erhält. Rockmusiker sind freie Unternehmer. Sie erhalten also keinen festen Lohn, zahlen nicht automatisch in die AHV ein, haben keine Pensions- oder Krankenkasse. Wenn sie es geschafft haben, die Hitparaden stürmen und Millionengagen scheffeln, dann ist das kein Problem. Aber was, wenn die Gage gerade mal zum Überleben reicht?  

Genau vor diesem Problem stehen heute bereits 25 Prozent aller Schweizer Arbeitnehmer. Sie sind in einer Gig-Economy tätig, will heissen: Sie haben keinen festen Arbeitsplatz, sondern hangeln sich als Freelancer wie Rockbands von Gig zu Gig. Das heisst auch, dass sie keine geregelten Sozialleistungen haben.

Bald ohne Fahrer unterwegs: Ein Uber-Testwagen. Bild: EPA/UBER

Sinnbildlich für diese neue Wirtschaftsform ist der Taxidienst Uber. Sind die Fahrer freie Unternehmer oder Angestellte? Welche Ansprüche auf Sozialleistungen haben sie? Darüber wird vor Gerichten und auf der Strasse heftig gestritten.  

«Wir sind ein Einkaufszentrum, das Dienstleistungen für einen durchgehenden digitalen Prozess anbietet.»

Thomas Löhrer, Gigme

Uber ist kein Einzelfall, etwas überspitzt kann man das Wortspiel wagen: Uber ist überall. Heute schon arbeiten in der Schweiz 1,2 Millionen Menschen als Freelancer in der Gig-Economy, und künftig werden es noch deutlich mehr sein. Darüber sind sich die beiden Beratungsfirmen McKinsey und Deloitte einig. Beide haben unabhängig voneinander Studien zum Arbeitsplatz der Zukunft durchgeführt, und beide sind zum gleichen Ergebnis gekommen.  

Die Gig-Economy entwickelt sich rasant

Bei McKinsey tönt dies wie folgt: «Digitale Plattformen verändern das unabhängige Arbeiten. Dank der Allgegenwärtigkeit von mobilen Geräten, einem enormen Pool von Arbeitskräften und Kunden und der Möglichkeit von Echtzeit-Information finden die zwei besser zueinander. Die rasche Zunahme dieser Plattformen legt die Vermutung nahe, dass wir gerademal den Anfang gesehen haben.»  

Eine dieser erwähnten Plattformen heisst Gigme. Sie erlöst Einzelunternehmer, Studenten, teilzeitarbeitende Wiedereinsteiger und Projektgruppen vom Bürokram mit den Sozialversicherungen. «Wir sind ein Einkaufszentrum, das Dienstleistungen für einen durchgehenden digitalen Prozess anbietet, der allen Nutzern diejenigen Arbeiten abnimmt, die nichts mit der eigentlichen Leistung zu tun haben», sagt Thomas Löhrer von Gigme.  

Marilyn Monroe auf Tinder: Moderne Jobsuche funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Bild: tinder

Gigme funktioniert ein bisschen wie Tinder. Arbeitgeber und Arbeitnehmer hinterlegen ihr Profil und wischen sich auf der Plattform durch, bis zusammenfindet, was zusammengehört. Man kann dies mit gutem Gewissen machen. Gigme ist im engen Kontakt mit den Gewerkschaften und achtet darauf, dass soziale Verpflichtungen eingehalten werden. «Zusammen mit einer international tätigen Versicherungsgesellschaft und in Kooperation mit öffentlichen Stellen wurde ein Paket geschnürt, welches sicherstellt, dass alle Abgaben und Versicherungen gesetzeskonform abgewickelt und bezahlt werden», versichert Löhrer.  

Echtzeitdaten über den Jobmarkt

Orientierungshilfe in der verwirrenden Welt der Gig-Economy bietet auch Job-Trends.ch, eine Plattform, die seit heute aktiv ist. Auf dieser Plattform wird sofort ersichtlich, welche Berufe in welchem Teil der Schweiz gesucht sind und wie hoch die Anforderungen sind. «Wir liefern aktuelle Wasserstandsmeldungen über den Schweizer Jobmarkt», sagt Basil Schläpfer von der Organisation «politan» die job-trends.ch zusammen mit «Angestellte Schweiz» und «x28» entwickelt hat.

Dazu kommen Informationen über die Routineintensität. Sie gibt Auskunft darüber, wie standardisiert ein bestimmter Job bereits ist. Das Offshore-Risiko zeigt an, ob ein Job ins Ausland verlagert werden kann, und das Anforderungsprofil beleuchtet den Anforderungshintergrund. Die Digitalisierung schliesslich misst das Risiko, dass bald ein Roboter diesen Job erledigen wird.

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  • dracului 22.11.2016 08:28
    Highlight Diese Entwicklung ist für viele Schweizer nicht verständlich, da hier die lebenslange Anstellung immer noch als Kern der Arbeitswelt wahrgenommen wird. Das zunehmende bedarfsgerechte Anstellen, "fire&hire", wird hier noch als Unsitte, Entlassung als Makel, eingestuft. Überall gibt es eine jedoch eine zunehmende Zahl an Contractors (moderne Freelancer). Auch im Fraunhofer Institut geht man von modulareren, virtuelleren Arbeitsmärkten aus. Sogar in der Musik ist das gängig: "Gigs" bedeuten heute bspw. Drum-Loops aus Asien, Guitar aus England, Mastering in USA und Verkauf in Schweiz.
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    • giulianolenz 22.11.2016 10:39
      Highlight ""fire&hire", wird hier noch als Unsitte, Entlassung als Makel, eingestuft" - das gilt nur für diejenigen, die eine Festanstellung wollen. Es gilt nicht für die Personen, die nur temporär arbeiten wollen. Die virtuellen Arbeitsmärkte geben in erster Linien diesen Menschen eine Chance.
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  • malu 64 22.11.2016 01:58
    Highlight Ein paar dieser Pseudo Selbständigen sind eh
    schon Sozialbezüger, die sich so etwas dazu verdienen. Ihre AHV wird in der Schweiz nirgends hinreichen. Mit Uber sparen wir im Moment ein paar Franken, aber schlussendlich werden alle bezahlen, für die Ergänzungs
    Leistungen. Via Secura gibt so viel auf die
    Sicherheit im Strasenverkehr, Über Fahrer haben keine Fartenschreiber , sie können 24 Stunden und 7 Tage die Woche fahren. Ob
    die Insassen versichert sind, wird sich bei einem Unfall zeigen. Der einzige der verdient ist Uber. Das ist moderne Sklavenarbeit!
    7 4 Melden
    • giulianolenz 22.11.2016 10:46
      Highlight Es geht genau darum diese Punkte wie Versicherung und "pseudo Selbstständigkeit" aus der Grauzone zu holen und einheitlich zu regeln, damit eben niemand 24/7 arbeitet. Sklavenarbeit wird dadurch definiert, dass die Person nicht bezahlt wird, zu arbeit gezwungen wird und dem Sklavenhalter gehört. UBER Fahrer entscheiden selbst zu fahren, werden bezahlt und UBER hat keine Entscheidungsgewalt über sie.
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  • Kstyle 22.11.2016 00:15
    Highlight Nie im leben Herr Löpfe traue keiner statistik die du nicht selbst gefælscht hast. Vieleicht ist das bei euch journalisten so. Es kommt darauf an was du alles als freelancer bezeichnest.
    Ist Blocher ein freelancer?
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  • pun 21.11.2016 15:48
    Highlight 25%? Die hohe Zahl überrascht mich. Glaube nicht, dass dafür die Apps so zentral sind, sondern eher graubereichige Geschäftspraktiken, indem man seine Arbeitnehmenden einfach zu Selbstständigen erklärt. Super für den Arbeitgeber. Keine Kündigungsfristen, keine oder weniger Sozialleistungen.
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    • Philipp Löpfe 21.11.2016 16:13
      Highlight McKinsey und Deloitte kommen beide unabhängig voneinander zu dieser Zahl.
      6 4 Melden
    • Charlie Brown 21.11.2016 16:47
      Highlight @Philipp Löpfe: Ich habe eine Quelle gefunden, die von 1.2 Mio Freiberuflern spricht, jedoch in Deutschland. Das finde ich bei weitem plausibler.

      Bei gigme redet man übrigens davon, dass sich 1.2 Mio Menschen in der Schweiz als Freelancer "etwas dazu verdienen", was nochmal eine andere Aussage ist.
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    • Griffin 21.11.2016 16:53
      Highlight pun zweifelt ja nicht primar die Zahl an, sondern ist darüber überrascht. Ich kenne diese Praktiken mit dem 'Outsourcen' hauptsächlich aus dem Baubereich, indem man beispielsweise Baggerführer nicht mehr fest anstellt, sondern einen 'freischaffenden' Baggerführer hat, den man immer anrufen kann, falls es Arbeit gibt.

      Diese 25% müssen aber bedeuten, dass diese zwielichtigen Praktiken sich auch auf andere Sektoren übertragen haben müssen.
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    • pun 21.11.2016 18:30
      Highlight Danke Griffin, genau das meinte ich. Kenne die Praktik noch aus dem -passend zum Artikelthema - Bereich Bühnenbau/Stagehand/Eventhand.

      Mein Kommentar bezog sich darauf, dass allerhand zwielichtige Geschäfte existieren müssen, damit diese Zahl stimmen könnte.
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  • Charlie Brown 21.11.2016 14:36
    Highlight 1.2 Mio arbeiten als Feelancer? Woher stammt diese Zahl? Ich arbeite in einem Business, in welchem ich viel mit Freelaancern zu tun habe. Aber selbst in meinem Umfeld sind es weit weniger als 25%. Mich dünkt das zu hoch gegriffen, kann das sein?
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  • Madison Pierce 21.11.2016 13:40
    Highlight Ich kann jedem, der sich überlegt, freiberuflich tätig zu sein, nur raten, eine Firma zu gründen. Das ist mit Hilfe eines Treuhänders weder kompliziert noch besonders teuer. Dafür hat man viele Vorteile: Man wirkt auf dem Markt seriöser, ist anständig versichert (Krankentaggeld!) und kann erst noch Steuern sparen. Zudem haftet man nicht mit seinem Privatvermögen, sondern nur mit dem Firmenkapital.
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    • peeti 21.11.2016 14:36
      Highlight Stimmt. Aber dafür ist der Aufbau eines Kundenstamms umso schwieriger. Hier haben Plattformen wie gigme.ch wohl einen (Start-) Vorteil, da sie Nachfrager und Anbieter zusammenbringen.
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    • giulianolenz 28.11.2016 15:57
      Highlight Grundsätzlich eine gute Idee. Zur wahren Seriosität trägt nur die AG bei. Die Menschen, die keine Auslastung von 100% anstreben oder gar nur wenige Stunden pro Woche arbeiten können haben zum einen selten das nötige Kapital zum Grünen einer AG, noch den Bedarf alle Erklärungen zu machen oder einen Treuhänder hinzuzuziehen. Gleichzeitig gibt es weitaus weniger Geschäfte, bei denen eine AG aus Haftungsgründen Sinn macht, als allgemein angenommen.
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